Ich bespreche diese beiden Serien gemeinsam, weil sie beide für etwas stehen – für verschiedene Seiten des aktuellen „golden age of TV“. Sie zeigen die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des Mediums, die aktuellen Probleme mit Erzählmustern und die Tatsache, dass Fernsehen und Kino nur noch strukturell verschieden erzählen, sich aber in Form und Fähigkeiten nicht mehr unterscheiden.

Altered Carbon

Die Story in kurz: Ein vor fast 300 Jahren verstorbener Terrorist/Freiheitskämpfer namens Kovacs wird in einem neuen Körper (Sleeve genannt) wiederbelebt – in einer Welt, die keinen Tod mehr kennt, weil jeder seinen Stack (einen Bewusstseinsspeicher) in einen neuen Sleeve übertragen kann. Kovacs soll herausfinden, wer den Megamilliardär Bancroft ermordet hat – wobei der Begriff „ermordet“ relativ ist, denn Bancroft hat gerade mal ein paar Stunden zwischen dem letzten Backup und der Tat verloren und sein Stack steckt wieder in einem geklonten Sleeve. Zudem hat Kovacs genug eigene Probleme mit der Erinnerung an sein früheres Leben und dem neuen Sleeve, der offenbar eine ganz eigene Vergangenheit hat…

„Altered Carbon“ ist nicht weniger als „Blade Runner 2049“ der spirituelle Erbe von Ridley Scotts Klassiker. Nicht nur die visuellen Keys sind an „Blade Runner“ angelehnt, auch die Themen verweisen klar auf das Vorbild. Kovacs ist eine „lost soul“, der eigenen Identität unsicher in einer Welt, die Menschen auf ein amulettgroßes Modul reduziert und Körper nur als Verpackung sieht. Es geht um Menschlichkeit, Sterblichkeit, Einzigartigkeit. Da jeder alles sein kann (nur das Geld limitiert die Möglichkeiten), haben Konzepte wie Geschlecht, Alter, Aussehen und Hautfarbe jede Relevanz verloren. Wenn Bancroft verkündet „wir sind Götter!“, dann ist das durchaus negativ zu verstehen: die Menschen haben aufgehört, Menschen zu sein. Es ist kein Aufstieg, denn die Aufgabe des Geburt-Leben-Tod-Zyklus generiert nur Chaos und Vereinsamung.

Keine Frage: „Altered Carbon“ ist eine neue Perle in der glitzernden Krone von Netflix. In zehn Folgen wird hier das ganz große Faß aufgemacht, ähnlich wie bei „Westworld“ geht es visuell massiv in die Breite, erzählerisch dafür ausgiebig in die Tiefe. Der hohe Anspruch an die Effekte deckt sich mit dem Anspruch an die Erzählweise. Die Welt von Bay City ist nicht weniger spektakulär umgesetzt wie das Los Angeles in „Blade Runner“, in unendlich vielen Details erlaubt die Laufzeit von zehn Stunden obendrein, kleine Ecken und Nebenfiguren auszuleuchten, die im Kino unerzählt bleiben müssen. So ist z.B. die Hotel-AI „Poe“ eine großartige Konstruktion, die man sich als Rahmen für eine SF-Anthologie wünschen würde.

Während die Darsteller zwar nicht aus der Hollywood A-Liga rekrutiert werden wie bei „Westworld“, kann man „Altered Carbon“ auch bei der Besetzung keine Vorwürfe machen: Kinnaman (schwer aufgepumpt) wirkt präsenter als Ryan Gosling und empfiehlt sich gleichzeitig als möglicher neuer Captain America, falls Chris Evans seine Drohung wahrmacht, das Schild an den Nagel zu hängen. Lediglich mit Martha Higareda wurde ich nicht warm – als taffe Latina-Ermittlerin war sie mir zu klischeehaft gezeichnet und doch wieder nicht authentisch genug.

Aber das hässliche Problem der Marvel-Miniserien und der vertikalen Dramaturgie allgemein erhebt auch bei „Altered Carbon“ wieder sein Haupt: Während in der ersten Folge ein ganz klares Murder Mystery gesetzt wird, das für locker drei Folgen reichen sollte, müssen die Macher ganze zehn Episoden bedienen. Und das heißt: strecken. Folge 4 ist ein besonders gutes Beispiel, denn sie beschränkt sich auf zwei statische Subplots, die beide nichts mit der Haupthandlung zu tun haben und den Großteil der bisher etablierten Hauptfiguren ausblenden. Reiner Füller, um Budget und Laufzeit zu strecken. Das tut der Dynamik der Serie nicht gut – und der Zuschauer läuft Gefahr, den Faden zu verlieren. Die Komplexität wird zur Last, wenn man immer wieder mal auf Pause drückt und denkt: wer war der Typ jetzt nochmal?

Es ist allerdings schwer zu bestreiten, dass „Altered Carbon“ (vielleicht auch, weil die Miniserie auf einem Roman basiert) weniger Probleme mit dem Erzählfokus hat als z.B. „Punisher“, „Westworld“ oder vergleichbare Produktionen. Auch wenn man den ganzen Exzess auf fünf Folgen hätte kürzen können, bleibt ein fettes Beispiel für die Leistungsfähigkeit des aktuellen US-Fernsehens, das der weltweiten Konkurrenz wieder mal zehn Jahre voraus ist.

Krypton

Die Story in kurz: Seg-El ist ein Rebell im strikt geordneten, latent faschistoiden Kastensystem Kryptons, seit sein Großvater wegen aufrührerischer Thesen zum Tode verurteilt wurde. Eines Tages trifft er den Fremden Adam Strange, der ihm voraussagt, dass sein Enkel Kal-El eines Tages der größte Held des Universums sein werde. Es liegt an Seg-El, diese Prophezeiung wahr zu machen. Dabei hat er nicht nur den gesamten Zod-Clan gegen sich, sondern auch die eigene Familie…

Auch wenn es sich um zwei aufwändig produzierte SF-Serien für ein modernes Publikum handelt, könnten „Altered Carbon“ und „Krypton“ nicht verschiedener sein. Zuerst einmal sind die unterschiedlichen Möglichkeiten angesichts der Auftraggeber krass evident: Als Serie für den werbefinanzierten Sender SyFy ist „Krypton“ mit deutlich weniger Budget ausgestattet. Hier sehen Sets noch wie Sets und aus und die CGI-Welt von Krypton ist jederzeit als solche erkennbar. Die völlige Auflösung von Realität und Tricktechnik ist hier nicht geschafft, die Locations sind Bühnen, Studiobauten. Das ist nicht schlecht und als lineare Weiterentwicklung der Serienwelt der 90er auch in Ordnung – aber Shows wie „The Expanse“ und „Altered Carbon“ haben einen Quantensprung vollzogen, zu dem „Krypton“ fast schon rührend antiquiert aussieht.

Hinzu kommt, dass „dank“ SyFy keinerlei allzu heiße Eisen angefasst werden können. Die Werbekunden müssen ebenso wie die Gelegenheitsgucker bedient werden, stärkere Gewaltausbrüche oder sexuelle Eskapaden verbieten sich.

Auch bei der Erzählstruktur und den Charakteren fischt „Krypton“ in erheblich flacheren Gewässern als „Altered Carbon“. Die Welt von Krypton ist sehr banal gebaut, alles ist videospielmäßig in klar unterscheidbare Kasten, Gilden und Konzile unterteilt, die sich eher am alten Rom oder an Griechenland orientieren als an einer wirklichen Utopie. Die daraus erwachsenden Konflikte sind ebenso Standard – Verrat, Liebe, Intrigen, Geheimnisse, mystische Bestimmung. Der Skizze, die Krypton im Superman-Mythos immer war, fügen die Macher von „Krypton“ lediglich Versatzstücke aus dem TV-Baukasten hinzu, die sich an keiner Stelle zu einem homogenen Universum zusammen fügen. Während sich das Design der kryptonischen Gesellschaft noch am latent überirdischen Flair der Kinofilme orientiert, werden die Sets mit Bars, Wohnungen, Kleidung und Fahrzeugen auffällig irdischer Natur angefüllt.

Ich sehe das Problem am ehesten bei David Goyer, der in den 90ern einer der wenigen Autoren war, der halbwegs brauchbare Superhelden-Skripts zustande bekam, sich seitdem aber nicht weiterentwickelt hat. Seine Konzepte und seine Figuren sind müde Klischees, die dem Anspruch an das neue „golden age of TV“ nicht gerecht werden können. Echtes Drama, echte Epik, echte Eier sucht man hier vergebens. Das wird schon im Vorspann deutlich, der den erzählerischen Überbau von „Krypton“ nur mit abgeschmackten Phrasen ankündigen mag.

Nun kann man generell die Frage stellen, ob es ein Prequel zum Superman-Universum braucht. Nimmt man „Krypton“ als Ausgangspunkt, lautet die Antwort: nein. Das hier ist Young Adult-Soap, die bis auf ein wenig Symbolik und die mehrfache Verwendung von John Williams Superman-Thema noch weniger Bindung an das DC-Universum hat als „Gotham“. Das bisschen Goodwill, dass die Franchise Krypton von den Comics mitbringt, kann die Serie konzeptionell nicht aufrecht erhalten. Und die Figuren sind so unfassbar blass und dünn, dass mich ihr Schicksal schlicht nicht schert.

Insgesamt also ein gutes Beispiel für eine dünne Science Fiction-Show, die sich nur marginal aus den 90er Jahren heraus entwickelt hat und die sowohl angesichts der Konkurrenz als auch im Rahmen des DC-Universums keinerlei Impact entwickelt. Auch für Serien gilt: Haferbrei ist keine Hauptmahlzeit.



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Jones
Jones

Figuren nur nach einem Piloten zu beurteilen halte ich für extrem schwach 😀

Dietmar

Die Aufgabe des Piloten ist doch, Interesse an der Handlung und den Figuren zu wecken. Also muss man sie beurteilen.

Dietmar

Gucke den Trailer und denke: „Hä?! Typ mit Hoody und Baseballcap?! Auf Krypton?! Aber erst mal lesen, bevor Du meckerst.“ Und tatsächlich schreibt der Wortvogel:

werden die Sets mit Bars, Wohnungen, Kleidung und Fahrzeugen auffällig irdischer Natur angefüllt.

Dazu kommt, dass mich das überhaupt gar nicht interessiert, wie Krypton war. Aus den Comics hatte ich den Eindruck, das wäre eine ideale Gesellschaft gewesen. Und dabei kann man es belassen. (Aber auch das hast Du mit anderen Worten beschrieben und getroffen.)

Karsten

Wir haben die erste Staffel von Altered Carbon mit viel Freude gesehen. Mittlerweile gibt es fast schon zu viele richtig gute Serien da draußen, unser Pile of Shame auf Netflix, Sky und Amazon Prime wächst und wächst und wächst. Gut, dass wir Krypton guten Gewissens ignorieren können 😀

Markus

Der Typ mit der Baseball-Kappe ist Adam Strange?! (Übrigens sehr schön: „der Fremde“…) Ist ja verdammt nah am Comic. So mag ich meine Superhelden am liebsten.

[*hust* …DEN Schild… *hust*]

Udo

Altered Carbon klingt gut. Kommt auf meine Liste.

Peroy
Peroy

Eigentlich nicht. Klingt eher nach „The Sixth Day“ mit’m Schwarzenegger. Die Prämisse ist schon kaputt…

Udo

Dem würde ich zustimmen, wenn „The Sixth Day“ gut gewesen wäre.

Peroy
Peroy

Sinnerfassend lesen… nö…

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Die Prämisse ist warum kaputt?

Peroy
Peroy

Weil es egal ist ob der Klon oder der Sleeve oder was auch immer weiterlebt, weil man trotzdem tot ist…

Peroy
Peroy

Habe ich Unrecht?

Dietmar

Nein, hast Du nicht. Das Ich ist weg, egal, ob eine noch so gute Kopie lebt, die sich für dieses Ich hält und egal, ob es nachweisbar oder nicht nachweisbar ist, ob das eine Ich dem anderen entspricht.

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Das „Ich“ ist ständig weg, weil es eh nicht persistiert. Da ist keine Seele.

Dietmar

Wer spricht von Seele? Aber wenn Dein Ich nicht „persistiert“, dann spring doch einfach mal von einem Hochhaus. Ist ja egal, nicht wahr…

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Was ist „man“ denn? So wie Deine (und meine) Erinnerungen Illusionen sind, ist Dein (und mein) „Ich“ eine Illusion, und die kann mit demselben Datensatz (oder Programm, wenn Du willst) auch auf anderer Hardware erzeugt werden.
Man darf nur nicht Software und Funktion durcheinander bringen, auch wenn der große Joseph Weizenbaum diesen Fehler schon vor Jahrzehnten gemacht hat.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

„Altered Carbon“ ist das, was „Bladerunner 2049“ gerne gewesen wäre: nämlich gute, spannend erzählte Sci-Fi-Kost, die ein wenig zum Nachdenken anregt – es ist bezeichnend, dass die ca. 10 Stunden „Altered Carbon“ gefühlt flinker rumgingen, als der Kinobesuch beim BR-Sequel letztes Jahr…

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Als einer, der keines von beiden bisher gesehen, aber die literarischen Vorlagen dazu gelesen hat (soweit man beim Blade Runner davon sprechen kann), bin ich jetzt noch gespannter. Danke dafür … 😉