Wer schon gaaanz lange dabei ist, erinnert sich an meine Fehde mit Quotenmeter. Ich habe den Jungs vor ein paar Jahren ein paar ihrer unfassbar schlecht geschriebenen UND schlecht recherchierten Texte um die Ohren gehauen – was sie wenig souverän aufnahmen. Die Sache verlief dann im Sand, weil ich schlicht aufgehört habe, Quotenmeter zu lesen – DWDL ist mittlerweile mit Abstand als die einzig relevante TV/Media-Seite etabliert und ich habe keine Zeit mehr für Kindergarten.

Nun schickte mir die LvA, weil wir doch vom „Lost in Space“-Remake so begeistert waren, einen Link zu einer Webseite, die ich noch nicht kannte – Serienfuchs. Da stand im Titel des Artikels schon, was wir lesen wollten: es wird eine zweite Staffel von „Lost in Space“ geben! Hurra! Konfetti! Ballons!

Dann machte ich den Fehler, den Artikel zu lesen. Und ein paar andere Sachen auf der Webseite. Und plötzlich fühle ich mich wieder sehr, sehr gequotenmetert.

Egal, wie groß der Serienfuchs ohne meine Aufmerksamkeit geworden sein mag – die Eigenbeschreibung als „Deutschlands bester Blog für deine Serien“ finde ich einen Tacken anmaßend. Trommeln gehört zwar zu Handwerk, aber derart auf dicke Hose machen sollte dann auch von der entsprechenden Expertise gedeckt sein. Es ist ein weiter Weg bis zu den Serienjunkies.

Bevor wir uns da übrigens missverstehen: Ich hacke hier auf keinem eifrigen Privatmann herum, der sein Herzblut an Netflix verschwendet und nun von mir Profi(t)journalist rhetorisch verhauen wird. Serienfuchs ist ein kommerzielles Produkt, entstanden unter der Leitung einer Anbieterfirma für Redaktionssysteme (auf denen ich bis 1995 auch gearbeitet habe). Das hier wollen keine Amateure sein. Deshalb wundert mich auch zuerst einmal, wie unattraktiv mager die Webseite optisch daherkommt und wie holperig sie mit Werbung gepflastert ist:

Das mag nicht von Amateuren erstellt worden sein – sieht aber danach aus.

Schauen wir uns den Text zu „Lost in Space“ dann auch mal an. Ich stolpere schon am Titel, der da lautet:

„Lost in Space“: Trotz Staffel 2! Ernüchternde Quote für Netflix

Was heißt hier „Trotz Staffel 2!“? Wenn sich das auf die „ernüchternden“ Quoten bezieht (zu denen wir auch noch kommen), dann müsste das „Trotz Staffel 2: ernüchternde Quote für Netflix“ heißen. Oder eben nicht, sondern andersrum: „Trotz ernüchternder Quote: Staffel 2!“. Immer noch nicht stilistisch sauber, aber wenigstens grammatikalisch und logisch richtig.

Nun ist mir die holperige Betitelung (schaut da keiner mehr drüber?) relativ wurscht, so lange der Inhalt stimmt und mich erfreut. Stimmt der Inhalt? Mein interner Bullshit-Detektor springt sofort an, als ich das hier lese:

Schon jetzt ist klar, dass es eine zweite Staffel von dem Remake „Lost in Space“ geben wird. Aber warum? Schaut man sich die Zuschauerzahlen an, so wird ganz schnell deutlich, dass die neue Serie kein Erfolgsgarant für den Streaming-Dienst ist.

Zuerst einmal hadere ich mit der Aussage, dass es eine zweite Staffel geben wird – das habe ich bisher nämlich nur hier gelesen. Und woher sollte Serienfuchs diese sehr exklusive Info haben? Und woher kennen die die Quoten, wo Netflix doch eigentlich generell keine Quoten rausgibt? Und schließlich: natürlich ist die Serie kein Erfolgsgarant. Sie ist ja schon gelaufen. Entweder ist sie ein Erfolg – oder nicht. Das Wort Garant hat hier rein gar nichts zu suchen.

Der erste Absatz des Artikels beschreibt den Inhalt von „Lost in Space“ – und ist eine Ansammlung von Stilblüten, dass man ihn einfach mehrmals genießen muss:

„Die Neuauflage von „Lost in Space“ zeigt die Geschichte einer Familie, die die Erde verlässt, um einen neuen Planeten zu besiedeln. Allerdings kommt es bei der Umsiedlung zu unterwarteten Komplikation, die dafür sorgen, dass die Familie Robinson auf einem bisher unbekannten Planeten landet. Wie der Name der Serie schon sagt, sind sie auf diesem verloren. Sie haben keine Ahnung, wo sie sich überhaupt befinden.“

„unterwarteten“? Man sollte vielleicht erwähnen, dass die Familie nicht einfach landet – sie bruchlandet. Das ist der Aufhänger der ganzen ersten Staffel. Und doch doch, sie wissen schon, wo sie sich befinden. DAS ist nicht das Problem. Vor allem aber sagt der Name der Serie NICHT, dass sie auf diesem Planeten verloren sind. Der Name lautet nämlich „Lost IN SPACE“, nicht „Lost on a planet“. Und wer die Miniserie gesehen hat, der weiß auch, warum das so ist.

Ist aber alles wurscht, denn augenscheinlich kann Andrew Wolters die Serie sowieso nicht leiden:

An sich klingt der Plot gut, doch die Serie ist gespickt von Klischees, nervigen Charakteren und vielen Logikfehlern, die einem eher auf die Nerven gehen als Freude bereiten.

Das sehe ich bekanntermaßen anders, aber darum soll es hier nicht gehen.

Je mehr ich lese, desto fischiger kommt mir das alles vor. Und je mehr ich recherchiere, desto mehr wird mir klar – mehr Bullshit kann man kaum in einen Artikel packen.

Als da wäre.

Nicht – wie behauptet – gemäß Digital Spy wurde die Serie in den ersten drei Tagen von 6,3 Millionen Zuschauern geschaut, sondern laut der Quoten-Erhebungsfirma Nielsen, die wiederum laut Variety zu bedenken gibt:

Famously, Netflix doesn’t release viewing metrics, holding such data close to its vest — leaving third parties like Nielsen to try to estimate demand. Netflix has pointed out that Nielsen’s estimates cover only the U.S. and only tracks viewership on connected TVs 

Die Zahlen sind also der Versuch einer Schätzung, noch dazu auf einem limitierten Markt und bezogen auf eine spezifische Plattform. Die ersten drei Tage in den USA auf internet-tauglichen Fernsehern – der Rest der Welt ist ebenso wenig dabei wie alle Leute, die erst ab Tag 4 die Serie angeschaut haben oder z.B. Tablet oder Notebook für den Konsum einsetzen. So gesehen ist diese Zahl wertlos.

Nun scheint Autor Andrew Wolters zu glauben, dass man das doch irgendwie werten könne:

Schaut man sich die Zahlen an, kann man sagen, dass die „Sci-Fi“-Serie kein großer Hit ist und wahrscheinlich auch nicht werden wird!

Der Trick: Man vergleicht die Zahlen einfach mit anderen geschätzten Netflix-Produktionen. Demnach ist „Stranger Things“ mit 15 Millionen Views viel, viel, viel besser gelaufen! Der Haken: Damit ist, wenn man die Quelle prüft, die ZWEITE Staffel von „Stranger Things“ gemeint, die natürlich einem riesigen Hype und vielen Preisen für die erste Staffel folgte. Dass dieser Kult mehr „pull“ hat, dürfte niemanden verwundern. Außer Andrew Wolters. Und so lautet sein Urteil:

 Einen richtigen Clou landete Netflix mit „Lost in Space“ also nicht. 

Pssst… Andrew. Pssst! Das heißt „Coup“, nicht „Clou“!

Somit ist die ganze Einordnung, „Lost in Space“ hätte mickrige Quoten gebracht, völliger Unfug. Es lässt sich mangels ausreichender Daten schlicht nicht beurteilen. Und die Quellen, auf die der „Serienfuchs“ sich bezieht, versuchen das auch nicht. Variety unterlässt jede Wertung der Zahlen, Digital Spy ist sogar vorsichtig optimistisch:

So, even though Lost in Space isn’t quite a runaway hit according to these figures, it could well be a slow-burning success following positive word-of-mouth.

Okay, als zuverlässigen Interpreten von „big data“ kann man den Serienfuchs also abschreiben. Zahlen muss man lesen können. Aber wie sieht es denn nun mit der Aussage aus, „Lost in Space“ bekäme eine zweite Staffel? DARUM geht’s doch!

Auch hier bezieht sich Wolters anscheinend komplett auf Digital Spy als Quelle. Und siehe da: es findet sich ein weiterer Artikel mit dem verheißungsvollen Titel

Lost In Space season two: release date, cast, plot and everything you need to know

Also alles geklärt? „Lost in Space II“ hat das begehrte „greenlight“ bekommen? Ihr ahnt es: Am Arsch die Räuber. Macht man sich die Mühe, den Artikel tatsächlich zu lesen, dann findet man zwar viel Kaffeesatzleserei zur Frage, wann eine neue Staffel gedreht werden KÖNNTE, aber eben auch mit dem verschämten, fast versteckten Zusatz:

While there’s no official word as of yet…

Auf deutsch und im Klartext: Es gibt keine offizielle Order für eine zweite Staffel.

Und somit ist der ganze holperig zusammen gestammelte Artikel auf Serienfuchs nicht nur als Lektüre eine Qual, sondern auch total wertlos, denn der doppelte Kern (Einordnung der Quoten und Ankündigung einer zweiten Staffel) besteht aus Luftnummern. Es gibt keine verlässlichen Quoten und keine Order einer zweiten Staffel.

Ich bin rechtschaffen sprachlos, wie schlampig und amateurhaft man so einen Beitrag stümpern kann und schaue mich auf der Seite noch ein wenig um. In der Tat ist das kein Einmann-Betrieb – der „Über uns“-Button zeigt fünf Redakteure, vier Frauen, einen Mann. Andrew Wolters ist nicht dabei. Ich stolpere allerdings wieder über eine Formulierung, die vermutlich lustig gedacht ist, mir aber ekelhaft aufstößt. Der Chef der Truppe (natürlich ist der einzige Mann im Team auch der Boss) lässt sich dergestalt beschreiben:

Alex ist der Rudelführer (ugs. „Babo“), das Alphatier, der Serienfüchse. Er ist stets bemüht, die Hackordnung in seinem Rudel aufrecht zu erhalten. Die Hauptaufgabe besteht darin, die beiden Jungfüchsinnen zu bremsen, wenn sie das eine oder andere Mal über das Ziel hinausschießen und der Serienwahnsinn im Büro überhandnimmt. 

Ich habe schon für weniger offen sexistischen Unsinn Abmahnungen fliegen sehen.

Vor allem ist die „Über uns“-Seite aber auch seltsam widersprüchlich in der Darstellung des Teams. So spricht der obige Absatz ja von „zwei Jungfüchsinnen“, obwohl vier Frauen vorgestellt werden. Und die Beschreibung von „Carlotta“ beginnt zwar mit dem Satz „Carlotta ist nun auch im Fuchsbau angekommen“, dem Foto ist aber der Hinweis „EHEMALIGE AUTOREN VON SERIENFUCHS“ übergestellt. What the what now?

Jetzt könnte man sagen: Hey, Wortvogel, ganz easy bleiben! Teamseite etwas wirr formuliert, der Artikel eines (vermutlich) Freelancers nicht ganz so exakt, wie man sich es wünschen würde – aber deswegen kann man so ein duftes Projekt wie den Serienfuchs nicht gleich komplett an die Wand stellen und „Feuer frei!“ brüllen!

Doch, kann man. Ich habe einen Artikel gelesen, ich brauche keinen zweiten.

Ich würde gerne damit schließen, dass das alles Quotenmeter-Niveau hat – aber ich fürchte, die Redakteure würden das als Lob missverstehen.



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Ich würde hier eher Amateure an Werk vermuten, die mittels „fake it until you make it“ versuchen hier eine professionelle Webseite vorzutäuschen.

OnkelFilmi
OnkelFilmi

Der Wolters scheint kein Freelancer zu sein, da er seit 5 Monaten neben dieser Julia (die im Impressum als Redaktionsleiterin genannt wird) und einer Daniela Bruening alle Artikel verfasst hat (von vereinzelten Beiträgen des „Serienfuchs Gastautor“ abgesehen).

Davon ab (aus einem anderen Beitrag des Autors):

„Nach den Erfolgen von „Stranger Things“, „Black Mirror“, „Lost in Space“ und Co. hat das Unternehmen anscheinend eine Marktlücke entdeckt.“

„Auch „Dark„, „Black Mirror“ und „Lost in Space“ begeistern Millionen Nutzer auf der ganzen Welt.“

Wie denn, was denn? Vier Tage vorher war die Serie doch angeblich kein Hit?

Dietmar

Viel Wind machen, große Klappe, wenig verhohlener Sexismus, Scheininformationen und wilde Behauptungen. Hilfe, bin ich desillusioniert, dass ich sagen muss: Passt perfekt in die Zeit.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Schön auseinandergenommen, aber ich störe mich dann doch ein wenig an „Es ist ein weiter Weg bis zu den Serienjunkies.“ Sorry, so groß die Seite inzwischen sein mag, gut ist sie leider nicht: Clickbait, schlampige Reviews (die sich kaum so nennen können), schlecht gepflegte Datenbank und Gossip allerortens. Ein DWDL-UK- oder US-Update in der Woche hat mehr Inhalt als zwanzig Serienjunkies-Artikel zum gleichen Thema…

AlphaOrange
AlphaOrange

Liest sich übel und wirr, in der Tat. Ich vermute da auch viel Amateurtum hinter, egal, was das Impressum sagt. Nur weil das kommerziell ist und direkt mal auf die Kacke haut, heißt das nicht, dass da ausgebildete Profis arbeiten oder die die tatsächlich die Artikel schreiben sich auch bloß selbst für welche hielten.
Der Vergleich mit Quotenmeter passt da schon recht gut, da war’s genauso (ich habe dort einige Jahre mitgewirkt, ja es gab die peinlichen Momente, aber eben auch einige richtig gute Leute – den einen oder anderen liest du ja noch heute bei DWDL; Anfänger oder Amateure waren wir eigentlich fast alle)
Abwarten oder ignorieren, sowas gibt’s massenweise und regelt sich im Normalfall von selbst. Entweder es wird besser oder bleibt bestenfalls unbeachtet. Das Thema ist schon viel zu breit besetzt, um es mit Qualität noch zum Erfolg zu bringen.

Die Beschreibung von Babo-Alex ist natürlich himmelschreiend peinlich und auch durch Amateurdasein nicht zu entschuldigen.