Sachen, die man nach einem langen Festival-Tag probiert:

Kurzurteil: bäh.

Und damit zum einzigen Filmfestival, bei dem Sätze wie dieser nonchalant in den Raum geworfen werden: „Auf die deutsche Hymne kann man übrigens prima den Bärenmarke-Song singen.“

Ostzone

Wieder mal deutscher Horror – und ob ich mich damit auf das Genre oder die Erfahrung beziehe, ist bekanntermaßen immer ein Wurf der Münze. Ich würde gerne die Diskussion anstoßen, warum deutsche Filmemacher kein „Horror können“, aber dem aktuellen Stand nach können sie Science Fiction, Action und romantische Komödie ja AUCH nicht. Was soll’s also? Ich freunde mich mit der defätistischen Idee an, dass die der Kulturförderung zugedachte finanzielle Alimentierung von Filmen letztlich ein impotentes, freudloses und sykophantes System hervorgebracht hat, statt Hilfe zur Selbsthilfe zu geben.

Mit „Ostzone“ hat das allerdings nüscht zu tun, der ist mal wieder frei finanziert worden von frischgesichtigen Nachwuchsfilmern, deren primärer Antrieb wie üblich kein „ich habe eine Idee!“ war, sondern ein „das kann ich auch!“ nach einer zu langen Nacht mit diversen J-Horror und Blumhouse-Gruslern. Können sie nicht. Das sollte wahrlich kein Spoiler sein.

Die Ähnlichkeiten zu „Unterwelt“ sind kaum zu übersehen: Der Großteil der Existenzberechtigung wird aus einer attraktiven Location gezogen (dort alte Gänge, hier altes Haus), in die man ein paar uninteressante Protagonisten schubst und so lange banales Zeug reden lässt, bis sie alle von einem schröcklichen Wesen abgemurkst sind.

Ich werde in den nächsten Tagen noch ausführlicher darüber schreiben, aber so wie das gros der deutschen Genrefilme leidet „Ostzone“ primär an der Unfähigkeit der Macher, Setup und Story zu unterscheiden. In kurz: „In einem verfallenen Ost-Kinderheim treibt eine junge Frau ihr mörderisches Unwesen“ ist eben KEINE Story – es ist das SETUP für eine Story, der Anfang, der erste Akt. Was danach passiert, DAS ist die Story. Und genau daran verschwendet der deutsche Filmernachwuchs so wenig Mühe wie möglich. Man etabliert die Figuren, den Handlungsort, den Background – schon ist der Saft raus und der Rest wird mit reden, schreien, rennen und sterben aufgefüllt.

So. Kann. Das. Nichts. Werden.

Wenigstens fand ich „Ostzone“ deutlich besser als „Unterwelt“, weil die Location und der darum gebaute Mythos etwas sexier ist, die technische Umsetzung etwas mehr Sorgfalt zeigt und weil nicht permanent unmotiviert englisch geradebrecht wird. Es ist kein guter Geisterfilm, aber er zeigt mehr Bestreben, einer zu sein. Und das ist schon ein vorsichtiges Fleißkärtchen wert.

Leider ändert das nichts daran, dass die Dialoge wieder mal unfassbar gestelzt und unauthentisch klingen, dass ich jeder Figur nach fünf Minuten einen brutalen Tod gewünscht habe und dass die ganze Mythologie des Kinderheims so unausgegoren wie schmalbrüstig daherkommt. Es ist alles zäh und bieder, als wäre die Absicht, das Publikum tatsächlich in Wallung zu versetzen, irgendwie nicht statthaft. Wenn das ZDF jemals Blumhouse-Filme produziert, würde so etwas dabei herauskommen.

Die Außerirdischen

Ahhh, hier kommen die Harten in den Garten, wird die Zelluloid-Perforation zum Sieb, das Spreu vom Weizen trennt. Lauf- gegen Stammpublikum, schwarz oder weiß – wer „Die Außerirdischen“ anschaut, muss Position beziehen. Wie mir diese Ludovico-Therapie in Sachen italienisch-esoterischen Okkult-Gefasels bisher entgehen konnte, ist ein vielleicht größeres Rätsel als alle anderen.

Es ist in Schrift schwer zu vermitteln, WIE „weird“ dieser Film ist, der Elemente von „Das Omen“ mit „Begegnung der Dritten Art“ und „Exorzist“ mixt, einen schweren religiösen Teppich drunterlegt und das Ganze mit einem feuchten Traum von Alt-Hollywood bevölkert: John Huston, Shelley Winters, Mel Ferrer, Glenn Ford und Sam Peckinpah verdienen sich hier ein paar späte Honorare in ersichtlicher Ermangelung jeglichen Verständnisses der Vorgänge. Dazu ein junger Lance Henriksen und ein Franco „Django“ Nero als Jesus Christus. Das setzt Maßstäbe.

Macht euch bereit für anderthalb Stunden ungläubiges Staunen und wiederholtes „what the actual fuck…?!“-Gestammel ohne Pinkelpause:

Aber – und das ist ein großes ABER, bei dem ich mit vielen Kino-Kollegen über Kreuz liege: Ich glaube nicht, dass „Die Außerirdischen“ (der im Original den schön vagen Titel „Stridulum“ trägt) so opak und schillernd geplant war. Nicht mal, dass er so gedreht wurde. Es ist offensichtlich, dass in der gezeigten Kopie eine ganze Rolle fehlt, so dass der erste Akt nicht nur unvollständig, sondern auch unverständlich bleiben muss. Der Unfall, bei dem die Mutter des Satanskindes angeschossen wird und im Rollstuhl landet, fehlt völlig, ebenso der Einstieg von Glenn Ford als ermittelnder Polizist. Sich die Ereignisse zusammen zu reimen, ist vergleichsweise sinnlos, denn Ford wird nach zwei Minuten Screentime auch schon wieder abserviert. Der Part von Mel Ferrer ist ähnlich fahrig und lässt vermuten, dass jemand hier ganze Bissen aus der Film-Frikadelle genommen hat, bevor sie in den Projektor eingelegt wurde.

Unterstellt man diverse Umschnitte, fehlende Teile und Verwirrungen über mehrere Synchros hinweg, dann erahnt man in „Die Außerirdischen“ einen vielleicht etwas spinnerten, aber doch stringenten Plot: Gott und Satan sind hier Außerirdische und Gott kommt immer wieder auf die Erde, um von Satan gezeugte bös-mächtige Kinder in sein Reich zu holen, auf dass sie kein Unheil anrichten. Sein aktuelles Ziel ist dabei die kleine Katy, die augenscheinlich mit Damien Thorn in einen Kindergarten gegangen ist. Gleichzeitig versucht der Industrielle Raymond Armstead als ausführende Hand einer Gruppe reicher Satanisten, das Kind für seine Zwecke zu nutzen.

Das ist ein vergleichsweiser konkreter „Omen“-Ripoff, und das Entstehungsjahr 1979 erklärt auch die Hinzunahme vieler trippiger Effektsequenzen im Spielberg-Stil. Die Italiener prügeln halt alles in den Film, was bei den Amerikanern gerade Kasse macht. Und das machen sie nicht schlecht: „Die Außerirdischen“ hat ein paar sehr kraftvolle, verstörende Bilder und schafft es, ein echtes Gefühl von Paranoia und Apokalypse aufzubauen. Die „end times“ sind spürbar wie in sanftes Vibrieren des Fußbodens bei einem beginnenden Erdbeben.

Aber die krude Zusammenstellung der Szenen, die offensichtlich geschlampte Nachbearbeitung und der unauflösbare Konflikt zwischen Omen-Pessimismus und Spielberg-Optimismus sind mehr, als der Film stemmen kann. So wirkt er in der vorliegenden Form dann doch oft wirr, albern und gerade kindisch.

Es wäre eine große cineastische Tat, „Stridulum“ (unter genau diesem Titel) mit allem gedrehten Material und überarbeitetem Negativ samt neuer Tonspur in genau die Form zu bringen, die den Machern offensichtlich vorschwebte. Ein Kracher.

NACHTRAG: Ich habe gerade mal eine erhältliche Blu-ray des Film gecheckt – wie vermutet fehlte beim Festival eine komplette Rolle, die die Minuten 17 bis 36 enthält. Mit diesen zusätzlichen Szenen ist der Film deutlich klarer und verständlicher.

Macabra – die Hand des Teufels

„Macabra“ (Vorspanntitel „Demonid“) ist ein mexikanischer Okkult-Reißer, der sich als amerikanisches B-Movie tarnt und einen ziemlich guten, weil ziemlich schlechten Gegenentwurf zu „Die Außerirdischen“ darstellt. Hier ist nichts trippig oder wirr, der Plot ist klar wie ein Gebirgsbach und die soliden Darsteller hangeln sich in solidem Tempo durch solide Sets mit soliden Spannungsmomenten.

Und es ist doch und deshalb wieder schnarchlangweilig.

„Macabra“ verlässt nie das Niveau-Untergeschoss der amerikanischen Fernsehfilme der 70er, bietet mit Stuart Whitman und Samantha Eggar solide Allesdarsteller auf und hakt die Notwendigkeiten des B-Horrors seiner Zeit fast schon pflichtschuldig ab. Er ist der lebende Beweis, dass man nicht alles richtig macht, nur weil man nicht alles falsch macht. Haferbrei in der Kantine des Kinos.

Natürlich hätte man gerne noch gewusst, was die Dämonen-Hand eigentlich will, oder warum der Priester von Selbstzweifeln zernagt ist, die am Ende keine Auswirkung auf den Plot haben. Die sympathisch taff gezeichnete Hauptdarstellerin hätte auch ruhig mal 30 Sekunden um ihren geliebten Mann trauern dürften – aber all das wäre Übererfüllung des Plansolls gewesen, und dieser Proletarier des Pflicht- statt Kürkinos versucht sich gar nicht erst daran.

Ich würde übrigens Geld darauf setzen, dass der auffällig trashige Prolog erst nachträglich hinzu gefügt wurde, um Schauwerte für die Aushangfotos zu haben.

Nun denn, kein Film ist umsonst – wir haben 90 Minuten gut damit verbracht, wirklich JEDEN „Hand“-Gag in den Saal zu brüllen, den „Macabra“ redlich verdient hat. A good time was had by all.

Dementia

Man muss dankbar sein können – nach vier harten, heißen Sommertagen mit zu langen Pausen zwischen den Filmen freuten wir uns auf „Dementia“ schon deswegen, weil er mit 56 Minuten angenehm kurz ausfiel. Ich hatte ja auch noch drei Stunden Fahrt nach Baden-Baden zurück und rechnete mit einer Ankunft im Morgengrauen.

Tatsächlich ist der langsam zum Kultstatus wie „Carnival of Souls“, „Blast of Silence“ und „The Honeymoon Killers“ wachsende „Dementia“ eine echte Entdeckung. Ein sperriges, aber hoch spannendes Stück Avantgarde-Psychothriller mit eigenwilliger Perspektive, der aus jedem Manko an Geld und Möglichkeiten einen Vorteil dreht.

Inhaltlich gibt es nicht viel zu erzählen, Story wie Figuren sind grob geschnitzt. Eine junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen zieht durch das nächtliche Los Angeles (inklusive Venice Beach), wo jeder Mann ein Raubtier ist und die Gier nach Geld, Rausch, Macht und Sex regiert. Doch unsere Protagonistin ist kein Opfer und betrachtet die korrupte Welt um sich herum mit distanziertem Ekel. Jeder Mann, der sie ausnutzt, sollte wissen, dass sie ein Klappmesser in der Tasche hat…

Hier trifft deutscher Expressionismus auf die letzten Atemzüge des Film Noir, starke Kontraste und aggressive Musik füllen Bild & Tonspur, gänzliche ohne Dialoge oder einen Erzähler saugt uns die Nacht auf, streifen wir durch schmierige Gassen und schwitzige Jazzclubs der Beatnik-Ära. Hollywood ist um die Ecke – und doch Welten entfernt. This is America.

Was passiert, passiert linear. In Details mag „Dementia“ zu plakativ sein in seinem Versuch, Details ohne Wort zu erklären. Überrascht sein kann am Ende niemand. Aber dass dieser nur gut einstündige Trip in den Unterbauch von LA ein beeindruckendes, fast Orson Welles’eske Erlebnis darstellt, das lässt sich kaum bestreiten.

Und so kam es, wie es kommen musste – auf der Zielgerade überholte „Dementia“ noch knapp „ABC of Superheroes“ im Kampf um den Golden Ninja Award des Festivals.


Das war’s. Over and out. Licht aus, Festival vorbei. Es war mal wieder klasse – ich würde sogar sagen, in Sachen Bandbreite ungeschlagen. Hier gab es wirklich aus jeder Schublade und für jeden Geschmack etwas. Erfreulich auch die große Anzahl an Badmovie-Veteranen, mit denen gut plaudern war. Wir freuen uns schon auf das große Festival zum 10jährigen Jubiläum 2019. Konfetti und Ballons werden gestellt.



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Squirrelius

Irgendwie scheint das diesjährige Programm nicht so pralle zu sein.
Und Fritz Cola… Buah. Das Zeug wird bei mir fast um die Ecke produziert (bei uns im Saarland ist quai alles um die Ecke), weswegen du es in den Kneipen in Saarbrücken in fast überall kriegst. Und je hipper und angesagter die Kneipe/ Restaurant, desto größer die Chance, das es keinerlei Alternative dazu gibt.

Stefan
Stefan

Ist doch völlig egal, wie das Zeug schmeckt. Da ist zweieinhalb Mal so viel Koffein drin wie in Coca-Cola.

https://koffein.com/cola.html

Sigur Ros
Sigur Ros

Fritz Kola ist okay, aber wenn wirklich gute Cola, dann Afri oder Premium Cola.

heino
heino

Na komm, die Cola hast du gar nicht getrunken, das war unser Schweizer Freund:-)

Zu den Filmen kann ich dir nur in allen Punkten zustimmen, bei „Die Ausserirdischen“ war es wirklich schade, dass der so verstümmelt und deshalb unverständlich war. Und man sollte die extrem fiese Tonspur nicht unterschlagen.

„Ostzone“ war wirklich und noch mehr ein hervorragendes Beispiel für eine verschwendete Chance, denn die Location war wirklich super, aber der Film macht da so überhaupt nix draus.

„Macabra“ fand ich eigentlich ganz okay, ein Film mit tatsächlich erkennbarer Story war eine nette Abwechslung nach der ganzen Grütze davor. Und zumindest hat er viel Gelegenheit für spöttische Einlagen geboten.

„Dementia“ fand ich persönlich super. Mit s/w und Noir kriegt man mich fast immer, aber für das bisschen Story war er in meinen Augen dann doch noch ca. 5 – 10 min zu lang. Und die permanente, extrem laute Beschallung von der Tonspur war etwas nervig. Trotzdem hat der von mir die volle Punktzahl bekommen, damit nicht der unsägliche „ABCs of Superheores“ gewinnt.

Kastanie
Kastanie

„von frischgesichtigen Nachwuchsfilmern, deren primärer Antrieb wie üblich kein „ich habe eine Idee!“ war, sondern ein „das kann ich auch!“ nach einer zu langen Nacht mit diversen J-Horror und Blumhouse-Gruslern. “
Leider nein. Aber kann verstehen, dass du genau das vermutest.

Marcus
Marcus

Ach ja, STRIDULUM – liegt hier auch schon längere Zeit bei mir auf Halde, seit der Filmtitel bei einem denkwürdigen Buio Omega-Abend mal zum Running Gag wurde. Danke für die Motivation, mir das Ding nun endlich mal zu Gemüte zu führen.

Und wie du schon selber ergänzt hast – wenn die Angabe mit den anderthalb Stunden nicht nur so dahingeschrieben war, dann fehlt in der Tat einiges. Die Arrow-Bluray läuft 108 min.

Mr. Fox
Mr. Fox

Bei MACABRA habt ihr die kurze US-Fassung gesehen. Die hat den zusätzlichen Prolog (ja, ist nachgedreht) und einige Härten mehr als die europäische Fassung, wurde aber handlungsmäßig massiv gestrafft. (Warum nur???) Deswegen läuft die Story auch etwas arg holprig.

Die Eurofassung ist deutlich glatter und länger (mit mehr „Exorzist“-Feeling), aber auch harmloser, u.a. ist auch das Ende etwas anders. Deswegen ist das Teil bei den dt. Gorefreaks eher als trashiger Schnarcher verschrien, während der in den USA durchaus als kurzweiliger C-Horror gilt. Der Regisseur hat beide Versionen den damaligen Marktansprüchen angepasst – dieser Fall ist vom Ergebnis aber recht ungewöhnlich mit Blick auf die barbusigen Argumente des US-Prologs. 😀

Die deutsche Blu-ray hat beide Versionen an Bord.