Disclaimer: Ich benutze – halbwegs zufrieden – ein iPhone 6.

Keine Sorge, ich lasse mich nicht über das bizarre Gesabber der Digitalsphäre aus, die ein über 1000 Euro teures Smartphone dafür lobt, dass es Features mitbringt, die andere Smartphones längst haben und dass es qualitativ was taugt. Ein Smartphone zu diesem Preis zu kaufen, finde ich… nicht smart. Aber wer das Geld hat und es dafür verwenden will – besser als in Nutten und Koks ist es bei Apple sicher angelegt.

Ich bin aber eben auf einen interessanten Artikel bei heise gestoßen, in dem ein Profi-Fotograf das iPhone X mit einer schweineteuren Systemkamera vergleicht und positiv überrascht ist, wie gering die Unterschiede in der Bildqualität sind. Dazu kann und möchte ich einiges sagen.

Es hilft wenn ihr den verlinkten Artikel vorab lest. Fertig? Gut.

Zuerst einmal: Es gilt zwei Dinge zu unterscheiden. Es gibt die technische Möglichkeit, hochwertige Bilder zu machen. Und es gibt die menschliche Fähigkeit, hochwertige Bilder zu machen. Beide haben Schnittmengen, sind aber nicht zu vergleichen und werden trotzdem oft verwechselt.

Meine erste Kamera war ein „ritsch ratsch klick“-Nachbau der Agfamatic pocket aus billigstem Plastik für 10 DM. Das muss so um 1980 herum gewesen sein.

Gab’s bei Foto Vander Porten in Eller. Existiert unglaublicherweise heute noch.

Mit diesem mechanischen Spielzeug konnte man fotografieren. Nicht gut, nicht schön, nicht künstlerisch. Man fotografierte im Sinne von „Motive auf Film bannen“. Ein Gerät zur Dokumentation von Ereignissen. Kein Zoom, kein Panorama, keine verstellbaren Blenden oder Belichtungszeiten. Die kümmerliche Iris – sie machte kurz das schnarrende Auge auf und zu. Was der Film dabei erhaschte, kam ungefiltert auf den späteren Papierabzug – gerne natürlich unscharf oder unterbelichtet.

Kein Otto Normalverbraucher hat mit so einem Schrabbelding jemals ordentliche oder gar beeindruckende Fotos gemacht. Die technischen Limitationen waren enorm und die Kamera dafür nicht gedacht. Und trotzdem gab es Fotografen, echte Fotografen, die mit so einer Kamera in einem sehr begrenzten Rahmen Kunstfotografien herstellen konnten. Dabei unterschieden sie sich nicht von Experten, die mit Polaroids eine ganz eigene Bildsprache kreierten. Sie verstanden die Welt des Schnappschusses und testeten ihre Grenzen. Weil ein gutes Gemälde keinen teuren Pinsel braucht.

Seit ich die „ritsch ratsch klick“-Kamera gekauft habe, sind fast 40 Jahre ins Land gegangen. Kameras sind teilweise billiger geworden, teilweise einfacher – vor allem aber leistungsfähiger, selbst wenn man die sensationellen Möglichkeiten der digitalen Fotografie dabei ausklammert. Wir können heute mit hosentaschentauglichen Kameras HD-Filme drehen, Panoramen automatisiert aneinander kleben, Nachtaufnahmen realisieren, in Zeitraffer und in Zeitlupe filmen, etc. Musikvideos, Werbespots und immer mehr Filme werden nicht mit mehr mit Filmkameras gedreht, sondern mit digitalen Spiegelreflex-Kameras, deren Videofunktion sich kaum noch unterscheidet von einem Profi-System zum zehnfach teureren Preis. Die Auflösung meines Handys erlaubt es zumindest theoretisch, von einer Urlaubsaufnahme aus Ibiza eine Fototapete herstellen zu lassen.

Das Ergebnis: jeder fotografiert. Alles. Immer. Ich habe mal gelesen, dass heute an jedem Tag mehr Bilder geschossen werden als in der gesamten Menschheitsgeschichte vor 2000. Man fotografiert sein Essen, seine Kinokarte, seine Ubahn und vor allem – sich selbst. Der eitle Blick in den Spiegel, in jede reflektierende Oberfläche – er ist ersetzt worden vom eitlen Blick in das Objektiv des Smartphones. Denn dieser Blick kann geteilt werden und das ist der Kern der Eitelkeit: sehen und gesehen werden.

Es gibt aber weiterhin eine Konstante, die sich seit den 70er Jahren, eigentlich seit 100 Jahren nicht geändert hat: technisch wie künstlerisch gesehen sind 99 Prozent aller gemachten Bilder Totalausfälle. Schnappschüsse ohne Sinn und Verstand, verwackelt, unterbelichtet, eine Sekunde vor oder eine Sekunde nach dem magischen Moment entstanden. Am Strand von Malle und auf dem Oktoberfest gilt 2017 wie 1977: draufhalten und auf den Auslöser drücken. Wie setze ich das Motiv in Szene, von wo ist die Beleuchtung am besten, was ist der geeignete Zeitpunkt? Drauf geschissen.

Manchmal ist bei dem Motiv auch einfach Hopfen und Malz verloren:

Will sagen: Bessere Kameras machen keine besseren Fotografen machen keine besseren Bilder. Die Fähigkeiten der Kamera bestimmt der Kopf des Depps dahinter, so wie die Aggression des Hundes von der Dumpfbackigkeit des Leinenträgers ausgeht. Die Kamera macht keine guten Fotos, weil gute Fotos von Menschen gemacht werden. Die Kamera gibt dem Menschen nur die theoretische Möglichkeit, gute Fotos zu machen. Sie ist ein Werkzeug. Eines, das immer potenter wird, ohne dass der Mensch sein fotografisches Auge schärft. Die Technik ist dem Menschen weit überlegen und ihre Ergebnisse sind von seiner Inkompetenz geknechtet.

Um ein einfaches Gleichnis zu verwenden: Ich werde auch kein besserer Schreiner, in dem ich mir einen teureren Werkzeugkasten kaufe. Ich werde kein besserer Fahrer, wenn ich mir einen teureren Wagen kaufe.

Was Fotografie kann, geht weit über das Verständnis der meisten Smartphone-Besitzer hinaus – wie auch die Bilder dieser Fotoausstellung in Paris beweisen.

Ich weiß das gerade deshalb, weil ich fast täglich mit exzellenten Fotografen zu tun habe: Bodo, Uwe, Johannes, Stephanie, Peter, Matthias, etc. Sie haben Kameras, die mehrere tausend Euro kosten. Und die brauchen sie auch. Wir fotografieren teilweise unter extrem erschwerten Bedingungen, in katastrophalen Lichtverhältnissen – und am Ende müssen stimmungsvolle Prachtbilder dabei herauskommen, die sich locker auf eine makellose Doppelseite aufziehen lassen. Dazu braucht man mehr als eine Kamera, dazu braucht man auch Stative, Scheinwerfer, Deflektoren, Softboxen, etc. Oft genug richten wir eine Stunde lang ein, bevor das erste Mal der Auslöser gedrückt wird.

Habt ihr mal versucht, den transparenten Spritzer aus einer Sprühflasche in einem dunklen Keller so zu fotografieren, dass der Leser „wunderschön“ sagt? Wir schon.

Bei anderen Reportagen muss es schnell gehen, muss der Fotograf den Instinkt für den richtigen Moment haben:

Manchmal murmeln die Menschen, bei denen wir unsere Reportagen machen, Sachen wie: „Mit so einer teuren Ausrüstung ist es ja nicht so schwer, tolle Bilder zu machen, oder?“. Das ist nicht abwertend gemeint, es zeugt lediglich von einem fehlgeleiteten Respekt vor der Maschine. Nach zehn Jahren in diesem Magazinsegment habe ich eine Standardantwort parat:

„Doch, es ist schwer. Sehr schwer. Sie könnten mir jetzt und hier die Kamera meines Fotografen in die Hand drücken. Sie könnte mir das Equipment geben und sagen: mach mal. Es würde eine Katastrophe werden. Weil ich nicht sehe, was ein Profi sieht. Weil ich nicht weiß, was ein Profi weiß. Die Kamera ist in meiner Hand nur ein Klumpen Technik.“

Das Verständnis, dass Technik und Talent zwei gänzlich verschiedene paar Schuhe sind, geht sogar großen Teilen der Branche mittlerweile ab. Auf vielen Reportagereisen treffe ich Kollegen, die eigentlich nur Redakteure sind, von denen aber mittlerweile erwartet wird, dass sie ihre Bilder selber machen. Die zerren dann beim Alpenpanorama eine Canon Ixus aus der Hosentasche und machen klick klick klick. Und das reicht dann angeblich. Eine Handdruckerin hat mir erzählt, dass eine Journalistin einer großen Frauenzeitschrift bei ihr Bilder mit einem Handy gemacht hat. Klar geht das – aber so sahen die Bilder dann eben auch aus. Weil die Journalistin keine Fotografin war.

Gibt es Journalisten, die auch gute Fotografen sind? Natürlich. Es gibt ja auch Köche, die gute Fußballer sind. Aber beides gehört nicht zusammen.

Nur noch eine Anekdote dazu: Letztes Jahr war ich mit einem exzellenten Fotografen bei einer (seltenen) Pressereise auf Wandertour. Fantastische Panoramen, tolles Wetter, großartiges Licht. Vier oder fünf Redakteure waren mit eigenen Kameras dabei, von der Canon Ixus bis zur Profi-Nikon. Die sahen ein Motiv, nahmen ihre Kameras und drückten ab. Mein Fotograf hingegen ging die Gegend ab, schaute auf seine Uhr, wechselte noch mal das Objektiv, nahm einen Lichtmesser in die Hand. Er fiel oft zurück auf der Wanderung und wenn mich die Kollegen fragten, warum der so lange für das Bild brauche, antwortete ich nur: „Weil er weiß, wie’s was taugt.“

Nach zwei Stunden hatten die Redakteure die wichtigste Lektion gelernt: Immer erst schauen, was und wie es der Fotograf von der „Liebes Land“ macht. Sie wurden eine kleine Gruppe, die ihm auf Schritt und Tritt folgte und in seinen Fußstapfen fotografierte. Ein kostenloser Fotokurs beim Profi sozusagen.

Bessere Kameras machen keine besseren Fotografen machen keine besseren Bilder.

Genau darum macht die „bessere“ Kamera des iPhone X für mich keinen Unterschied. Weil damit immer noch primär beschissene Fotos gemacht werden. Und deshalb bleibt es Augenwischerei, wenn Firmen wie Apple weiter versuchen, dem Kunden zu signalisieren, mit dem Werkzeug käme auch das Handwerk.

Habe ich denn gar kein gutes Haar an der modernen Kameratechnik zu lassen? Doch, natürlich. Mich beeindruckt, wie sehr moderne Kameras nicht mehr nur Werkzeug sind, sondern unsichtbare Helfer, die dem Amateur im Hintergrund unter die Arme greifen. Sie können vielleicht nicht den Ausschnitt verbessern oder den Lichteinfall zu dieser speziellen Tageszeit – aber sie sorgen dafür, dass das meist miserable Motiv wenigstens bestmöglich aussieht. Dass es scharf ist und halbwegs ordentlich belichtet, ob in der schummerigen Kneipe oder bei der ruckeligen Zugfahrt. Den Rest erledigt Photoshop – und schon hat man das Gefühl, ein „gutes“ Foto gemacht zu haben. Dabei ist es nur ein technisch akzeptables. Gut ist anders.

tl;dr – wer mit der „ritsch ratsch klick“-Kamera 1980 keine guten Fotos machen konnte, wird es mit dem iPhone 2017 auch nicht schaffen.



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