USA 2019. Regie: Panos Cosmatos. Darsteller: Nicolas Cage, Andrea Riseborough, Linus Roache, Bill Duke, Richard Brake, Ned Dennehy, Olwen Fouere u.a.

Story: Holzfäller Red und Fantasy-Malerin Mandy leben so glücklich wie bescheiden in einer Waldhütte – bis die Jünger des selbsternannten „Messias“ Jeremiah Sand auftauchen, um die Frau für ihren Meister zu gewinnen. Mit Drogen, Gewalt und ein paar schwarz gekleideten Ekelgestalten, den „Black Skulls“. Dass sie Red dabei nicht töten, soll sich schnell als ein Fehler herausstellen, denn die Nacht färbt sich nun blutrot.

Kritik: Manche Filme sind fast unmöglich zu besprechen, weil sie die Sehgewohnheiten provozieren – wenn unendlich Triviales in hoher Kunstform dargeboten wird oder wenn die Kunst sich bewusst in die Niederungen des Trashs begibt, um sich beim Plebs zu suhlen. Dann verschwimmen die Grenzen von Absicht und Inkompetenz, von niederen Trieben und höheren Weihen. Kann man das Billige, das Banale, durch fiebrige Begeisterung veredeln oder prostituiert sich die Kunst Kino, wenn sie mit den Schmuddelkindern des Exploitationgenres spielt? Es gibt darauf keine richtige oder falsche Antwort – genau so wenig wie auf die Frage, ob „Mandy“ ein Triumph oder elendes Gewichse jener Generation von Filmemachern ist, deren cineastische Sozialisation auf Raimi, Hennenlotter, Jackson und Ferrara zurück geht.

Ich kann an dieser Stelle nur ein paar Anmerkungen machen, ein paar Auffälligkeiten herausstreichen.

Im Kern ist „Mandy“ eine gänzlich unspektakuläre, tausendfach gesehene Rachegeschichte aus den unteren Schubladen des 70er-Sleaze: Die Frau des Helden wird entführt, missbraucht, ermordet – der Held greift zur Waffe, bis alle Bösewichte im eigenen Blut liegen und er in den Sonnenuntergang fährt.

Inhaltlich wird diese Geschichte straight erzählt, ohne Überraschungen, ohne einen Twist im Dritten Akt, ohne Zeitsprünge oder Perspektivenwechsel. It is what it is.

Visuell und aural allerdings zieht Panos Cosmatos alle Register. Er ersäuft sein Zelluloid in körnigen, analog wirkenden Filtern, schlägt ihm dröhnende Gitarren um die Ohren, schneidet, wiederholt, ersetzt, verlangsamt den Fluss der Bilder. Zäh wie Blut, das an einer grobporigen Steinwand herab kriecht, schleppt sich „Mandy“ von Szene zu Szene – ein Film für das Dahimdämmern, das Dösen, das mühsame Erwachen aus dem Drogenrausch. Noch Traum oder schon Wirklichkeit? Wo bin ich?

Das ist nicht immer so erfolgreich und trippy, wie man sich wünschen würde, weil Cosmatos eben ALLES in dem Stil erzählt, statt ihn erzählerisch nur dort anzuwenden, wo er Sinn machen würde. Der düstere und in satte Farbe getränkte Teil ist Illusion, Desillusion, Verwirrung und Vision – sowohl durch Drogen als auch durch religiösen Wahn. Da gehört er hin, aber Cosmatos überzieht die gesamte, etwas zu gestreckte Laufzeit mit diesen Gimmicks.

Trotzdem lässt sich nicht bestreiten, dass „Mandy“ nie langweilig wird, denn selten konnte man so sehr im Brustton der Überzeugung sagen: mit Nicolas Cage als Nicolas Cage. Der Mann bringt sich ein, bildet in einer mythologisch überhöhten Aufrichtigkeit den perfekten Gegenpol zum unfassbar schmierigen Messias, an dem Linus Roache sichtlich seine Freude hat (Vorsicht, Pimmel-Sichtung!).

Besondere Freude dürften altgewordene Metal-Fans an „Mandy“ haben, denn visuell ist Cosmatos augenscheinlich inspiriert von steroidgeschwängerten Plattencovern der 80er mit ihrer Fantasy-Gewalt, den leicht gekleideten Mädels und den übergroßen Monstern.

Kurzum: Ein Film, den man gesehen haben muss – aber nicht, weil er so gut ist.

Der lief in Cannes. DER LIEF IN CANNES! Ich hätte zu gerne mal Mäuschen gespielt, um die Gesichter der versammelten Kino-High Society zu sehen. Das ist sicher eine ganz andere Erfahrung als Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“.

Fazit: Rüder Horror-Pulp, als trippige Höllenfahrt im Stil von Heavy Metal-Albumcovern inszeniert. Ein Quantenfilm – erwartet man ihn gut, wird er schlecht. Erwartet man ihn schlecht, wird er phänomenal. Kunsttrash oder Trashkunst, das liegt hier gänzlich im Auge des Betrachter. Deshalb auch 6 oder 9 Punkte – get it?

Edgar das Ekel-Emoji meint:

Philipps zweite Meinung:

„Hat mich leider lange überhaupt nicht abgeholt – erst mit dem Lachanfall wurde es etwas besser. Banal und sehr besoffen an seinen Bildern.“



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Christian Siegel

Cosmatos Vorgänger (und Erstling) „Beyond the Black Rainbow“ lief vor ein paar Jahren beim /slash, scheint aber nie beim FFF angekommen zu sein (zumindest ergibt die Suche in deinem Blog nichts). War thematisch im SF-Genre verortet, ansonsten scheint mir mein damaliges Urteil zu ihm aber mit deinem zu „Mandy“ durchaus kompatibel zu sein, nämlich: Optisch imposant, aber inhaltlich dünn, und erzählerisch behäbig. BTBB lebte in erster Linie von der alptraumhaften Atmosphäre, in die man entweder reinkippt, oder nicht. Klingt so, als wäre es bei „Mandy“ ähnlich.

Magineer
Magineer

Der lief in Cannes. DER LIEF IN CANNES! Ich hätte zu gerne mal Mäuschen gespielt, um die Gesichter der versammelten Kino-High Society zu sehen. Das ist sicher eine ganz andere Erfahrung als Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“.

Cannes ist nicht gleich Cannes, und Kino-High Society gibt es außerhalb der Red Carpet-Events wahrscheinlich eher in den Berichten des Feuilletons. Ich hab MANDY in Cannes mit einem durchaus „normalen“ Publikum gesehen 🙂 Der Film lief, wie übrigens auch Gaspar Noés CLIMAX, in der Quinzaine, also der Director’s Fortnight. Das ist quasi eine Parallelveranstaltung, die schon vom Grundkonzept durchaus zum jungen, wilden Film tendiert und entsprechende Filme von schlecht (BUSHWICK im vergangenen Jahr) über okay (Mickles‘ Remake von WE ARE WHAT WE ARE) bis herausragend (die ersten beiden Jeremy-Saulnier-Filme, also BLUE RUIN und GREEN ROOM) durchaus konsistent würdigt. Ich kann mich noch an die 1999er Fortnight erinnern (oh mann, sind das schon fast 20 Jahre?), als BLAIR WITCH PROJECT dort auf die unvorbereitete Menge losgelassen wurde. Trotzdem eine sehr lebhafte Vorstellung. Direkt nebenan im Kino gabs dann 2007 INSIDE in der Semaine de la Critic – und auch das haben alle überlebt. 🙂 Cannes ist (gottseidank?) nicht nur Donnersmarck, und das Publikum inzwischen wohl auch dementsprechend abgehärtet. 😉

Daniel
Daniel

Hören se ma, was soll denn das jetzt heißen. Soll ich den jetzt gucken, oder wo? Sahren se mal – … Spaß beiseite. Klingt gut (bzw. schlecht). Den guck ich.

Thies
Thies

Der Film ist mit Sicherheit ein Trip auf den man sich einlassen muss um ihm etwas abzugewinnen. ich konnte in meiner Reihe neben mir öfters ungeduldiges Stöhnen wahrnehmen. Aber nach dem sehr geduldigen Aufbau entwickelt der Film einen hypnotischen Sog der bis zum Schluss anhält. Das ist selten wirklich spannend, denn dazu fallen die Konfrontationen mit den Sektenmitgliedern zu ungleich aus. Ich hätte auch nichts dagegen gehabt, etwas mehr über diese Motorradgang zu erfahren, die wie direkt aus einem anderen Film importiert aussah, aber darum ging es dem Regisseur offenbar nicht. Bei allen Abstrichen ein sehenswerter Höllentrip in dem Cage endlich mal wieder richtig aufdrehen darf.

Matts
Matts

„In the film Nicolas Cage acts.“

… Um mal die Jungs von „Half in the Bag“ zu zitieren. Ich glaube wirklich, keiner außer ihm hätte die Rolle so spielen können. Mir hat´s gefallen! Wegen solchen Filmen geht man auf das Festival – sogar in Cannes, anscheinend.
Ich muss auch hervorheben, dass – zumindest für meinen Geschmack – das Pacing ziemlich gut war: Immer wenn eine Sequenz langsam anstrengend wurde, kam auch schon die nächste. Insgesamt durchaus ein gelungener Festival-Auftakt.