Ich betrachte mich als recht souverän. Ich lasse mich nicht so schnell aus dem Takt bringen, besonders in echten Krisensituationen. Kühlen Kopf bewahren, auch wenn die Gemüter erhitzt sind, das ist meine Devise. Klappt manchmal besser, manchmal schlechter.

Es gibt aber auch absonderlich banale Dinge, die mich triggern, also unangemessen aufregen. Dazu gehören T-Shirts mit frechen, schlauen oder inspirierenden Sprüchen. Es macht mich rasend, wenn Leute ihre vermeintliche Lebenseinstellung auf Baumwolle gedruckt in der Gegend spazieren tragen – ganz besonders, wenn die Sprüche keiner auch nur rudimentären Prüfung standhalten.

Eben wieder. Flughafen Ibiza. Ich bin knackbraun, gut erholt und ebenso gelaunt. Ich freue mich auf den Rückflug, auf unsere Katzen, auf das eigene Bett. Und dann sehe ich sie, bzw. ihr Shirt. Stolz und angesichts der Körperfülle breit trägt sie ihr Mantra:

A real woman can be anything she wants to be

Ich lese das nur im Vorbeigehen, sollte es eigentlich sofort wieder vergessen haben. Aber es setzt sich fest wie der Facehugger bei Alien, bohrt sich in meinen Schädel und legt dort seine Eier. In Nullkommanichts drehen sich alle meine Gedanken um das T-Shirt und ich zerlege den Satz mental in seine Einzelteile.

A real woman…

Was ist das – eine „real“ woman? Gibt es eine „unreal“ woman? Oder wäre das eine „fake“ woman? Wer entscheidet das? Woran entscheidet sich das? Oder ist das schon Teil der Aussage – eine „echte“ Frau ist die, die alles sein kann, was sie sein will? Andererseits: warum kann nur eine „echte“ Frau das? Ist das eine gelernte Eigenschaft, ein Charakterzug, ein körperliches Merkmal? Musste die Trägerin des Shirts vor dem Kauf belegen, dass sie eine „echte“ Frau ist? Könnten sich angesichts der „echten“ Frauen nicht auch LGBTQ+-Kreise vor den Kopf gestoßen fühlen? Können „echte“ Männer nicht sein, was sie sein wollen?

Vor allem aber – jeder Mann, der einen klugen Spruch auf dem T-Shirt mit „Echte Männer…“ einleiten würde, käme nicht unbespuckt durch die deutschen Innenstädte. Man würde ihm dumpfste Rollenklischees unterstellen. „Echte Frauen…“ hingegen – das ist wohl irgendwie empowering.

Mannometer, soviele Gedanken – und das nur über die ersten drei Worte! Wo soll das hinführen? Durchatmen, abkühlen, Fäuste wieder lockern. Soll die blöde Kuh sich doch für eine „echte Frau“ halten (ja, ich verschublade sie in diesem Moment schon als blöde Kuh, ich kann nicht anders). Ich denke darüber nach, ein vergleichbares Modelabel mit „A real blogger…“ und völligen Nonsens-Erkenntnissen zu starten.

A real blogger can drink a sausage

Das wäre allerdings gefährlich, denn würde ich jemals mit einem solchen Nonsens-Shirt konfrontiert, würde mir vermutlich der Kopf platzen beim Versuch der Dechiffrierung.

Egal, die „echte Frau“ will ja noch mehr als sich einer mythischen, glorreichen Gruppe innerhalb ihres Geschlechts zuzuordnen. Sie IST ja nicht nur, sie KANN auch.

… can be anything she wants to be

Sie ist längst an mir vorbei, steht drei Reihen weiter an der Sicherheitsschleuse – und ich möchte zu ihr laufen, sie ansprechen, außer Atem und unangemessen aufgebracht: Was soll das bedeuten? Können echte Frauen tatsächlich die Realität ihren Vorstellungen anpassen, können Sie das Universum ihrem Willen beugen? Sind SIE vielleicht der Nietzsche‘ Übermensch?

Kann eine echte Frau eine Konzertpianistin sein, nur weil sie es sein will?
Kann eine echte Frau nüchtern sein, wenn sie betrunken ist, nur weil sie es sein will?
Kann eine echte Frau die 100 Meter sieben Sekunden laufen, nur weil sie es will?
Kann eine echte Frau jünger, schlanker, größer oder schlauer sein, nur weil sie es will?
Kann eine echte Frau krebsfrei sein, nur weil sie es will?

Und WENN das so ist – warum ist es eine originäre Eigenschaft „echter“ Frauen? Was fehlt den „unechten“ Frauen, um zu können, was immer sie wollen? Den Männern? Ein Gen? Oder nur der schiere Wille?

Natürlich können Frauen das alles NICHT. Das weiß ich ja. Und würde ich sie fragen und würde sie mir antworten – vermutlich fände sie mich albern und unangemessen sarkastisch obendrein. Was soll die dumme Frage? Es geht hier schließlich um eine Lebenseinstellung, um den Mut zur Veränderung, um die Entschlossenheit, das eigene Leben selber zu gestalten. We can do it! Sex and the City! Susanne Fröhlich!

Aber nein, sie irrt. Das steht eben NICHT auf ihrem Shirt. Da steht nicht „Frauen können viel, wenn sie sich nur trauen“. Das wäre ja unbestreitbar richtig. Aber da steht irgendein Dummfug von „wahren“ oder „echten“ Frauen, die angeblich ALLES können, wenn sie nur wollen. Und das hält ja nun wahrlich keiner logischen Prüfung stand. Schlimmer noch: Zumindest in meinen Augen sind Frauen, die Shirts mit so klugen Sprüchen tragen, furchtbar doof. Ich kann sie augenblicklich nicht mehr ernst nehmen. Wäre ich noch Single und eine Frau würde zum Date mit einem solchen Shirt auftauchen – das Date würde nicht mal die Vorspeise erleben.

Nun denkt ihr sicher: Boah, der Dewi verschwendet wieder tonnenweise Zeit an total irrelevanten Quatsch. Das stimmt nicht. Die gesamten oben berichteten Gedanken habe ich mir in vier, vielleicht fünf Sekunden gemacht. Gesehen, für Quatsch befunden, abgehakt. Es bleibt nur weiter hängen, weil plötzlich einen sportlichen Ehrgeiz entwickle, weitere Denkfehler in dem Spruch zu finden.

Meine Frau stößt mich an: „Wo bist du denn im Kopf schon wieder?“. Ganz woanders. Körperlich stehe ich allerdings vor der Sicherheitsschleuse und muss meine Habseligkeiten in die Plastikwannen sortieren. Zwei Notebooks, zwei Tablets, Smartphone, Gürtel, Kopfhörer, Kleingeld, allein vier USB-Sticks aus der Hosentasche. Es lenkt mich ab.

Ich mühe mich redlich und leidlich erfolgreich, die Frau und ihren blöden Spruch aus meinen Gedanken zu zwängen. Wo ist unser Gate? Wo kriege ich hier noch eine Cola? In diesem Moment drängelt ER sich an mir vorbei. Schuhe von Gucci, das Gepäck von YSL – und ein T-Shirt mit der Rückenaufschrift „God has no name“ und vorne drauf „Every Saint has a past and every Sinner has a future“.

Must. Control. Fist. Of. Death.



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dermax
dermax

Ja mei, derselbe Schwachsinn wie die „wir sind früher ohne Helm geradelt und leben noch“-Sprüche, also wers ned schafft ist selber schuld. Diese Menschen denken ned so weit.

Martzell

Unvergessen: „Du Scheiße von Arsch“. Was das junge Emopärchen beim Japantag Cosplay Düsseldorf auf ihren Partnershirts getragen haben verstehe ich nicht. Er: „YOU SUCK“, sie: „I ALSO SWALLOW“. I suck / I also swallow fände ich logischer als Partnershirts.

Stefan
Stefan

Also, ich sag mal so: Für alle, die schon mal Fellatio genossen oder auch ausgeführt haben, ist die Version des Emopärchens logischer. Sie lutscht und sie schluckt auch.

(Bevor jetzt wieder Kritik kommt: Ich hab den Blowjob nicht thematisiert, das war Martzell. Ich bin wie immer völlig unschuldig.)

Stefan
Stefan

Übrigens Wortvogel, wenn du einen richtigen Overload an solchen hirnbefreiten Sprüchen willst, musst du auf die Seite vom NewYorker gehen, und dort auf die FBSister-Collection. https://www.newyorker.de/fashion/fbs/

Ein paar Kostproben? Gerne.

„What I breathe … Dirt
What I see … Dust
What I say … Non-sense

But what I feel is powerful“

„My hair. More colorful than ur life.
My eyez. More powerful than ur voice.
My words. Stronger than u.“

„A girl. Lost in a world…

…full of wonderful freaks
and ordinary people.“

gerrit
gerrit

Viele, die so was tragen, können schlicht kein Englisch. Find ich auch bei Nonsense aber nicht soo schlimm wie Camp David oder andere Kleidung mit Anspielung auf Segeln. Ausnahme: Segler.

Stefan

Ein „echter“ Mann trägt so ein Shirt nicht. Der trägt „Bier formte diesen Bauch“ und bekommt von seinen Kumpels dafür ein High5.

BakteriusFloh
BakteriusFloh

Ich hätte gern die Artikelüberschrift als T-Shirt. Erstes Produkt für den neuen Wortvogel Merchandise Shop bitte.

Comicfreak
Comicfreak

Ich konnte das machen

Comicfreak
Comicfreak

Hallo?

Was glaubst du, wie viele Männershirts ich im Jahr drucke?
______________________

Ein Mann ohne Bauch ist ein Krüppel.

Nur echte Kerle schaffen mein Leben.

Nur ein richtiger Löwe reisst jede Gazelle.

Nur Männer können Freunde sein.

Kerle. Kameraden. Kerb.

Nur ein echter Mann befriedigt.
_____________–_____

Jetzt stell dir noch die normale Durchschnittsklientel in den Shirts vor.

Auf meinen Shirts steht übrigens :

Sarcastic? Me? Never!

Kaffee erreicht Stellen, da kommt die Motivation gar nicht hin.

Und für Gartenpartys :
„Meeeeeensch, dich hab ich ja ewig nicht gesehen!“
„Ja, war schön.“

Und

Wer nichts weiß, muss alles glauben.