22
Aug 2018

Kino Kritik: Grease

Themen: Film, TV & Presse |

USA 1978. Regie: Randal Kleiser. Darsteller: John Travolta, Olivia Newton-John, Stockard Channing, Jeff Conaway, Edd Byrnes, Frankie Avalon u.a.

Ich hatte wahrlich nicht vor, eine Kritik zu „Grease“ zu schreiben (der in Deutschland seinerzeit tatsächlich unter dem Titel „Schmiere“ veröffentlicht wurde). Der Film ist mittlerweile 40 Jahre alt, ein Klassiker, steht bei IMDB auf satten 7,2 Punkten. Songs wie „You’re the one that I want“ und „Summer nights“ sind unverwüstliches Americana. Dem gibt es eigentlich nichts hinzu zu fügen.

Gibt es dem nichts hinzu zu fügen?

Ich habe „Grease“ gestern Abend das erste Mal gesehen – und meine Fresse, ist der scheiße! Der ist auf so vielen Ebenen unrettbar missglückt, dass ich mich stellenweise fremdschämen musste. Und das sage ich als jemand, der durchaus eine Neigung zu kitschigen Musicals wie „Xanadu“, „Die Mädchen von Rochefort“ und besonders „Hairspray“ hat – der vieles ähnlich, aber wirklich alles besser macht als „Grease“.

Fangen wir mal mit den Offensichtlichkeiten an: alle, wirklich ALLE Darsteller sind auffällig zu alt für die Geschichte, die an einer verdammten Highschool spielt. Die 16jährigen Teenager wurden hier durch die Bank um die 30 gecastet, Stockard Channing ist sogar schon 34. Und es fällt auf. Das hier sind durch und durch Erwachsene, die Teenager spielen – schlecht. Die übertriebenen Manierismen, die in Clownerien überzogenen Sprüche mag man der Musical-Vorlage unterschieben wollen, aber letztlich verhindern sie, dass wir auch nur eine der Figuren ernstnehmen können. Man hätte den Stoff entweder an ein College verlegen oder deutlich jünger besetzen müssen. Der Cast allein ist ein permanenter Rausschmeißer, der es unmöglich macht, an den Film anzudocken.

Die Musik ist… auch nicht wirklich bemerkenswert. Ja klar, die oben genannten Titel sind mittlerweile sowas wie Radio-Dauerläufer, bei denen man die Füße mitwippen lässt, aber darüber hinaus hat „Grease“ erschreckend wenig memorable Tracks zu bieten. Solche Rock’n’Roll-Partymusik kann jeder zweitklassige Komponist im Schlaf schreiben.

Die Inszenierung von Randal Kleiser (dem man noch nie vorwerfen konnte, sich ins Drama zu verbeißen) ist mit lustlos noch freundlich überschrieben. Die Rydell Highschool wird nie ordentlich in Szene gesetzt, den Tanzszenen mangelt es bis auf wenige Ausnahmen an solider Choreographie und in Sachen Schnitt/Rhythmik fallen sogar eigentlich peppige Nummern wie „Greased Lightning“ durch. Das hat keine Kraft, keinen Elan.

Und dann die Story, bzw. die völlige Abwesenheit einer solchen. „Grease“ handelt von nichts. Normalerweise haben solche Musicals einen Event als Zentrum, an dem sich die Liebesgeschichte und die Nebenplots entlang hangeln. „Grease“ lässt das aus. Er besteht nur aus einer mühsam voran stolpernden „Liebesgeschichte“, die wir nicht glauben wollen, und ein paar angerissenen B-Handlungen, die zum Finale einfach abgehakt werden.

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Warum will Kenickie mit seinem Auto an dem Rennen teilnehmen? Warum sind die Teenager erpicht darauf, beim „National Bandstand“ ins Fernsehen zu kommen? Was hängt für Frenchy am Besuch der Kosmetikschule? Warum sind Sandys Eltern von Australien nach Amerika umgezogen? Alles Fragen, die man als Zuschauer stellt, um deren Beantwortung sich der Film allerdings nicht schert.

Ich glaube, dass es mich so wütend macht, weil es möglich gewesen wäre, das besser umzusetzen, denn alle notwendigen Elemente sind vorhanden. Kenickie erfährt, dass Rizzo vielleicht von ihm schwanger ist – er sieht das Rennen als Chance, Geld für eine gemeinsame Zukunft zu verdienen. Frenchy wollte an die Kosmetikschule, um mehr zu werden als ihre Mutter, die auch mit 60 noch als Diner-Kellnerin schuftet – aber sie muss erkennen, dass der Job nicht den Wert eines Menschen ausmacht. Sandy will, dass Danny Verantwortung übernimmt, weil ihr eigener Vater die Familie im Stich gelassen hat. Der Auftritt bei „National Bandstand“ ist der Punkt, an dem alle Handlungsfäden zusammenlaufen – vor allem, als der schleimige Moderator Vince Fontaine sich an der naiven Marty vergreifen will…

Wäre das denn SO schwer gewesen? Nein, wäre es nicht. Dass man diese Ära deutlich authentischer darstellen kann, ohne am Entertainment zu sparen, hatte ja erst ein paar Jahre vorher George Lucas mit „American Graffiti“ bewiesen. Aber „Grease“ will über die Oberfläche hinaus wirklich gar nichts investieren.

Ich weiß, dass Musicals in den 70ern nicht mehr als valides Genre galten. Aber man kann mir nicht erzählen, hier wäre der Zeitgeist Schuld  – sicher, „Sergeant Peppers Lonely Hearts Club Band“ ist ein Debakel ähnliches Ausmaßes aus dem gleichen Jahr, aber das Jahrzehnt hat uns schließlich auch „New York New York“ und die „Rocky Horror Picture Show“ gebracht.

Die wenigen Pluspunkte von "Grease" muss man wirklich mit der Lupe suchen – und ich möchte sie nicht Highlights nennen. Dazu gehört die bezaubernde Olivia Newton-John und das Casting einiger echter 60er-Veteranen wie Avalon und Byrnes.

Darüber hinaus habe ich selten einen Blockbuster gesehen, der so vollständig falsch auf die völlig falschen Darsteller zugeschnitten wurde. Es gibt dafür keine Entschuldigung.

Also, „Grease“ vergessen, „Hairspray“ gucken. Alles andere wäre falsch und eine Fahrkarte in die Hölle. Das hier ist ehrlicher und unterhaltsamer:

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Dr. Acula
22. August, 2018 16:36

Den hab ich auch nie verstanden. Mag als Bühnenstück noch durchgehen, aber als Film…

Marcus
Marcus
22. August, 2018 18:00

Ich hab den Film erst letztes Jahr in einem mysteriösen Kino irgendwo im Ruhrpott (if you know, you know, and if not, I won’t tell you) im Kreise vieler gleichgesinnter Filmfreunde gesehen und mich sehr amüsiert. Deshalb hör ich hier nur mimimi. 🙂

Wortvogel
Wortvogel
22. August, 2018 18:11
Reply to  Marcus

Alter, ich habe den in einem Open Air-Kino in einer malerischen Bucht auf Ibiza gesehen – das reißt ihn auch nicht mehr raus.

plumtree
plumtree
22. August, 2018 20:51

Damals bin ich von meiner Freundin dahin verschleppt worden (mit 15 macht man sowas noch mit ;). Mann, war das gräßlich. Mein Fehler, dass ich das dann auch sehr deutlich verkündet habe. Was natürlich unweigerlich zum Scheitern der Liebelei geführt hat und mir einige Wochen Liebeskummer beschert hat.
Insofern war der Film in jeder Hinsicht nicht so knorke.
Ich fand Miss Newton-John vor ihrer "Verwandlung" übrigens bedeutend hübscher – während ich Travolta seitdem immer als doofen Schmierlappen gesehen habe. Bis "Schnappt Shorty" kam. Da war er toll!

frater mosses von lobdenberg
23. August, 2018 04:35
Reply to  plumtree

Genau wegen seiner Tanzfilmchen war „Du Travolta!“ in „meiner“ Szene bis in die 1980er eine veritable Beleidigung gegen Klischee-Discopublikum (Discofox usw.) … als respektablen Schauspieler habe ich Travolta zuerst in „Pulp Fiction“ wahrgenommen, spät in den 1990ern.

Wortvogel
Wortvogel
23. August, 2018 10:40

Daran ist vieles zumindest fragwürdig – "Saturday Night Live" ist verdientermaßen ein Kultfilm, in dem Travolta auf jeder Ebene überzeugt. "Grease" ist sein einziger wirklicher Totalausfall, auch wenn man "Stayin' Alive" oder z.B. "Zwei vom gleichen Schlag" und "Perfect" durchaus kritisieren kann. Daneben hat der Mann ja auch noch "Blow out" und "Urban Cowboy" gemacht. Boxoffice-Erfolge hatte er auch vor "Pulp Fiction" mit "Guck mal wer da spricht" – nach "Stayin' alive" genau genommen sein zweites Comeback.

plumtree
plumtree
25. August, 2018 16:23
Reply to  Wortvogel

Du hast natürlich völlig recht mit Deiner Einschätzung – aber manchmal steht man sich nach einem schlechten Start auch selbst im Weg.
Inzwischen habe ich durchaus gelernt, dass Travolta ein sehr guter Schauspieler sein kann.
Aber seeeehr lange habe ich Travolta Filme einfach nicht angeschaut – bis zum Shorty Film und ab da war ich dann kuriert und finde, wie die meisten, "Pulp Fiction" fantastisch und auch "Password Swordfish" ziemlich klasse (aber bei "Battlefield Earth" bin ich nicht dabei 😉

Fake
Fake
23. August, 2018 18:20

Ich find das man bei Musicalverfilmungen unterscheiden muss ob man einen Musicalfilm oder einen "richtigen" Film auf Basis eines Musicals hat. Ersteres leidet dann halt unter den Beschränkungen eines Bühnenstücks (neben "Grease" wäre hier z.B. auch "Mamma Mia!" zu nennen), letzteres nimmt dann meist die Thematik des Musicals und macht einen richtigen Film daraus – wie bei "Hairspray" oder "Hair".
Die Kritiken die ich zu dem Thema lese gehen daher auch in diese Richtung: Musicalfans finden die Filme eine interessante Erweiterung – Kinofans sind meist entäuscht.
Das gleiche "Problem" hat man ja auch mit Theaterverfilmungen – entweder lässt man die orginale Dramaturgie, die im Kino schon seit fast 100 Jahren Geschichte ist, oder man baut das Ganze zu einem Film um, der die Stuktur, Szenenaufbau, Gestalltungsmöglichkeiten oder Effekte des Films voll nutzt.

Wortvogel
Wortvogel
23. August, 2018 18:47
Reply to  Fake

Das kann ich so nicht stehen lassen – was hindert einen Musicalfilm daran, ein Film basierend auf einem Musical zu sein? Warum sollte man sich da freiwillig beschränken? Und warum haben z.B. "Mamma Mia!" und die "Rocky Horror Picture Show" das so viel besser gemacht? Ich glaube eher, dass bei "Grease" schon das Musical einen massiven Makel an Story und Charakteren aufweist. Bei der langweiligen Inszenierung und dem zu alten Cast bricht dein Argument dann endgültig zusammen.

Fake
Fake
23. August, 2018 19:49
Reply to  Wortvogel

Ich glaube eher, dass bei „Grease“ schon das Musical einen massiven Makel an Story und Charakteren aufweist.

Das kann kann durchaus sein und soll nicht bestritten sein. 😉

Das kann ich so nicht stehen lassen – was hindert einen Musicalfilm daran, ein Film basierend auf einem Musical zu sein? Warum sollte man sich da freiwillig beschränken?

Das fällt mir schwer zu erklären. Im Prinzip ist es doch so das z.B. bei "Faust" oder "Hamlet" nunmal ein Theaterstück und kein Drehbuch die Vorlage liefert. Nun hat man die Wahl das ganze Möglichst "werktreu" umzusetzen, mit allen uncineastischen Effekten (wenige Sets, alle Personen treffen irgenwie immer am gleichen Ort ein, wenig Realismus) aber mit der ursprünglichen "theatralischen" Wirkung, oder man interpretiert den Stoff neu – dann ist es aber kein Goethe oder Shakespeare mehr.
Das mit dem zu alten Cast kommt aber auch in normalen Filmen häufiger vor: Dank dem "Starsystem" spielt ein 60+ Westernstar dann halt jmd der eigentlich als 30 jähriger gedacht war und selbst Tom Cruise soll sich beschwert haben mit 30 vorallem 19 jährige zu spielen. 😉
Außerdem ist ein Film sowieso immer "künstlich" und dessen Welt soll auch nur selten die echte Welt darstellen oder abbilden – besonders bei Musicals, Oper(etten) oder klassischen Theaterstücken.
Das 25 jährige zur Schule gehen, ein Sohn nur 2 Jahre jünger als sein Vater usw usf ist da halt normal. 😉

Heino
Heino
24. August, 2018 08:46
Reply to  Fake

Theaterstücke basieren auch auf schriftlichen Vorlagen, die Drehbüchern sehr stark ähneln

olaf
olaf
23. August, 2018 21:37

die muzak is noch dat beste am janzen movie. Geheimtipp Cindy Bullens!