USA 2018. Regie: David Leitch. Darsteller: Ryan Reynolds, Morena Baccarin, Josh Brolin, T.J. Miller, Jack Kesy, Brianna Hildebrand, Leslie Uggams, Zazie Beetz u.a.

Story: Deadpool hat ein traumatisches Erlebnis, das seinen Lebenswillen zerstört und seine Prioritäten durcheinander wirft. Als der knallharte Cable aus der Zukunft kommt, um den jungen Mutanten Russell zu ermorden, findet der rote Rächer jedoch seinen Fokus wieder: Russell muss gerettet werden! Leider gerät der Plan wie üblich völlig außer Kontrolle und verursacht massiven Schaden an Mensch und Material. Selbst ein eigens zusammen gestelltes X-Team erweist sich als weniger hilfreich, als Deadpool es sich vorgestellt hatte. Zeit, ein paar alte Freunde um Hilfe zu bitten…

Kritik: Ich muss diese Kritik knapp fassen, denn ich sitze nur noch kurz in Zürich im Hotelzimmer, bevor mich der Fotograf für eine neue Reportage abholt. Tatsächlich lief der Film in der Schweiz schon gestern und so konnte ich mir prima anschauen, wie die Alpenländler „Kino machen“. Ungefähr so: riesige, hochmoderne und blitzsaubere Kinopaläste. 1A Projektion und Sound, bequeme Sitze, sehr gute Sicht, ausreichend Platz in und zwischen den Reihen. Karten können sehr gut an Automaten gezogen werden – in meinem Fall 19 Fränkli (16 Euro). Vor dem Film nur angenehme fünf Minuten Werbung, aber erstaunlicherweise eine zehnminütige Pause mitten im (nicht überlangen) Film. Das reißt einen schon ein wenig raus. Gezeigt wurde der Film wahlweise in deutsch oder englisch mit je nach Vorstellung variierenden Untertiteln (hier deutsch und französisch). Kann man so machen. Das Publikum: gut gelaunt, stimmungsstark, aber nicht rüpelhaft.

Zum Film: Man merkt, dass ich schon seit 12 Jahren mein Blog betreibe. Die Begriffe, die Phrasen und die Vergleiche, die ich anbringen könnte, habt ihr zigfach gelesen. Mir gehen auch die Superlative aus – wie oft kann man glaubwürdig „besser kann das Comic-Kino gar nicht werden“ verwenden?! Aber Marvel – und in diesem Fall 20th Century Fox – scheint entschlossen, die Messlatte nach oben offen zu lassen wie die Richter-Skala für Erdbeben. Es geht immer noch mehr.

Und „Deadpool 2“ ist die gelebte, ja gepriesene Definition von „mehr“. Es ist offensichtlich, dass die Macher ein deutlich höheres Budget hatten als beim Erstling – die Menge der Locations, der Effekte und der Stunts hat massiv zugenommen, in wechselnden Besetzungen prügeln sich mehr als ein Dutzend Superhelden – manche alt, manche neu – durch abwechslungsreiche Setups wie die „Ice Box“ und den Gefängnistruck. Was an Story erzählt wird (und ja, es gibt so etwas wie eine Story), muss „on the go“ einfließen und sich immer wieder von Deadpool feixend kommentieren lassen. Es sind „key visuals“ (Münze, Teddybär), an denen die emotionalen Beats erzählt werden, um Zeit zu sparen, die dann in Action und schieres Chaos investiert wird.

Ist „Avengers: Infinity War“ der perfekte Film des Sommers für die Fans des MCU, ist „Deadpool 2“ der perfekte Film für echte Comicnerds, die in den 90ern mit Image und Dark Horse aufgewachsen sind und die das MCU für ein verwässertes Kinder-Universum halten, für einen schlechten Abklatsch der grandiosen Bildheftchen von Lee & Liefeld. Das hier ist pubertär erwachsen in seiner Freude an der Gewalt und an dummen Sprüchen, referenziert selbst obskure Quellen und schert sich einen Dreck darum, ob Otto Normalgucker auch nur die Hälfte der Gags versteht. „Deadpool 2“ ist nicht runtergedummt auf Zuschauer, die keine Ahnung von Comic-Historie haben – er ist runtergedummt aus Spaß an der Freude und der schieren Anarchie. Hier wird nichts halbgar gemacht, alle Regler (inklusive die Kanone von Cable – Insider-Witz!) stehen auf 11. Mehr geht nicht – auch wenn das vermutlich innerhalb der nächsten zwei Jahre widerlegt werden wird. Weil es IMMER widerlegt wird.

„Deadpool 2“ ist Meta-Kino der reinsten Sorte und ich verstehe, wenn es einigen Leuten aufstößt, dass Kino sich bewusst ist, Kino zu sein. Es gibt keine filmische Realität mehr, die Figuren begreifen sich als Figuren. Aber solange das nicht überhand nimmt und so sympathisch rotzig wie bei „Deadpool 2“ gehandhabt wird, möchte ich mich gar nicht beschweren. Man merkt noch deutlich als beim Erstling, dass Ryan Reynolds mit der Rolle verschmolzen ist wie einst Sean Connery mit James Bond. Er IST Deadpool – und man kann es sich gar nicht anders wünschen. Darum ist es trotzdem und umso erfreulicher, dass er Raum macht für diverse andere Figuren, die nicht weniger saftig umgesetzt wurden: Brolin ist großartig als knurriger Cable, Zazie Beetz eine Entdeckung als Domino – und das Schicksal der X-Force muss man erleben, um es zu glauben. Abgesehen davon gibt es natürlich noch haufenweise, teilweise brüllend komische Gastauftritte, von denen ich keine spoilern werde.

Und trotzdem: Bei all den Gags und all dem Spektakel bleibt „Deadpool 2“ – anders als „Avengers: Infinity War“ – immer bodenständig, konzentriert sich auf menschliche, fehlerbehaftete und oft verzweifelte Figuren. Er ist so eierschaukelnd wie sentimental – und auch deswegen die perfekte Ergänzung oder das Gegenmittel (je nach Sichtweise) zu Marvels aktuellem Kino-Gigantismus. Deadpool ist „our guy“, die Arbeiterklasse der Superhelden, der nach dem Kampf nicht in sein Raumschiff steigt, sondern in die Kneipe geht.

Ich würde gerne noch – wie es meine Art ist – die Kleinigkeiten auflisten, die es zu bemäkeln gibt, aber ich finde gerade keine. Macht daraus, was ihr wollt.

Fazit: Bodenständiges Actionspektakel mit der größtmöglichen Menge an Humor, Action und schierem Wahnsinn. Für sich genommen schon sensationell, aber besser, je mehr man sich mit Comics und Superhelden auskennt. Pflichtprogramm.

P.S.: Zwei Nachspannszenen, unverzichtbar. Aber nach der zweiten könnt ihr gehen. Der lange Rest der Credits enthält keine Geheimnisse mehr.



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Heino
Heino

Auf den freue ich mich ja schon wie Hulle, der wird richtig Spass machen:-)

Teleprompter
Teleprompter

„gestochen scharfe Projektion“ und Zürich – ich vermute mal, das war das Arena Cinemas Sihlcity mit der brandneuen „Onyx“-LED-projektion ? Das würde mich ja auch mal reizen, ist aber ein paar Meter zu weit weg. Kommt aber sicher irgendwann auch hierhin.

DJ Doena
DJ Doena

Ich weiß nicht sehr viele intime Details über die Marvel- und DC-Charaktere, hauptsächlich das, was ich in den letzten 18 Jahren in Kino und TV über sie gelernt habe. Aber das Deadpool ein Meta-Charakter ist, der ständig auch im Comic die vierte Wand durchbricht und es wohl auch mal eine Storyline gab, in der er wahnsinnig wurde, weil er wusste, dass er ein Comiccharakter ist, das hat sich auch schon bis zu mir durchgesprochen.

Würde es jetzt also nicht zwingend dem Trend des Meta-Kinos zuschieben, sondern hier kommt es aus dem Quellmaterial selbst heraus.

-elke
-elke

Der Chor am Ende des Abspanns hat mich durchaus auch noch amüsiert!

Marcus
Marcus

Der war aber auch im Film selber…

Gregor

Dass es solche Pausen während des Films nur in der Schweiz gibt, ist mir auch erst letztens aufgegangen. Ich war übrigens schon in Vorstellungen, wo die Pause mitten in einem Satz reingeschranzt wurde. Mühsam.
Zum Glück gibts das nur bei den grossen Ketten; die Arthouse-Kinos lassen das sein (und haben üblicherweise auch weniger Werbung am Anfang).
Übrigens, die kleinen Kinos bringen meist nur Originalton mit Untertiteln, während die grossen (und besonders das Arena) dazu tendieren, von bestimmten Filmen nur die Synchronfassung zu bringen. Bei den Multiplex-Kinos ausserhalb von Zürich kann man Originalton grad ganz vergessen.

Squirrelius

Hab ihn mir gestern gegeben. Fand ihn klasse. Josh Brolin könnte so langsam KurtRussel den Rang als coole Sau ™ streitig machen und Zazie Beetz als Domino war so ziemlich der charmanteste Charakter den ich in den letzten Jahren der Comicverfilmungen gesehen habe.

heino
heino

Dem hier:

„Ist „Avengers: Infinity War“ der perfekte Film des Sommers für die Fans des MCU, ist „Deadpool 2“ der perfekte Film für echte Comicnerds, die in den 90ern mit Image und Dark Horse aufgewachsen sind und die das MCU für ein verwässertes Kinder-Universum halten, für einen schlechten Abklatsch der grandiosen Bildheftchen von Lee & Liefeld.“

muss ich nach eben erfolgter Ansicht des Films vehement widersprechen. Ich fand die Image-Sachen immer beschissen und von Dark Horse kenne ich kaum gute Comics, aber die Deadpool-Filme finde ich klasse. Bei Teil 2 zahlt es sich aus, dass Tim Miller von David Leitch ersetzt wurde, denn sein Knowhow in Sachen Action macht den Film enomr abwechslungsreich. Es ist auch bewundernswert, wie nah die Autoren immer am „Zuviel“ kratzen, um dann doch noch die Kurve zu kriegen. Und die Musikauswahl ist absolut großartig und passt viel besser zu den jeweiligen Szenen als in GOTG oder Suicide Squad.

Deadpool 2:nur echt mit 2D-Brille:-)

Matts
Matts

Stimme dem Review absolut zu: Ein rundum gelungener Film. Zum einen ist er saukomisch, zum anderen funktionieren auch die emotionalen Momente (besser noch als in Teil 1). Ich bin mir noch nicht wirklich sicher, ob ich ihn besser als den ersten Teil finde. In Sachen Action und Charaktere legt er definitiv ein ganze Schippe drauf. Dafür kann der erste für sich verbuchen wie unglaublich erfrischend er vor ein paar Jahren war war. Das Gefühl wirkt für mich immer noch nach. Aber vielleicht wird es mit der Zeit nachlassen, falls mehr solche Filme erscheinen werden…
Ach ja: Und natürlich hat Teil 2 die beste Abspann-Szene in der Geschichte der Comicbuchverfilmungen!