Ach, der Fluch des sozialen Miteinanders – in anderthalb Stunden muss ich aus dem Hotel ausgecheckt sein und bei einem verspäteten Geburtstagsfrühstück antanzen. Ein knallharter Einstieg für den letzten Festivaltag.

Doc Acula verloste heute wieder fleißig – und angesichts der 1:1-Ration von Publikum und Gewinnen musste eigentlich jeder was mit nach Hause nehmen. Da ich die Reduktion meines Hausrats plane, verkniff ich es mir, die Hand zu heben. Es war eh nichts dabei, das meinem Leben eine positivere Richtung gegeben hätte (glaube ich).

FWU Selection

Man kann dem Veranstalter vieles (VIELES!!!) vorhalten – nicht aber mangelnde Bandbreite der Filmauswahl. Zum Beginn des dritten Tages bekamen wir ein halbes Dutzend Erziehungs- und Lehrfilme aus verschiedenen Ländern vorgestellt, die wohl in Schulklassen zur Diskussion heikler Themen gezeigt wurden. Nicht bei uns. Schade.

Der Opener „Mittagschlaf“ ist gleich ein Knaller, nutzt die Optik einer banalen Familien-Vorabendserie, um darin mehr tatsächliches Drama zu verstecken, als die bisher gesehenen Genrefilme aufgebracht haben: der alte Knecht hängt sich am Baum auf, als er ins Heim soll, das kleine Mädchen pinkelt sich in die Hose, als es Zeuge des Suizid wird – und verdrängt das traumatische Erlebnis verzweifelt. Hardcore. Offenes Ende, weil – es soll ja drüber diskutiert werden.

Ein weiterer deutscher Beitrag illustriert die absurde Angst der deutschen Elternschaft der 80er in Kumpanei mit dem sozialdemokratischen Lehrertum vor dem Dämon Videospiel – eine düstere Dystopie, die nicht nur „Tron“ auf das Format des Telekolleg Schulfernsehen reduziert, sondern auch viele Elemente des späteren „Pixels“ vorweg nimmt. Ein Beitrag, heute so lustig wie die Zeigefinger-Doku „Mama, Papa, Zombie“:

Eine schweinchenrosa ausgeblichene Kopie aus Amerika warnt uns vor den überholten Gefahren von LSD und das Leckerchen kommt zum Schluss: „Klein-Anna ist nicht die Kleinste“ aus Skandinavien entpuppt sich als Kleinod des Genres, eine bezaubernd erzählte Geschichte eines seltsam verschlossenen kleinen Mädchens, das grimmig fokussiert den Kontakt zu anderen Menschen sucht – aus Gründen. Herzerwärmend, mit sehr guten Twists und einem Gespür für Menschlichkeit. Da machen auch die härtesten Gorebauern im Publikum „hach…“ und wollen gleich ein Kätzchen streicheln gehen. Dürfte man auch die Lehrfilme bewerten – „Klein-Anna“ würde mit ziemlicher Sicherheit der Sieger des Festivals werden.

Unterwelt – The World Beyond

Next up: Der deutsche Genrefilm. Ralf Kemper hat sich wohl bisher mit eher lustigen Horrorgeschichten einen Namen gemacht, nun versucht er es (so behauptet zumindest der Veranstalter als Sprachrohr des Filmemachers) mit einem „Mindfuck im Stil von David Lynch“. Na gut, wenn man schon Anspruch hat, kann man sich auch gleich an den Besten orientieren.

In kurz: Drei Models sollen für ein Gothic-Fotoshooting in irgendeinem Kellerraum posen, der (je nach Szene) zu Katakomben, Gruften, Stollen, Kanälen oder Bunkern gehört. Da bringen sich wohl gerne Leute um und es zeigt sich ein japanesker Geist, woraufhin Gekreische und Gerenne ausbricht. Oder nicht? Oder doch? Ist das womöglich alles nur eingebildet und/oder eine karmische Endlosschleife?

Der Film mit den verdächtig vielen Festivalauszeichnungen (darüber wird zu einem späteren Zeitpunkt noch zu reden sein) entpuppt sich als totale Grütze, hilfloses Hin- und Hergeschiebe hysterischer Personen in nur vage beschriebenen Locations bei gleichzeitiger Belästigung des Zuschauers mit hanebüchenen „Schocks“ und den sterilsten Dialogen diesseits von Tampon-Werbungen. Was den sowieso schon mit Wachsmalstiften aufgekritzelten Figuren hier aus dem Mund fällt, beweist entweder, dass Ralf Kemper den sozialen Stand eines 12jährigen hat – oder überhaupt kein Gespür dafür, wie Menschen miteinander (und im Kontext von Kino) reden. Vermutlich beides. Silke fasst das ganz gut zusammen, als sie mir nach fünf Minuten zuraunt: „Der hat gerade erst angefangen – und ist schon zu lang.“

Die Darsteller (größtenteils von der Schauspielschule Kassel) mühen sich zu ersichtlich, ihre völlig leeren Charaktere zu füllen und die Entscheidung, sie einen Großteil der Dialoge auf englisch stammeln zu lassen, geht massiv nach hinten los – siehe „Virus undead“. Einen Kicherer ist allenfalls der Versuch wert, in ein zwei Zeilen einen Bezug zur Flüchtlingsproblematik einzuflechten – man darf unterstellen, dass hier die Schauspielerschüler um zeitgeschichtliche Relevanz gebeten haben.

So quält man sich, hofft auf ein schnelles Ende, das nicht kommt – und die in der zweiten Hälfte evidenter werdende Zeitschleife fand Kemper vermutlich eine total geile Idee, sie bleibt aber eine Totgeburt. Weil sie funktionslos ist und viel zu rudimentär. Nichts hier erinnert an David Lynch, dafür alles an die immer gleichen, tragischen Versuche deutscher Horror-Allesgucker, „auch mal Film“ zu machen, ohne auch nur die Grundlagen verstanden oder gelernt zu haben. Die Fortentwicklung der Szene, sie beschränkt sich auf das Upgrade von der Videokassette zur HD-Digitalkopie. Inhaltlich und qualitativ ist man seit „Violent Shit“ nicht voran gekommen.

Ich hatte mir vorgenommen, in diesen Review auch eine Art erzählerische Endlosschleife einzubauen, um die Struktur von „Unterwelt“ zu karikieren – aber dazu hätte ich fünf Minuten Fokus gebraucht und warum sollte ich mehr Mühe investieren als die Macher?

Können wir das EDG (Experiment Deutscher Genrefilm) damit endlich wegen erwiesener Untauglichkeit beenden und uns wieder wichtigeren Dingen zuwenden?

Der tapfere kleine Toaster

Lasse ich aus – ist dem Vernehmen nach ein guter Zeichentrickfilm für Kinder und damit weder in Form noch Inhalt das, was ich bei einem Badmovies-Festival sehen möchte. Hotelbett, ich komme!

ABC of Superheroes

Für diesen Streifen war ich dem Veranstalter böse – weil er schon seit 2015 bei allen ANDEREN Festivals durchgenudelt wurde und zudem nur ein digitaler Screener mit Wasserzeichen vorhanden war. Deutscher Trash mit schlechtem Ruf von der Silberscheibe – dafür brauche ich nicht ins Kino zu gehen.

Aber oha – meine Vorurteile waren angebracht und dennoch fehl am Platze. Denn „ABC of Superheroes“ schafft den seltenen Spagat zwischen totaler Wurstigkeit und erleuchteter Gonzo-Potenz. Knapp 26 Episödchen Sex, Gewalt und Slapstick, die gleichzeitig bewusst scheiße und bewusst ironisch sind, ohne sich daran zu verschlucken. Jede einzelne Vignette hier wäre für sich genommen unsäglich, der gescheiterte Versuch, Geek-Genres ohne Geld und Talent zu verballhornen – aber in der Ballung zeigt sich die Brillanz und es wird deutlich, dass die Macher „schlecht“ aus Absicht, nicht aus Inkompetenz sind.

Das ist pubertär, eklig und sexistisch, weil es genau das sein WILL. Was leicht mit Chaos zu verwechseln wäre, ist sorgsam geplante cineastische Anarchie, ein Austesten der Grenzen ALLER Genres. Absurd – und gleichzeitig urkomisch. Dumm – und gleichzeitig clever. Sexistisch – und gleichzeitig empowering. Der deutsche Amateurfilm rechnet in einem Aufwasch mit GANZ Hollywood ab. Wer hätte das gedacht?

Hinzu kommt, dass „ABC of Superheroes“ offensichtlich von Leuten gemacht wurde, die SEHR viel Spaß an dem Projekt hatten – und das überträgt sich auf die Zuschauer. Man KANN dem Film nicht böse sein, auch wenn er immer wieder versucht, durch die Ausreizung von Klischees Empörung zu generieren.

Okay, das EDG kriegt nochmal eine Gnadenfrist. EINE NOCH!

Giant Killer

Es wäre kein richtiges Badmovies-Festival, wenn die Italiener nicht noch einen Fake-US-Streifen beitragen würden, gerne auch/sogar vor Ort gedreht. Wahrlich, die 80er waren eine glorreiche für Produzenten räudiger Ripoffs, als der geschmacksverwirrte Teenager noch zu allem griff, was im Videothekenregal Sex, Drugs and Rock’n’Roll versprach.

„Giant Killer“ (ein Film, dessen Titel durch NICHTS zwischen Vor- und Nachspann gerechtfertigt wird) hängt sich sehr offensichtlich an „Nur 48 Stunden“ mit Nick Nolte und Eddie Murphy ran, hat aber damit schon ein kleines Problem: Während Bo Svenson eine perfekte B-Variante von Nolte darstellt, ist Fred „The Hammer“ Williamson einfach zu sehr aus dem gleichen Holz geschnitzt, um den spirreligen und dauerquatschenden Murphy zu simulieren. Er taugt nicht zum Sidekick, der die Action nur sarkastisch kommentiert und aus seinem Mund klingen Sätze wie „Ich bin nur ein unschuldiger, harmloser Neger“ komplett falsch.

Von diesem Casting-Disconnect abgesehen macht „Giant Killer“ eigentlich alles richtig: Der dürre Plot über zwei Helden, die zwei Verbrecher jagen, die wiederum zwei Abzocker jagen, wird fettfrei und „on the go“ erzählt, die Laufzeit ist angefüllt mit Verfolgungsjagden per Auto UND per Hubschrauber, es gibt viel von Phoenix und Las Vegas zu sehen und am Ende ist der Schaden an Mensch und Maschine beträchtlich. Nicht Action – Äktschn! Dazu dudelt das immer gleiche, unangemessene „main theme“ ein halbes Dutzend mal vom Soundtrack und man bewundert die Herren Svenson und Williamson, dass sie so ziemlich alle Stunts selber stemmen.

Zu VHS-Zeiten wurde „Giant Killer“ auch als „Deadly Impact“ vertickt:

Kurzum: Die drei Mark, die man in den 80ern für den Film auf den Videothekentresen geworfen hätte, wären ein gutes Investment in einen kurzweiligen Abend gewesen. Es ist natürlich nicht „Nur 48 Stunden“ – aber was ist das schon?



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Daniel Spiegelberg
Daniel Spiegelberg

Alter! Haben die Dir im Rahmen des Festivals Amphetamine oder sonstwas in den Hals geschoben? Ich meine, flott und mitreissend konntest Du immer schon schreiben, aber nach den B-Film-Basterds-Reviews heuer fühle ich mich an Hunter S. Thompson erinnert, und denke gerade in seinem Sinn: „Wow, what a ride!“. Danke dafür!

Comicfreak
Comicfreak

..auf den slotmachines, die das Pärchen angeblich abgezockt hat, stand „giant jackpot“. Da wurde so oft drauf gehalten, dass das dem Gesang bei der Lederhose entsprach..

Und Unterwelt funktioniert wirklich zu keiner Sekunde, nie, never, keine Idee passt zur anderen.
Gewisse Regisseure würden da jetzt einen Goldrahmen drum nageln und genau das als Kunst bezeichnen, aber nein.
Das Zustandekommen der Auszeichnungen würde mich interessieren

heino
heino

Die FWU-DInger waren wirklich Kracher und ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie verstörend die auf unvorbereitete Schüler gewirkt haben müssen. „Underworld“ war unsäglich, „Giant Killer“ war ähnlich wie „Macabra“ wegen all der enthaltenen Schwachsinnigkeiten oft sehr lustig.

Was ihr aber alle an dem in meinen Augen schrecklichen „ABC of Superheroes“ findet, werde ich wohl nie verstehen. Der hatte mich schon nach 5 min verloren und danach wurde es nicht besser. Ich fand den in jeder Hinsicht fürchterlich, witzig schon gar nicht und wäre dafür, wirklich jeden Beteiligten öffentlich zu teeren und zu federn. Das Ding zählt wirklich zu den schlimmsten Sachen, die ich je gesehen habe.

Marcus
Marcus

DANKE!!!!!

Marcus
Marcus

„…ABC of Superheroes…“

AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH!!!!!!!!

Marcus
Marcus

Ernsthaft, hatten wir uns nicht schon vor Jahren geeinigt, dass „schlecht mit Absicht“ keine Verbesserung gegenüber „schlecht aus Inkompetenz“ ist?

Manu
Manu

Und ich durfte mir damals einiges „anhören“, weil ich ihn „verteidigt“ hatte…

Stephan
Stephan

Der kleine Toaster ist ein ganz toller Film.