Weil es gerade in den Zeitgeist passt: Ich bin ja an einer link(sliberal)en Gesamtschule in Düsseldorf für das Leben gebildet worden. Ich erinnere mich an eine Deutschstunde, in der sich eine Klassenkameradin weigerte, ein Gedicht zu analysieren, weil es (aus dem Kopf zitiert) die Zeile enthielt, der Himmel spanne sich über die Erde. Das war in ihren Augen unverzeihlich, unverkennbar und unerfreulich sexistisch – der (männlich!) Himmel dominiert die (weiblich!) Erde. Ein Klassenkamerad, der bis dahin primär durch entspanntes Schweigen aufgefallen war, seufzte hörbar in den Raum: „Mach doch mal ’ne Therapie.“

Der Klassenkamerad war übrigens der Bruder eines Schauspielers, der damals in der „Lindenstraße“ sehr (un)populär war. Mehr darf ich dazu nicht sagen.

So waren die Zeiten damals. Die Frauenrechtlerinnen waren noch nicht siamesisch verknüpft mit der LGBTQ+-Bewegung, die damals noch Schwule/Lesben-Szene hieß, man trug aus prinzipiellem Protest Palästinensertücher und gerne auch lila Latzhosen mit farblich angeglichener Dauerwelle. Jungs trugen Jacken mit „Schieß doch, Bulle!“ und einem Fadenkreuz drauf, Taschen waren gepflastert mit Anti-Atom-Aufklebern und Pril-Blumen. Wichtiger als die Schulhefte waren die Eddings in der Tasche, gekritzelt wurde überall, Vandalismus war Widerstand.

Dieses Klima förderte(n) auch Frauen wie Q. Sie war die radikalfeministische Wortführerin in unserer Klasse. Kein Tag ohne Protest, keine Woche ohne Demo, kein Monat ohne Anliegen. Pro Nicaragua, contra Strauß. Sie und ich, das war Feuer und Wasser, Salz und Pfeffer, Wut und Wahnsinn. Wir konnten uns nicht leiden, aber das konnten wir gut. Oder wie ich es mal auf den Punkt brachte: „Wenn du nicht so scheiße wärst, wärst du gar nicht so scheiße“. Sie hat gedroht, mir ihren Kaffee ins Gesicht zu schütten. Ich habe ihr gedroht, sie nebenan in den Schlossteich zu werfen. Ihrer Frisur zuliebe hat sie klein beigegeben.

Und dann war da noch H. Die war – was mir erst Jahre später wirklich klar wurde – offensichtlich und sehr unglücklich lesbisch. Vielleicht fiel mir das erst nicht auf, weil Mädchen/Frauen, die nur in Selbststrick und mit Jutetaschen rumliefen, nicht in mein pubertäres Beuteschema fielen. Ich kann mich nur erinnern, dass wir uns in einer Stunde mal wieder zu irgendeinem grundsatzpolitischen Thema in die Haare bekamen. Zur Pause schnappte ich mir meinen SPIEGEL, legte die Beine auf den Tisch und begann demonstrativ zu lesen – denn es war offensichtlich, dass für H. die Diskussion noch nicht vorbei war. Sie baute sich vor mir auf und verlangte weitere Klärung. Ich ignorierte sie. Als andere Klassenkameraden sie baten, doch Rücksicht auf die nötige Erholung vom Schulstress zu nehmen, diese vielleicht selbst zu suchen, brannte bei der ansonsten eher betroffen-besorgten H. wohl eine Sicherung durch.

Ich werde es nie vergessen und das hier ist wortwörtlich – sie nahm meinen SPIEGEL, warf ihn auf den Tisch und schnauzte mich an: „Du willst dich doch bloß nicht mit deiner eigenen Homosexualität auseinander setzen!“. Eine Freundin von mir warf eher verblüfft ein: „Ich glaube nicht, dass der Torsten schwul ist“. H. wandte sich an die gesamte herum lümmelnde Klasse: „Wir sind alle schwul, ob hetero oder nicht!“

Damit rannte sie raus – und ließ mich schwerst verwirrt zurück.

Die bürstenschnittige und wasserstoffblonde S. konnte ich hingegen gut leiden. Die war knallhart, zynisch und hätte für eine Zigarette dem Schulschläger den Unterarm gebrochen. Die Unterrichtsstunden verbrachte sie permanent „drehend“. Sie war symbiotisch mit D. verbunden – das waren schon keine „besten Freundinnen“ mehr, das waren „Arsch und Eimer“. Irgendwann habe ich sie mal gefragt, wie sie Silvester (1986? 1987?) verbrachte hatte. Antwort: „Gardinen zu, Blade Runner und zwei Flaschen Wodka. Ich habe den Film mit D. fünfmal hintereinander geschaut. Sie steht halt auf Harrison Ford, ich auf Rutger Hauer.“

Erstaunlich war übrigens, dass wir für eine linksliberale Schule sehr viele stockkonservative Lehrer hatten. Biolehrer W. war allerdings öffentlich aktiv in der DKP, was mich schon verwunderte, denn schließlich war das damals wegen des Radikalenerlasses eine leichtfertige Gefährdung des Beamtenstatus. Ein anderer W. war ein beinharter Wirtschaftslehrer, beleibt und leicht schmierig, mit einer erheblich zu offensichtlichen Begeisterung für frühentwickelte junge Schülerinnen. Es passten zwei Dinge zusammen – dass er Gerüchten zufolge wegen diverser „Geschichten“ schon öfter die Schule hatte wechseln müssen und dass er in seiner Geldbörse (die wir mal fanden und durchwühlten) Nacktbilder junger (aber nicht ZU junger) Dinger hatte.

Viele Lehrerinnen wiederum waren zwar links, aber mehr so gemäßigt öko-links. R. war die Ausnahme. R. war ständig im Dienst der guten Sache unterwegs, sammelte für Afrika und Kuba, spielte komische Instrumente und war bei jedem Stadtfest zur Freundschaft mit der Dritten Welt dabei. Weniger dabei war sie oft im Unterricht, wo immer wieder mal eilig schriftliche Arbeit vorgegeben wurde, damit R. danach selig-bekifft einschlafen konnte.

An einer solchen Schule war es durchaus nicht ungewöhnlich, dass auch zwischen den Lehrer „was ging“. Da war meine Englischlehrerin, der man überhöhte Zuneigung zu gleich zwei ihrer (eng befreundeten) Kollegen nachsagte. Bei einem Schulfest passten wir einen der beiden ab, denn er war bereits angemessen betrunken und auskunftsfreudig. Auf die Frage, wie er aktuell die Abende verbringe, wo die Kollegin doch in Asien Urlaub mache, antwortete er nach kurzem Nachdenken: „Masturbieren und Krimis lesen“.

Es war übrigens dieser Lehrer, der einen bemerkenswerten Effekte auf diverse Schülerinnen hatte: Wer genau aufpasste, dem fiel durchaus auf, dass einige junge Damen in der kurzen Pause vor seinen Stunden immer im Mädchen-Waschraum verschwanden, um dort die Jeans gegen Miniröcke auszutauschen…

War das nur bei uns so? Ist das noch heute so? Ich weiß es nicht…



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meine Schulen waren eher konservativ. Da war die Orientierungsstufe Birkenstraße in Hannover, die einzige ihrer Art, die mit Latein anfing. Alle Landkreisschulen in der Ecke hatten nämlich einen schlechten Ruf und die einzige Chance, denen zu entgehen, war eine humanistische Schule zu besuchen. Also wurde ich mit Beginn der 5. Klasse Schulpendler nach Hannover.
Dort versammelte sich der Bildungsbürger-Nachwuchs des Landkreises und entsprechend waren konservativ-liberale Weltbilder eher bestimmend.

Mit dem Umzug nach München (mitte der 5. Klasse) änderte sich das nicht, denn dann ging es aufs Maximiliansgymnasium. Die Eliteschule, die auch schon Leute wie Franz-Josef Strauss hervorgebracht hatte.

Da gab es zwar durchaus ein paar Mädchen, die wussten, dass sich hübsch zu machen nicht gerade schädlich war, aber ansonsten war es alles sehr bürgerlich.

Zurück in Hannover (12/13. Klasse) am Ratsgymnasium (älteste Schule der Stadt, natürlich humanistisch) hatte ich eigentlich nur einen einzigen Lehrer, der weltanschaulich so weit links war, dass ich ein Problem mit ihm hatte. Zum Glück hatte ich 3 Leistungskurse gewählt und konnte in den Grundkurs wechseln und ihm so nach einem Halbjahr aus dem Weg gehen.

Dietmar

Bis zur neunten Klasse Hauptschule beschäftigte ich mich im Unterricht zumeist damit, wie ich der nächsten Prügelei erfolgreich aus dem Weg gehen konnte. Klappte nicht immer. Was die anderen Schüler sonst so trieben war nicht auf meinem Radar. Ich war ein paar mal heftig verknallt. Und, wie ich erst spät und zu spät erfuhr, nicht immer einseitig. Aber dafür war ich zu blind.

Einer der mich sehr positiv geprägt habenden Lehrer ist später Rektor der Schule geworden und war mal auf einem Konzert von mir. Ich habe ihn nicht erkannt, als er mich ansprach. Mir fiel nur auf, dass das ein sehr netter, distinguierter Herr ist. Als es ein wenig voller wurde, weil mehrere Leute etwas von mir wollten, klopfte er mir auf die Schulter und sagte im Gehen lächelnd mich plötzlich duzend: „Du machst das schon.“ Da ratterte es etwas in meinem Kopf, mir wurde zu spät klar, wer das war und ich kam nicht mehr hinter ihm her. Das war so eine Art BATMAN-Moment, nur eben nicht auf einer Kaffee-Haus-Terrasse.

comicfreak
comicfreak

..ich war „die Seltsame“ und gelte es für die Leute immer noch. Deshalb geh ich nicht mehr auf Klassentreffen.

Schwer beeindruckt haben mich meine Kunstlehrerin Frau Rumpf (verwandt mit den gleichnamigen Künstlern) und meine Religionslehrerin Frau Hasselwander, die immer im Janosch-Pulli kam.
Außerdem der Biologielehrer Herr Weber, der wirklich jeden für alles begeistern konnte und gerne auch mal Gedankensprüngen folgte.
Nicht zu vergessen Mami Wagner, entgegen des Namens nicht mütterlich, sondern streng aber gerecht. Eine sehr gute Lehrerin.

Dietmar

Auf Facebook (good old times *sigh* 🙂 ) hatten mich zwei Mitschüler kontaktiert: Mein bester Freund aus der Zeit (wir hatten uns aus den Augen verloren) und, ich glaube, das darf man sagen, eine der absoluten Klassenschönheiten, als das noch nicht sexistisch konnotiert war. Üblich waren damals bei den Mädchen weite Sweatshirts, Jeans und Turnschuhe. Nicht so Kerstin. Wir hatten nie miteinander gesprochen, aber sie war und ist toll. Verknallt war ich aber in Beate.

Und auf Klassentreffen gehe ich auch nicht.

comicfreak
comicfreak

..ich vermiss dich schon so ein bisschen 😉

Dietmar

Ich Dich sehr! Aber, eine meiner schlechten Eigenschaften: Konsequenz.

Marcus
Marcus

Konsequenz wird überbewertet. Immer. 😉

Friesische Bergwacht
Friesische Bergwacht

Die Schulzeit, lang, lang ist’s her. Über 20 Jahre. Was auf nahezu jeden aus meinem Freundeskreis zutrifft. Keinen davon kenn ich noch aus der Schule. Aber irgendwie müssen die alle auf tolleren Schulen gewesen sein als ich: Noch heute ist „Schule“ bei vielen von denen Thema, noch heute besteht deren Freundeskreis oft noch aus gar nicht mal so wenigen „Schulkameraden“. Der blasierte Teil von mir bevorzugt die Interpretation, dass in meinem Leben auch und gerade nach der Schulzeit noch genug Spannendes passiert ist, so dass ich keine Schul-Nostalgie brauche. Der realistischere Teil von mir sieht ein, dass ich damals, vorsichtig gesagt, nicht Jedermanns Liebling war und für mich Schule tatsächliche eher Lernort war als Freundschafts- oder gar Beziehungs-Anbahnungsort.

Klassentreffen? Ich sag die entsprechenden Einladungen noch nicht mal ab, selbst dazu ist mir das alles zu egal.

Crook
Crook

Mein Schulalltag begann zwar erst 1990, weshalb es thematisch natürlich nicht ganz in die 80er passt, aber ich denke, ich hatte – trotz aller äußerst durchschnittlicher bis ausreichender Noten – eine recht gute Schulzeit. Gerade in der Oberstufe habe ich die gute Jahrgangsgemeinschaft sehr genossen, gerade weil ich nie einem richtigen Freundeskreis angehörte, sondern mich mal der einen oder mal der anderen Gruppe anschließen konnte. Rückblickend hätte ich mir gewünscht, dass ich mir bereits zu Schulzeiten Freundschaften aufgebaut hätte und nicht erst später während der Uni. Aber ich war halt ein sehr ruhiger und schüchterner Mensch, der auch nicht jedes Wochenende Party machen musste. Folglich lebte ich auch Verliebtheitsphasen lieber in Ruhe für mich aus, ohne sie an die große Glocke zu hängen und ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen…

Dennoch ist der Kontakt mit einigen Mitschülern nie abgebrochen. Noch heute schafft es ein achtköpfiger Teil des Geschichts-Leistungskurses (inklusive mittlerweile 74-jährigem Lehrer und mir), sich mindestens einmal jährlich zu treffen – und das mittlerweile 15 Jahre nach dem Abi. Das finde ich immer noch eine beeindruckende Leistung, auch wenn ich mittlerweile in einem Alter bin, in dem Familie und Hausbau deutlich an erster Stelle stehen und in dem es immer schwieriger wird, einen Termin zu finden bzw. alle an einen Tisch zu kriegen.

Der Altersdurchschnitt der Lehrer lag zu meiner Schulzeit übrigens bei über 50 Jahren, wurde aber in den Folgejahren kontinuierlich verjüngt, sodass die Schule meinem Gefühl nach deutlich frischer und weniger konservativ aufgestellt ist als damals, als ich es noch mit etlichen Urgesteinen mit eingefahrenen Unterrichtsmethoden zu tun hatte, denen man teilweise die Unlust und Freude auf die bevorstehende Rente deutlich anmerkte.

Matts
Matts

Da ich den größten Teil meiner Schullaufbahn in der 90ern verbracht hab, ging es bei uns (bis auf ein paar Ausnahmen) deutlich weniger politisch zu als beim Wortvogel. Wir mussten uns vor allem damit rumschlagen, dass das Schulgebäude teilweise fast schon über unseren Köpfen einstürzte. Es war ein großes Gymnasium ein einer kleinen Stadt mit weitem Einzugsbereich. Mindestens zwei der Lehrer waren schwere Trinker und einer hat schon sehr deutlich in die Ausschnitte von Schülerinnen geglotzt, aber wenigstens seine Hände bei sich behalten. Mein Lieblingslehrer war der Biologielehrer T., der erheblich zu meiner Entscheidung, Biologie zu studieren, beigetragen hat, und bei dem ich sogar in der Schulgarten-Gruppe war.
An der Schule hat sich auch mein engster Freundeskreis gebildet, der bis heute besteht. Wir waren eben die Nerds: In den Pausen sind wir zusammengehockt und haben über Filme und Videospiele gequatscht. Etwas Mobbing blieb da auch nicht aus – aber richtig verhauen wurde ich nie.
Auf die Klassentreffen gehe ich hin und wieder.

Tantejay

zuviele Schulen. 5./6. in einer verbracht, dann die 6. wiederholt in einer anderen. Die 7. in der nächsten. 8 und 9 in der wiederum nächsten. Danach Handelsschule und Höhere Handelsschule in einer weiteren.

Jede war eigen. 5./6./6. war Gymnasium, 7 bis 9 Hauptschule. Fachabi dann über Handelsschule und Höhere Handelsschule.

Viele Umzüge der Eltern bringen sowas schon mal mit sich. Vor allem, wenn man Sturkopf ist, nicht umziehen will und sich in der Schule komplett verweigert und der Vater dann entscheidet, als Strafe das Kind zur Hauptschule zu schicken. „Wird sie schon noch sehen, was sie davon hat“. *g*

Der miese Seiteneffekt? Ich weiß wenig Anekdoten. Die sind alle verschwunden 🙁
Genauso wie die Klassenkollegen aus dieser Zeit. 🙁

Hendrik+M

Ich bin 1990-1994 zur Grundschule gegangen, 1994-2004 dann auf’s Gymnasium – das Abitur aber verkackt. Mir fällt dabei auf, dass gerade die Grundschulzeit sich noch wie die späten 80er Jahre anfühlte, vor allem was technische Ausstattung etc. anging.
Außerdem gab es irgendwie eine Schwemme an Lehrerinnen. Wir hatten in der Grundschule sage und schreibe nur einen einzigen männlichen Lehrer. Auf dem Gymnasium wurde das dann etwas besser, dennoch fällt auf, dass in den 90er Jahren bis frühen 2000ern vor allem weibliche Lehrkräfte en vogue waren.
Ein Klassen- bzw. Jahrgangstreffen hatten wir bislang noch nie, auch 14 Jahre nach dem Verlassen der Schule nicht.
Zu einigen Schulfreunden von früher hat man noch Kontakt, aber leider nicht mehr so oft oder intensiv wie früher, da ich 2006 aus beruflichen Gründen von Hamburg (bzw. Norderstedt) nach Berlin gezogen bin und es viele andere Schulkameraden auch in alle Himmelsrichtungen verstreut hat.
Im Herbst letzten Jahres habe ich mich mit meinem früheren Deutschlehrer getroffen, als dieser in Berlin war, der auch quasi der Grund dafür war, dass ich später Deutsch-Leistungskurs wählte. Das war ein sehr schönes und interessantes Treffen. Anscheinend hatten gerade viele kreative Lehrer mit modernen Methoden unter den oft noch sehr konservativen Rektoren zu leiden.

Hendrik+M

Ach, und wir waren zwar alle politisch mehr oder weniger gut gebildet (der wöchentliche SPIEGEL war für mich ab der 10. Klasse Pflichtlektüre, ebenso die Sabine Christiansen-Polittakshow sonntags nach dem TATORT), aber politisches Engagement gab es in den 90er Jahren selbst unter dem Bildungsbürgerschicht-Nachwuchs kaum, keine Demo-Besuche. Nichts.
Vielleicht liegt das daran, dass die 90er Jahre halt doch größtenteils das „Spaßjahrzehnt“ waren, das letzte Jahrzehnt der Leichtigkeit, bevor der 11. September 2001 und der Neoliberalismus alle Sicherheiten niederriss.

Friesische Bergwacht
Friesische Bergwacht

„Das letzte Jahrzehnt der Leichtigkeit“: was für ein verquaster Quatsch.

Dietmar

Eine Kurskameradin von mir, Jahrgangsbeste und sehr sympathisch, hat mitten im Balkankrieg Urlaub gemacht. Im ehemaligen Jugoslawien. Eine besondere Form der Leichtigkeit…

Tim

Das ist kein „verquaster Quatsch“. Du hast halt keine Ahnung von Zeitgeschichte. Aber Unwissen trägt oft Borniertheit vor sich.

Friesische Bergwacht
Friesische Bergwacht

Du meinst also, es spräche für „Ahnung von Zeitgeschichte“, wenn du ganze Jahrzehnte subjektiv mit Etiketten versiehst? Meine 90er, dein „Spaßjahrzehnt“, bestanden in Bombenangriffen auf Bagdad und darauffolgender Bodenoffensive, und aus unglaublich schlimmen Abenden im Haus meiner damaligen Freundin, einer Bosnierin. Aber in einem du hast Recht: „Unwissenheit trägt oft Borniertheit vor sich.“

Tim

Man muss keine Jahrzehnte labeln, aber man kann sie sehr wohl einordnen, auch die 90er. Natürlich diskutiert man Anfang und Ende (z.B. „die langen 60er Jahre“). Mit den übergreifenden Ereignissen ist die persönliche Erfahrung verknüpft, auch wenn sie völlig subjektiv erlebt wird und von vielerlei Einflüssen geprägt ist.

@friesische Bergwacht: Es ist ein großer Unterschied, ob man schreibt, dass man persönlich keine guten Erinnerungen an die 90er hatte, oder einfach „verquaster Quatsch“ hinrotzt.

Howie Munson
Howie Munson

Also ich halte die Zeit zwischen „Ende vom Kalten Krieg“ und „nine-eleven“ durchaus auch unter objektiven Gesichtspunkten für eine wenig bedrohliche Zeit für den durchschnittlichen Heranwachsenden in Deutschland und die Loveparade ist halt auch in den 90er geprägt worden.

Mag sein das die „goldenen 20er“ spaßiger waren, aber irgendwelche Kriege gab es da vermutlich auch auf der Welt…

Peroy
Peroy

Dummer Scheiss.

Alex
Alex

Meine Schulzeit hat vor drei Jahren geendet und war eher das Gegenteil. Bei uns wurde nicht mit linker, sondern mit rechter Ideologie geliebäugelt, insbesondere Antisemitismus, Homophobie und dem „Führer“. Natürlich alles nur ironisch und „gar nicht so gemeint“, als homosexuell oder jüdisch hat sich dennoch an der ganzen Schule niemand geoutet.
Das Kollegium war dagegen fast ausschließlich moderat links und grün. Aber nur von der politischen Überzeugung, gelebt wurde gutbürgerlich.
Pedolehrer hatten wir natürlich auch, und das haben wir auch ausgenutzt.
Das sich Schülerinnen für Lehrer auf der Schultoilette umgezogen hätten, habe ich nicht mitbekommen. Bei uns wurden da Haare geglättet für Instagram. Allerdings hatte ich auch nie Kurse bei den hübschen Lehrern.

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

„Mädchenwaschraum“, ernsthaft? Ich dachte, diesen saublöden Euphemismus gäb’s nur bei den Amis.

Jaaa, Schulzeit … kaum etwas im Leben habe ich lieber verdrängt als diese zehn Jahre (’68 bis ’78), und trotzdem kleben da genug Erinnerungsfetzen im Hirn, von den Demütigungen und Verletzungen durch diverse Mitschülern und auch Lehrer, vom Hausnazi, der eine seiner Töchter in den Suizid und die andere und ihre Mutter in die Therapie trieb, vom Sportlehrer, der gern mal nach Schulschluss blieb, um den fetten Schlaumeier auch noch durch den letzten Kilometer des 5000m-Laufs hetzen zu können.

Gute Erinnerungen … kaum, schon weil ich viel zu mißtrauisch wurde/war, um Zuwendung anzunehmen. Einen gab es, einen Deutschlehrer, der es tatsächlich schaffte, zu mir durchzudringen.

Glücklicherweise habe ich Mitte der 1990er nochmal angesetzt und Abi nachgemacht und da Schule erlebt, wie sie sein sollte; und von der Klasse trifft sich immer noch ein harter Kern jedes Jahr.