USA 2018. Regie: Anthony Russo, Joe Russo. Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Hemsworth, Chris Evans, Tom Hiddleston, Scarlett Johansson, Chris Pratt, Mark Ruffalo, Zoe Saldana, Benedict Cumberbatch, David Bautista, Tom Holland, Josh Brolin, Sebastian Stan, Karen Gillan

Story: Der intergalaktische Fiesling Thanos setzt zum großen Finale an – er will alle „infinity stones“ in seinen Besitz bringen, die ihm die totale Macht über das Universum verleihen werden. Dabei gerät er zwangsläufig in Konflikt mit den (eigentlich aufgelösten) Avengers, denn ein Stein sitzt in der Stirn von Vision und ein weiterer im Amulett von Dr. Strange. Auch die Guardians werden in den Galaxien umspannenden Konflikt gezogen, denn Gamora hat als Ziehtochter von Thanos ein Geheimnis, das es um jeden Preis zu wahren gilt. Und so müssen die vereinten Helden in verschiedenen Teams auf verschiedenen Planeten gegen die Schergen von Thanos antreten. Diesmal geht es wirklich um alles oder nichts (oder die Hälfte davon, genau genommen)…

Kritik: Das ist sie also – die dicke Nummer, das fette Spektakel, der Höhepunkt, auf den 10 Jahre Marvel Cinematic Universe hin entwickelt wurden (oder die Hälfte davon, genau genommen). Eine Story so fett, dass sie nicht mal in 160 Minuten zu packen war und deshalb in einem Jahr mit dem zweiten Teil abgeschlossen wird.

Man muss sich – bei aller berechtigten Kritik an einigen Auswüchsen des MCU – erstmal klarmachen, womit wir es hier zu tun haben: „Avengers: Infinity War“ ist nicht einfach ein Superhelden-Crossover, keine beliebige Zusammenführung getrennter Franchises. Er versucht, was bisher noch nie versucht wurde: Zehn Jahre lang wurden Brotkrumen gestreut, wurden Strippen im Hintergrund gezogen, gab es immer wieder Andeutungen und Post Credits-Szenen, die auf einen größeren Plot im Hintergrund hindeuteten und sich in einzelnen Filmen zum Thanos-Mythos verdichteten. „A:IW“ verfolgt diesen roten Faden bis zum Ende – und zerrt am Schwanz eines Drachens.

Damit folgt „A:IW“ eher einer klassischen Comic- oder Fernsehdramaturgie, die sich weniger auf Handlung als auf Figuren stützt und genügend Zeit hat, um Geschichten teils über Jahre zu bauen. Reduziert man die gesammelten Filme auf das, was bleibt, verblassen all die megalomanen Bösewichte X, die Gegenstand A brauchen, um Vorgang B zu starten, der zur Katastrophe C führen wird. Malekith, Ronan, Ultron, Ego, Other – wechselnde Namen für die immer gleichen Mechanismen, nie mehr als Weichensteller und Stichwortgeber. Sie waren notwendig, ebenso wie ihre Heerscharen kreischender Monster und letztlich gesichtslose Lakaien, um Filme am Laufen zu halten, deren primäre Aufgabe die Etablierung und Erhaltung der Heldenfiguren war.

Führt man sich das vor Augen, wird auch klar, wie schwierig „A:IW“ zu planen gewesen sein muss. Mehr als zwei Dutzend Hauptfiguren aus achtzehn Filmen müssen nicht nur zusammen gebracht, sondern in einen filigranen Kontext gesetzt werden, ohne dass der Zuschauer überfordert wird, ohne dass der Streifen unter der Last seiner Vorgeschichte zusammen bricht. Es gibt hier mindestens ein Dutzend Charaktere, die sich das RECHT erarbeitet haben, einen eigenen Mittelpunkt zu bilden. Und am Ende – ganz am Ende – müssen all die Brotkrumen, Strippen, Cameos und Andeutungen ineinander fließen.

Ich habe seit „Iron Man“ auf diesen Film gewartet:

Nichts wäre an dieser Stelle tödlicher als ein „Lost“-Finale, dass das MCU-Experiment als große Luftnummer entlarvt, als Kaiser ohne Kleider.

Und damit sind wir endlich bei der tatsächlichen Kritik angekommen.

Zuerst einmal ist anzumerken, dass der Plot natürlich WIEDER dem Marvel-Standard entspricht. Thanos ist Bösewicht X, der Gegenstand A braucht, um Vorgang B zu starten, der zur Katastrophe C führen wird. An seiner Seite: Heerscharen kreischende Monster und ein paar letztlich gesichtslose Lakaien. Weil Thanos nicht überall gleichzeitig sein kann, aber überall gleichzeitig gekämpft werden muss in einem Film, der als zweistündiger Showdown konzipiert wurde. Wer inhaltliche oder visuelle Klimmzüge oder Überraschungen erwartet, hat nicht verstanden, dass die Homogenität ein Schlüssel zum Erfolg des MCU ist. Wer sie mag, bekommt in jeder Beziehung mehr davon. Wer sie nicht mag, der wird auch hier nicht glücklich werden.

Weil der Plot also letztlich dünn ist, entscheidet sich das Entertainment von „A:IW“ an der Zusammenführung der Figuren, ihrer Interaktion und ihrer Einbeziehung in den über 10 Jahre gebauten Thanos-Mythos. Und es mögen sich die Kritiker und Unkenrufer in die Fäuste oder weichere Körperteile beißen: das funktioniert. Jeder der Helden hat einen Grund, hat ein Trauma, hat ein Geheimnis, das ihn in genau DIESE Geschichte zwingt. Niemand kann außen stehen, kann mit „nicht mein Kampf“ auf Abwesenheit pochen (von Nebenfiguren wie Hawkeye oder Ant-Man abgesehen). Was die Helden hier zusammen bringt, ist nicht nur der Bösewicht – es ist das Schicksal, das durch alle achtzehn bisherigen MCU-Filme gegen sie gearbeitet hat.

Und darum, nur darum wirkt „A:IW“ auch mit zwei Dutzend Hauptfiguren zwar übervoll, aber nie überladen. Diese Charaktere sind längst nicht mehr austauschbar. Wir kennen sie und wissen, was sie durchgemacht haben. An allen drei, vier Fronten, an denen gekämpft wird, sehen mir mehr als Protagonisten – wir sehen unsere Helden. Mag die Handlung letztlich Standard sein, so wird sie von der vielleicht best konstruierten Personenkonstellation diesseits von Star Trek und Star Wars mit Leben erfüllt: Erst nach „A:IW“ weiß man, wie sehr einem Tony Stark, Doctor Strange, Thor, Hulk und die Guardians ans Herz gewachsen sind. Sie funktionieren alle für sich allein, aber in Kombination noch besser.

Deshalb kann es sich „A:IW“ auch leisten, ab der ersten Minute aus allen Zylindern zu feuern, wirklich jeden Charakter je nach Bedarf unzerstörbar und dann wieder verletzbar zu machen, mit ganzen Planeten wie mit Billardkugeln zu spiegeln und einen atemlosen Fight nach dem anderen abzuspulen. Seine Figuren sind fest verankert – in der MCU-Mythologie UND in uns. Begreift man das Marvel Cinematic Universe als EINE Geschichte, dann ist kein anderes Finale denkbar. Wenn nicht JETZT auf die Kacke gehauen wird – wann dann?!

Und so mag man der Meinung sein, dass „Iron Man“ eine straffere Heldenreise erzählt oder dass „Captain America: Civil War“ mit der Zersplitterung der Avengers besser als internes und externes Drama funktioniert – aber dass „A:IW“ ein Mega-Event im Stil von „Crisis in Infinite Earths“ ist, das lässt sich nicht bestreiten. Und dass die Samen, warum dieser Event so mitreißt, vor zehn Jahren schon gesät wurden, das macht das Ergebnis umso beeindruckender.

Ein, zwei Fehltritte bei den Figuren würde ich bemängeln – Captain America ist ein wenig unterrepräsentiert und Starlord wird ein wenig zu sehr als Vollidiot dargestellt. Aber diese Scharte mag der zweite Teil auswetzen. Und die ständige Springerei zwischen den Galaxien lässt den Zuschauer mitunter das Gefühl für Raum und Zeit verlieren. Niggeligkeiten.

Wir müssen natürlich über das Ende sprechen – auch hier ohne Spoiler. „A:IW“ geht nicht ohne „A:IW 2“ (oder „Avengers 4“). Zwar wird nicht mittendrin abgebrochen, aber SO kann das Marvel-Universum auch nicht stehengelassen werden. Interessant ist dabei, dass das Ende nicht nur innerhalb der fiktiven Geschichte relevant ist, sondern auch in Bezug auf die Strategie der Marvel-Studios: Was erwartet uns nach dem Abschluss dieser dritten Phase? Wird es einen Reset geben oder einen Neustart? Wird das überbevölkerte Heldenuniversum radikal ausgedünnt oder bleibt es zumindest bei den etablierten Schlüsselfiguren, die in 10 Jahren unfassbare 12 Milliarden Euro eingespielt haben? Das ist nun völlig offen.

Was bleibt?

Trotz großartiger Schlachten und einiger mitreißender Charakter-Momente halte ich „A:IW“ nicht für den besten Marvel-Film. Dafür muss er zuviel leisten, dafür muss er zuviel bedienen, dafür kann er nicht allen Figuren gleichermaßen gerecht werden. Aber das, was er sein kann, ist er mit Bravour. Und er belohnt alle Fans, die zehn Jahre lang brav ihr Geld an der Kinokasse gelassen haben, um die Entstehung eines Heldenuniversums mitzuerleben, das dann mit einem so fantastischen Film – endet?!

Fazit: Eine gelungene Kulmination von 10 Jahren MCU als megafetter Crossover-Event, der etwas atemlos zurücklässt und die Weichen sowohl für den zweiten Teil als auch das ganze Marvel-Universum neu stellt.

 

 



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Squirrelius

Bin mal gespannt, bei mir ist es am Donnerstag soweit. Habe aber immer noch leichte Ängste, das mir der Film, anhand der Anzahl der Charaktere, zu überladen wird.

comicfreak
comicfreak

ICH FREU MICH SCHON SO!!!!

Heute Abend Sushi und dann Kino mit bester Schwester

Markus

Ich war noch nicht drin – aber danke für eine fundierte und faire Rezension, die meine (An-)Spannung noch steigert.

jimmy1138
jimmy1138

In zehn Jahren war man im MCU ja großteils davon verschont, daß irgendwelche Publikumslieblinge sterben – auf die Schnelle fällt mir da höchstens Coulson (der dann im TV wiedererweckt wurde), Yondu und die eher blassen „Warriors Three“ ein.
Da erwarte ich mir dieses Mal anderes – auch hinsichtlich der Vertragssituationen etlicher – v.a. Phase 1 – Schauspieler.
Vorm Kinobesuch meine Tippliste, wen’s (nicht) erwischen wird

Infinity War Todes/Überlebensliste

Ganz sicher nicht:
Spiderman
Black Panther
Ant Man

Eher nicht:
StarLord, Gamora, Rocket, Groot (ein dritter GoG Film kommt, ohne die vier geht’s mMn nicht)
Hulk – kann man den überhaupt umbringen? Würde sich auch eventuell mal auch wieder einen Standalone Film verdienen
Bucky – vermute, daß der der neue Cap wird nach dem nächsten Film.
Thor, Dr. Strange – denke doch, daß Thor 4 und insbesondere Dr Strange 2 noch eine Möglichkeit sind
Black Widow
War Machine

Vielleicht:
Drax – mit Thanos endet für ihn eventuell die Reise
Mantis
Hawkeye
Cap

Relativ sicher:

Loki
Vision
Iron Man (Downey jr und Evans sind beide spätestens nach dem nächstens Film aus dem MCU raus, eine der von beiden gespielten Figuren wird mMn diesen Film nicht überleben – ich tippe da eher auf Iron Man)

heino
heino

Tja, was soll ich sagen? Nach den letzten 3 MCU-Filmen, die immer alle erheblich zu albern waren (besonders der letzte Thor-Streifen), ist der hier zwar humorvoll, behält aber an den richtigen Stellen den nötigen Ernst und das erforderliche Pathos bei. Thanos ist wesentlich besser umgesetzt, als ich erwartet hatte, der Streifen ist trotz seiner Länge nie langweilig und technische Patzer leistet man sich auch nicht.
Dass der Streifen entgegen aller Behauptungen von Feige und den Russos ein offenes Ende haben würde, habe ich erwartet, das kann bei der Vorlage gar nicht anders sein. Der Struktur der Vorlage folgt der Film trotz aller Änderungen auch weitgehend, aber ich denke, Avengers 4 wird gezwungen sein, davon dann doch abzuweichen. Leider war aufgrund der bereits fest angekündigten nächsten MCU-Filme für mich die Szene, die mich am meisten hätte ergreifen sollen, etwas flach, aber das schmälert den guten Eindruck nur minimal.

Dietmar

Der letzte Thor-Streifen weckte in mir das Gefühl, dass Marvel nun seine Munition verschossen hat und sich nicht mehr aufschwingen wird; der war einfach wirklich zu albern. Aber das hier ist schon klasse.

Jetzt bin ich sogar geneigt, Feige diesen Schwachsinns-„Ghostbusters“ fast zu verzeihen.

Fast.

Gwildor
Gwildor

Kevin Feige hatte mit dem Ghostbusters remake aber nix am Hut. Das war Paul Feig.

Dietmar

Ah! Danke! Dann kann ich den ja weiter hassen. 🙂

Pascal
Pascal

Was für ein Film! Der war echt gut! Und ich stelle mir gerade die Frage ob Thanos wirklich böse ist … Liegt aber vielleicht auch nur an der guten schauspielerischen Leistung von Josh Brolin.
Weiß eigentlich jemand ob der zweite Teil schon gedreht wurde und ,,nur“ noch nachbearbeitet werden muss um in einem jahr in die Kinos zu kommen, ähnlich wie bei ,,Zurück in die Zukunft“? Oder fangen die Dreharbeiten dazu jetzt erst an?

Matts
Matts

So, endlich gesehen (nur ganz leicht verspätet). Zunächst muss den Jungs von Redlettermedia recht geben: Für einen Film mit 2 Dutzend Hauptfiguren funktioniert er wirklich erheblich besser als er eigentlich sollte. Vom Pacing her ist nichts wirklich zu bestanden.
Dass Starlord zum kompletten Vollidioten gemacht wird hat mich auch gestört. Dafür fand ich Thanos als Bösewicht ziemlich gut. Andererseits gab es auch wieder das alte Problem, dass Szenen, die eigentlich emotional sein sollten, durch einen dummen Witz untergraben werden. Bei den „Guardians of the Galaxy“ Filmen hat das noch weniger gestört als hier. Aber es nimmt gegen Ende auch ab.
Insgesamt macht er auf jeden Fall Lust auf den nächsten Teil.

Eine Sache noch: Geht´s nur mir so, oder waren die Actionszenen teilweise echt nicht gut? Die Russos haben doch grade bei „Winter Soldier“ gezeigt, dass sie das besser können, und auch die Flughafen-Szene in „Civil War“ war ein Highlight. Zugegen waren das auch etwas andere Größenordnungen…

Dietmar

Komme mit Familie ziemlich geflasht aus dem Kino. „Iron Man“ war für mich der emotional dichteste Film. Da kommt dieser heran. Weil er ziemlich gnadenlos ist und die bonbonbunte Achterbahnfahrt zu einem echtem Drama, teilweise einer griechischen Tragödie macht. Ich habe das nicht erwartet.

Deine beeindruckende Kritik haben wir gerade gemeinsam genutzt, um den Film zu verdauen, sozusagen. Ein kleiner Schreibfehler ist mir aufgefallen:

An allen drei, vier Fronten, an denen gekämpft wird, sehen mir mehr als Protagonisten

„Mir“ muss wohl „wir“ heißen.