Ich werde vielleicht in nächster Zeit immer mal wieder einzelne Erinnerungsfetzen aufschreiben, damit sie nicht verloren gehen, wenn meine grauen Zellen nach und nach auf dem Gedächtnisfriedhof begraben werden. Wenn sich das bewährt, mache ich eine unregelmäßige Reihe daraus.

Wo wir gerade bei Weihnachten sind – ich bin nicht schwer zu beschenken. Oder sehr schwer. Das ist eine Frage der Einstellung. Mir ist egal, was ein Geschenk kostet. Für mich zählt – ganz Klischee – der Gedanke dahinter. Ich möchte, dass man sich überlegt, was man mir schenkt. Keinen Nippes, keine Witzigkeiten, keine Staubfänger. Wenn jemandem aus meinem Freundeskreis partout nichts einfällt, soll er mich zum Essen einladen. Das macht man nie was falsch.

Meine Eltern waren in Sachen Weihnachtsgeschenke eher so – mittel. Weil auf ihr eigenes Gespür kein Verlass war, habe ich früh begonnen, deutlich vorab zu kommunizieren, was ich mir wünsche. Das Problem dabei: meine Eltern haben mir immer nur halbherzig zugehört, was dazu führte, dass ich eben nur FAST das bekam, was ich haben wollte. Aber knappe daneben ist eben auch vorbei.

Ein typisches Beispiel ist meine Kommunion. Ich wollte endlich ein gutes Fahrrad. Schluss mit den gebrauchten Drahteseln aus den Fundbüro-Versteigerungen. Ein von der Größe her passendes City-Bike mit kräftigen Rädern, guten Schutzblechen und allem Schnickschnack, der das Teenager-Leben in der Großstadt erleichtert.

Ich bekam – ein Rennrad. Eins, mit dem man keinen Bürgersteig hoch rattern konnte, ohne den Vorderreifen zu verbiegen. Eins, auf dem man immer unbequem nach vorne gebeugt sitzen musste. Eins, das mangels Gepäckträger und dank des gebogenen Lenkrads zum Transport von Tornistern und Sporttaschen völlig ungeeignet war.

Oder nehmen wir meine musikalischen Ambitionen – Ende der 70er träumte ich von einem Stylophon, wie es von Bill Ramsey im Fernsehen beworben wurde:

Das war High Tech, das war cool, das war mein Ticket, der neue Mike Oldfield zu werden! Was ich am Heiligabend bekam, lässt sich auf diesem Bild schön erkennen:

Eine rote Plastik-Klapperorgel, auf der ich vielleicht dreimal „Alle meine Entchen“ spielte, bevor sie auf ewig in den Schrank wanderte. Ich wollte Mike Oldfield werden, nicht Franz Lambert!

Autorennbahn wollte ich Anfang der 80er auch haben. „Need for Speed“ gab es ja noch nicht. Und klar, eine Carrera-Bahn sollte es sein:

Stattdessen bekam ich das deutlich weniger populäre Konkurrenzprodukt Scalextric:

Scalextric punktete „theoretisch“ damit, dass die Wagen während des Rennens die Spur wechseln konnten – in der Praxis hieß das, dass sie in 50 Prozent der Fälle beim Spurwechsel mangels Strom einfach auf der Bahn verreckten. Ich habe am Heiligabend außerdem gelernt, dass man eine Menge „Schmutz“ von den Plastikschienen geputzt bekommt, wenn man dazu Terpentinlöser nimmt…

Und dann war da noch die Sache mit Big Jim. Ich war immer ein Big Jim-Fan, hatte Mitte der 70er sogar den saucoolen Helikopter und konnte damit Stunts wie in James Bond-Filmen inszenieren. Wenn mir mein blöder Kumpel Markus mal seine Super8-Kamera geliehen hätte – ich wäre der neue Spielberg geworden.

Und dann kam eine Karl May-Edition raus! Winnetou, Old Shatterhand und so weiter! Als eingefleischter Lex Barker-Fan war ich sofort Feuer und Flamme und bekniete meine Mutter, mir zu Weihnachten einen Old Shatterhand mit dem lässigen Fransenoutfit zu schenken – koste es, was es wolle!

Ihr ahnt es, oder? Ich bekam – Winnetou! Mit dem albern struppigen „echten“ Haar und dem Stirnband aus Papier, das keine 30 Sekunden brauchte, um zu reißen. Der war scheiße, den wollte ich nicht. Erstmals in meinem Leben wagte ich leise Revolte und sagte meiner Mutter, ich hätte eigentlich einen andere Figur haben wollen. Sie beschied mich, dass sie den Winnetou natürlich zurück bringen könne – Old Shatterhand würde ich dann trotzdem nicht bekommen, ich undankbare Bratze. Als fügte ich mich in mein Schicksal und schnitt dem alten Apachen erstmal eine mit der Nagelschere eine „anständige“ Frisur.

NACHTRAG: Ein Leser hat mich auf Facebook gerade an einen WEITEREN Fehlgriff meiner Eltern „Big Jim style“ erinnert. In Deutschland nie so populär, aber dank der Spielzeuge zumindest bekannt war der amerikanische Stuntman Evel Knievel. Und wie ich oben bereits erwähnte, fand ich es schon als Knirps interessant, großformatige Stunts mit meinem Spielzeug nachzustellen (ich habe seinerzeit Modellbauschiffe mit Sylvesterböllern hochgejagt, um Pearl Harbor zu simulieren). Dementsprechend war ich begeistert, als auf hierzulande eine Evel Knievel Puppe mit dem Stunt Bike veröffentlicht wurde. Das konnte Saltos und ganz weit springen! Ich überlegte präventiv, wie ich ohne Schelte einen Feuerring bauen könnte, um den Plastikknilch durchspringen zu lassen.

„Swagger Stick“ – kannste dir nicht ausdenken.

Und ja, ich bekam Evel Knievel mit dem Motorrad zu Weihnachten. Aber NATÜRLICH nicht das Stunt Cycle, sondern das Super Jet Bike:

Dass das Teil Funken in den Turbinen hatte, war genau die zwei Stunden lang cool, die der winzige Feuerstein durchhielt. Danach war es nur ein klobiges Plastikteil, das wegen seines Gewichts und der schlechten Balance keinen nennenswerten Sprünge fehlerfrei absolvieren konnte. Ich war (wieder mal) sowas von enttäuscht…

Meine Kindheit war die Hölle.

P.S.: Weitere Spielzeug-Erinnerungen meiner Jugend: Monchichi, Slimy, Stinkbomben.

P.P.S.: Es war in den 70er Jahren übrigens unter Jungs meines Alters Volkssport, den Brustkorb einer Big Jim-Puppe zerstören zu wollen. Aber das ist grundsätzlich gescheitert – da konnte man schadlos Straßenbahnen drüber fahren lassen.



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Martin Zimny

Deine Geschichten sind – neben der hervorragenden Qualität und dem hohen Unterhaltungsfaktor – immer ein wenig „Oppa erzählt vom Krieg“.

Und dann fällt mir wieder ein, dass wir im gleichen Alter sind… o.O

Dann weine ich leise, bevor ein zartes Lächeln der Erinnerung meine Mundwinkel nach oben zieht. Irgendwie, so ganz abseits derBekleidungsmode, war das schon was Besonderes: Die Kindheit in den 1970er Jahren.

P.S.: Carrerabahn, egal welcher Art, gab’s bei uns nie. Dafür immer zu wenig LEGO…

(Wir hatten ja nix™)

Kai
Kai

Ich bin ja etwa gleich steinalt (Jahrgang 67). Nun waren meine Eltern nicht geizig, aber gerade in den 70/80ern nicht sehr flüssig („Wir haben gebaut!!!“). Daher blieb mir leider vieles versagt. Carrera-Bahn: nix! Kettcar: nix! High-Tech-SchnickSchnack: nix! Aber so eine Action-Figur hatte ich auch, wobei ich meine, dass das eine Art Big Jim-Klon war, nicht das Original. Schiffe mit Böllern gesprengt habe ich übrigens auch. Das teuerste Spielzeug war dann schließlich die Märklin-Eisenbahn. Die habe ich heute noch.

Man musste sich halt zu helfen wissen. Da ich z.B. das Playmobil Piratenschiff damals nicht bekam (viel zu teuer), baute ich mir mit Laubsäge und Sperrholz einfach selbst eines. Das war dafür größer und hatte mehr Kanonen (4 statt 2) als das Original. Ha! 🙂

Karsten Scholz

Ich erinnere mich noch gut, dass mein Kumpel Andi zum Geburtstag ein NES bekam und ich zu Weihnachten auch unbedingt den heiligen Gral der Spielekunst zuhause stehen haben wollte. Meine Eltern hörten mein Flehen und besorgten mir … einen gebrauchten C64. Statt der filigranen Technik der Japaner gab es die geballte westliche Entwicklungskunst, nur eben „leicht“ veraltet. Statt Mario und Zelda warteten Pirates!, Defender of the Crown und The great Giana Sisters auf mich. Und statt beim Zocken gemütlich im Bett zu liegen, musste ich am Schreibtisch sitzen, einen Joystick in die Hand nehmen und kryptische Befehle wie Load“$“,8 in die Tastatur hacken.

Ich fand das zuerst ganz schön doof. Rückblickend bin ich meinen Eltern aber dankbar, dass sie mir die Chance gegeben haben, mit diesem Kasten Spielegeschichte in mein liebstes Hobby einzusteigen. Den NES gab es später dennoch … kurz nachdem der SNES erschienen war „seufz“.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Hahaha, same here – nur an der Sega-Front: Ich wollte unbedingt einen Mega Drive, bekam aber stattdessen ein Master System, weil „Sonic gibt es da ja auch“ XD Natürlich zu einem Zeitpunkt, wo es vielleicht noch anderthalb Jahre Spiele für das Ding gab, bevor der Ofen komplett aus war…

Synthesaurus

Zu jedem Jahreswechsel freue ich mich immer, wenn ich auf Werbetafeln u.ä. das Wort „Silvester“ mit y geschrieben sehe, weil mich das an den lustigen US-Action-Star erinnert, oder an den Tweety-Fresser. Leider haben sie in diesem Jahr „Silvester“ überall richtig geschrieben, da war ich schon ein bisschen enttäuscht. Aber der Wortvogel lässt mich nicht im Stich! „Sylvesterböller“! Yay! Freu! 😉

kaapeh

ich hatte carrera 8)
war in kombination mit den damals obligatorischen dicken bodenteppichen aber etwas lästig. diese verdammten schleifer (die metall-kontakt-dinger unter dem auto, die den motor mit strom versorgen) verfusselten immer sofort, wenn das auto aus der kurve flog, auch um die reifen verwickelte sich gerne etwas. ohne internet kam man in dem kaff auch kaum an ersatzteile ran…

comicfreak
comicfreak

..ich wollte unbedingt ein paar Bücher von Stephen King und hatte dazu alle in der Verwandschaft mit entsprechenden Listen versehen, um dann nicht welche doppelt zu haben.

Ich bekam:

„Julia – Die Zeit auf Klarahof“
„Krankenschwester Maike“
„Juttas Weg zum Glück“
„Der Trotzkopf“

Weil: sind ja auch Bücher, aber besser geeignet