Der Wortvogel und Doc Acula – modische Titanen bis zu den Socken:

Zweiter Tag B-Film Basterds 2018 – eine Wundertüte schlechten Geschmacks unter der Beteiligung Indiens, Deutschlands, Mexikos, Italiens und Spaniens. Maskierte Rächer, nackte Nymphomaninnen, tanzende Gurus und hosenlose Bayern zum Einsatz!

Diler (aka Anji)

Den Tag einläuten durfte ein Bollywood-Streifen… nein, genau genommen ein Tollywood-Streifen. Den Unterschied könnt ihr hier nachlesen. Es geht – wie immer im indischen Kino – um alles, ein all you can eat buffet aus Melodrama, Komödie, Romanze und Abenteuer. Irgendein alter Zausel aus Österreich will eine indische Legende nutzen, um das Wasser des Ganges in einen Jungbrunnen zu verwandeln, der herzensgute Anji will das verhindern und gewinnt dabei auch noch die Liebe der bezaubernden Sapna. Es wird getanzt, es wird gesungen, es wird geprügelt, bis sich die Zuschauer pappsatt zurücklehnen und aufstoßen. Nein danke, mehr geht wirklich nicht rein.

Wenn die Inder alles in einen Film packen, dann ist ihnen auch wurscht, wo sie es her haben – „Diler“ klaut komplette Sequenzen bei „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“, einige Spezialeffekt sehen aus, als wären sie direkt aus „The Shadow“ geschnitten worden und bei „Ghost“ bedient man sich ebenso wie bei „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“. Choreographie, Action und Spezialeffekte rangieren dabei – tollywood-typisch – zwischen überraschend passabel und schwer grottig. Der sympathische Hauptdarsteller Chiranjeevi und die sehr ansehnliche Namrata Shirodkar gleichen viele Defizite aus, auch wenn ihre Liebesgeschichte in der zweiten Hälfte schlicht vergessen wird (Anji bekommt sogar eine neue Romanze angedichtet).

Bonus-Herausforderung: In regionaltypischer Sprache gedreht, bekamen wir die Hindi synchronisierte Version dieses Abenteuerfilms aus der entlegenen Zweigstelle der indischen Traumfabrik serviert – was angesichts der fehlenden Lippensynchronizität wirkt, als wären Tonspuren vertauscht worden.

Am Ende kommt ein konfuser Kinderquatsch mit arschbackenfordernden 148 Minuten raus, dessen kryptische deutsche Untertitel für mehr Gelächter sorgen als die Ereignisse auf der Leinwand. Kann man sich aus Interesse am exotischen Trash-Kino ruhig mal geben, eine neue Liebe zum indischen Film wird daraus allerdings nicht erwachsen.

Das Foltercamp der Liebeshexen

Jahaaa, es wurde auch mal wieder der großen Liebe unseres Festivalveranstalters Doc Acula gefrönt, dem frauenverachtenden Dschungelcamp-Schmierfilm. „Das Foltercamp der Liebeshexen“ ist dabei ein so typischer wie vergessenswerter Vertreter des Genres. In irgendeiner süd/mittelamerikanischen Bananenrepublik suchen halbnackte Frauen im Schlamm nach Smaragden, bewacht von so sadistischen wie lüsternen Wächtern. Eine Gruppe Rebellen sorgt für einen Aufstand, päng päng arrrghh ächz bumm. Ein Happy End kann man das nicht nennen.

Viele unrasierte Männergesichter, viele unrasierte Frauenschöße, Brüste werden begrabbelt und duschen müssen augenscheinlich nur die Damen (was man den Kerlen auch ansieht). Was mich nicht umbringt, macht mich geil.

Ihr ahnt schon – meins ist das nicht, auch wenn ich mich in dem Genre ja selber mal versucht habe und „Foltercamp“ durchaus meinem „99 Women“-Remake strukturell ähnlich ist. Ich ziehe kein Entertainment aus Gewalt gegen Frauen und aufgedrängter Sex ist für mich kein Kavaliersdelikt. Vor allem aber haken diese Streifen ja immer nur die ewig gleichen Klischees ab, mal härter, mal softer.

Zwischendrin habe ich mir mal überlegt, wie ich so einen Schund intellektuell verbrämen könnte. Wäre ich gezwungen, den Film für eine Retrospektive in der Frankfurter Allgemeinen gut zu finden, würde ich darauf verweisen, dass alle Männer in „Foltercamp“ dominierenden patriarchalischen Strukturen (die Corporation, die Rebellion, das Militär) unterworfen sind und ihre Freiheit nur Illusion ist. Die Frauen hingegen (als hart arbeitendes Proletariat) kämpfen nur sich selbst und ihre so direkte wie konkrete Sphäre, woraus sich zumindest die Chance einer echten Befreiung auf individueller Ebene ergibt – und aus der kollektiven Kraft des Weiblichen könnte eine neue, kommunistische Gesellschaft „von unten“ erwachsen.

Ich bin sicher, diese Auslegung ist im Sinne der Macher.

Über die kuriose Produktions- und Vertriebsgeschichte dieses Exploitationers kann hier ausfürlich nachlesen.

Liebesgrüße aus der Lederhose, Teil 7

Wir bleiben bei Brüsten, konzentrieren uns für den nächsten Film aber auf gut gemeintes Gefummel und zumindest oberflächlich einvernehmlichen Geschlechtsverkehr. Besser ist das.

„Liebesgrüße aus der Lederhose, 7. Teil“ wurde uns als Nachzügler der Lederhosen-Softsex-Reihe präsentiert, mit dem die Macher vom Erfolg der früheren Filme im Spätprogramm der Privatsender profitieren wollten. Diese Geschichte kann nur halb war sein, denn auch der 1992-er Stempel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film schwer danach aussieht, als wäre er mindestens schon in den späten 80ern gekurbelt worden. Und die Verbindung zur Lederhosen-Franchise ist nur kackfrech behauptet, denn auch der Original-Vorspann trägt noch den echten Titel „Kokosnüsse & Bananen: Die Dummen sterben nie aus“ (was ein Verweis auf das Publikum sein dürfte).

Inhaltlich ist das GANZ schmale Kost, die mit wenigen Personen und wenigen Locations, dafür aber mit endlosen sinnfreien Dialogen und in die Ewigkeit gestreckten Szenen selten über Amateurfilm-Niveau hinauskommt. Der Grundplot mag an die goldene Ära des Softsex erinnern (der gehörnte Depp Fridolin will seine Frau durch Vortäuschung einer Affäre mit der Prostituierten Angie zurück gewinnen, verliebt sich jedoch in die käufliche junge Dame), aber effektiv passiert hier gar nichts, alle Beteiligten stehen primär dumm rum und nichts, aber auch gar nichts kommt in Fahrt.

Die Sexszenen laden massiv zum Fremdschämen ein – zwar sind die weiblichen Reize weitgehend knackig und gut gebräunt, aber der simulierte Koitus erinnert an Aliens, die mühsam versuchen, irdische Erotik nachzuahmen. Männernbäuche reiben sich an Frauenbecken, um jeden direkten Kontakt der Geschlechtsteile zu vermeiden und leidenschaftliche Küsse landen generell auf Nase, Mundwinkel oder Wange – man hat das Gefühl, die Darstellerinnen haben ihr Honorar wie Prostituierte berechnet: Zunge kostet extra. Und dafür war kein Geld da.

So ist „Kokosnüsse & Bananen“ entsetzlich gestelzt, gestreckt und in der Darstellung der Fleischeslust harmlos, bizarr, unsexy und gleichzeitig schmierig. Und das Ende – Grundgütiger, das Ende. Der Film findet keins. Nachdem der magere Plot abgeschlossen ist, geht es noch locker zehn Minuten weiter. Eine Szene nach der anderen. Man windet sich im Kinosessel und wimmert nach Erlösung.

Kurzum: Eine Resteverwertung, zynische Geschäftemacherei mit einigen Zombies aus dem Zotenkino. Zu eierlos, um Spaß zu machen, zu schmierig, um Begeisterung auszulösen. Vor allem aber: unfassbar öde.

Santo contra la invasion de los marcianos

Das Luchadores-Kino ist ein fester Bestandteil dieses Festivals und eigentlich immer… nein, keine sichere Bank, sondern eine Enttäuschung. Weil hier die Schere zwischen versprochenen Sensationen und geliefertem Spektakel halt doch immer sehr weit auseinander geht.

„Santo gegen die Marsianer“ ist ein perfektes Beispiel. What’s not to love? Muskelbepackte Marsianer und üppig bebrüstete Marsianerinnen kommen mit einer fliegenden Untertasse und bemäkeln, dass die Menschheit nicht ausreichend brüderlich und friedlich miteinander umgeht. Darum ist globale Vernichtung geplant. Nachdem sie Tausende Mexikaner in einem Sportstadion desintegriert haben, entscheiden sich die Aliens, die besten Exemplare der Gattung Homo Sapiens zu entführen und mit zum Mars zu nehmen. Die besten Exemplare der Gattung Mensch sind übrigens samt und sonders Mexikaner, darunter Wrestler Santo, der immer wieder mit den Außerirdischen in den Ring steigt, da diese die Unterwerfung der Menschheit augenscheinlich „Mann gegen Mann“ planen. Ach ja: Einer der blondgelockten Wrestler-Marsianer heißt laut Credits „El Nazi“ und weil die Menschen von den marsianischen Kostümen abgeschreckt werden könnten, verwandeln sich die Aliens (für exakt EINE Szene) in Abbilder griechischer Gottheiten. I shit you not.

Wie kann DAS nicht großartig sein, wie kann es nicht perfektes, bezauberndes Entertainment darstellen?! Wie halt immer bei den Mexikaners: weil es so strunzdumm billig und so über jedes Maß gestreckt ist, dass der Konsum zur Tortur wird. Kann man sich am Anfang noch über jede bescheuerte Idee der Marsianer und die depperten Schlussfolgerungen der Erdenmenschen amüsieren, so setzt spätestens nach einer halben Stunde der Leerlauf ein und der Plot wird – wie üblich – mit halbgaren Wrestling-Fights gefüllt. Massige Männer ringen sich hin und her, werfen sich zu Boden, simulieren Schläge und Tritte. Weil sich jede Gefahr für den Planeten Erde mit ein paar ordentlichen Backpfeifen abwenden lässt.

Mit ein bisschen Ironie, mit ein bisschen Witz könnte das grandios sein. Aber das Luchadores-Kino – auch oder weil es Kinder und Unterschichten als Zielgruppen hatte – war immer von einer unangebrachten Bierernstigkeit geprägt, die jedes Augenzwinkern ausschließt. Dieser hanebüchene Unfug wird verkauft, als sei es ein großes futuristisches Drama. Und diesen Ausverkauf des gesunden Menschenverstandes kann der europäische und aktuelle Zuschauer einfach nicht nachvollziehen.

Zumindest sei angemerkt, dass der Film einen gewissen B-Movie-Charme besitzt, bei dem die miesen Effekte, die pompösen Dialoge und die schwarzweiße Darstellung auf technischer wie inhaltlicher Ebene sich zu einem Ed Wood-esken Gesamtdebakel addieren. Kein Wunder: auch Wood nahm seinen schrottigen Output ja sehr ernst.

Santo-Novizen kann „Santo gegen die Marsianer“ ein guter Einstieg sein, der den Reiz und die Defizite dieses Genre gut repräsentiert. Ich selbst habe mich mittlerweile an dem immer gleichen Schmarrn etwas überfressen.



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..ein schönes Beispiel für die Sinnlosigkeit des mexikanischen Filmes :
Als der marsianer gewinnt reisst er Santo bzw Silver Mask die Maske herunter, die dieser sonst nur im Bett ablegt, wenn überhaupt!!
Zum Vorschein kommt: eine Ersatzmaske..

heino
heino

„Diler“ habe ich zum Glück fast komplett verschlafen, leider bin ich immer genau zu den Tanz- und Gesangseinlagen (die sich alle extrem ähnelten) aufgewacht. Das Ende ist in Sachen Tricks wirklich unfassbar schlecht, das sieht aus, als hätten sie alte PC-Spiele abfotografiert und dann die Bilder mit Filzstiften übermal