Die Geschichte muss jetzt noch raus…

Seit 29 Jahren bin ich beim FFF dabei, die Organisation und die Abläufe habe ich drauf. Ich weiß, was ich mitnehmen muss, worauf ich vorbereitet sein muss, wie ich die Tücken eines solchen Mammutfestivals meide. Ich kenne mich aus.

Vielleicht ist es gerade das, was mich so bös hat in die Scheiße treten lassen.

Die Dauerkarte für das FFF 2018 habe ich schon im Frühjahr gekauft und dazu gleich das Hotel gebucht. So sichert man sich den Sitz und ein günstiges Zimmer. Fahrt und Freunde vor Ort kann man auch später noch ordnen.

Das Zimmer hatte ich unverbindlich reserviert, weil ja zwischen Frühjahr und Spätsommer immer was dazwischen kommen kann. Da ich ahnte, dass ich nicht vor 18.00 Uhr in Berlin sein würde, rief ich zwei Tage vor dem Festival im Hotel an und buchte verbindlich über meine Kreditkarte. Sicher ist sicher.

Und so fahre ich recht entspannt am 5.9. von Baden-Baden nach Berlin – mit genau geplantem Puffer, um vor dem ersten Film ins Hotel einzuchecken. Die Audiothek spielt mit ein paar spannende Radio-Features in die Ohren und mit ausreichend Essen bin ich gut gelaunt und angemessen gespannt auf die Festival-Eröffnung.

Die Rushhour im Großraum Berlin schrumpft meine Puffer auf 0, aber es läuft trotzdem zufriedenstellend. Ich finde einen kostenfreien Parkplatz für den Wagen und rollere meinen Trolley gen Motel One am Leipziger Platz.

Kurz vor 19.00 Uhr stehe ich an der Rezeption. Die Dame sieht im Computer nach und machte große Augen: „Herr DEWI? Ich habe den ganzen Tag versucht, Sie zu erreichen! Sie hatten Ihr Zimmer ja nicht verbindlich gebucht und ab 18.00 Uhr verfällt das eigentlich.“

Ich bleibe betont entspannt: „Das ist mir klar – darum HABE ich ja auch verbindlich gebucht. Und zwar schon vorgestern. Eine junge Dame hat meine Kreditkarten-Info entgegen genommen. Bevor wir das prüfen, versichern Sie mir jetzt aber erstmal, dass Sie mein Zimmer noch nicht vergeben haben.“

Sie versucht die Sache nicht eskalieren zu lassen: „Nein, Sie haben ja für ganze neun Tage gebucht, da machen wir das nicht so leichtfertig. Aber Sie sind definitiv nicht verbindlich gebucht.“

Ich versichere ihr noch zweimal – ich bin. Beim dritten Versuch findet sie im Computer meine Daten. Die Kollegin hatte wohl nur einen Marker nicht auf „gebucht“ gesetzt. Kann passieren. Sollte nicht, kann aber. Ich bekomme mein Zimmer.

Nun muss ich mich ein wenig eilen, um zum Eröffnungsfilm „Mandy“ rechtzeitig im Kino zu sein. Ich schmeiße mein Gepäck ins Zimmer, packe Wasser und einen Apfel in meine Männertasche und mache mich auf den Weg.

Es ist wie immer: Vor dem Saal steht ein Rosebud-Mitarbeiter und verteilt die Dauerkarten an die Festival-Veteranen. Die anderen Besucher sind schon drin, ich höre Trailer. „Torsten Dewi, Dauerkarte“, sage ich knapp.

Kein Torsten Dewi. Keine Dauerkarte. Auch kein Eintrag auf der Liste mit den Namen der Dauerkarten-Bestseller. Wie im Hotel bleibe ich entspannt: „Das ist aber jetzt ein saudummer Fehler, ich muss ja in den Saal. Wie klären wir das?“

Der Rosebuddy meint, ich solle einfach in den Film gehen und das dann hinterher mit dem Veranstalter Rainer Stefan klären. Den kenn ich, das kann ich.

Der Saal ist voll, ich muss allen Ernstes auf der Treppe sitzen. Da ist seitens der Rosebuddies hinterher aber eine ordentliche Entschuldigung fällig. Einfach so meine Kohle einsacken, aber die zugehörige Dauerkarte verschlampen. Als würde ICH sowas vergessen wie der letzte Festival-Noob…

Und dann werde ich nervös. Weil ich zwar ein hochnäsiger Sack bin, aber auch ein berüchtigter Schlamper. Bin ich denn wirklich SICHER, die Dauerkarte gekauft zu haben? Natürlich bin ich sicher. Eigentlich. Irgendwie schon. Unauffällig hole ich mein Handy raus und versuche, in meinen Unterlagen die schriftliche Bestätigung für meine Bestellung zu finden. Ich finde aber nur die Bestätigung für die Filmfest Nights, die ich im April in Stuttgart besucht habe.

Ein ganz, ganz böser Verdacht kriecht in mir hoch. Habe ich wegen der Dauerkarte des Festivals in Stuttgart vielleicht nur GEDACHT, ich hätte die Dauerkarte für Berlin bestellt? Zumindest kann ich im dunklen Saal auf meinem Handy keinen „paper trail“ nachweisen. Mir bricht der kalte Schweiß aus.

Als der Film rum ist und ich draußen den Veranstalter treffe, habe ich schon Kreide gefressen und gestehe kleinlaut, dass zumindest die MÖGLICHKEIT bestünde, dass ich schlicht vergessen habe, die Dauerkarte zu ordern. Ich bin so erschüttert wie ratlos. Muss ich jetzt versuchen, Einzelkarten für alle verfügbaren Vorstellungen zu kaufen – was über 550 Euro kosten würde?

Ich habe den Veranstalter Rainer Stefan in der Vergangenheit nicht immer respektvoll behandelt oder beschrieben, aber nun sagt er zwei Sätze, die mich beeindrucken:

„Torsten Dewi – bist du dieser Wortvogel? Deine Reviews lesen wir ganz gerne.“

„Wir sind keine Behörde – wir werden das Problem schon irgendwie lösen.“

Ich gehe also ETWAS entspannter ins Hotel, um am Rechner noch mal die Emails zu durchforsten. Es bestätigt sich – ich habe vergessen, die Dauerkarte zu kaufen. Was für eine bodenlose Scheiße. Das kann ich niemandem außer mir selbst in die Schuhe schieben.

Rechtzeitig zum zweiten Film bin ich wieder am Kino. Rainer Stefan winkt mich zu sich, verweist auf einen seiner Mitarbeiter: „Der Artur kümmert sich drum. Bis dahin sagen wir dem Einlass, dass man dich ohne Karte reinlassen darf.“

Ich bin baff. Der Veranstalter hätte jedes Recht gehabt, auf „Pech gehabt“ zu pochen – und jeden Grund, mich hämisch vor die Wand laufen zu lassen. Man bekommt ja eher selten die Chance, sich an einem langjährigen Kritiker zu rächen.

Einen Tag später bekomme ich eine Mail von Artur:

„Hallo Torsten,

ich konnte alles intern klären und hier unser Lösungsvorschlag: Überweise einfach wie immer den DK-Betrag, als wäre nichts und du bekommst dann eine Bestätigung von Andreas aus München. An mich schickst du aber, sobald du deine Überweisung getätigt hast, eine Bestätigung von der Bank. 
Ich versuche von unserer Druckerei einen Ausweis für dich zu besorgen. Dafür brauche ich aber noch ein Bild von dir – gerne sofort 😉

In die Filme lassen wir dich jetzt einfach rein ohne die Karte. Du musst dich einfach bei mir oder Dominik melden.

Klingt gut? Schöne Grüße, Artur“ 

Die meinen das ernst! Ich antworte knapp mit „Ihr seid HELDEN!“, schicke ein Bild und machen einen Screenshot von der Überweisung. Kaum fassbar, dass mal was so läuft, wie es laufen sollte, aber zu selten läuft. Smooth nämlich.

Nun läuft es besser. Der Einlass am Kino erkennt mich mittlerweile und ich komme rein, ohne jedes Mal aufs Neue erklären zu müssen, dass ich mitnichten ein Einschleicher bin, sondern meine Karte „in Produktion“ ist.

Zweite Tage später:

Wo ein Schreiben des Veranstalters gereicht hätte, haben die echt noch mal die Maschinen anlaufen lassen, um eine Zusatz-Dauerkarte zu drucken. Das Festival ist gerettet – und T-Shirt samt FFF-Tasche bekomme ich auch noch. Fein.

Macht das die Filme auf dem FFF 2018 besser? Nein. Macht es mich milder, was mein Urteil angeht? Hell no! Aber es gibt mir einen Grund, auch mal danke zu sagen.

Danke, Artur. Danke, Rainer. Danke, Rosebud.



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Heino
Heino

Das ist mal ebenso erstaunlich wie erfreulich. Nach dem bisherigen Verhalten von Rosebud gegenüber den Kunden hätte ich das nicht erwartet

Goran
Goran

Schön, dass man deinen Einsatz und Treue zum Festival anerkennt und das so geregelt hat.

Super großzügig von den Organisatoren.

Matts
Matts

Na dann: Ende gut, Alles gut. Und wieder einmal: Vielen Dank für den ausführlichen Bericht zum diesjährigen Festival! Was das Format betrifft, bin ich mit der 10-Punkte-Skala weiterhin d´accord – und Edgar das Ekel-Emoji ist eine nette Ergänzung.
Heute geht´s dann in Nürnberg los, und ich bin schon sehr heiss auf die Filme. Allerdings bin ich auch immer noch ziemlich sauer, dass hier nur das halbe Festival gezeigt wird. Das werd ich denen auch sagen…

Torsten
Torsten

Coole Sache.

Something completely different, aber immer noch FFF: Das FFF 1992 in HH war wohl vor Deiner Zeit, oder? Du kennst nicht zufällig einen von Kamptz und dessen Filme? Der Typ tut einem irgendwo leid, aber die ganze Angelegenheit ist recht befremdlich.

Mencken
Mencken

1992 war ich in Hamburg dabei, kann mich aber leider nicht an ihn oder seine Filme erinnern. War damals aber nicht ungewöhnlich, dass spontan noch irgendwelche obskuren Sachen gezeigt wurden(oder gute Filme einfach nochmals nach der Spätvorstellung). Als Beleg für irgendeine Relevanz jedenfalls kaum tauglich, habe da Sachen gesehen, die nicht mal „deutscher Amateur-Solatter“ Niveau hatten.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Vielen Dank noch einmal für die Reviews! Kommt eigentlich noch eins zu „Anna and the Apocalypse“?