Control

Belgien 2017. Regie: Jan Verheyen. Darsteller: Koen De Bouw, Werner de Smedt, Greg Timmermans, Sofie Hoflack

Offizielle Synopsis: Sechs Frauenleichen ohne Kopf tauchen in einem Waldstück auf. Das bewährte Team Eric Vincke und Freddy Verstuyft wird auf den grausigen Fall angesetzt. Doch während Freddy jede Regel missachtet und einzig seinem Bauchgefühl folgt, befürchtet Eric, der Fall ist eine Nummer zu groß für die Abteilung und zieht einen Profiler hinzu. Dessen angebliche Expertise führt zu verschiedenen skurrilen Tatverdächtigen, ohne handfestes Ergebnis. Freddy indes ist sich sicher, dass die heiße Spur zum Serienkiller von der Zeugin Rina kommen wird. Die wurde halbnackt und mit Gedächtnislücken in der Nähe des Tatortes gefunden und beginnt sich allmählich an Einzelheiten zu erinnern. Dass Freddy immer besessener von der jungen Frau wird, stürzt die Ermittlungen bald ins komplette Chaos.

Kritik: Was für ein trüber Einstieg ins Festival (kann man zwei Tage eigentlich ernsthaft Festival nennen?). Man kommt in den Saal, das Licht geht gerade aus – und als Erstes sieht man die Credits eines halben Dutzends Fördertöpfe und die Ankündigung „in Zusammenarbeit mit dem ZDF“. Da rutschen die Erwartungen gleich in den Keller, denn es ist unwahrscheinlich, dass die öffentlich-rechtliche Anstalt das nächsten Avantgarde-Meisterwerke oder einen neuen Miike koproduziert hat.

Hätte ich „Control“ nach den ersten fünf Minuten vorhersagen müssen, hätte das so geklungen: „Der unkonventionelle Cop Freddy wird sich in die mysteriöse Zeugin Rina verlieben, von oben bekommt er Druck, folgt aber seinen eigenen Instinkten, bis er am Ende den Fall löst, aber einen hohen persönlichen Preis dafür zahlt.“

Was passiert: Der unkonventionelle Cop Freddy verliebt sich in die mysteriöse Zeugin Rina, bekommt von oben Druck, folgt aber seinen eigenen Instinkten, bis er am Ende den Fall auflöst, aber dafür einen hohen Preis zahlt.

 

Das ist „Schwedenkrimi für Dummys“, ob der Streifen nun aus Belgien kommt oder nicht. Die Polizei hightech, die Straßen grau, die Häuser verlassen, in der Großstadt sind wir doch alle einsam (und leben in mondänen Lofts). Sex ist kein Vergnügen, sondern Gier und Verzweiflung. Serienkiller haben immer eine ausgefuchste Methode, die am Ende in keiner Weise erklärt werden muss. Alles so sklavisch an den Klischees des Genres entlang geschrieben, dass ich mich mitunter fragte, wie schwer es sein könne, so etwas mit einem Computerprogramm zusammen zu stellen. Oder ob es nicht an der Zeit für eine Parodie dieser ganzen durchgelutschten Tropen ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass manche der Klischees halt schon durch Abnutzung eine gewisse Lächerlichkeit erreicht haben. So muss Freddy fürchten, dass der Killer hinter Rina her ist – die in einer gigantischen, perfekt gesicherten Pharma-Firma arbeitet. Was wäre hier VERNÜNFTIGE Vorgehensweise? Cops zu ihrer Sicherheit abstellen? Schutzhaft? Nein nein – er nimmt die Frau mit in den tiefen Wald zu einer einsamen Hütte, die seinem Onkel gehört hat. Weil, im tiefen Wald in einer einsamen Hütte kann einem ja wirklich nix passieren…

Und schließlich: Der Film trägt noch zu viel Ballast aus dem Roman mit sich herum. Ob der holländische Profiler nun Depressionen hat oder nicht, ist wirklich komplett irrelevant. Die zwei, drei Szenen, in denen das angesprochen wird, hätte man vielleicht lieber in die Motivation des Täters investieren sollen, denn – genau – wir erfahren nie, was ihn antreibt und warum er genau das macht, was er macht.

Einzig die Tatsache, dass Werner de Smedt und Sofie Hoflack interessante „Typen“ sind und sich von den grauen TV-Einheitsgesichtern absetzen, kann ich positiv werten. Allerdings muss man dann auch gleich wieder einschränken, dass Hoflack sich auf sehr spießige und spannerige Weise regelmäßig nackt machen muss, um dem männlichen Publikum ordentlich was zu Gucken zu geben. Nun denn.

Fazit: Ein belgischer Schwedenkrimi, koproduziert vom deutschen Fernsehen, der sich an die üblichen Klischees klammert, massive Logiklöcher aufweist und keinerlei Einsicht in die Figuren erlaubt. Für die attraktiven Darsteller noch 3 von 10 Punkten.

The Cured

Irland 2017. Regie: David Freyne. Darsteller: Ellen Page, Tom Vaughan-Lawlor, Sam Keeley, Stuart Graham, Patrick Murphy, Amy De Bhrún, Peter Campion, Chelsea Morgan

Offizielle Synopsis: Die Seuche ist unter Kontrolle! Über Jahre hat das Maze Virus in Europa gewütet: In rasendem Blutrausch fielen die Infizierten über ihre Mitbürger her. Doch das Heilmittel wirkt! Nicht nur Irland steht nun vor der Bewährungsprobe: Wie umgehen mit den Geheilten, die Freunde und Verwandte massakrierten? Und wie verarbeiten die Genesenen selbst ihre (Un)Schuld? Die junge Witwe Abbie wählt den Weg der Versöhnung. Allen Anfeindungen zum Trotz holt sie ihren geheilten Schwager zu sich. Wenn Abbie nur wüsste …

Kritik: Es dauert nie lange, bis man beim FFF den ersten irischen Film zu sehen bekommt. Kino gehört zu den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Republik. Jedes Jahr werden Dutzende von Filmen mit Geld zugeschissen, damit sie einer irischen Cast & Crew Arbeit geben. Manchmal denke ich, man könnte gleich den Mittelsmann auslassen und das Geld direkt überweisen. Ebenso nicht ungewöhnlich: Eine Hauptrolle wird mit einem (bevorzugt amerikanischen) „name star“ besetzt, um die Vermarktung zu erleichtern – auch wenn diese Filme primär Festivalfutter sind, weil sie ihre steuerliche Förderung mehr durch Preise und Präsenz als durch Profit rechtfertigen müssen.

Dieses Jahr eröffnet also „The Cured“ den Reigen, einer dieser blassen Anspruchsfilme, die einerseits im Zombiegenre wildern wollen, andererseits aber überzeugt sind, man müsse etwas zu Sagen haben. Sozialkritik, Meta-Ebene, Parabel und so. Hatten wir in „Portrait of a Zombie“ genauso wie in „Retornados“. Beliebtester Ansatz: Der Zombie als Opfer, der Mensch als das wahre Monster. Und alle so: gähn.

Nun macht „The Cured“ das gar nicht so schlecht, weil die Idee nicht schlecht ist. Die Ex-Zombies sind doppelt gestraft, weil die „Gesunden“ sie ablehnen und weil sie sich an ihre Greueltaten erinnern können. Die Gesellschaft ist mit der Integration überfordert, und wo Paranoia und Selbstsucht herrschen, bilden sich schnell extreme Ränder mit explosivem Potenzial.

Und hier liegt auch schon das Hauptproblem von „The Cured“. Er erzählt zu viel. Die Seuche selbst wird ausgelassen, die Heilung auch, die Reha sowieso, erst mit der Entlassung von Senan steigen wir ein. Und dann wird im Schweinsgalopp erzählt, wie Conor Abbie kennenlernt, wie sich die ersten Widerstandsgruppen bilden, wie die Politik auf Anschläge reagiert, wie die Ärztin Dr. Lyons an einer Heilung auch für die Wirkstoffresistenten arbeitet. Das hätte man sicher schön und packend in einem HBO-Dreiteiler erzählen können, aber in 95 Minuten können wir die ganzen Entwicklungen vielleicht intellektuell, aber nicht emotional nachvollziehen.

Die 95 Minuten, die wir bekommen, sind zudem zwar interessant und in effektivem visuellen Steno als Dystopie erkennbar, aber eben auch furchtbar angestrengt ernsthaft. Weil das alles ja eine Parabel auf tatsächliche gesellschaftliche Vorgänge ist, tragen die Beteiligten ihre Message sehr dick auf und für Zwischentöne ist kein Platz. Die Moral kommt hier mit dem Holzhammer.

Parabel auf was genau? Das ist eine interessante Frage. Sehr offensichtlich setzt sich „The Cured“ mit der Integration der Ex-IRA-Kämpfer in die irische Gesellschaft auseinander. Aber die Reaktionen der Menschen und die Eingliederung über staatliche Stellen hat auch deutliche Bezüge zur aktuellen Flüchtlingspolitik. Und schließlich ist der Umgang mit den „Geheilten“ eine Anklage an den Umgang mit AIDS-Kranken und generell Andersartigen. Die Nähe zum LGBTG+-Weltbild ist dann sicher auch einer der Gründe, warum ausgerechnet Ellen Paige sich für eine der Hauptrollen anheuern ließ.

Ein Zombiefilm für Gutmenschen, die hinterher betroffen diskutieren wollen. Gehöre ich nicht zu. Knalliges FFF-Entertainment sieht anders aus. Siehe nächster Film.

Fazit: Das Zombie-Drama als sozialkritische Parabel auf IRA/AIDS/Flüchtlinge, etwas zu kurz für das breit anerzählte Panorama, zu verbissen und „woke“, um wirklich gut zu unterhalten. Das zu vage Ende zieht’s noch mal runter, auf 5 von 10 Punkten.

Revenge

Frankreich 2017. Regie: Coralie Fargeat. Darsteller: Matilda Anna Ingrid Lutz, Kevin Janssens, Vincent Colombe, Guillaume Bouchède

Offizielle Synopsis: Unmenschlich heiß die flirrende Wüste, in der sich das mörderische Katz- und Mausspiel der Protagonisten entspinnt. Heiß und begehrenswert der makellose Körper der lasziv Lollypop lutschenden Gespielin Jen, die sich von ihrem reichen Lover in ein paradiesisches Hideaway einladen lässt und die im Laufe der für alle sehr schmerzhaften Entwicklungen von den Männern im Bunde bodenlos unterschätzt wird.

Kritik: Ich gestehe – DEN habe ich nach „Control“ und „The Cured“ gebraucht. „Revenge“ bringt endlich Farbe ins Festival, tut den Stecker rein und alle Knöpfe auf zehn (falls jemand die Referenz versteht). Coralie Fargeats Erstling ist beinhartes Survival-Kino, in dem wirklich jedes Element bis ins Absurde stilisiert wird: Jen und Richard sind reich, schön, athletisch und perfekt, Stan und Dimitri sind schmieriges, geiferndes Pack. Der Luxus in der Villa ist absolut, die Ödnis der umgebenden Wüste genauso. Jen muss sterben, das ist klar – und wenn sie überleben will, muss sie Kräfte entwickeln, die weit jenseits ihrer Möglichkeiten liegen.

Tja, und so verwandelt sich das blonde Sex-Dummchen zur apokalyptischen Wüstenkriegerin mit Schrotflinte und Peyote im Blut. Drei gegen Eine – und das Blut wird eimerweise fließen.

Natürlich ist das Kappes. Spätestens, als Jen am Anfang des zweiten Aktes ihre „Ermordung“ überlebte, brach auch mal Gelächter im Saal aus. Die Mär von „du kannst, wenn du nur wirklich willst“, wird hier in einem Maße überzogen, dass ich mich immer dabei ertappte, ein Ende zu erwarten, dass das Gesehene als Traumsequenz entlarvt. Jens Wandlung ist in keinem Moment glaubwürdig – aber auch deshalb so extrem unterhaltsam. Die Überzogenheit des Dargestellten nimmt der Handlung den Stachel. Was leicht menschen- und frauenfeindlich sein könnte, ist hier krawalliges Entertainment, über das man sich nicht empören kann, weil es keinen Bezug zu irgendeiner Realität hat.

Über die puristische Handlung und die ins Extreme gezogene Figurenkonstellation hinaus ist „Revenge“ außerdem einer der schicksten Filme, die ich seit langem gesehen haben. Styling ist hier alles, das Materielle dominiert, die Kamera ist geradezu flüssig in ihren Bewegungen, als würde sie die Villa und ihre Menschen nicht nur zeigen, sondern auch zum Verkauf anbieten. Die einbrechende Gewalt wird dann ebenso ins andere Extrem ausgekostet: Hardcore-Splatter der heftigen Sorte und viel, viel, viel Blut färben Wände und Wüstensand.

Der perfekte Film, um zur Hälfte eines langen Festivaltages aus der Lethargie gerissen zu werden. Action, Spannung, hohe Schauwerte – zu denen auch Matilda Anna Ingrid Lutz gehört, die wirklich zu begeistern weiß.

Fazit: Kann entweder als hyperstilisiertes Bimbo-Rambo-Rachedrama im Comicstil gelesen werden oder als ins Mythologische überhöhte Darstellung des Kampfes der erwachenden Frau gegen destruktiven Maskulinismus. Big Fun. 9 von 10 Punkten.

Isle of Dogs

USA 2017. Regie: Wes Anderson. Sprecher: Edward Norton, Bill Murray, Kunichi Nomura, Bryan Cranston, Jeff Goldblum, Liev Schreiber, Greta Gerwig, Tilda Swinton, Frances McDormand, Scarlett Johansson, Harvey Keitel

Offizielle Synopsis: Als in der Metropole Megasaki City eine Hundeseuche ausbricht, nutzt der katzenliebende Bürgermeister die Chance, um alle Hunde der Stadt auf eine nahegelegene Müllinsel zu verbannen. Nur der 12-jährige Atari nimmt das nicht einfach so hin und fliegt nach Trash Island, um seinen geliebten Spots zurückzuholen …

Kritik: Wenn ich nicht den Anspruch hätte, beim Festival wirklich ALLE Filme zu sehen, hätte ich den hier ausgelassen. Aus mehren Gründen. Zuerst einmal war „Isle of Dogs“ der Eröffnungsfilm der Berlinale und wird in drei Wochen in den Kinos starten. Ich verstehe nicht, warum der jetzt noch bei den Nights verballert wird, wo eigentlich Filme laufen sollten, die das Normalpublikum eben nicht überall sehen kann. Und ich bin auch kein großer Freund von Wes Anderson und seinem Anspruchskino. Der sieht schon AUS wie ein elender Hipster und ich konnte mit Filmen wie „Der Tiefseetaucher“ echt nichts anfangen. Das geht an mir vorbei.

Und jetzt plaudere ich mal aus dem Nähkästchen: Ich bin eine absolute Pussy, wenn es um das Leiden von Tieren geht. Und da in „Isle of Dogs“ alle Hunde Japans krank und hungernd auf eine Müllinsel verstoßen werden, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, den hier so konsequent zu meiden wie „Die Hunde sind los“ in den 80ern. Ich habe keine Absicht, heulend im Kinosaal zu sitzen.

Alles unbegründet. Ja, „Isle of Dogs“ weiß genau, auf welche Knöpfe er drücken muss, wie er das Leid der Hunde in das Mitleid des Zuschauer ummünzt. Aber er ist dabei nie unangemessen manipulativ und weiß genau, welche Grenzen das heutige Publikum setzt. Die Hunde werden verstoßen, aber nicht gewaltsam. Sie sind keine hilflosen Opfer, die großen dramaturgischen Wendepunkte orientieren sich nicht an Leid und Tod, sondern an Mut und Aufbruch. Es ist ein sehr positiver Film in einem sehr negativen Szenario.

Und darüber hinaus ist der Film einfach ein zauberhaftes Meisterwerk, eine selten gesehene Kombination aus erzählerischer Finesse, technischer Perfektion und ganz großer Unterhaltung WIRKLICH für die ganze Familie. Es ist ein zeitloser, sensibler, herzensguter Film, der tiefes Verständnis für die japanische Kultur beweist UND die oft totgesagte Kunst der Stop Motion. Wie Anderson Plastilin-Figuren zum Leben erweckt, wie er ein Universum aus Modellen mit Licht und Leidenschaften füllt, das zeichnet einen ganz großen Erzähler aus.

Ich kann euch „Isle of Dogs“ nicht genug ans Herz legen. „Der kleine Prinz“ für eine neue Generation. Ein Film, in den man sich verlieben kann.

Fazit: Hier stimmt die Phrase „Großes Kino“. Aus allen Nähten platzend mit Ideen und Details, herzergreifend und sehr unterhaltsam. Ein Abenteuerfilm, der Generationen begeistern und für Hunde einnehmen wird. Bedingungslose 10 von 10 Punkten.

Downrange

USA 2017. Regie: Ryûhei Kitamura. Darsteller: Jason Tobias, Graham Skipper, Alexa Yeames, Stephanie Pearson, Ikumi Yoshimatsu, Eric Matuschek, Kelly Connaire, Anthony Kirlew, Rod Hernandez

Offizielle Synopsis: Ein geplatzter Reifen auf offener Landstraße beendet die Reise einer Fahrgemeinschaft. Schnell stellen die jungen Insassen fest: Das war kein Unfall! Ihre Smartphones haben nur sehr sporadisch Empfang, mit anderen Autos ist auf Stunden nicht zu rechnen. Und schon fällt das erste Opfer.

Kritik: Kitamura ist nicht Miike, das ist klar. Der japanische Regisseur, der mittlerweile auch einige amerikanische Produktionen gedreht hat, weist eine sehr wankelmütige und eklektische Filmographie auf, von „Godzilla: Final Wars“ über „Midnight Meat Train“ bis hin zur Live Action-Verfilmung von „Lupin III“. Eine klare Handschrift, ein persönlicher Stil ist zumindest für mich nicht ersichtlich.

Das zeigt sich ganz besonders bei seinem neusten Streifen. „Downrange“ könnte auch der x-beliebige Erstling eines amerikanischen Filmhochschul-Absolventen sein, ein Low Budget-Projekt, mit dem man sich für Größeres empfehlen will. Das ist kein Lob.

Von einer Handlung zu reden, wäre wirklich zu viel des Guten: Eine Fahrgemeinschaft von sechs jungen Leuten wird auf einem einsamen Highway plötzlich von einem Sniper beschossen – so lange, bis alle tot sind. Angesichts der Tatsache, dass bis auf Keren alle Beteiligten nutzloses Kanonenfutter sind, ist das nicht einmal ein Spoiler.

So etwas kann man fettfrei inszenieren, als explosionsartig in den Alltag eindringendes Chaos, das den Ausflug in einen Überlebenskampf verwandelt. Siehe „Revenge“ weiter oben. Aber dafür muss man die Figuren gut zeichnen, muss ihnen immer wieder Chancen wie Karotten vor die Nase halten, die Machtverhältnisse ändern, Geheimnisse enthüllen. Aber die Mühe macht sich „Downrange“ gar nicht erst. Die Protagonisten sitzen halt hysterisch und verletzt hinter dem Wagen kauernd. 90 Minuten lang.

Die Wurstigkeit dieser dünnen Prämisse wird im Finale deutlich, wenn der unbekannte Scharfschütze seine Maske abnimmt. Das wird als großer „reveal“ inszeniert – ist aber komplett egal, weil wir den Typen ja nicht kennen.

Besondere stilistische Auffälligkeiten beschränken sich auf ein paar komplett überflüssige Drohnen-Aufsichten und wilde Rundumfahrten mit der Kamera, die mehr zufällig eingestreut als dramaturgisch gerechtfertigt wirken. In Sachen Schauspielkunst ist die Leistung auch sehr gemischt, nicht alle der Darsteller können überzeugen. Ich frage mich, ob Kitamura Schwierigkeiten hatte, sie in einer für ihn fremden Sprache entsprechend zu führen.

Auf der Haben-Seite: Wie bei „Revenge“ heftiger Oldschool-Splatter. Da hängen gerne mal Organe raus und die Straße ist am Ende mit Gehirn geteert. Das muss einem nicht gefallen, aber es entspricht wenigstens dem Spirit als Midnight Movie.

Und genau deshalb will ich mit „Downgrade“ eigentlich auch nicht zu harsch ins Gericht gehen. Klar hätte der besser sein müssen, locker auch besser sein können. Aber für die Mitternachtsschiene beim FFF erwarte ich bunte Kracher, die mich wachhalten. Und zumindest das ist „Downgrade“ halbwegs gelungen.

Fazit: Ein dünner, statischer Plot, der außer Hysterie und ständig pfeifenden und in Körperteile einschlagenden Projektilen wenig zu bieten hat. Ideenlose Dutzendware. Von Kitamura sollte man mehr erwarten dürfen. Bedauerliche 5 von 10 Punkten.



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Marcus
Marcus

Hey, Kino-Content! Wurde auch Zeit – man kam sich hier ja bisweilen wie auf nem Lifestyle-Blog vor. 😀

„tut den Stecker rein und alle Knöpfe auf zehn (falls jemand die Referenz versteht)“

Hätte er alle Knöpfe auf ELF getan, hätte ich gewusst, welche Referenz ich verstehen sollte. 😉

Ansonsten danke für den Hinweis bei CONTROL – der klang schon im Programmheft nicht nach einem Knaller, und da ich am Montag danach früh raus muss und der bei uns als letzter läuft, spielte ich mit dem Gedanken, den zugunsten meines Schönheitsschlafs auszulassen. Was ich, so wie ich dich verstehe, wohl guten Gewissens tun kann.

heino
heino

Klingt jetzt bis auf „Isle of dogs“ nach einem erschreckend schlechten Programm, das mich so gar nicht reizt. Und „isle of dogs“ kann ich mir genauso gut auch in der normalen Vorstellung ansehen, das ist dann auch günstiger. Von Kitamura erwarte ich seit seinem grässlich schlechten Erstling „Versus“ wirklich gar nichts mehr, das ist selbst heute noch einer meiner absoluten Hass-Filme.

Tim

… alle Knöpfe auf 10, dann kann die tierische Post abgehen“. Die hessischen Ramones!

Peroy
Peroy

Welcher ist die Enttäuschung…?

Jake
Jake

Meine persönliche Rangliste in absteigener Reihenfolge:

1. Brawl in Cell Block 99
2. Revenge
3. The Cured
4. The Strangers
5. Isle of Dogs
6. Downrage
7. Ruin me
8. Pyewacket
9. Control
10. Hagazussa

Mit Deinen Reviews gehe ich größtenteils konform, lediglich „The Cured“ hat mir deutlich besser gefallen. Bei „Hagazussa“ wurde bei der Anmoderation sinngemäß gesagt, wer „The Witch“ gesehen habe und von dessen Ende enttäuscht gewesen sei, könne sich auf das Ende von „Hagazussa“ freuen. Ich habe das nicht als Ironie verstanden, aber jetzt im nachhinein bin ich mir da nicht mehr sicher…