Dies wird ein entscheidender Eintrag in meinem Lauf-Tagebuch, zu dem sich mein Diät-Tagebuch in den letzten sechs Monaten entwickelt hat.

Wir erinnern uns: Mein erster Lauf in einem Fitnessstudio war ein Debakel. Wenigstens konnten mir einige Leser versichern (auch auf Facebook), dass ich nicht der Einzige mit diesem Problem war/bin. Es mag auch damit zu tun haben, dass es auf dem Laufband einfach erheblich egaler ist, ob man abbricht, wenn man keinen Bock mehr hat. Man sieht die Strecke nicht vor sich, hat keinen Rückweg zum Auto zu bestreiten. Es lähmt ein wenig die Motivation.

Nun habe ich in Sachen Fitness ja noch einen zweiten Pfeil im Köcher – das Edelstudio hier in Baden-Baden mit dem kostenlosen 2 Wochen-Probeabo. Weit mehr als eine bloße Muckibude:

Wieder mache ich bei meinem ersten Besuch klar, dass ich keine aufdringlichen Gespräche mit Angestellten wünsche, die mir einen 24 Monats-Vertrag ans Herz legen wollen. Ich will erstmal nur laufen, erstmal nur testen. Man akzeptiert das.

Vielleicht liegt es daran, dass ich diesmal emotional besser vorbereitet bin – es läuft erheblich weniger frustrierend ab als zwei Tage zuvor in Rastatt. Ich fahre drei Kilometer auf dem Rad, um die Muskulatur aufzuwärmen, dann steige ich auf das Laufband, stelle es auf 9 Stundenkilometer ein. Dank der einsetzenden Dunkelheit draußen sehe ich primär mich selbst in der Reflexion der Scheibe. Irgendwie erinnert mich das konzentrierte Aufderstellelaufen an „The Flash“. Mir geht nur ein wenig die Speedforce ab.

17.11.2017

Auch diesmal ermüde ich schneller, als ich es von meinen Freiluftläufen gewöhnt bin, aber ich zwinge mich, 30 Minuten und damit knapp 5 Kilometer durchzuhalten. Danach fünf Minuten zum Abkühlen und abschließend quäle mich noch einmal mit einem sehr schnellen Kilometer. Das ist nicht viel, aber es reicht.

Klasse wäre natürlich, im Anschluss an das Training den luxuriösen Pool und das Dampfbad auszuprobieren, aber ich habe meine Badehose vergessen. Kein Problem. Das werde ich nachholen.

Wir halten fest: Studio ist erheblich angenehmer als ein Lauf im eiskalten Regen gegen den Wind. Außerdem erlaubt die Menge der vorhandenen Möglichkeiten einen recht interessanten Trainingsmix. Ich bin allerdings nicht sicher, ob ich mich dabei nicht verzetteln würde. Außerdem soll das alles auch nicht zu kompliziert, nicht zu unspontan werden.

Am Sonntag könnte ich wieder in Studio, aber die LvA hat sowieso am Vormittag eine Stunde mit der Trainerin und ich angesichts soliden Wetters will ich wieder im Stadion laufen. Mein letzter regulärer Außenlauf ist fast zwei Wochen her und ich muss für mein Selbstbewusstsein sehen, ob der alte Rhythmus noch intakt ist. Angesichts der mageren Lauferergebnisse im Studio setze ich mir mit 6 Kilometern ein eher reduziertes Ziel.

Playlist:

„My own true ghost story“ von Rudyard Kipling

„The man in the bell“ von William Edmondstoune Aytoun

19.11.2017

Gut gelaufen, im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht mehr, nicht weniger. Ich beschließe, am Nachmittag noch mal ins Studio zu gehen, ganz entspannt ein paar Kilometer draufzulegen und den Pool und das Dampfbad zu nutzen. Stattdessen entscheiden wir uns, Kekse zu backen. Man muss seine Prioritäten richtig setzen können.

Ersatzweise gehe ich am Montag ins Studio. Weil seit dem letzten Training kaum 24 Stunden vergangen sind, will ich weder Gelenke noch Bänder riskieren und absolviere ein Wellness-Training: 15 Kilometer entspannt auf dem Fahrrad, dann vier Kilometer schnell gehen (6 Stundenkilometer), zum Abschluss noch mal 1 Kilometer Sprint.

20.11.2017

Was den Unterschied macht: ich lege erstmals mein Tablet auf das Display der Maschinen und schaue Serien, während ich trainiere. Diesmal auf dem Programm:

Die 30 Minuten pro Episode sind perfekt pro Einheit und halten mir die Langeweile vom Hals. Eine echte Offenbarung. Und die zweite folgt sogleich: Ich habe an meine Badehose gedacht und gehe nach dem Wellness-Training in den menschenleeren Pool. Ein absoluter Traum, sich einfach mal fünf Minuten im Wasser schweben zu lassen. Der Kreislauf beruhigt sich, die Muskeln entspannen, jede Belastung der Gelenke ist dahin. Ich bin fast schon… zen.

Wenn schon, denn schon: ab ins Dampfbad und in die Sauna! Während ich zufrieden schwitze, wird mir klar, dass diese Annehmlichkeiten tatsächlich einen deutlichen Mehrwert zur normalen Muckibude darstellen. Training und anschließendes „coming down“ in der Ruhezone – das ist genau meins, davon will ich mehr. Als ich nach Hause fahre, bin ich nicht nur frisch, sondern auch mental ganz anders mit mir im Reinen als bei den üblichen Läufen.

Ich will’s nicht übertreiben, aber: das ist ein game changer. Ich könnte mir sogar vorstellen, jedes „harte“ Training mit einem Wellness-Training samt Pool und Sauna abzuwechseln. Einfach, weil’s mir gut tut, besonders im nasskalten Herbst und Winter.

Weil ein Wellness-Training mich aber in Sachen Fitness nicht massiv voran bringt, treibt mich das ordentliche Wetter am nächsten Tag schon wieder auf den Rheindamm. 8 Kilometer Standard müssen dran glauben – die Zielvorgabe für mein erstes Halbjahr erreiche ich nicht durch Gammelei!

Playlist:

„Narrative Of The Ghost Of A Hand“ von Sheridan Le Fanu

„The Mezzotint“ von M. R. James

„Dr. Heidegger’s Experiment“ von Nathaniel Hawthorne

21.11.2017

Ordentlicher Lauf, ordentliche Zeit – mehr ist nicht drin, denn ich habe der LvA versprochen, heute aufwändig und lecker für sie zu kochen. Entsprechend führt mich der Rückweg vom Rheindamm am Supermarkt vorbei.

Ich habe jetzt drei Tage hintereinander trainiert. Nicht hart trainiert, aber trainiert. Ich bin vor allem erstaunt, dass auch das geht. Man lernt nicht aus. Am nächsten Tag spüre ich meine Beine und vor allem die Knie dann doch. Es zwickt.

Bestellen muss ich einen neuen Bluetooth-Kopfhörer – im Gegensatz zur Kabelversion vertragen diese nämlich keinen Schleudergang in der Waschmaschine, wie ich diese Woche feststellen durfte. Es ist ja auch Cyberweek bei Amazon. Warum soll mir der olle Versandriese nicht beim Training helfen? Also ordere ich meine erste Sporttasche:

Und weil das Leben auch aus Spaß & Naschen besteht, erlaube ich mir den Kauf einer Überraschungsbox mit Protein-Riegeln:

15 Riegel verschiedener Hersteller. Jeweils einen davon gönne ich mir vor oder (aber nicht und) nach jedem Training. Power! Protein! Raw! Bite! RAWRRR!!!

So ausgestattet zieht es mich schon wieder ins Studio. Ich gebe gerne zu, dass ich versuchen will, das 2 Wochen-Probeabo so weit irgendwie möglich auszureizen. Ich glaube zwar nicht, dass ich heute nennenswerte Trainingserfolge vorweisen kann, aber es gibt noch ein paar Folgen „Future Man“ zu schauen und die Sauna ist bestimmt auch schon vorgeheizt.

22.11.2017

Erstaunlich, wie schnell sich Gewohnheiten einstellen. Ich fahre wieder 15 Kilometer (statisch) Rad, gehe danach mit 6 km/h für 30 Minuten auf dem Laufband, dann sprinte ich einen weiteren Kilometer. Ab in den Pool. Zwei Runden Sauna, Abschluss im Dampfbad. Kalt duschen. Ich verstehe mittlerweile, was die römischen Herren am Besuch des Badetempels zu schätzen wussten. Es ist ein Luxus. Und hintendran esse ich den Protein-Brownie, der allerdings aussieht und schmeckt wie ein Eishockey-Puck.

Falls sich übrigens jemand fragt, ob und wie ich den Trainingsmix bei runtastic eintrage – nach Schnauze. Man kann Radfahren und leichtes Jogging schwer vergleichen, also addiere ich nicht Zeit oder Entfernung, sondern Kalorienverbrauch. Und der ist äquivalent mit ungefähr 6 gelaufenen Kilometern. Keine exakte Wissenschaft, aber ausreichend für meine Zwecke.

Schon wieder ist eine Woche vorbei, schon wieder ist Sonntag. Der Wetterdienst hatte nasskalte Bedingungen vorausgesagt, darum bin ich auf einen Gang ins Studio eingestellt. Aber es ist trocken und auch nicht zu dräuend draußen, also schließe ich mich doch wieder der LvA und der Trainerin an. 6 Kilometer im Stadion sind das Ziel – erstmals habe ich zwei Schichten Sportklamotten an, lange Ärmel und langes Beinkleid obendrein. Leistung ja, Lungenentzündung nein!

Playlist:

„A Terribly Strange Bed“ von Wilkie Collins

26.11.2017

Ordentlich. Ich merke selbst, dass ich aktuell keine Lust habe, ständig neue Rekorde zu er-laufen. Es reicht mir, die Kilometer abzureißen und die Kalorien loszuwerden.

Bei dem Bild, das ich nach diesem Freiluftlauf schieße, grinse ich sehr zufrieden:

Ich habe einen Grund, gleichzeitig froh und frustriert zu sein. Denn mit knapp 450 Kilometern habe ich soeben mein gesetztes Jahresziel erreicht. Was ich in sieben Monaten schaffen wollte, habe ich in fünf Monaten und drei Wochen geschafft. Aber eben nur knapp – weil laut Runtastic noch 387 Meter fehlen! Hätte ich das geahnt, wäre ich noch eine Runde mehr gelaufen. Aber ich will jetzt auch nicht noch mal los. Die letzten paar Meter laufe ich dieser Tage auf dem Laufband im Fitnessstudio.

450 Kilometer in hochgerechnet 6 Monaten. Für mich ist das von 0 auf 100.

Ein paar Zahlen dazu:

  • 67 Läufe
  • 56 Stunden gelaufen
  • Weitester Lauf 14,85 Kilometer
  • Durchschnittliche Laufstrecke 6,7 Kilometer
  • 49.000 Kalorien verbraucht, das sind umgerechnet 7 Kilo Körperfett
  • 2,5 Kilometer jeden Tag oder 10 Kilometer alle vier Tage
  • 450 Kilometer sind Luftlinie nach Verona, Amsterdam, Prag und Paris

Nie, NIE hätte ich das vor sechs Monaten für möglich gehalten. Damit ist das erste Endziel erreicht, die eher willkürlich gesetzte Marke. Und nun stehe ich hier. Um es mit „Luther“ zu sagen:

Now what?

Ich bin… unsicher. Erstmal froh, angekommen zu sein. Unsicher, wie es weitergehen soll. Was ist Ziel und Zweck der ganzen Angelegenheit? Dass mir der Sport bei der Diät nicht nennenswert hilft, ist mittlerweile klar. Ich hänge immer noch bei gut 95 Kilo, was aber ein Gewicht ist, mit dem ich mich wohl fühle. Sport um des Sports willen? Sicher nicht. Ich brauche ein wofür, ein warum, ein weshalb.

Außerdem muss ich ein ernsthaftes Gespräch mit meinen Knien führen.

Ich gehe jetzt erstmal ein paar Tage in mich.



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Markus

Ich schraube gerade ein bisschen an Ernährung und Lebensrhythmus. Auch deswegen verfolge ich diese Beiträge mit Interesse. Was meinst Du, warum das Laufen die Diät nicht nennenswert unterstützt? Baust Du Muskelmasse auf, so dass das Gewicht stagniert? Wohlfühlen klingt ja schon mal gut, und die erreichten Ziele sind durchaus beeindruckend.

Stefan

„Now what?“
Räusper.. Silvesterlauf. Hust.

Man kann übrigens auch ohne Luxusstudio Wellness und Laufen verbinden. Einfach zu einem Schwimmbad mit angeschlossener Sauna fahren, vom Parkplatz aus loslaufen und dann direkt rein ins Bad.
Mein nächstes Jahr ist grob schon geplant, ich hatte schon wieder Glück bei der Berlin-Marathon-Auslosung. Im Frühjahr werde ich nur auf Halbmarathon trainieren, mir fehlt gerade etwas die Zeit.

Joris
Joris

Ich habe vor ein paar Jahren deine ersten Artikel zum Thema Abnehmen mit als Motivation genommen, endlich von meinen 116 Kilo runter zu kommen.
Mittlerweile habe ich mich bei ~80 Kilo eingependelt. Das abnehmen ging erstaunlich einfach. Kalorien zählen mit App, 1800 am Tag und jeden zweiten Tag Kraftsport fürs Ego und die Körperhaltung.
Meiner Erfahrung nach waren die größten Motivatoren das vorher – nachher Bild (auch wenn mir das vorher Bild sehr schwer gefallen ist), regelmäßiges wiegen und messen und nur Dinge zu essen die mich auch bei 1800 Kalorien komplett sättigen, also Gemüse, Fleisch, Fisch.

Das „now what“ ist mMn das größte Problem vieler Diäter, da sie schnell wieder in alte Gewohnheiten zurückfallen. Auch mir ist das, nach beinahe 4 Jahren, wieder passiert und ich bin von 73 Kilo hoch auf 82. Es hat mich sehr erstaunt wie sehr einem Essgewohnheiten selbst nach Jahren noch nachhängen. Gerade wenn man einen Partner hat der sich nicht wirklich darum schert was sich im Kühlschrank befindet und gerne Toast und Pudding kauft.
Gewicht halten war erst etwas problematisch, bis ich dazu übergegangen bin nur zwei mal am Tag, um 11 Uhr und um 17 Uhr zu essen. So muss ich mich nicht sehr einschränken was ich esse und Überwindung kostet es mich auch nicht, da ich morgens kaum Hunger habe.
Artikel wie Toast und Schokolade erst garnicht zu kaufen ist natürlich einer der einfachsten Wege die Ernährung Daheim gut zu gestalten.

Danke für deine Artikel zu dem Thema. Sie waren mir in der Vergangenheit eine große Hilfe mich nachhaltig zu verändern.

Andi
Andi

Hallo Wortvogel,

du schreibst: „Wir halten fest: Studio ist erheblich angenehmer als ein Lauf im eiskalten Regen gegen den Wind.“

Ganz klares Nein meinerseits. Auf dem Rad ja, aber bei Lauftempo sind Wind und Regen gut in den Griff zu kriegen. Sonst bin ich ganz bei dir was Sauna und Relaxen angeht. Aber ein Lauf im Wald bei beschi….em Wetter und dann in die Sauna – das ist großartig. Und auch für die Gelenke die bessere Wahl – gerade bei leichtem ÜGewicht und in den späten 40ern. Erstmal auf’m Band die Stützmuskulatur grundstärken ist schon gut, und dann in den Wald, was nochmal physisch ganz andere Reize setzt. Und entspannend ist das bei aller Anstrengung für mich ganz enorm im Wald. Wirst sehen … [Ende des Altklugdaherredens]

@ Nobelbude: hatte auch mal, sogar ein ganzes Jahr, sowas (140 Euro im günstigeren Firmentarif …), Fand ich aber nicht lohnend in diesem Fall, da Sauna meist übervoll und Mehrwert sonst nicht zu erkennen (zB sehr kleine Kästchen). Leute bevorzugen sowas unter dem Aspekt, dass ein gewisses Publikum außen vor bleibt.

Bin jetzt zwei Jahre schon bei Mc***, was ich regelmäßig in zwei Ländern nutze ohne Aufpreis. Für die harten Pumper haben die eigene Ecken und das sehr gemischte Publikum mag ich ehrlich gesagt ganz gerne – Leute, denen ich sonst nicht viel über den Weg laufe, und nur Gutes erlebt.

Gruß
Andi