Irland 2017. Regie: Brian O’Malley. Darsteller: Eugene Simon, Bill Milner, Charlotte Vega, Moe Dunford, David Bradley, Roisin Murphy u.a.

Offizielle Synopsis: Kurz vor Mitternacht werden Rachel und Edward unruhig im Anwesen ihrer verstorbenen Familie. Etwas regt sich, jede Nacht um zwölf. Kriecht durch die staubigen Gänge, kauert in den dunklen Winkeln. Die Zwillinge wissen, ihnen bleibt nicht viel Zeit. Schnell müssen sie aufs Zimmer, denn nur dort sind sie sicher. Noch. Zumindest, solange sie den eisernen Regeln folgen: rechtzeitig im Bett zu sein, nie das überwucherte Anwesen verlassen und keiner Seele Eintritt gewähren. Wer hat die Gebote aufgestellt und was wird passieren, wenn Rachel sie wieder bricht? Der Bruder hat echtes Tageslicht seit Jahren nicht gesehen, die Schwester jedoch zieht es zunehmend nach draußen. Dort verliebt sie sich in Sean. Ein Fremder – das wird den Zorn der „Lodgers“ wecken.

Kritik: Ich bin ja ein Sucker für viktorianischen Grusel der alten Schule, auch wenn es sich bei „The Lodgers“ eher um post-viktorianischen Grusler handelt (er spielt 1918). Eine besondere Erwartungshaltung rechtfertigte zudem der Regisseur, dessen „Let us prey“ mich 2014 massiv beeindruck hat.

Aber diesmal sollte es nicht sein –  trotz exquisiter Ausstattung, hervorragenden Darstellern und einer mitunter sehr effektiven Spannungsregie ist „The Lodgers“ unter dem Strich eine eher mäandernde, melodramatische statt dramatische Nummer, die sich zu sehr an ihrem dünnen Setup festklammert, statt darauf aufzubauen.

Nach knapp zehn Minuten wissen wir bereits, worum es geht, weil auch alles, wir ahnen können, von den beteiligten Figuren ausgesprochen wird: Rachel und Edward sind Zwillinge, Kinder von Inzest (ihre Eltern waren ebenfalls Zwillinge). Die Idee, dass die Geschwister der Familie immer wieder Geschwister zeugen und dann ins Wasser gehen, wird weder erklärt noch mit einer Dringlichkeit versehen. Unter dem Haus gibt es wohl das sprichwörtliche „Es“, was mit schröcklichen und förchterlichen Strafen droht – die aber nie konkretisiert werden. Warum z.B. Rachel nicht einfach das Anwesen verlässt, wird an keiner Stelle plausibel erklärt.

Und dann kommt es, wie es kommen muss: Rachel verliebt sich in einen jungen Mann aus dem Dorf, Edward fürchtet um sein „Recht“ auf die erste Nacht mit der Schwester, ein Vermögensverwalter der Familie wird gemeuchelt und irgendwann gehen alle (wortwörtlich) ins Wasser. Tragisch.

Wie gesagt: Das ist alles schick gefilmt, gut ausgestattet und mit einigen beeindruckenden visuellen Ideen umgesetzt. Aber es hat die Geschwindigkeit viktorianischer Buchcover und den Drive einer Londoner Kutsche. Alles wirkt überinszeniert, über-dacht, überpoliert. Die visuellen Keys des Genres werden derart penetrant bedient, dass „The Lodgers“ fast schon in eine Parodie abzurutschen droht. Besonders hart erwischt das Rachel, deren jungfräuliche Backfischattraktivität geradezu obsessiv in Szene gesetzt wird – jedes Bild ein Gemälde. Sie setzt sich nicht, sie sinkt dahin. Sie geht nicht, sie schreitet. Sie läuft nicht, sie eilt. Sie liegt nicht, sie ist drapiert.

Vielleicht wäre der Film besser geworden, wenn es sich bei David Bradley NICHT um den Darsteller aus „Doctor Who“ und „Harry Potter“ handeln würde, sondern um den Namensvetter aus „American Ninja 3“?

Wir werden es nie erfahren. Dass gerade O’Malley, der in seinem letzten Film so ein Gespür für reduzierte, sehnige Spannung bewiesen hat, derart in pudrige Gefühlsduselei verfällt, erschüttert mich schon ein wenig.

Letztlich könnte man „The Lodgers“ auch als Prequel zu „The Fall of the House of Usher“ lesen – das inzestuöse Geschwisterpaar, der lichtempfindliche Bruder, gekettet an das Anwesen, gestört von einem Fremden, der die Schwester in Liebe sucht, was im zwangsläufigen Untergang des Clans endet. Aber das wäre vermutlich zuviel der Interpretation.

Fazit: Eine üppige, aber halbgare Schauermär von hinderlicher Ernsthaftigkeit, der mehr Mythos und weniger Pathos den notwendigen Druck hätten verleihen können. Trotz wertiger Produktion leider nur 6 von 10 Punkten.

Das Grummeln der Kinosaurier

Markus Nowak: „Liebevoll gemachter Gothic-Grusler, aber auch überraschungsarm. Charlotte Vega sollte man aber im Auge behalten…“

Philipp Seeger: „Betulich und niedlich, aber dafür eben auch ohne Pepp.“



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Marcus
Marcus

Das Corpus Delicti einer längeren Diskussion nach dem Kölner Screening. Alle meine Mitstreiter fanden den toll, aber ich musste leider den Meckerkopp spielen und Wasser in den Wein kippen.

Man missverstehe mich nicht – der ist toll gemacht, gut gespielt, und vom Stil und der Atmosphäre her müsste das eigentlich genau mein Ding sein. Dass er langsam und humorlos ist, stört mich nicht, nicht in diesem Genre. It’s not a bug, it’s a feature.

Mein Problem war: die Grundidee, der mythologische Kern war mir einfach zu bemüht, zu konstruiert.

Ich meine, ich hab das doch richtig verstanden: ihre Ururureltern haben einmal Zwillingsinzestsex und bringen sich um, und deshalb werden sie jetzt immer wiedergeboren und sind dazu verdammt, das Gleiche immer wieder zu machen, und sie werden außerdem von den Geistern ihrer alten Inkarnationen verfolgt, die sie zwingen, sich in ihrem Haus von der Außenwelt abzuschotten und immer vor Mitternacht zu Bett zu gehen? Häh? Was? Das ist doch total an den Haaren herbeigezogen, oder? Man könnte die „Regeln“, denen sie folgen müssen, nach Belieben abändern („Vergesst das mit der Zubettgehzeit und dem „Zutritt üfr Fremde verboten“, ab jetzt gilt: ihr dürft nur noch fliederfarbene Hosen tragen und müsst jeden Abend um Punkt 17 Uhr Rosenkohl essen, oder wir kommen, um euch zu holen, buuuuuhuuuuuuh!“) und es würde nicht mehr oder weniger schlüssig rüberkommen als wenn man es so lässt, wie es im Film ist. Da ist es fast zweitrangig, dass der Film, wie du schon sagst, nie wirklich erklärt, was denn passieren würde, wenn sie sich einfach tagsüber aus dem Staub machen, oder was ihre diversen „Vorfahren“ daran gehindert hat, genau das zu tun.

Und deshalb konnte ich mich nicht so richtig auf den Film einlassen, und so gut er gemacht ist, ich kann ihn über weite Strecken eher respektieren als wirklich lieben. Your mileage may vary. 7/10.

Peroy
Peroy

„Eine besondere Erwartungshaltung rechtfertigte zudem der Regisseur, dessen „Let us prey“ mich 2014 massiv beeindruck hat.“

Das verzeihe ich dir auch nie… irgendein dicker, weiser Mann hat mal gesagt „Film existiert nicht im Vakuum“. Recht hat er gehabt…

Thies
Thies

Dieses Jahr ist dann auch Hamburg endlich mal zu seinen „White Nights“ gekommen. Aber nur im Kino, denn vor der Türe wäre ein für diese Stadt typischerer Titel wie „Rainy Nights“ angemessener gewesen. *g*

Der Einstieg war dann auch angemessen feucht und kühl. Die Stimmung der Story wird wie erwähnt gut eingefangen, aber es fehlte das gewisse Etwas. Als müsste man uralten Benimm-Regeln gehorchen wird das Rätsel der Geschwister immer nur in dezenter Nähe umkreist. Der Thrill beschränkt sich vor dem Finale auf Andeutungen und Ablenkungen.

Aber auch zum Schluss hin hat man das Gefühl, dass der Regisseur vor allzu grellen Effekten zurück schreckt, was bei Ansicht seines Vorgängers „Let us prey“ nicht wirklich Sinn ergibt. Roger Corman hätte mit einem Setting wie diesem bestimmt einen genüsslicheren Zugang zu dem Stoff gefunden. Alleine schon um mit den Poe-Anleihen mehr Profit zu machen. 😉