04
Mai 2018

Four days of Brosnan (2): Spinning Man

Themen: Film, TV & Presse |

Spinning Man

USA/Schweden 2018. Regie: Simon Kaijser. Darsteller: Guy Pearce, Pierce Brosnan, Minnie Driver, Alexandra Shipp, Clark Gregg, Odeya Rush u.a.

Story: Uni-Professor Evan Birch hat ein Problem: Eine Studentin ist verschwunden und es verdichten sich die Hinweise, dass er das Mädchen auf jeden Fall kannte, eventuell sogar eine Affäre mit ihr hatte – und sie dann ermordete? Polizist Malloy ist ziemlich sicher, dass Birch, der in der Vergangenheit schon Dreck am Stecken hatte, auch diesmal seine Hosen nicht anbehalten konnte. Selbst Birchs Frau ist skeptisch. Es hilft nicht, dass Birch sich regelmäßig darauf beruft, sich an elementare Details des Falls nicht zu erinnern – die Frage, was wahr ist, ist halt nicht immer deckungsgleich mit der Frage, was sich beweisen lässt.

Kritik: "Spinning Man" ist nicht einfach zu besprechen, weil er sich verschiedener Mechanismen des Krimis und des Thrillers verweigert. Um das unter die Lupe zu nehmen, muss ich spoilern. Wer den Film also unbedingt noch sehen möchte, der sollte vielleicht an dieser Stelle die Lektüre abbrechen.

Sei’s drum. "Spinning Man" ist ein Film, der zwischen Protagonist und Antagonist nicht unterscheidet. Evan ist die Hauptfigur, keine Frage – aber wir können nicht sagen, ob er der Mörder ist. Wir wissen nicht einmal, ob er sich selber für schuldig oder unschuldig hält. Immer wieder bestreitet er Dinge, die er dann doch widerwillig zugeben muss – es scheint auch für ihn selber aber dadurch kein Verdacht aufzukommen, er wäre der Mörder. Evan sieht die Wahrheit als das an, an was er sich erinnern kann. Und weil er sich nicht erinnern kann, das Mädchen ermordet zu haben, ist er auch kein Mörder.

Polizist Malloy geht die Sache von einer ähnlich schrägen Seite aus an: Er will einen in sich geschlossenen, logischen Fall. Wenn das Mädchen ermordet wurde, gibt es einen Mörder, der muss gefasst werden. Ist sie eines Unfalltodes gestorben, ist Birch unschuldig. Und wenn es kein endgültiges Urteil getroffen werden kann? Dann wird die stimmigste Variante zur "Wahrheit" erklärt.

All das widerspricht den klaren Aufteilungen normaler Procedurals und ist subversiv geschickt darin, den Zuschauer konstant im Nebel zu halten. Ständig bauen wir uns Szenarien, nach denen Evan schuldig oder unschuldig sein müsste – und beweisen damit die These des Films, dass die Wahrheit eine Frage der verfügbaren Fakten ist. Und darum kann das Ende auch keine "Auflösung" im klassischen Sinne sein.

Das ist entspannt und ohne unnötigen Aufwand inszeniert, keiner der Hauptdarsteller drängt sich in den Vordergrund (urpsprünglich waren sowieso Nikolaj Coster-Waldau und Greg Kinnear vorgesehen). Es geht hier nicht um eine ansteigende Spannungskurve oder eskalierende Gewalt – es geht um den langsamen Prozess der Ermittlung und die Erkenntnis, dass "plausibel" manchmal ausreichend wahr ist.

Ein Schlüsselmoment ist dabei die Enthüllung von Evans früheren Problemen an der Uni. Hier wird kompakt zusammengefasst, was den Mann geprägt hat: Eine Wahrheit, die keine war, aber von allen derart angenommen wurde, dass sie faktische Existenz erreichte. Und er musste sich ihr beugen.

Ebenso aufschlussreich: Evans sexuelle Fantasien. Machen Sie ihn zu einem Alpha-Schwein, das junge Frauen aufreißt? Bestimmt das Bewusstsein das Sein? Oder sind wir frei, wenigstens in unserem Kopf?

Damit mag der Film vielleicht keine Fans von Actionstreifen wie "November Man" oder "The Foreigner" anziehen, aber als solide Krimi-Unterhaltung mit einer ungewöhnlichen Perspektive funktioniert "Spinning Man" sehr gut.

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Brosnan-Faktor: Schlecht sitzender Anzug, Plauze, aber gewohnt scharfer Geist. Brosnan spielt die Provinzvariante von sich selbst.

Fazit: Ein komplexer, langsam erzählter Krimi über den Unterschied von Wahrheit und Fakt, von Glaube und Wissen. Für Filmfans, die nicht alles erklärt haben wollen.



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Dietmar
9. Mai, 2018 05:05

Wegen Spoiler-Gefahr das Lesen abgebrochen. Die Synopsis ist so vielversprechend, dass ich den sehen will.

comicfreak
comicfreak
14. Mai, 2018 12:56
Reply to  Dietmar

..das Ende bleibt offen und gerade der Spoiler macht mir Lust auf den Film.

Dietmar
14. Mai, 2018 13:08
Reply to  comicfreak

Du willst mich doch nur zum Spoiler-Lesen verführen! Ha! Durchschaut! Nicht mit mir! NICHT mit MIR!

🙂

comicfreak
comicfreak
14. Mai, 2018 13:15
Reply to  Dietmar

..neinein, dazu bist du doch viel zu gerissen 0:)