Es ist in den letzten Wochen durch die Presse gegangen – nachdem asiatische Länder die deutschen Städte mit Tausenden billiger Leihfahrräder zugestellt haben, gibt es nach dem Konkurs des koreanischen Anbieters oBike ein Problem: Die Fahrräder können nicht mehr ausgeliehen werden, werden auch nicht repariert, und abgeholt und entsorgt schon gar nicht. Man liest die wildesten Dinge: von 10.000 nagelneuen Fahrrädern, die in einem Lagerhaus vor sich hin schimmeln, bis zu regelrechten Zerstörungsorgien wütender Stadtindianer gegen die ungeliebten Asia-Bikes.

Besonders dolle sollen sie ja sowieso nicht gewesen sein:

Wer ist verantwortlich für etwas, das niemandem gehört? Ich habe zu dem Thema neulich schon auf Facebook was gepostet, aber nun lohnt ein ausführlicher Beitrag, denn ich war am Wochenende in München und habe mir die Situation vor Ort angesehen – inklusive kleiner Spritztour mit einem oBike.

Wie man ein Fahrrad bucht, dessen Buchungs-Infrastruktur nicht mehr existiert? Gar nicht. Es stellt sich raus, dass mittlerweile diverse Fahrräder mehr oder weniger halblegal und mitunter energisch „freigeschaltet“ wurden. Die Schlösser stehen dauerhaft auf. Und so fand auch ich meinen „Drahtesel“ vor:

Also drauf und losradeln. Der erste Eindruck ist besser, als ich erwartet hatte: Ja, ohne Gangschaltung und mit Vollgummireifen ist das alles ein wenig schwergängiger als mit komfortablen City-Bikes für 500 Euro (angeblich kosten die oBikes im Großhandel gerade mal 68 Euro das Stück). Aber es geht. Man strampelt, man fährt, man kommt an. Ich habe in meinem Leben schlechtere Fahrräder besessen.

Das oBike hat sogar klare Vorteile: es ist ein Minimal-Fahrrad, an dem mangels Teilen auch weniger kaputt gehen kann. Da klappern keine Schutzbleche und da baumeln keine Kabelstränge. Bei einigen Details war ich sogar beeindruckt: Die Klingel ist als Drehring in den Handgriff eingebaut, der robuste Korb vorne hilft beim Transport der Einkäufe, und der Sattel hat einen Griff, an dem das Rad hochgehoben werden kann.

Nach vier, fünf Kilometern urteile ich: Klar etwas schwergängig, aber für ebenerdige Städte mit kurzen Strecken ein taugliches, robustes City-Bike.

Das Problem: die meisten oBikes sehen so nicht mehr aus wie meins. Sondern eher so – wenn nicht noch schlimmer:

Es scheint, als hätten erschreckend viele Münchner (und vermutlich nicht nur die) ihren Frust an den Rädern ausgelassen, sie in die Isar geworfen oder ins Gebüsch. Es wurde wohl auch gerne drauf rumgetreten. Sachbeschädigung um der Sachbeschädigung willen. Das kommt davon, wenn Eigentum niemandem „gehört“ – eine Lehre zudem für ähnliche Versuche, Besitz zu sozialisieren. Der Mensch neigt leider dazu, nur das zu schützen, was ihm gehört – oder zu respektieren, was einem anderem gehört.

Aber nun haben wir den Salat – oBike ist pleite und viele, viele Räder stehen in den deutschen Großstädten unnütz rum. Bei meiner kleinen Stadttour am Samstag habe ich geschätzt 50 dieser Bikes gesehen, die meisten davon noch gesichert und damit de facto unbrauchbar. Oder kaputt und damit de facto unbrauchbar. Vielleicht drei oder vier befanden sich in fahrbarem und freigeschalteten Zustand.

Ich sag’s mal so banal und klassisch: eine Schande.

Aber was tun?

Meine Idee: Die Stadtverwaltungen lassen die oBikes einsammeln und zentral lagern. Dort bildet man ein paar preiswerte Arbeitskräfte aus, die unter fachkundiger Anleitung nichts anderes machen, als die oBikes freizuschalten und fahrtüchtig zu machen. Nach dem, was ich gehört habe, müssen wohl die Bremsen gerne mal neu justiert werden und das Licht ist auch nicht immer stabil. Was an Teilen fehlt, nimmt man aus anderen, schwerer geschrottenen Rädern – aus zwei oder drei mach eins.

Sind die oBikes dann frei und fahrbereit, werden sie mit deutlich sichtbaren Aufklebern als Privatbesitz gekennzeichnet – und dann an Bedürftige aus allen Schichten verschenkt. Ist mir egal, ob Migrant oder Hartz IV-Familie. Es gibt Zehntausende dieser herrenlosen Räder, da kann man großzügig sein. Und wenn die Stadt klug ist, macht sie die Werkstatt zur Dauereinrichtung, damit die oBikes auch künftig in jeder City eine Anlaufstelle für Reparaturen haben. Schafft Arbeit, spart Ärger.

Das wäre mein Vorschlag.

Nun haben einige Kommentatoren auf Facebook darauf hingewiesen, dass die Instandsetzung der Räder vermutlich teurer wäre als die Räder selbst – das rechnet sich nicht. Ehrlich? Ist mir egal. Es geht hier um Arbeitsplätze, um Müllvermeidung, um städtische Infrastruktur und um Hilfe für die sozial Schwachen. Und die Tatsache, dass die Reparaturen teurer als nötig werden, verdanken wir ja den Arschlöchern, die meinen, Leihfahrräder seien Wegwerf-Transportmittel.

Ich halte mich mit dieser Idee wahrlich nicht für einen Anarchisten oder einen Kommunisten – aber es verzückt mich doch nicht wenig, dass die Stadtguerilla ein paar Tage später mit dieser Webseite meinen Vorschlag adaptiert hat:

Freiheit für alle pedalischen Gefangenen! Venceremos!

Ich halte diesen Ansatz, die oBikes zu „Volkseigentum“ zu machen, allerdings für verfehlt – weil sie dann wieder keinen konkreten Besitzer haben und die baldige Verlotterung absehbar ist. Der Mensch ist, wie er ist.

Oder wie seht ihr das?



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Michael S.
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sven
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Firma oBike ist geschickt und gewissenlos und hat die Räder kurz vorm Ende an einen Zürcher Unternehmer überschrieben:
https://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/stadt/herr-der-schrottbikes/story/29853687

Martzell

Großartige Idee. Wünschenswert dass vernünftige Ideen mal umgesetzt werden. Ich fände es toll wenn in den Großstädten überall Fahrräder, Lastenräder, free floating Carsharing Elektroautos in allen Größen und Formen verfügbar wären die sich jeder einfach nehmen kann. Darf auch gerne kostenfrei sein, der ÖPNV auch, also über Steuern von der Allgemeinheit bezahlt die dafür saubere Luft, mehr Platz und mehr Lebensqualität in den Großstädten gewinnen.

Kann aber alternativ kostendeckend für wenige Cent pro km angeboten werden, solange man es nicht die großen Konzerne mit schlechten Kostenstrukturen machen lässt. Das zeigt Stadtmobil Hannover, die 30 bis 40 % günstiger sind als die Angebote von Volkswagen, BMW, Mercedes in Kooperation mit Sixt etc.

Außerdem sollte es überall Werkstätten bzw. Leihgeräte geben, wo man jederzeit unkompliziert teures Werkzeug nutzen kann, zum Schreinern, Handwerken, Auto reparieren, Elektronik reparieren. Als Treffpunkt zum Austauschen, wo erfahrenere Leute die Spaß daran haben ihr Wissen weitergeben. Beispielsweise wie man einen iPhone Akku wechselt und dass man die Geräte nicht ständig wegwerfen muss nur weil eine Kleinigkeit hinüber ist.

Herausforderung bei „Volkseigentum“ ist tatsächlich der sorgsame und schonende Umgang damit. Datenschutz ist auch schwer zu achten, da bei Leihfahrzeugen protokolliert wird wer, wann, wolang gefahren ist. Das könnte und sollte man anonymisieren.

heino
heino

Hier in Köln lief das bis vor kurzem mit der KVB als einzigem Anbieter ganz gut, aber inzwischen prügeln sich bereits 4 Firmen um den Markt und es sollen wohl noch mehr werden. Da wird es nicht lang dauern, bis es ähnlich wie in München aussieht

hilti
hilti

Nachdem auf die rechtlichen Probleme dabei schon hingewiesen wurde bleibt mir noch ein Link auf due unfassbaren Dimensionen der Sache in China. Fotogallery bei The Atlantics Infocus (so müssen Bilderstrecken sein):

http://www.theatlantic.com/photo/2018/03/bike-share-oversupply-in-china-huge-piles-of-abandoned-and-broken-bicycles/556268/

Es ist einfach eine Schande.

invincible warrior
invincible warrior

Es ist beschämend wie Menschen mit Sachen umgehen, die ihnen nicht gehöen. Aber auch das Model von ofo/obike war sowieso zweifelhaft, weil sie eben diese miesen Billigräder genommen haben.
Hier in Singapur ist zB das Problem, dass es keine ordentlichen Fahrradwege gibt, man also entweder auf dem Gehweg versuchen muss, den Menschen auszuweichen oder auf der Strasse fährt und dann von allem motorisierten geschnitten wird, nichtmal (wie in D) aus Absicht, sondern, weil keiner damit rechnet, dass ein Fahrradfahrer auf der Strasse ist. Singapur hatte der Übermüllung durch die Räder auch per Gesetz verhindert, inzwischen ist es verboten, Fahrräder einfach überall abzustellen, was dafür gesorgt hatte, dass Obike/ofo direkt raus sind aus dem Markt, aber auch freundlicherweise das Guthaben vorher noch fix in eine eigene Währung umgewandelt haben, die man nun noch in anderen Ländern, wo sie noch aktiv sind einsetzen darf.

In Hangzhou dagegen habe ich erleben können, wie es gut funktioniert. Da gibt es für Radfahrer (und Mopeds) einen extra Fahrweg, der breit wie ne normale Strasse ist. Wäre die Luft da nicht so mies, hätte ich gerne mal die Fahrräder ausgeliehen um damit längere Wege zurückgelegt.
Hiltis Link sieht wirklich krass aus, aber als Europäer kann man sich auch schwer die Situation in China vorstellen, wenn man nicht da war. Die Räder sind nunmal supergünstig und deswegen lohnt sich eine Reparatur einfach nicht, deswegen werden die auch weggeschmissen, falls sie kaputt gehen. Das ist ein Umweltproblem, aber hat meiner Erfahrung nach nichts mit den Problemen, die Torsten erwähnte zu tun. In China sind einfach sehr viele Menschen jeden Tag unterwegs, und das überraschend oft auf zwei Rädern und nicht so sehr in Autos. So ist es am Morgen recht schwer ein freies Rad zu bekommen, während der Arbeitszeiten dagegen meist problemlos.
Das ist aber auch das Problem mit den asiatischen Firmen, die haben genau so wenig uns verstanden wie unsere Kultur die asiatische als wir da in den 70er/80ern reindrängten. Inzwischen sind sich zumindest die meisten westlichen Manager bewusst, dass es kulturelle Unterschiede gibt und es wird dran gearbeitet. Hier in Asien gehen aber viele asiatische (besser gesagt chinesische) Firmen davon aus, dass sie einfach ihr bisheriges Model 1:1 rüberbringen können. Das wird sehr teuer für viele Unternehmen, aber durch den riesigen chinesischen Binnenmarkt lassen sich solche Verluste auch gut wegstecken.

Stuckimann
Stuckimann

„und dann an Bedürftige aus allen Schichten verschenkt.“ Also auch an bedürftige Reiche, deren E-Bike gerade beim Tuner ist.

Mencken
Mencken

Ich fürchte, geschenktes Eigentum würde auch nicht sonderlich geachtet werden und das Vandalismusproblem bliebe bestehen. ABM Maßnahmen sind grundsätzlich sicher auch nicht verkehrt, aber bei der Fahrradreparatur und -aufbereitung sehr ich eigentlich wenig Nutzen, da keine wirklich sinnvollen Fähigkeiten vermittelt werden und ein Übergang in den regulären Arbeitsmarkt auch wenig realistisch erscheint.

hilti
hilti

Kleines Update zur Situation in China. Mehr Bilder von großen Haufen ehemaliger Leihfahräder:
https://www.theatlantic.com/photo/2018/08/china-abandoned-bike-share-graveyards/566576/