Ich werde dieses Jahr 50. Das schreibe ich ohne Wehmut. Ich werde nämlich gerne 50. Das Alter, Zipperlein und Brille inklusive, schreckt mich nicht. Und darum werde ich auch mit einem gewissen Wohlwollen über mein Leben schreiben, wenn es in die zweite Halbzeit geht. 20 Jahre Kindheit und Jugend in Düsseldorf, 25 Jahre pralles Leben in München, 5 Jahre die neue Rolle als Ehemann und fest angestellter Schreiberling.

Bis dahin werfe ich dann und wann ein paar nostalgische Brosamen hier rein.

Beim üblichen Aktenwühlen zum Jahresbeginn bin ich z.B. auf dieses Foto gestoßen:

Betreiben wir doch mal ein wenig fotografische Forensik…

Die Einblendung zeigt: Es ist im September 1993 gemacht worden, vermutlich als Test mit meiner ersten „richtigen“ Kamera (gekauft von einem GONG-Kollegen, der gerne geliehene Rezensionsmodelle zu Geld machte). Schaut man genauer hin, kann man viel über mich und meine Zeit erfahren.

Das hier war nicht meine erste Wohnung (siehe meine WG in Düsseldorf), nicht mal meine zweite (siehe mein Apartment in der Gabelsbergerstraße). Aber es war die erste Wohnung, in der ich mehrere Zimmer zur Verfügung hatte, einen Keller, einen Garagenstellplatz, einen Balkon. 2 Zimmer Küche Diele Bad, ganz klassisch, 50 Quadratmeter, Nymphenburger Straße 90d. Einen Spuck weit zur CSU-Zentrale, zum Irish Pub „Fiddler’s Green“ und zum Cinema Kino.

Nachdem ich meine vorherigen Unterkünfte rein nach Notwendigkeit und Verfügbarkeit eingerichtet hatte, versuchte ich in der Nymphenburger Straße, so etwas wie „Stil“ zu entwickeln. Ich testete aus, was mir gefiel, was zusammen passte, was ich Gästen zeigen wollte. Rückblickend waren die Ergebnisse eher so meh.

Es war meine erste „richtige“ Wohnung – und das hier ist mein erstes Wohnzimmer gewesen. Zumindest die Ansicht zur „Mediawand“, wie ich das gerne nannte. Zur Orientierung: links daneben kam die Tür zur Diele, rechts ist die Tür zum Balkon, vorne links im Bild sieht man den gläsernen Esstisch, den ich für zu viel Geld vom Vormieter übernommen hatte.

Das spacige Unterbringungsmöbel an der Wand verdanke ich meinem damaligen Kumpel Harald Matzke, dem Herausgeber des Fanzines „Beyond the door“. Er und seine Frau (es schien mir unfassbar, dass der schon verheiratet war – wir waren doch alle noch so jung!) hatten sich auf etwas mehr Holz geeinigt und wollten die Glas/Metall-Konstruktion loswerden. Ich hatte bis dahin nur IVAR von IKEA gehabt und freute mich über etwas mehr Design im Wohnzimmer. Es war die Zeit, als wir Glas und Metall und Acryl noch für ziemlich cool hielten – bis wir permanent Staub wischen mussten…

An der Decke übrigens: Stahlseile mit einem Niedervolt-Lichtsystem. Damals schwer angesagt, weil hell und stromsparend, aber eigentlich eklig kalt. Und NATÜRLICH besaß ich den damals fast unverzichtbaren Halogen-Deckenfluter.

Ich hatte die Regalwand genau ausgemessen, um sicherzustellen, dass der kleine Röhrenfernseher da rein passt. Heute kann man sich vermutlich kaum noch vorstellen, wie dominant der Fernseher bis ins neue Jahrtausend war – er bestimmte quasi den Großteil der Wohnzimmereinrichtung und Ausrichtung. Ich hatte extra ein eher kleines Gerät gekauft, weil mir dieser TV-Altarismus auf den Wecker ging.

Auf dem Fernseher unschwer zu erkennen: Schwarzweißaufnahmen der Krönungsfeierlichkeiten von Queen Elizabeth II. Kein Wunder: 1993 feierte die Welt ihr 40. Thronjubiläum.

Wo ein Fernseher war, war in den 90ern auch ein Videorekorder. Der steht ganz unten unter den relativ hochwertigen Pioneer-Hifi-Komponenten, die ich mir auf Anraten meines Bruders gekauft hatte. Eigentlich eine Verschwendung, denn ich höre traditionell wenig Musik und habe auch kein Ohr dafür. Im Gegenzug habe ich mich dann permanent geärgert, dass ich keine Fernbedienung hatte. Man macht sich heute selten klar, was für ein Volumen Stereoanlagen und zugehörige Boxen verlangten. „Dank“ der Akustik musste man ja auch genau überlegen, wo man das alles aufstellt.

Unten sieht man denn auch einen vergleichsweise kleinen Stapel CDs, erkennbar nur: „Black“ von Black, ein etwas enttäuschender Nachfolger von „Comedy“, bis heute ein Klassiker des smoothen Sophistipop:

Egal, zurück zum Videorekorder. Ich meine, das ist noch mein allererster gewesen, von ITT Nokia (eine Firma, die es so nicht lange gab). 800 Mark, die ich mir von meinem Opa geliehen und dann abgestottert habe. Ich habe ihn erst ausgetauscht, als er anfing, das Videoband beim Abspielen der Länge nach durchzuschneiden.

Ich tue mich ein wenig schwer mit der Frage, was genau die kleine schwarze Box links im Regal ist. Meine Vermutung: ein früher Premiere/DF-1-Dekoder, den ich als „Journalist“ relativ günstig gestellt bekam. Die Hand ins Feuer legen kann ich dafür allerdings nicht. Zweite Möglichkeit: Mein erster Standalone-CD-Player von Philips, 240 Mark. Meine erste eigene CD btw: „War of the Worlds“ von Jeff Wayne.

Rechts neben dem Fernseher zu erkennen – das Bang & Olufsen Beocom 2000, das ich ebenfalls einem Kollegen abgekauft hatte. Vor der Einführung von schnurlosen Telefonen galt das als absolutes Technik-Highlight:

Die Fläche unter dem Display konnte man mit einem Bleistift vollkritzeln und wieder abwaschen. Falls das nicht reichte, war unter dem Schiebefach ein Notizblock zu finden.

Neben dem Telefon stand ein Anrufbeantworter von Panasonic – der legendäre 1455:

Den hatte damals jeder, der was auf sich hielt. Ich meine, in einem Thriller wäre genau dieses Modell sogar mal zu einer Bombe umgebaut worden („Knight Moves“ von Schenkel?). Es hatte etwas unfassbar Cooles, am Feierabend die Jacke aufzuhängen und dann entspannt den „Play“-Knopf auf dem AB zu drücken.

Das Plakat von „JFK“ hatte ich an der Wand, weil ich kurz vor dem Einzug erstmals eine Filmbörse besucht hatte. Es ging mir weniger um die Filme, mehr um die Ästhetik der Poster – „JFK“ und „Rocketeer“ hatten lange Zeit einen stolzen Platz. Gerahmt natürlich – ich würde ein Plakat niemals einfach so an die Wand klatschen.

Aber da ist noch mehr – vieles, was meine Teenager-Zeit in den 80ern referenziert.

Seht ihr z.B. oben links auf dem Regal das kleine Schälchen auf den drei Metallbeinen? Da stellte man ein Teelicht drunter, um Duftöle zu aktivieren. Ebenso wie das Teenager-Teeservice mit einem halben Dutzend widerlicher Sorten (Kirsch-Vanille) hatte man das damals. Warum man interessiert war, die ganze Wohnung nach Rosenblüten oder Mango riechen zu lassen, erschließt sich mir heute nicht mehr.

Direkt daneben: ein Nagelbrett. Hatte man damals auch gerne. Unsterblich gemacht durch dieses großartige Video von Midge Ure:

Auch hier weiß ich nicht mehr, was Sinn und Zweck dieses Teils war. Aber es war Zeitgeist. Konnte man auch gut verschenken.

Meine erste „Hausbar“. Martini, Sherry, Whisky, wenn ich mich recht erinnere. Die Bar wurde über die Jahre größer, es kamen Vodka und Liköre dazu. Wisst ihr, wie oft ich mir oder Gästen im Verlauf von 15 Jahren und in fünf verschiedenen Wohnungen einen eingeschenkt habe? Null mal. Die Bar war eine klassische blöde Idee – ich dachte, ein echter Mann braucht so etwas. Braucht kein Mensch. Das bisschen Alkohol, was ich in meinem Leben getrunken habe, kam aus dem Kühlschrank oder aus dem Cocktail-Mixer hinter dem Tresen einer Bar. Die Lektion: Man muss nichts kaufen, nur weil man glaubt, „Erwachsene“ bräuchten so etwas.

Was die Bücher auf dem obersten Regal angeht – eine achtzehnbändige „Kulturgeschichte“. Hatte ich mal in einem Anfall an Anspruch gekauft. Nie gelesen. Wurde 2002 in einer Kiste auf die Straße gestellt. Hat sicher jemand mitgenommen, der sie dann auch nicht gelesen hat. Merke: Bücher kauft man aus ehrlichem Interesse, nicht aus der Annahme heraus, sie könnten einen zu einem besseren Menschen machen.

Neben der Kulturgeschichte sind die vier Pappboxen einer Kultfilm-Edition zu erahnen. Ich weiß noch, dass „Die sieben Samurai“ und „Citizen Kane“ dazu gehörten.

Die zehnbändige rosa Buchedition? Keine Ahnung, was das gewesen ist.

Ein weiteres Mysterium? Der „klingon bird of prey“ oben rechts auf dem Regal. Ich war zwar ein Trekker, aber Modelle aufstellen fand ich immer schon albern. Und wieso ein Klingonen-Raumschiff? Hatte mir das wer geschenkt? Ich kann mir ehrlich nicht vorstellen, das Teil (für Geld!) gekauft zu haben…

Und ja – ganz rechts unten auf der spiegelnden Ablage sitzt Marlowe. Seufz.

So war ich damals eingerichtet. Nicht unüblich für die Zeit und für mein Alter, viele Klischees bedienend, wenn auch mit einem sehr auffälligen Streben, erwachsener und organisierter zu wirken, als ich es damals war.

Der primäre Nachteil der Regalwand war, dass man nur „Design“ draufstellen konnte, weil es keine geschlossenen Abteile gab, die auch Kram aufnehmen konnten. Und die Konstruktion sorgte dafür, dass man jedes Kabel sah – und Kabel gab es damals tonnenweise. Es war kaum möglich, einen „aufgeräumten“ Look hinzubekommen. Darum habe ich die Regalwand auch nach einem oder zwei Jahren wieder verkauft und durch eine damals übliche Möbelhaus-Installation ersetzt:

Auch nicht schicker, aber wenigstens konnte ich ein paar Sachen einfach in die Schubladen schmeißen.

Ich bin ein bisschen froh, dass man auf den Bildern meine Sofas nicht sehen kann. Ich habe ein etwas schwieriges Verhältnis zu Sofas. Ich kaufe sie mit Begeisterung, nur um nach zwei Tagen festzustellen, dass sie mir eigentlich doch nicht gefallen. So könnte ich mir vorstellen, dass der orangene Bogen auf dem obigen Bild unten links mein lachsfarbenes Sofa von Mam Limited ist, das keine Seitenlehnen besaß, sich aber zu einem tropfenförmigen, unbequemen Bett ausklappen ließ. Noch bevor es geliefert wurde, hatte ich schon eine Alternative bestellt – eine riesige schwarze Glattleder-Kombination von der Metro. Grausam.

Manchmal hätte ich in den frühen 90ern einfach jemanden gebraucht, der mir einen Klaps auf den Hinterkopf gibt und „Mach‘ keinen Scheiß!“ sagt. Die jungen Jahre – sie sind wahrlich Lehrjahre. Vor allem geschmacklich.

P.S.: Ich selbst sah übrigens damals so aus:



Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
Sebastian
Sebastian

Kliiiitzekleiner Hinweis: Das ist kein Bird of Prey, sondern ein D5- oder auch D7-Kreuzer (Kann ich nicht direkt auf die Distanz erkennen). Ansonsten: Wunderschönes Nostalgie-Bonbon! Vielen Dank dafür!

Dietmar

Ich weiß, wofür das Nagelbrett gut war: Zum sinnlosen Herumspielen! Cool. 🙂

S-Man
S-Man

Bzgl dem Krönungsjubiläum. Ich war relativ sicher, dass sie 2012 das 60. hatte. Deswegen wurde ich stutzig. Habe mal nachgeschaut, Wikipedia sagt auch: Krönung 1952.

Warum hat sie dann 1993 ihr 40. Jubiläum gehabt?

Stefan
Stefan

Ich würde auf CD Player Tipp. DF1 gab es glaube ich erst ab 1996 mWn. Und so viel zeitiger werden die Receiver wohl kaum ausgeliefert haben 😉

whocares
whocares

Es handelt sich auch nicht um einen Premiere-Analog-Decoder, denn weder das markante Lüftungsgitter auf der hinteren Hälfte der Oberseite, noch die Tasten sind auf dem Photo zu sehen (von dem fehlenden Schlüssel ganz zu schweigen). Außerdem ist das Gehäuse zu flach.

joersch
joersch

Danke für diese wundervolle Zeitreise !

comicfreak
comicfreak

..was sagt das über mein Alter aus, dass ich das erste Bild gesehen habe und dachte „schick!“?
*seufz*

Ach ja, Sofas …
wir hatten das erste gebraucht vom Schwager übernommen, uns dann 1997 eine schwarze Ledercouch geholt, und die haben wir heute noch, weil uns nichts begegnet ist, das uns gefallen hat 🙁

Aktuell suche ich einen Rundnadel für Leder, um ein paar Nähte zu flicken. Notfalls muss ich was schmieden

barryW
barryW

Die rechte Flasche könnte ein Sandeman fino Sherry sein, im alten 90´s Design, die mittlere rote Flasche besteht leider nur aus gefühlten 6 Pixel, die linke Flasche ist ein 10 jähriger Laphroaig Single Malt aus Schottland.