Ich will heute mal wieder ein Essay schreiben, weil ich zu dem Thema was zu sagen habe. Nicht nur aufgrund meines Alters – ich kenne das deutsche Fernsehprogramm immerhin bewusst seit den frühen 70ern. Ich halte mich tatsächlich angesichts meines Backgrounds als Fernsehjournalist und Drehbuchautor für kompetent, um über die Fallstricke des vertikalen Storytellings zu sprechen. Keine Sorge, ich werde auch erklären, was das ist.

Vorab sollte aber klar sein, dass wir in einem absolut goldenen Serienzeitalter leben – wo ich vor zehn Jahren den Untergang des klassischen TV-Outputs prophezeit habe, ist stattdessen eine neue Blütezeit angebrochen. Es gibt immer mehr Kanäle, die immer mehr Geld in immer teurere, aber auch immer anspruchsvollere und experimentellere Formate investieren. Zurückhaltungen in Sachen Sex & Violence, aber auch was „delikate“ Themen angeht, sind längst ad acta gelegt. Homosexualität, Korruption, Drogenmissbrauch, Vergewaltigung  – alles darf angesprochen werden, nichts ist tabu. Niemals gab es derart gebrochene Protagonisten, war ein krachendes Scheitern ebenso wahrscheinlich wie das Happy End. It’s not all fun and games.

Weil das Fernsehen nun kann, was lange Zeit nur das Kino durfte, verschwimmen auch die Grenzen zwischen beiden. Die Effekte von „Game of Thrones“ könnten ebensogut einem Fantasy-Kinofilm entstammen, „Westworld“ hat eine Besetzungsliste, die einem Blockbuster entspricht.

Kurioserweise ist das neue „goldene Zeitalter“ besonders gut zu den Genrefans, die auf den klassischen Networks über Jahre so stiefmütterlich behandelt wurden. Bis in die 90er hatte man sich den Genres Science Fiction, Horror und Fantasy weitgehend verweigert – einer beschränkten Zielgruppe und einem im Gegenzug hohen Aufwands wegen. Aber die Multiplizierung der globalen Einnahmequellen mit Streaming, PayTV, Blu-ray, DVD und der klassischen TV-Auswertung ganz am Ende sorgt nicht nur für ganz andere finanzielle Mittel – sie hebt auch die Zielgruppe über die kritische Masse.

Es ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Eine Serie wie „The Walking Dead“ hätte im klassischen TV nicht nur erheblich billiger, sondern auch „softer“ produziert werden müssen. Im Korsett von ABC oder NBC wäre bestenfalls eine Magermilch-Version der Zombie-Saga dabei herausgekommen, deren weltweit begrenzter Appeal wiederum das Vorurteil befeuert hätte, dass Horror im Fernsehen halt nichts zu suchen hat. Der Aufwand, den AMC betrieben hat, um die Serie der Vorlage gerecht auf die Schirme und Monitore zu bringen, hat hingegen viele Leute begeistert, die sonst keine Fans von harter Kost sind. Und damit ist plötzlich auch Profit möglich.

Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, als man als Genre-Fan nur hoffen konnte, dass irgendein Privatsender die neue SF-Serie XY irgendwo am Vormittag oder vielleicht spät in der Nacht ausstrahlt – oft genug miserabel synchronisiert und von diversen Werbepausen an den unpassendsten Stellen zerhackt. Korrekte Reihenfolge? Unwichtig. Einstellung aus Quotenmangel? Die Regel. Es war ein hartes Brot, damals, vor Netflix und DVD.

Und heute?

Westworld, The Walking Dead, Game of Thrones, Punisher, Daredevil, Preacher, The Expanse, Star Trek Discovery, The Man in the High Castle, The Vikings, The Strain, American Gods, Outlander, etc. – selbst die arbeitslosesten Couch Potatoes kommen kaum noch nach. Exzessives „binge watching“ ist die einzige Möglichkeit, zumindest bei den größten Favoriten halbwegs up to date zu bleiben.

Die schöne neue Streaming-Welt hat dabei auch das klassische Broadcaster-Fernsehen von NBC, ABC, CBS und Co. verändert. Es gibt bei den Networks mehr Genreserien als je zuvor. Man traut sich auch was, um nicht vollends abgehängt zu werden: so ist das Arrowverse mit Green Arrow, Flash, Supergirl und Legends of Tomorrow (plus Gotham – irgendwie) ein gelungenes Beispiel für „myth building“, ein geschlossenes Universum, dem DC sogar eine eigene Version ihres Obermotz Superman zugesteht.

Die traditionelle Dominanz von Familiendrama / Krimi / Arztserie ist gebrochen.

Kurzum: Als Serien-Genrefan (Genre-Serienfan?) lebt man aktuell im Paradies, wo die Programmflüsse aus Milch und Honig fließen und goldene Einhörner uns aufwändige Miniserien direkt vom Regenbogen in den Mund plumpsen lassen. 6, 13, 20, Episoden, abgeschlossen oder mit Cliffhanger, ohne Werbepausen, aber in HD und Stereo.

Und doch habe ich ein Problem damit. Das Problem heißt vertikales Storytelling und in meinen Augen hat es sich vom Schlüssel zum Erfolg des neuen TV-Zeitalters in den letzten Jahren zu seiner Geißel entwickelt. Das vertikale Storytelling war Bruch, Aufbruch, Durchbruch. Jetzt ist es ein Werkzeug, dessen man sich primär um der Bequemlichkeit willen bedient – auch, weil es einfache Lösungen für alte Probleme verspricht. Dabei gebiert es jede Menge neue.

Was genau ist mit vertikalem (und damit natürlich auch horizontalem) Storytelling gemeint? Dazu gibt es keine exakte Definition, viele Autoren und Akademiker streiten in den Details. Grob gesagt: horizontales Storytelling ist die Vorwärtsbewegung der Geschichte, die Geschwindigkeit der Handlung. Vertikales Storytelling ist die Tiefe bzw. die Breite der Handlung. Wie ein Fluss, der schmal und schnell fließen kann, aber auch breit und langsam.

Die Domäne des Fernsehens war seit jeher das horizontale Storytelling. Schmal in der Zeichnung seiner Welt und ihrer Konflikte, aber dynamisch im Vorwärtsdrang, um eine Handlung in 45 Minuten zum Ende zu bringen. Darum kann man klassische Serien dieser Art auch problemlos in zwei, drei Sätzen zusammen fassen: „Starsky & Hutch sind zwei charakterlich unterschiedliche Cops, die mit ihrem roten Ford Torino und der Hilfe des schwarzen Gauners Huggy Bear die Straßen von Bay City sauber halten“. Mehr Konzept, mehr Vertikale brauchte es nicht. Der Rest ist Horizontale, die Episodenhandlung, die von ihrem Auslöser bis zu ihrer Auflösung 45 Minuten dauert.

Wir leben jetzt aber zum Großteil im Zeitalter des vertikalen Storytellings. Die Welten, in der uns Geschichten erzählt werden, sind ungleich komplexer als Bay City – auch, weil sie unserer Wirklichkeit oft immer mehr entrückt sind. Statt zwei, drei omnipräsente Figuren gibt es 10 oder 20, von denen einige mitunter ganze Episoden lang nicht auftauchen. Statt eines A- und B-Plots wie bei Star Trek werden ganz im Stil einer Soap Opera vier oder fünf oder gar zehn Handlungsstränge gebaut, die teilweise parallel laufen, so dass immer genug „Erzählmasse“ übrig bleibt, auch wenn ein Hauptstrang beendet wird. Die Tiefe nimmt zu, die Breite des Storyflusses. An die Stelle eines Konzepts, das man auf einen Bierdeckel kritzeln könnte, treten Handlungs- und Personenkonstrukte, für die man Excel-Tabellen braucht.

Das hat vor allem zwei sehr direkte Folgen.

Erstens: Der Erzählfluss wird verlangsamt. 45, 50 oder 55 Minuten sind halt fix und wenn man plötzlich in die Breite gehen muss, um 15 Personen einzuführen, kann man nach vorn in Sachen Handlung nicht mehr ganz so viel Tempo aufnehmen. War es bis vor 10 Jahren noch absolut undenkbar, einen Pilotfilm zu drehen, an dessen Ende nicht die Welt, die Protagonisten und das generelle Ziel der Handlung fertig gesetzt waren, so erinnern viele Piloten heute eher an Vorspeisen, die eine ersten Ahnung dessen bieten, was den Zuschauer erwartet. „Star Trek“ ist ein perfektes Beispiel, gerade weil man dafür gar nicht über die Qualität der Storys diskutieren braucht, sondern sich nur die Struktur ansehen muss: Bis „Discovery“ war es üblich, dass am Ende der ersten Folge das Schiff ebenso etabliert war wie die Crew, dass man Mission kannte, die Tonalität, den Rahmen. Der Rest: Einzelepisoden, in denen sich bestenfalls kleine Justierungen am Konzept vornehmen ließen. Bei „Discovery“ hingegen hat man am Ende des zweistündigen Pilotfilms gerade mal EINE Hauptfigur kennen gelernt, das titelgebende Schiff ist noch nicht aufgetaucht, von einer etwaigen Mission fehlt jede Spur. Stattdessen wird viel Mühe darauf verwendet, das neu entworfene Universum zu bauen, den Konflikt mit den Klingonen, die inneren Konflikte unserer Heldin.

Waren TNG und DS9 und VOY und ENT ganz klassisches horizontales Storytelling, so ist DSC ein ebenso typisches Beispiel für den aktuellen Trend zum vertikalen Storytelling.

Zweitens: Die Handlung nimmt ab. Das mag im ersten Augenblick seltsam klingen, sind Serien wie „Game of Thrones“ oder „West World“ doch vollgepackt mit Plot. Aber das täuscht. Es passiert was – aber es passiert in die Breite, nicht in die Länge. Schaut man sich z.B. wieder „Star Trek Discovery“ an, dann hat der Krieg mit den Klingonen kaum vier oder fünf größere B-Plots im Verlauf der ersten Halbstaffel. TNG hätte einen solchen Strang in einer halben Episode abgehandelt. Aber „Discovery“ hat diese Zeit nicht, weil permanent die Selbstzeifel von Burnham bedient werden müssen, das verdächtige Verhalten von Captain Lorca, die Entwicklung des Spore-Drives. Wenn ich einen Teig breiter rolle, kann ich ihn nicht mehr beliebig lang rollen.

Anderen Serien geht es ähnlich: Viele Fans von „The Walking Dead“ beschweren sich, dass mitunter komplette Staffeln nicht in die Puschen kommen und am Ende praktisch nichts erreicht ist. Die Figuren drehen sich endgültig um sich selber, jeder persönliche Konflikt wird ausgewalzt, Fortschritte auch zurückgenommen oder in Frage gestellt.

Ein fiktives Beispiel. Mittlerweile kann man Inhaltsangaben zu Episoden finden, die sich folgendermaßen lesen: „Jerry findet immer mehr Hinweise, dass Anna eigene Ziele verfolgt, während Joey darüber nachdenkt, Quinn mit seinen Erkenntnissen über die Aliens zu konfrontieren“. Das wären früher zwei einzelne Szenen im Rahmen einer kompletten Episode gewesen. Heute füllt man damit 50 Minuten und gut ist.

Ich verstehe den Appeal des vertikalen Storytellings durchaus. Man kann dem Zuschauer die Figuren viel näher bringen, man erheblich komplexere Zusammenhänge bauen, die nicht nach A+B=C-Schema abgehakt werden. Es sind völlig andere Erzählperspektiven möglich, die uns einlullen und dann wieder heraus reißen. Diese neuen Welten sind üppiger, unberechenbarer, vielfältiger und in diesen Bereichen sicher auch spannender.

Ein Effekt des vertikalen Storytellings, den viele Zuschauer nicht (oder nicht bewußt) wahrnehmen, ist das Syndrom der unbefriedigenden Auflösung. Ganz simpel gesagt: wenn so breit (vertikal) erzählt wird, dass eine ganze Staffel nach vorne (horizontal) nur auf ein fettes Staffelfinale hinausläuft statt auf einen Climax am Ende jeder Folge, dann ist die Gefahr sehr groß, dass dieser Höhepunkt mangels Ideen oder sorgfältiger Planung unbefriedigend bleibt.

Die erste Serie, die vertikal ein größeres Universum baute und uns den Payoff schuldig blieb, war „Twin Peaks“, das ich angesichts seines Experimentalcharakters ausklammern möchte. Dann kam – als direkte Folge – „Akte X“. Von 1993 bis 2017 ist die Serie damit durchgekommen, permanent nur Fragen zu stellen, ohne eine konkrete Antwort zu geben. Das war aber halbwegs okay, weil die Macher noch primär dem horizontalen Storytelling verpflichtet waren und uns viele, viele spannende und in sich geschlossene Episoden geschenkt haben.

Schlimmer wurde es, als Serien die horizontale Ebene immer weiter vernachlässigten. Vorreiter des aktuellen Trends waren zweifellos „Lost“ und „Heroes“. Großartig im Aufbau und in der Etablierung eines Mysterys, aber miserabel gescheitert beim Versuch, dieses auch aufzulösen. Dahinter steckt ein ganz simples Prinzip: es ist mühsamer und gefährlicher, in jeder Folge eine Frage und Antwort haben zu müssen (horizontal), als fünf Staffeln lang eskalierende Fragen zu stellen und die Zuschauer dann nur im Finale zu verprellen (vertikal).

Das vertikale Storytelling macht Serien also üppiger – aber eben nicht unbedingt gehaltvoller. Vor allem aber scheint das Prinzip des vertikalen Storytellings immer mehr zu einem Feigenblatt für schlechtes oder unentschlossenes Storytelling zu werden. Das hängt damit zusammen, dass sehr viele Showrunner und Autoren, die früher schlechte Serien produzierten, nicht durch die Zeitenwende auf einmal Gold scheißen. Oft genug stecken hinter den neuen Fassaden die alten Seilschaften – und die kochen immer noch nur mit Wasser. Das vertikale Storytelling gibt ihnen aber prächtige Methoden, die Schwächen ihrer Erzählpotenz länger zu verschleiern. Wie gesagt: Es ist relativ einfach, eine Serie einfach immer weiter eskalieren zu lassen, wenn man fünf bis sechs Staffeln Zeit hat, bevor man die Hosen runterlassen muss.

Was in meinen Augen heute von Sendern und Produktionsfirmen zu oft vergessen wird, ist die Frage nach dem Endgame. Wenn ein Showrunner eine Serie mit einem Primärplot wie in „Game of Thrones“ (winter is coming!) vorschlägt, sollte er schon beim Piloten eine klare Vision haben, wie die letzte Folge aussieht. Und das nicht nur in seinem Kopf, sondern auf Papier. Spätestens bei Chris Carter und seinen X-Akten sollten wir die Lektion gelernt haben, dass die Behauptung, einen genauen Plan für den Ablauf der Staffeln zu haben, nicht notwendigerweise von Fakten gedeckt ist.

Machen wir uns nichts vor: das klassische, episodische Storytelling hat den Vorteil, dass jede Folge einer Serie für sich genommen funktionieren muss, dass der Zuschauer im Idealfall mit jeder Episode ein geschlossenes, spannendes Abenteuer präsentiert bekommt. Es gibt keine drei Episoden Vorbereitung für den großen Event-Zweiteiler oder fünf Folgen Aufräumarbeit nach der großen Schlacht. Die Spannung wird nicht über die ganze Staffel hin aufgebaut, sondern im ersten Akt jeder einzelnen Folge.

Fallbeispiel „Daredevil“. 13 Folgen von knapp einer Stunde. In einer traditionellen TV-Serie hätte man die Werdung des Helden in ein paar Flashbacks gepackt, seine Freunde und Feinde vorgestellt, sein privates und berufliches Umfeld gezeigt, einen singulären Bösewicht als Aufhänger genommen und am Ende hätte der Rächer der Nacht im Kostüm auf einem Hausdach gestanden. Alles in 45 Minuten. Konzept etabliert – und ab damit in die eigentliche Serie. Wie z.B. bei der „Flash“-Serie 1990.

Im Zeitalter des vertikalen Storytellings braucht „Daredevil“ die gesamten 13 Folgen, um mit sich und seiner Aufgabe als Superheld klarzukommen. Es ist die letzte Szene nach geschlagenen 12 Stunden Laufzeit, in der er erstmals sein legendäres Kostüm überzieht. Das ist keine Dramaturgie, das ist Kaugummi.

Nächstes Beispiel. Der Charakter des Punishers wurde in der zweiten „Daredevil“-Miniserie spektakulär eingeführt und von Jon Bernthal wirklich sensationell überzeugend gespielt. Nun hat die Figur 13 eigene Folgen spendiert bekommen. Nach klassischem horizontalen Verständnis wäre die Figur ja bereits etabliert und könnte mit einer regulären Folge beginnen, in der Frank Castle seine Gegner niedermäht. Aber was machen die Produzenten? Sie lassen Frank Castle seine Punisher-Identität ablegen und das Kostüm verbrennen. Alles auf null. Und dann sehen wir ihn die gesamte erste Episode lang als dumpf dahin brütenden Bauarbeiter. Bis es wieder richtig zur Sache geht, ist mehr als die Hälfte der Miniserie rum.

Diese breit angelegte, aber sehr schwerfällige und teilweise unbefriedigende Herangehensweise ist mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme. Es gibt Serien mit vier oder fünf Staffeln, deren reine Handlung nach regulärem Maßstab keine halbe Staffel hätte füllen dürfen, die voller Redundanzen und Zwischenstopps sind. Manchmal hat man das Gefühl, dass trotz des getriebenen Aufwands aus Budgetgründen auf die Bremse getreten wird, denn mehr Handlung bedeutet mehr Action, bedeutet mehr Schauplätze, bedeutet höhere Kosten.

Und ich rede nicht mal von dem Ärgernis, dass man bei all diese Super-Serien nicht wie früher mehr beliebig ein- und aussteigen kann. Bei „Star Trek: The Next Generation“ machte es keinen wirklich signifikanten Unterschied, ob man z.B. die vierte Staffel komplett verpennt hatte. Man konnte auch Folgen relativ beliebig mischen. Man hat weder etwas verpasst noch musste man sich unheimlich komplexe Zusammenhänge merken. „Preacher“ belohnt nur den braven „a bis z“-Zuschauer, bei „Westworld“ ist man schon nach einer verpassten Episode hoffnungslos verloren. Binge Watching ist angesichts dieser Vorgehensweise kein Genuss, sondern blanke Selbstverteidigung – wer könnte sich die ganzen Figuren, Twists und Vorahnungen denn von einer Woche zur nächsten überhaupt merken?!

Vielleicht liegt es am Alter, aber: Ich vermisse das horizontale Storytelling. Oder zumindest die in den 90ern recht populäre Mischform aus abgeschlossenen Episoden in einem sich entwickelnden Universum: „Babylon 5“, „Akte X“, „Buffy“, „Highlander“. Da war jede Folge für sich genommen befriedigend und tauglich für Gelegenheitsseher. Wer als Fan richtig einstieg, wurde mit Handlungssträngen aus dem Hintergrund belohnt. Alles konnte, nichts musste.

Das neue, bessere (?) Serien-Fernsehen hat einen hohen Anspruch – nicht nur an sich selbst, sondern auch an den Zuschauer. Billiges Guckvolk soll bitte draußen bleiben.



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Dr. Acula

Amen.
Ich bin durchaus ein Freund vertikalen Storytellings, da nur so überhaupt eben epische Serien wie „Game of Thrones“ erzählt werden können, aber es wird mittlerweile oft genug zum Selbstzweck. Die Marvel-Netflix-Serien sind von einer geradezu enervierenden Langatmigkeit und treten folgenlang auf der Stelle (auch „American Gods“ hatte zwischendurch das Problem dass man nach Folge 4 exakt genauso schlau – und in der Handlung weitergekommen – war wie nach Folge 2; „Preacher“ in Staffel 2 ebenso, dort allerdings halfen dann halt durchaus Charaktergeflecht und Dialoge über die Pausen in der Story).
„Into the Badlands“ gönnte sich ja sogar das Phänomen, dass die gesamte erste Staffel (wenigstens nur 6 Folgen) nur Prolog für die nachfolgende zweite (längere) Season war (da war’s echt Glück für die Serie, dass ich drangeblieben bin, denn die Show legte in der zweiten Staffel doch deutlich zu).
Die Balance zwischen Tiefe und einem befriedigenden non-binge-Sichterlebnis ist eine Kunst…

frater mosses von lobdenberg
frater mosses von lobdenberg

Oh, danke für den Hinweis. „Into the Badlands“ habe ich vor ein paar Woche mal angefangen, aber nach iirc vier Folgen wieder weggelegt, weil so gar nix vorwärtsging und ich mich seit der ersten Folge fragte,

SPOILER
warum eine offensichtlich postapokalyptische Kultur mit tiefem Wissen über Metallverarbeitung keine Schusswaffen hinkriegt.

Markus

„Binge Watching ist angesichts dieser Vorgehensweise kein Genuss, sondern blanke Selbstverteidigung“ – ich bin ein bisschen erschüttert, wie sehr ich dir zustimme. Die Netflix-Marvel-Serien mag ich trotzdem eher „deswegen“ als „trotzdem“, weil besagtes Vorgehen an dieser Stelle eine Atmosphäre schafft, die mich anspricht.

Thomas
Thomas

Manche Serien werden besser geschrieben als andere, das gilt eben auch fürs vertikalen Storytelling. Grundsätzlich bin ich aber sehr zufrieden, dass es sich so sehr durchgesetzt hat, und nicht am Ende jeder Star-Trek-Episode wieder auf den Resetknopf gedrück wird. Zudem erleichtert es das Hinaus- und Hereinschreiben von Charakteren, so dass mehr Realismus, Spannung und Abwechslung in den Serien herrscht.

Wenn einem eine Serie zu langatmig erscheint, kann man sie ja für eine andere aufgeben; zum Glück gibt es erstmalig genug Auswahl. Die DC-Serien habe ich bisher alle aufgegeben (aus verschiedenen Gründen), und ich glaube, die Marvel-Serien werden es in Zukunft auch schwer mit mir haben. Aber wären sie erzählt wie Krimis (jede Woche ein neuer, abgeschlossener Fall), hätte ich wohl kaum mehr als je drei oder vier Episoden gesehen.

Ich sehne mich nicht nach dem TV-Alltag der Achtzigerjahre – damals war alles schlechter. 😉

Kaio
Kaio

Gerade die DC Serien haben zusätzlich zur Staffelhandlung immer in fast jeder Folge noch einen Episodenplot mit Anfang und Ende. Also eigentlich genau das klassische Format das Torsten vermisst.

Raumschiff
Raumschiff

Man kann ja episodenhaft erzählen, ohne am Ende der Folge auf den Resetknopf zu drücken. Ich wünsche mir die Kombination aus vertikal und horizontal. Hin und wieder ist eine abgeschlossene Geschichte etwas Feines.

Trautzschke
Trautzschke

Faszinierendes Essay, weil es etwas erklärt, was ich bislang niemandem erklären konnte: Warum ich keine dieser so hochgelobten neuen Serien schaue.

Die sind mir einfach zu breit. Zu breit, um in einem Leben aus Familie, Arbeit, Freunden, Sport und anderen Interessen noch einen Platz zu finden. Schnelle 45 Minuten mit abgeschlossener Geschichte: ja. Serien mit Zwang zu stundenlangem wiederholtem Schauen: nein.

Nun kenn ich auch ein paar Begriffe, um das intelligenter auszudrücken.

Tim
Tim

Um Tiefe und Breite zu erzählen, braucht es Aufwand und Zeit für die Entwicklung, viel mehr als das Durchspielen eines Konzepts. Die meisten Serien haben diesen Vorlauf nicht oder die Produzenten scherten sich nicht drum („Lost“). Typisch ist „Marco Polo“, der Netflix-Versuch, Game of Thrones zu kontern. Episch, breit, sauteuer und trotzdem bizarr bescheuert.
Oder Game of Thrones selbst: Es ist so breit angelegt (selbst Autor George R.R. Martin kann die Fäden kaum noch bündeln, jedenfalls lassen die letzten Bücher ewig auf sich warten), dass die Produzenten der TV-Serie unglaubliche Logikfehler begehen um die Story noch irgendwie zusammenzuhalten.

Pogopuschel

Perfekte Beispiele für gelungenes vertikales Storrytelling sind meiner Meinung nach »Six Feet under« und »Breaking Bad«, die ohne Firlefanz, Füllerfolgen und große Längen auf ein wunderbar gelungenes Ende zusteuern. Ähnlich »The Shield«.

Ein gelungenes Beispiel mit horizontale Storytelling mit folgenübergreifenden Spannungsbögen als Nebenstrang ist für mich Lucifer. Wunderbar altmodisch, ohne sich zu Ernst zu nehmen.

Ich mag beides. Die Abwechslung macht es. Gerade bei den Marvel/Netflixserien fällt auf, dass man die Staffeln zwanghaft auf 13 Folgen presst, ohne dass die Handlung das eigentlich hergibt. Löblich ist Mindhunters mit 10 Folgen von unterschiedlicher Länge, je nach dem was die zu erzählende Geschichte der Episode erfordert. Da ist von 60 bis 30 Minuten alles dabei.

S-Man
S-Man

Danke.

Genau das ist der Grund, warum ich die ganzen ‚tollen‘ Syefienn nie durchgehalten habe: GoT, Walking Dead, Breaking Bad…

Immer dieses künstliche Hinhalten, immer und immer wieder der gleiche Konflikt und nie irgendwie weiterkommen. Und trotzdem verpasst man irgendeinen Subplot von Charakter #57, der plötzlich alles. entscheidend wird… Nein, die ganzen gehypten heutigen Serien sind nix für mich.

Ausnahmen sind in der Tat nach wie vor die Serien, die man wirklich episodenweise sehen kann, wie Big Bang Theory.

Peroy
Peroy

Ich mag „Mord ist ihr Hobby“ und „Street Hawk“.

Pogopuschel

Gab es da nicht mal ein Crossover?

Peroy
Peroy

Möglich… … … hoffentlich…

Breakman
Breakman

Ich fände auch eine Mischung aus beiden sollte es häufiger geben. Mein absoluter Favorit dazu ist immer noch „Veronica Mars“.

Wegen der ganzen Langatmigkeit mag ich auch die ganzen Marvelserien nicht mehr schauen. Die beiden Staffeln Daredevil und Jessica Jones reichen mir. Da brauch ich Luke Caig, Punisher, Ironfist oder Defenders nicht mehr, da ich befürchte, dass mir da nichts neues erzählt wird.

Dietmar

Bei den „Vikings“ sehe ich das Problem einer unbefriedigenden Auflösung nicht: Die Serie orientiert sich an nordischen Legenden und der Geschichte, kann also die einzelnen Charaktere und Handlngsstränge durcherzählen, ohne auf ein großes Finale hinarbeiten zu müssen. Komplett gelungen ist das bei „Breaking Bad“.

Heino
Heino

„Vielleicht liegt es am Alter, aber: Ich vermisse das horizontale Storytelling. Oder zumindest die in den 90ern recht populäre Mischform aus abgeschlossenen Episoden in einem sich entwickelnden Universum: „Babylon 5“, „Akte X“, „Buffy“, „Highlander“. “

Geht mir zunehmend auch so und ist der Grund, warum ich aktuell Serien wie „Brooklyn 99“ und besonders „iZombie“ lieber schaue als „Westworld“ oder GoT.

Generell finde ich die vertikale Erzählweise schon toll und Serien wie „Breaking Bad“ (wo man aber auch merken konnte, dass die Macher das Ende definitiv von Beginn an in der Schublade hatten) möchte ich nicht missen. Bei den Marvel-Serien finde ich „Daredevil“ und „Jessica Jones“ nach wie vor gelungen, weil die trotz aller Nachteile immer noch unterhaltsam waren, „Luke Cage“ und „Iron Fist“ waren allerdings ziemlicher Murks, „Defenders“ hängt irgendwo dazwischen.

Aber ich stelle immer öfter fest, dass ich bei vielen Serien aussteige, weil ich weder Zeit noch Lust habe, ständig alles nachholen zu müssen. das war z.B. bei „Lost“ und GoT der Fall, beide habe ich nach Staffel 4 aufgegeben, weil die TV-Ausstrahlung völlig unberechenbar war. Bei den DC-Serien bin ich auch fast komplett raus, aber das hängt mehr mit der Qualität der Serien zusammen.

Nummer Neun

Sehr guter Beitrag!

Mittlerweile gilt es ja als schick, die Serie möglichst vertikal zu erzählen. Richtig können das aber nur die guten – die im Idealfall am Anfang schon das Ende im Kopf haben, wie bei Breaking Bad, Bates Motel, etc. Fehlt das Ziel, worauf es hinaus laufen soll, wird es irgendwann wirr, wie z.B. bei The Walking Dead. Abgesehen davon, dass es bei den vielen Serien mittlerweile sehr schwer ist, ein Jahr später bei der neuen Staffel noch alle Facetten im Kopf zu haben. Als Idealform empfinde ich es mittlerweile, wenn man pro Staffel eine zusammenhängende Handlung geboten bekommt, wie es z.B. Homeland macht. Auch True Detectives, Broadchurch oder American Crime Story funktionieren so ausgesprochen gut.

Ich mag aber auch nach wie vor abgeschlossene Episoden. NCIS schaue ich immer noch sehr gerne – man kann einfach einschalten und zu schauen, ohne eine große Backstory im Hinterkopf zu haben. Killjoys war auch gut, so lange sie sich auf Einzelfolgen beschränkt hatten und noch nicht das große Rad drehen wollten.

Und zum Thema Binge-Watching: Meiner Meinung nach gibt es einen Grund, warum die meist diskutierten Serien wöchentlich veröffentlich werden: Walking Dead, Game of Thrones, Star Trek Discovery – die Foren sind danach voll. Bingen wertet meist nur die mittelmäßigen Serien auf.

Etwas enttäuscht bin ich aber, dass du ST: DS9 mit den anderen Star Treks in einen Topf schmeißt. Grade diese Serien war ja für seine Zeit in den 90ern schon sehr modern erzählt mit seinem großen Cast und dem starken roten Faden.

Fox
Fox

Ich glaube es wurden die Worte „vertikales“ und „horizontales“ verwechelt.😉 Ich kenne unter vertikale Narrative eig. ausschließlich episodische Erzählung & horizontal bedeutet staffelübergreifende Hanldung. Siehe hier: http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=8946

Gruß

Rudi+Ratlos
Rudi+Ratlos

Feiner Artikel, der auch gut erklärt, warum ich z.B. bei „Ironfist“ (was für ein Schlonz…) von Folge zu Folge ungeduldiger auf der Couch rumrutschte, weil die Figuren wirklich nur in Mikroschritten vorankamen (oder eben auch gar nicht). Schlimm an solchen Serien ist dann auch immer (analog zu z.B. „24“), wenn sich Charaktere in kleinsten Zeiträumen drei bis viermal wandeln und Eigenschaften aufzeigen, die zwei Folgen zuvor noch undenkbar waren, um dann zwei Folgen später wieder komplett umzuschwenken – in Zeiträumen von nicht mal einer Woche…

Angenehm fürs zwischendurch gucken sind Serien wie „Burn Notice“, „Lethal Weapon“ oder „Hawaii 5-0“ – ein bisschen übergreifende Handlung am Anfang und am Ende der Episode und ansonsten eine 40-Minuten Handlung, die abgeschlossen ist.

Am Besten fährt man wohl, wenn man sich eine bunte Mischung aus allen drei Formaten zusammenstellt (primär horizontal, primär vertikal, Mischform) und sich die Rosinen rauspickt – aufgrund der im Artikel beschrieben manigfaltigen Auswahl ist das ja heutzutage zum Glück kein Problem mehr.

Baumi
Baumi

Danke für die gute Analyse und Zusammenfassung.

Der Vollständigkeit halber ein kleine Anmerkung dazu von mir:

Die Unterscheidung zwischen horizontalem und vertikalem Erzählen, wie Du sie hier nutzt, ist sinnvoll und durchaus etabliert. Allerdings begegnet man im Serienbereich oft auch einer anderen Definition von horizontalem Storytelling, nämlich der Unterscheidung zwischen horizontalem und episodischen Erzählen, d.h. das horizontale Extrem wäre eine Soap, bei die Einzel-Episode sich komplett den fortlaufenden Erzählsträngen unterordnet, das episodische hingegen z-B. der klassische Fernsehkrimi, bei dem sich alles nur um den Fall dreht und keinerlei Entwicklung bei den Figuren stattfindet, oder die Sitcom klassischer Machart, bei der am Ende jeder Folge ein Reset auf den Status Quo steht. D.h., nach dieser Definition würde man etwa „I love Lucy“ oder das originale „Star Trek“ als episodisch erzählt einstufen, „Lost“ oder „Game of Thrones“ hingegen als horizontal erzählt. (Weil die Handlung mit ihren Konsequenzen bei letzteren „breiter“ als eine Einzelfolge ist.)

Das heißt jetzt nicht, dass ich fände, dass Du irgendwas am Text ändern solltest, oder dass eine von beiden Bedeutungen die einzig wahre wäre. Bei den Begrifflichkeiten haben sich schlicht unterschiedliche Definitionen für unterschiedliche Zusammenhänge eingebürgert, und je nachdem, welchen Aspekt man untersuchen will, ist die eine oder andere Betrachtungsweise sinnvoller. Wollte es nur anmerken, weil es ansonsten leicht zu Missverständissen kommen kann.

Uwe
Uwe

100% Zustimmung. Ich habe folgende Konsequenzen gezogen:
– sorgfältigere Auswahl, welche Serien ich überhaupt anfange (auf Basis von Empfehlungen, Recherche, Reviews etc.)
– gnadenloses Abbrechen statt Warten auf eine Auflösung, die niemals kommt (z.B. bei Lost)
– mehr Sitcoms, die noch horizontal funktionieren
Und Hörbücher oder Podcasts sind auch ne schöne Alternative 😉

AlphaOrange
AlphaOrange

Ich war zwar ehrlich gesagt während des Lesens deines Esseays maßgeblich von Selbstzweifeln geplagt, ob ich seit Jahren die Begriffe vertikal und horizontal verkehrt herum verwende, aber sehe jetzt in den Kommentaren, dass das wohl nicht eindeutig gehandhabt wird. Phew!

Danke, dass die Schattenseiten von vertikalem Erzählen auch mal jemand „vom Fach“ darlegt! Das hört man sonst lediglich von TV-Einkäufern, die sich beklagen, dass sie gerne mehr episodische Ware wollen, weil bei Vertikalem die Zuschauerzahlen in den Keller fallen, aber in vielen anderen Kreisen gilt das „moderne Erzählen“ ja schon fast als heilige Kuh und man selbst als zurückgebliebener Nostalgiker, wenn man sich nicht dafür begeistern kann.

Die Probleme, die du beschreibst begegnen mir auch immer wieder. Aktuell mit S2 von Stranger Things, bei der ich nach zwei Dritteln auch explizit dachte: Das hätte man früher bis hierher in einer einzigen Episode erzählt. Und ich hätte nicht wirklich was vermisst. Finde daher auch immer das Argument etwas lächerlich, dass Staffeln/Serien kürzer würden, weil man bei vertikalen Shows die Geschichte nicht verwässern und die erzählerische Qualität dicht halten wolle. Was herauskommt ist zuweilen leider das Gegenteil dessen.

Ein paar mehr Aspekte, die so soweit ich das sehe noch gar nicht genannt wurden:

Eine gute Story lebt auch von einer klugen Auflösung. Und an der Stelle wird es nicht nur zum Problem, wenn man keine Idee dafür hat, sondern ebenso, wenn man sie von Anfang an sehr genau hat. Schaue ich eine in sich geschlossene Episode und ahne zur Mitte bereits den finalen Twist, dann fühle ich mich als Zuschauer 20 Minuten lang unheimlich schlau und bin zufrieden. Errate ich den Twist zur Hälfte der Staffel (oder mehrerer) und schaue mir dann noch einen stundenlangen Eiertanz an, bei dem man regelrecht spürt wie besoffen die Autoren ob der Genialität ihrer Schlusspointe sind – not so much. Westworld war für mich ein solcher Fall (das Zeitalter der sozialen Medien, wo schlicht jeder Twist vorab erraten wird, tut sein Übriges).

Desweiteren vermisse ich (das dürfte aber sehr subjektiv sein) die Variabilität innerhalb der Serien. Wo horizontales Erzählen immer wieder variieren, den Fokus verändern, seine Charaktere erforschen oder gar komplett aus dem Genre ausbrechen kann, sind die vertikalen schlicht in dem einmal gesetzten Tonus gefangen. Selbst an Geschichten aus der Vergangenheit der Figuren ist bei vielen Serien nicht zu denken. Und wenn sie dann doch mal einen Ausreißer einsetzen (Discovery, Stranger Things) wirkt es wie ein massiver Bruch im Gesamtwerk.

Matts
Matts

Stimme zu: Ein schöner Artikel! Dass vertikales Storytelling massiv zu Missbrauch einladen kann, ist ein interessanter Punkt. Da ist es halt an uns, den Konsumenten, in solchen Fällen aufzuschreien. Zum Beispiel wird „Lost“ ja auch rückblickend fast nur mit Verachtung betrachtet, würde ich sagen.
Die erwähnten 90er Serien, die einen gelungenen Mix aus beidem präsentiert haben, mag ich persönlich auch noch sehr – vor allem Babylon 5. Auch wenn ich rückblickend vielleicht bezweifeln würde, wie casual-viewer-freundlich die wirklich waren. Wenn man nicht regelmäßig geguckt hat, stand man auch sehr schnell auf dem Schlauch. Aber immerhin gab´s damals noch die „Was zuletzt bei …. geschah:“ Rückblenden. Das ist heute auch komplett verschwunden (Oder irre ich mich?). Es wird wirklich erwartet, dass man jede einzelne Folge gesehen hat und genau weiss, was auf sämtlichen Baustellen los ist.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Den Recap gibt es meist nur noch bei Procedurals, die ihre übergreifende Handlung in der vorliegenden Folge voranbringen wollen und so den Zuschauer auf den aktuellsten Stand bringen möchten. Bei Serien mit komplett übergreifender Handlung gibt es die Rückblende meist nicht mehr, was dann nach einem (halben) Jahr Pause immer besonders super ist (prominentes Beispiel: „Walking Dead“)

trackback

[…] sind die Fragen, mit denen sich Torsten Dewi, Journalist und Drehbuchautor, in seinem Blogbeitrag „Kaugummi-TV: Das Dilemma des vertikalen Storytellings“ beschäftigt. Er arbeitet sich an verschiedenen Beispielen ab, allerdings konzentriert er sich zu […]

Sebastian
Sebastian

Es gibt eine sehr interessante britische Serie namens „Black Mirror“. Jede Episode ist in sich abgeschlossen und alle behandeln das Thema „Digitalisierte Welt“ auf ihre Weise. Kann ich sehr empfehlen

Elikal Ialborcales
Elikal Ialborcales

Sagenhaft! Ich weiss gar nicht, wie ich Ihren Blog gefunden habe, wohl irgend wie beim Googlen etwas völlig anderem. Aber, das ist einer der besten Artikel über den Wandel der TV Kultur! Vieles habe ich eher gespürt und finde bei Ihnen nun Worte dafür. Sehr spannend, und ich stehe da ganz auf Ihrer Seite.

Alexander MacG

So sehr ich das vertikale Storytelling liebe, so sehr ist es sogar für mich eine Hürde, in gewisse Serien einzusteigen oder sie überhaupt zu sehen. Und eigentlich ist es als Filmemacher und Produzent ja mein Beruf 😉

Ich habe grade als GoT begann sehr viel gearbeitet und dann schaue ich gut 3 Monate davor und während der Dreharbeiten schon mal gar nichts anderes. Aber so fehlen einem locker mal 2 oder gleich 3 Staffeln, bis man aus der Postproduktion raus ist.

Daher „quäle“ ich mich grad im binge durch die ganzen Staffeln um den Anschluss zu haben… aber das tue ich mir bei „Walking Dead“ eben nicht an. Schon bei „Breaking Bad“ hatte ich das Problem mir einiges sehr konzentriert anzutun, da Amazon Video meinte, die Serie irgendwann einfach vom Server nehmen zu müssen. Ein anderes großes Problem, was dann leider mit dem vertikalen Storytelling kollidiert!

Denn wenn ich eine Serie verstehen will, muss ich sie von Anfang an sehen. Muss ich aber dauernd damit rechnen, dass sie vom Server genommen wird, überlege ich mir ernsthaft ob ich sie überhaupt anfangen soll.

Tim

Der Artikel geht davon aus, also würde das Problem von Storytelling bei Serien an der Unterscheidung zwischen horizontalem oder vertikalem Storytelling hängen, lässt dabei aber die eigentliche Grundannahme einer Serie außen vor.

Das eigentlich Problem ist nämlich systemimmanent – also darin angelegt, wie eine Fernsehserie wirtschaftlich funktioniert. Und das richtet sich nur in Ausnahmefällen nach einer Story.

These: Ausgangspunkt von Fernsehserien ist nicht die Story. Dann gäbe es viel mehr Serien, die nach einer Staffel enden – nämlich dann, wenn die Geschichte auserzählt ist. Beispiel sind Miniserien wie Band of Brothers. Ausgangspunkt einer Serie ist die Annahme möglichst lange zu produzieren und eine Story auf dem Weg zu entwickeln. Und dann passiert es natürlich wenn man sog. vertikales Storytelling betreibt, dass man die Geschichte immer weiterentwickeln muss, obwohl die schon dreimal abgeschlossen war.

Das geht natürlich mit Serien viel besser, die episodenhaft sind und nicht einer Gesamtgeschichte unterliegen. Und daher kann man eine vertikale Serie unter der gleichen Voraussetzung wie eine horizontale Serie nicht gescheit produzieren. Man müsste vom bisherigen Konzept: “Lass so lange laufen wie es geht abrücken”. Und das passiert nur ganz selten. Ansätze sind Serien, die in jeder Staffel komplett eigene Geschichten erzählen, wie Fargo.
Mir graut es jetzt schon vor einer zweiten Staffel Westworld. Denn die Geschichte ist abgeschlossen. Vielleicht käme besser „Futurworld“ nach dem Ansatz: Eine Staffel, eine Geschichte.

Belegte These: Bablyon 5 war vertikales Story-Telling und die Serie war von Anfang bis Ende schon vor dem Start geplant. Probleme gab es natürlich trotzdem. Durch Wechsel des Hauptdarstellers nach Staffel 1 (aber später gut abgefangen) und weil die Serie später drohte vorzeitig abgesetzt zu werden.

Raumschiff
Raumschiff

Wurden Homosexualität, Korruption und Drogen nicht schon im klassischen Fernsehen thematisiert und behandelt?
Das Revolutionäre beispielsweise an Serien wie The Wire war doch, dass sie kein naives Gesellschaftbild vermittelten, sondern massiv die Auswüchse des Kapitalismus und der Bürokratie kritisierten.
Andere Qualitätsmaßstäbe wären die individuellere Handschrift beim Erzählen, der Fotografie und dem Bild.
Vertikales Erzählen ist kein Wert an sich.

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[…] Kaugummi-TV: Das Dilemma des vertikalen Storytellings […]

Benoni
Benoni

Sehr gut aufgeschlüsselt, toller Beitrag! Vielen vielen Dank =)

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[…] eine verdammt unterhaltsame Sache ist, auch über satte drei Stunden. Wenn wir uns an meinen Artikel über das vertikale Storytelling erinnern, dann wird auch klar, warum das so ist: Der […]

TheK
TheK

Gerade an den diversen Star Trek-Serien merkt man gut, dass diese Entwicklung das Fortschreiben einer lang anhaltenden Entwicklung ist.
In TOS kann man die Folgen beliebig durcheinanderbringen, ohne dass es irgendjemandem auffällt – es gibt keinerlei Charakterentwicklung und jede Figur neben der Hauptrollen (wozu ich mal Schwester Chapel zähle) taucht nie wieder auf. Unter Trekkies gibt es nicht ohne Grund das Klischee der „Redshirts“: Figuren, die nur dafür mit auf Außenmission gehen, damit da einer sterben kann. Einige Figuren werden zwar nach der Serie wieder aufgegriffen, aber nicht darin.
In TNG gibt es dann erste wiederkehrende Figuren, die über die Staffeln immer mehr werden – die Geschichten selbst sind (abgesehen von ersten Doppelfolgen) freilich abgeschlossen und haben nur minimale Bezüge zueinander. Das wird dann mit DS9 anders, wo es eine Rahmenhandlung gibt – und ein riesiges Heer von Charakteren, die immer wieder auftreten. VOY und ENT laufen mit stärkeren Rahmengeschichten (und weniger Gästen!) in der gleichen Form.
Und Discovery liefert nun die fast völlige Trennung von Haupt- und Rahmenhandlung.

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[…] Kaugummi-TV: Das Dilemma des vertikalen Storytellings Torsten Dewi über das Problem, das er momentan mit all den guten Serien hat. Kann ich nachvollziehen. […]

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[…] Kaugummi-TV: Das Dilemma des vertikalen Storytellings (via Wortvogel) […]

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[…] bin bass erstaunt, welche Wellen mein Artikel über das vertikale Storytelling geschlagen hat – der geht tatsächlich nicht nur im Fandom, […]