So, mein zweiter Fastentag in vier Tagen ist fast (pun intended) rum. Ich habe Montag und Mittwoch gar nicht gegessen und nur Wasser getrunken (plus ein Kaffee, den die LvA mir am Morgen aus Versehen bereitet hatte). An den Tagen dazwischen habe ich normal gegessen, aber auch etwas bewusster: nichts Gebratenes, keine Süßigkeiten, keine fetten Soßen.

Es ist auch in dieser frühen Phase schon klar: Ich mag das Wechselfasten, weil es hart und simpel ist. Hart, weil es Disziplin erfordert. Simpel, weil es keinen Plan, keine Vorbereitung und keine Kompromisse verlangt. Einfach. Nicht. Essen.

Meine ersten Erkenntnisse: es gibt positive und negative Aspekte. Wie bei allem.

Positiv:

  • Ich brauche mein Essverhalten an den „Zwischentagen“ nicht verändern, ich brauche keine Kalorien zählen, muss nicht verzichten.
  • Totalverzicht ist einfacher als Teilverzicht, weil er keine Abwägungen braucht.
  • Ich schlafe an den Fastentagen sehr gut und schnarche nicht.
  • Ich habe circa zwei Stunden mehr Zeit pro Fastentag zur Verfügung.
  • Das Hungergefühl lehrt mich, nicht immer sofort zum Kühlschrank zu rennen.
  • Weniger Kaffee, weniger Süßgetränke (auch wenn ich die sonst „zero“ trinke).
  • Ich wache nach dem Fastentag nicht hungrig auf, starte nicht mit Völlerei ein.
  • Man plant die „Zwischentage“ mit mehr Genuss.
  • Die Kalorienaufnahme ist de facto halbiert, was zu einem recht schnellen Ergebnis führen sollte.

Negativ:

  • Den ganzen Tag Hunger – mal mehr, mal weniger.
  • Wenn der Magen knurrt, knurrt auch der Wortvogel.
  • Gemeinsame Mahlzeiten mit der LvA entfallen.
  • Der ständige Reflex, aus Gewohnheit essen und trinken zu wollen.
  • Die Konfrontation mit Essen in den Medien und durch Freunde.
  • Man schaut instinktiv zu viele Videos wie dieses hier:

Hunger ist ein Phänomen und es ist durchaus spannend zu erleben, wie er in Wellen kommt und welche Dominanz er entwickelt, auch über den eisernen Willen. Hunger ist eine verflucht starke Bestie, und das sage ich als jemand, der nie wirklich gehungert hat. Wenn ich mir vorstelle, was schon diese sehr moderten Experimente mit mir anstellen, dann bin ich doppelt froh, nicht in Äthiopien geboren worden zu sein oder vor Stalingrad im Schützengraben zu liegen. Hunger ist ein Arschloch.

Aber er ist eben auch ein Regulativ, eine Stellschraube. Man kann ihn bezwingen, kann ihn nutzen, kann seine Signale vielfältig umsetzen, statt einfach nur mit einem tumben „essen!“ drauf zu reagieren. Hunger sagt nicht nur, dass man essen soll – er ist ein komplexer Statusbericht des Körpers. Manchmal kann es gut sein, Hunger zu haben, auf ihn zu hören. Satt sein ist kein wünschenswerter Dauerzustand, sondern braucht das Wechselspiel mit Hunger. Das ist es unter anderem, was ich zu lernen versuche.

Essen ist auch eine Sache, die man aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann. Wenn man immer essen kann, wenn man essen will, wird es ein mechanischer Vorgang, ein Zweck zum Ziel. Fast unterbewusst beisst man, kaut man, schluckt man – oft genug, während man nebenher im Internet surft, ein Buch liest oder Fernsehen schaut. Erst wenn man mal eine eine Weile lang nicht isst und den Hunger wirken lässt, merkt man, dass man deutlich mehr vermisst als die Eliminierung des Hungers – man vermisst die Sinnlichkeit der Erfahrung Essen, die Bewegung der Kiefermuskulatur, das Schlucken. Es ist in der englischen Sprache deutlich besser ausgedrückt, wo das Geschmacksgefühl als „taste sensation“ bezeichnet wird. Es ist von der Evolution bei allen lebensnotwendigen Dingen so eingerichtet worden, dass man sie nicht nur will, sondern auch genießt: schlafen, essen, atmen, kopulieren. Auf Essen zu verzichten, heißt auf Genuss zu verzichten – und der Hunger erinnert einen daran, dass beides nicht deckungsgleich ist. Ich vermisse gerade keine Speise, ich vermisse den Vorgang des Speisens, über das Erlebnis hinaus auch das Ritual, die Gewohnheit. Fastentage scheinen länger, freudloser, leerer.

Man sieht: wenn ich nicht essen darf, denke ich viel über Essen nach. Zu viel.



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Dr. Acula

Zwei Stunden am Tag für’s Essen? Freßsack! 😛

Wortvogel

Das ist der Unterschied zwischen Essen und Fressen, gelle?

Löwenohr
Löwenohr

Ich hab’s in dieser Fastenzeit mit was Ähnlichem versucht. Kalorienzählen per App, von Montag bis Freitag unter Tags ne Scheibe Vollkornbrot und abends eine echte Mahlzeit. Sport Heimtrainer/Radfahren und leichter Kraftsport. Der Hunger am Tag hielt sich nach Eingewöhnung in Grenzen.

Die so erzielte Kalorienbilanz war zwar fürs Abnehmen gut (tägliches Defizit von gern mal tausend Kalorien), längerfristig ist das aber gefährlich für den Blutdruck (mir wurde gegen Ende der Fastenzeit gern mal schwindlig beim Aufstehen). Länger hätt ich’s nicht machen wollen; der fixe Endpunkt (Ostersonntag) hat mir persönlich sehr geholfen. In dem Ausmaß werd ich’s auch nicht wiederholen, ist mir zu riskant.

Ergebnis: 11 Kilo weniger im Vergleich zu vorher (jetzt: 178 cm Größe, 86kg, 33 Jahre). Immer noch kein „Normalgewicht“ laut BMI, aber ich beweg mich in die richtige Richtung.

Nach Ende der Fastenzeit ess ich wieder normal und versuch, das erreichte Gewicht zu halten.
Das hat auch letztes Jahr ganz gut funktioniert (zumindest bis zur Weihnachtszeit).
Blutdruck hat sich auch normalisiert.
Vielleicht leg ich noch eine (gemäßigtere) Fastenperiode in der zweiten Jahreshälfte ein und knack dann die 80.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Die Grummeligkeit hast du ja schon als Contra aufgeführt, aber kannst du an den Fastentagen konzentriert arbeiten? Ich würde da – glaube ich zumindest, da noch nicht probiert und immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen – keinen klaren Gedanken fassen können, weil das Magenknurren alles überwiegt 😀

Wortvogel

Nein, das geht sogar sehr gut. Ich fühle mich auch nicht schlapp oder so. Es ist jetzt halb 11 und ich habe gerade mal einen Apfel gegessen. Andere Dinge liegen an und es drängt mich nicht sehr zum Essen.