Agatha Christie ist zweifellos eine der meistverfilmten Krimiautorinnen der Welt. Viele der Filme, die nach ihren Romanen, Novellen und Kurzgeschichten gedreht wurden, gelten als Klassiker, auch wenn sie die Vorlagen und Figuren teils drastisch umformten:

Der meistverfilmte Stoff (knapp gefolgt vom „Mord im Orient-Express“) ist „And then there were none“. Darüber hatte ich ja schon geschrieben. Allein Harry Alan Towers hat das Krimi-Mystery in den 60er, 70er und 80er Jahren drei mal ins Kino gebracht:

In den 70ern begann eine Reihe von aufwändigen Hercule Poirot-Adaptionen. Ihnen drückte Peter Ustinov seinen Stempel auf, auch wenn in der erfolgreichsten Verfilmung gar nicht er als der belgische Detektiv auftrat, sondern Albert Finney:

Ustinov spielte Poirot dann von 1978 bis 1988:

Es ist kein Zufall, dass die schwächer werdenden Adaptionen 1989 von einer Serie abgelöst wurden, die bis heute als eine der gelungensten Umsetzungen gilt und neben „Sherlock Holmes“ mit Jeremy Brett zu den großen britischen TV-Leistungen der 90er Jahre gehört. Für erstaunliche 24 Jahre war David Suchet der ultimative Hercule Poirot:

Dem Erfolg von „Poirot“ ist zu verdanken, dass man auch Miss Marple wieder abstaubte und diesmal etwas vorlagengerechter umsetzte – zwei Schauspielerinnen übernahmen die Rolle der greisen Schnüfflerin für neun Jahre von 2004 bis 2013:

„Marple“ und „Poirot“ liefen mit vier Wochen Abstand zum Jahresende 2013 aus – das Ende einer Ära. Beide Serien waren für den Sender ITV produziert worden. Als nächstes wollte die BBC mal wieder ein Stück vom Christie-Kuchen haben und ließ zwei Abenteuer von Tommy und Tuppence Beresford in sechs Episoden mit großem TV-Cast und viel Aufwand adaptieren. Leider nicht erfolgreich genug, um fortgesetzt zu werden:

Eine ganz andere Liga war da schon die im gleichen Jahr ausgestrahlte Neuverfilmung von „And then there were none“, die in meinen Augen Höhepunkt und Abschluss aller Versuche sein sollte, den Roman zu adaptieren. Besser kann man das nicht machen:

Dem überwältigenden Erfolg dieses Mehrteilers folgte 2016 eine Adaption von „Zeugin der Anklage“ auf dem Fuße – nicht minder gut gemacht und gut besetzt:

Und damit sind wir auch schon in der Gegenwart angekommen – nur vier Jahre nach dem Ende der Serie „Poirot“, die den Stoff 2010 bereits adaptiert hatte, machte sich Kenneth Branagh daran, selbst als Poirot für eine neue Generation von Kinogängern zu reüssieren:

Kein Mega-Blockbuster, aber erfolgreich genug, um sofort mit „Tod auf dem Nil“ eine (ebenfalls bereits zweimal verfilmte) Fortsetzung anzukündigen.

Erfreulich ist, dass Großproduktionen wie „Mord im Orient-Express“ immer auch kleinere, aber nicht weniger schmackhafte Adaptionen nach sich ziehen. Und darum gibt es nun „Crooked House“, eine von Julian Fellowes („Downton Abbey“) ko-geschriebene, außerordentlich üppig und zugleich feinsinnig inszenierte Roman-Umsetzung, mit einer vielleicht nicht (mehr) kinotauglichen, aber nichtsdestotrotz phänomenalen Besetzung: Glenn Close, Gillian Anderson, Christina Hendricks und Terence Stamp.

Es ist übrigens mitnichten so, dass nur die Briten Spaß an Agatha Christie lieben – in Frankreich wurden seit 2013 insgesamt 19 Stoffe für eine neue Personenkonstellation umgeschrieben und unter dem Titel „Mörderische Spiele“ sehr erfolgreich ausgestrahlt:

Randbemerkung: Hauptdarstellerin Elodie Frenck war auch schon in meinem Apokalypse-Heuler „Lost City Raiders“ zu sehen.

Und man mag es nicht glauben: Die Inder haben die Romane in den letzten Jahren ebenfalls mehrfach verfilmt. So ist „Looked Doors“ eine Adaption von „Crooked House“ und „Chorabali“ eine Umsetzung von „Cards on the Table“:

Da haben sich die Japaner natürlich auch nicht lange bitten lassen und eine Neuverfilmung von „And then there were none“ nachgeschoben:

Zurück nach England. Aktuell gibt es ein unerwartetes Hindernis – die prächtig besetzte dreiteilige Adaption von „Ordeal of innocence“ ist zwar abgedreht und war für das Weihnachtsprogramm 2017 vorgesehen, musste aber kurzfristig auf Eis gelegt werden: Hauptdarsteller Ed Westwick ist der Vergewaltigung beschuldigt worden und im aktuellen Klima möchte man mit der Ausstrahlung keine falschen Zeichen setzen.

Es lässt sich kaum bestreiten – Agatha Christie ist im neuen Jahrtausend fast populärer als zu Lebzeiten und wird mit vielen edlen Produktionen geerhrt, die Unkenrufe Lüge strafen, das klassische Murder Mystery wäre als Genre überholt und spießig.

Der LvA und mir ist das ganz recht. Es gibt kaum etwas Schöneres, als mit den Katzen bei Tee & Keksen auf dem Sofa zu liegen und der britischen Upperclass dabei zu zu sehen, wie sie sich in mondänen Landhäusern und bei dekadenten Partys gegenseitig um die Ecke bringt. Der Mörder ist eben doch nicht immer der Gärtner.

Und wenn mal nichts von Agatha Christie zur Ausstrahlung angesteht, dann ist auf Daphne du Maurier

oder Georges Simenon auf jeden Fall Verlass:

„Please gather the suspects in the library – I think I know who the murderer is!“



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Schmand2001

Schöner Überblick, mir war gar nicht klar wie oft Christie adaptiert wurde. War immer ein Freund der Miss Marple Filme mit Margret Rutherford, wobei mir die Neuauflage von MORD IM ORIENT EXPRESS auch äußerst gut gefallen hat

Nummer Neun

Mir gefiel die Neuauflage von Mord im Orient Express auch sehr gut. Die wer-war-es Konstallation ist ja auch recht zeitlos, nicht umsonst wurden in den letzten Jahren ja Sherlock und Broadchurch auch sehr bejubelt.

Crooked House ist mir allerdings entgangen – aber wenn ich das richtig sehe, steht der Deutschland-Release ja noch bevor?

plumtree
plumtree

Schöner Überblick und entgegen meinem Vorurteil werden offenbar nicht nur immer dieselben fünf Romane verfilmt (aber es fehlen schon noch ’ne Menge – Christie war seeeehr fleißig)
Aber warum immer Christie? Wo sind mal wirklich schöne Verfilmungen von Dorothy Sayers (nicht die kammerspielartig, verschnarchten BBC Serien aus den 80ern), wo bleiben Ellery Queen oder John DIckson Carr Filme? Aus letzterem würden fantastische Locked Room Mysteries entstehen.
Was ist mit dem australischen Buschkommissar Bonaparte von Ngaio Marsh?
Ich würde mir manchmal wirklich mehr Mut und Kenntnisse bei den Regisseuren und Produzenten wünschen – und das nicht nur im Krimi, sondern auch im SF Bereich.

Comicfreak
Comicfreak

Ich warte auf Lord Peter

Dietmar

Beeindruckend. Diesen Überblick hatte ich überhaupt nicht.

Marco
Marco

Murder on the orient express habe ich gerade letzte Woche gesehen. Hat mir auch sehr gut gefallen. Der Gemahlin waren die Aenderungen zum Buch zwar nicht so recht, aber overall hat es ihr doch gefallen. ‚Partners in crime‘ ist an uns vorbeigegangen, da werden wir mal reinschauen.

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Woah, Wortvogel mal wieder in enzyklopädischer Wucht! Ich bin angemessen beeindruckt.

Nicht weniger beeindruckt bin ich übrigens von Rowan Atkinson in den beiden Maigret-Filmen und hoffe sehr, dass in der Richtung noch was kommt.

Lutz
Lutz

Schöner Überblick. Schade, dass du Die Miss Marple Serie mit Joan Hickson vergessen hast. Von 1984-1992 entstanden sehr vorlagengetreue Verfilmungen der Marple-Romane als 2- oder 3-teiler („Karibische Affäre“ wurde in Deutschland als einzelner Fernsehfilm ausgestrahlt, ich weiß nicht, ob dieser und die späteren Teile, die ich nicht kenne, von der als Mehrteiler oder Specials in Spielfilmlänge konzipiert waren.)

Damals wurde ein großes Ding draus gemacht, dass Agatha Christie, nachdem sie Joan Hickson in einer kleinen Nebenrolle in „16:50 ab Paddington“ von 1961 gesehen hatte, angeblich zu ihr gesagt hatte, dass sie mal eine gute Miss Marple abgeben würde. Die Serie ist noch plüschiger und staubiger als die Poirot-Fernsehserie und man hat bei Joan Hickson immer angst, dass sie jeden Moment umfällt und den Löffel abgibt. Rutherford war so eine unbremsbare Wuchbrumme, dass sie nur äußerlich alt wirkte, Hickson war kam wesentlich echter als englische Lady vom Lande daher. Im direkten Vergleich macht Rutherford natürlich viel mehr Spaß, aber Hickson war definitiv näher an der vorlage.

Ich habe die Folgen damals sehr gerne im ARD-Nachmittagsprogramm mit meiner Großmutter gesehen und sie waren auch meine erste richtige Begegnung mit Christie und Miss Marple. Ich wusste Bescheid über die Bücher, die Filme, die Figuren, aber ich hatte weder die alten Filme zu dem Zeitpunkt gesehen. Für mich waren sie eine schöne gemütliche Unterhaltung zum Kaffee und auch, wenn sie heute noch ein bisschen behäbiger wirken als sie es damals schon taten, haben sie durchaus ihren Charme.

Zumindest begehen sie nicht die großen Fehler der neuen Marple-Serie, die ja sogar teilweise die Täter verändert oder die Handlung komplett verändert. Und der Mord an Miss Murgetroyd in „Ein Mord wird angekündigt“ ist für mich eine dieser schaurigen Szenen, die man als Kind so sieht und die sich einem unlöschbar ins Gedächtnis einbringen.

Peroy
Peroy

Zumindest begehen sie nicht die großen Fehler der neuen Marple-Serie, die ja sogar teilweise die Täter verändert oder die Handlung komplett verändert.

Ich finde nicht, dass das ein Fehler ist. So verhindert man, dass jede weitere Adaption nur alter Wein in neuen Schläuchen ist (siehe den aktuellen „Orient-Express“ vom Branagh). Gibt es etwas unnötigeres, als sich einen Krimi anzusehen, bei dem man schon weiß, wer der Mörder ist?