Der Wandel der Jahreszeiten ist ein Problem für mich. Nicht wegen der Kälte oder wegen etwaigen Regens – die Dunkelheit nervt. Ich laufe gerne abends, aber ein Teil meiner Lieblingsstrecken hat keinerlei Beleuchtung. Also schnalle ich mir doch eine Sicherheitsleuchte um. Das macht es nicht angenehmer. Ich denke darüber nach, auch mal Läufe am Vormittag anzutesten – was ich im Sommer primär der Temperaturen wegen nicht getan habe. Oder ich schaue mal nach, was die aktuellen Angebote im lokalen Fitnessstudio sind.

Ich weiß, ich weiß – letztes Mal hatte ich gesagt, dass ich wieder mit mehreren kurzen Strecken anfangen will, statt immer nur 8 Kilometer zu laufen. Aber in meiner letzten Einheit habe ich die 8 Kilometer ja einmal verfehlt und nun habe ich Lust, diesen Lauf am Rhein nachzuholen. Es ist mal wieder so ein Tag:

Da läuft es sich smooth und auch ohne Trainer im Ohr gelingt es mir, über eine Minute unter dem eher schwachen letzten Lauf der letzten Einheit zu bleiben.

4.10.2017:

Die 8 Kilometer unter 60 Minuten sind damit erfolgreich als Standard etabliert. Ich bin zufrieden. Nicht mehr, nicht weniger.

Weniger zufrieden bin ich mit meinem Gewicht. Na klar habe ich 10 Kilo abgenommen und sehe auch deutlich schlanker aus. Alle Hemden passen wieder, nichts spannt mehr. Aber seit ich ernsthaft jogge, hänge ich bei gut 96 Kilo fest. Angesichts meiner Ernährung und des Sports hatte ich erwartet, mindestens vier, fünf Kilo weniger auf die Waage zu bringen. Es frustriert mich ein wenig, dass der Hebel Sport bei der Diät nicht greift, sie augenscheinlich sogar torpediert. Nun gibt es nicht wenig Artikel, die genau das thematisieren, aber ich sehe in dem Argument „Am Ende kommt es nur auf die Kalorienbilanz an!“ einen Logikfehler: durch den Sport verbrenne ich viel mehr und meine Kalorienbilanz sollte durch die Läufe ja deutlich besser aussehen. Ich esse nicht mehr als vorher, also wäre das fast zwangsläufige Ergebnis trotz aller Umschichtungen die Gewichtsabnahme.

Ich will’s nicht bestreiten: ein bisschen frustrierend ist das schon, denn ich Laufe ja nicht aus reinem Spaß an der Freude, sondern zweckgebunden.

Nächster Lauf. Wegen schlechten Wetters auf den nächsten Tag verschoben. Und nicht nur das – ich muss am frühen Morgen die Sportschuhe schnüren, weil danach eine Wochenendreise ansteht. Eigentlich bin ich weder Frühaufsteher noch Frühsportler, aber durchaus gespannt, wie ich (ohne gefrühstückt zu haben) damit umgehe.

Zuerst einmal: ich find’s scheiße. Um 7 Uhr morgens bin ich müde, unausgeglichen und noch etwas nebelig in der Birne. Ich habe kein Gefühl für meinen Körper und mühe mich sehr, so etwas wie einen Rhythmus zu finden. Es scheint, als würden alle Extremitäten gegeneinander arbeiten. Da das Stadion geschlossen ist und für den Rhein keine Zeit bleibt, verspreche ich der LvA, nach einem 6 Kilometer-Lauf auf dem Kiesweg noch bei der Tankstelle frische Brötchen zu holen.

Dummerweise darf ich diesen Lauf eigentlich nicht werten, weil er kürzer als erwartet ist. Bei 5,87 Kilometern bin ich nämlich schwer schnaufend schon an der Tanke. Unzufrieden. Das kann nix gewesen sein. Frühsport wird nie meins.

7.10.2017:

Da schau an – das ist die zweitschnellste Geschwindigkeit, die ich je auf einer längeren Strecke gelaufen bin. Der Morgen mag mir emotional nicht hold sein, aber physisch bin ich durchaus auf der Höhe. Es kann natürlich auch daran liegen, dass ich mit sieben Läufen à 8 Kilometern schon ziemlich fit für „schlappe“ 6 Kilometer bin. Egal, ich kann damit das „Experiment Frühsport“ zumindest als Erfolg abhaken. Trotzdem laufe ich vermutlich weiterhin lieber abends.

Es gibt übrigens was zu feiern:

50 Läufe mit Runtastic!

326 Kilometer in 41 Stunden. Über 35.000 Kalorien verbrannt. Wie schnell die Zeit vergeht. Vor nicht mal fünf Monaten hatte ich noch gezweifelt, ob ich es in diesem Jahr irgendwann auf 5 Kilometer bringen würde.

Es gibt allerdings auch eine Kehrseite: Hätte ich die insgesamt (inkl. Aufwärmen, Umziehen, Duschen und Protokolle schreiben) 80 Stunden in Schreiberei investiert, hätte ich nun einen 400 Seiten dicken Roman fertig.

Und die Kehrseite der Kehrseite: Der Erfolg im Sport motiviert, es noch einmal mit einem Roman als „Nebenprojekt“ zu versuchen. More news coming soon.

Zuerst einmal aber: Pause. Fünf Tage, um den Knien richtig Zeit zu geben, sich zu entspannen. Und um nicht jeden Tag zu denken, dass ich heute, spätestens aber morgen wieder auf die Piste muss. Mal aus dem Jogger-Denkmuster raus.

Prompt fällt es mir am Freitag erstaunlich schwer, mich wieder zu motivieren – das erste Mal muss ich einen Schweinehund überwinden, um aus dem Sessel zu kommen. Ich habe auch zu wenig gegessen und kann mich nicht entscheiden, ob ich 6 oder 8 Kilometer laufen soll. Eher gelangweilt beschließe ich, im Stadion mal den Kiesweg zu laufen, der leicht erhöht um den Sportplatz herum liegt und ziemlich exakt 500 Meter pro Runde lang ist.

Es wird wieder mal ein Lauf gegen mich selbst, als ich bei Kilometer 3 feststelle, dass meine Zeit so gut ist, dass ich meinen 6 Kilometer-Rekord von 40:00 brechen könnte. Aber so sehr ich mich mühe, so sehr ich mich anzutreiben versuche – ich ahne, dass es knapp nicht reichen wird.

13.10.2017:

Die 28 Sekunden waren einfach nicht drin. Aber ich werde mich auch nicht beschweren, dass ich meine zweitschnellste Geschwindigkeit auf Langstrecke (alles ab 6 Kilometer aufwärts) gelaufen bin. Man muss von sich selbst überzeugt bleiben.

Der nächste Lauf findet bei perfektem Wetter und mit guter Laune statt. Es geht mit der Trainerin und der LvA ins Stadion. Ich habe mir sträflicherweise heute ein großes Eis gegönnt, das muss gleich mal abgelaufen werden. Weil es doch ein wenig kneift, dass ich vorgestern so knapp am 6 Kilometer-Rekord von 40:00 gescheitert bin, programmiere ich entgegen aller Vernunft einen neuen „ghost run“. Die 40:00 sollen heute fallen. Ad astra!

15.10.2017:

Und sie sind gefallen. 9,15 Stundenkilometer. 32 Sekunden unter dem aktuellen Streckenrekord und mit neuen Bestleistungen in Sachen 5 Kilometer und 3 Meilen. Zum Vergleich: selbst bei meinen früheren 4- und 5-Kilometer-Läufen war ich im Schnitt langsamer. Ich bin bisher nur dreimal schneller gelaufen – über 3 und 2 Kilometer.

Meine Trainerin lobt hinterher die Haltung, die Koordination und den Rhythmus, empfiehlt aber, mich mal mit dem Lauf-ABC auseinander zu setzen, um gewisse Bewegungsschwächen auszugleichen. Werde ich machen.

Zum Wochenbeginn mache ich mir endlich mal wieder das Smartphone mit neuer Musik voll und ein paar Hörspielen. Langeweile ist für mich ein genauso gefährlicher Feind wie die Erschöpfung. Außerdem plane ich einen Besuch in zwei Fitnessstudios in der Umgebung, um neue Möglichkeiten zum Training während der Wintermonate zu erkunden. Ich will ja nicht in den Winterschlaf gehen.

Wieder setze ich eine Runde aus – ich bin auf Reportage, habe Geburtstag und Freunde zu Besuch. Da kann der Sport mal hintenan stehen.

Die nächste Herausforderung ergibt sich logisch aus der letzten: Wenn ich 6 Kilometer in 39:30 laufen kann, ist mein Rekord von 55:00 auf 8 Kilometer eigentlich keine große Sache mehr, denn die beiden Zusatzkilometer sollten sich in 15:30 ja locker schaffen lassen. Also: antreten, um den 8 Kilometer-Rekord zu drücken!

Es ist ein milder Tag, ich fühle mich ausgeruht und angemessen entspannt, auf dem iPhone wartet schon ein neuer Powermix darauf, mich voran zu peitschen. Ich visualisiere die 55 Minuten und drohe ihnen mit Schläge. Außerdem beleidige ich ihre Mutter und steche ihnen die Fahrradreifen kaputt.

Es geht gut los, der erste Kilometer endet nach knapp über 6 Minuten. Für einen wirklich effizienten Lauf sollte ich dauerhaft unter 7 bleiben. Es klappt nicht ganz, aber es motiviert mich, als ich nach 6 Kilometern schon meine zweitbeste Zeit auf diese Distanz gelaufen bin. No rest for the wicked. Noch 2 Kilometer oben drauf.

20.10.2017:

Über eine Minute unter dem bisherigen Rekord. Ich habe Respekt vor mir selbst. Den Lauf beendet, das Ziel erreicht.

Ein Blick auf die Geschwindigkeit ist aufschlussreich:

Bei den Kilometern 5 bis 7 ist noch Luft drin, die sollte ich alle auch in 6:45 schaffen können. Und dann wäre ich noch mal eine Minute schneller.

6 Kilometer Rekord gebrochen, 8 Kilometer Rekord gebrochen? Was kann noch kommen? 4 Kilometer Rekord brechen, richtig! Und weil das ein bisschen wenig Strecke ist, beschließe ich, gleich zweimal hintereinander zu laufen. Erst den Rekordlauf, dann eine kurze Pause, dann noch mal 3 oder 4 Kilometer je nach Verfassung.

Wir erinnern uns: 26:33 war der bisher schnellste 4 Kilometer-Lauf Anfang September.

Ein paar Mal ist jetzt ein deutlich erfahrener Läufer zur gleichen Zeit auf der Bahn gewesen. Der frustriert mich. Er ist ungefähr doppelt so schnell wie ich.

Ein schöner Tag, ich fühle mich wohl, weder Knie noch Ferse knirschen. Auf auf!

24.10.2107:

Na also. 45 Sekunden unter der bisherigen Bestleistung. 25:30 und damit ein Schnitt von 6:20 wären mir lieber gewesen, aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Ich atme tief durch, bleibe in Bewegung, versuche Herzschlag und Atmung ein paar Minuten lang zu normalisieren. Noch mal 3 Kilometer, auf mehr habe ich jetzt keine Lust mehr. Genau genommen habe ich nicht mal auf die Lust, aber – Wunschkonzert und so.

Wenn ich die 3 Kilometer mit dem gleichen Durchschnitt schaffe wie die 4 Kilometer, könnte ich glatt bei 20 Minuten landen. Geile Sache.

Nach zehn Metern weiß ich, dass das Illusion ist. Meine Beine fühlen sich an wie Blei, ich muss sie bei jedem Schritt förmlich vom Stadionboden hieven. Es wundert mich, dass der Boden nicht erzittert, wenn ich auftrete. Wumm, wumm, wumm. Der Versuch, etwas schneller in die Gänge zu kommen, scheitert. Mir ist, als würde ich durch feuchten Zement laufen. Die Oberschenkel sind steinhart.

Schon erstaunlich: 7 Kilometer am Stück hätte ich relativ leicht geschafft – aber 4 Kilometer und dann nach einer Pause 3 Kilometer verlangen unfassbare Überwindung.

24.10.2017:

21 Minuten genau. 7 Minuten pro Kilometer. Eine Geschwindigkeit, mit der ich normalerweise 6, 7 oder 8 Kilometer schaffe. Aber wisst ihr was? Es ist mir egal. An diesem Nachmittag zählt, dass ich mich nach dem 4 Kilometer-Lauf noch mal aufgerafft und den geplanten Lauf auch beendet haben. Nicht Körperkraft, sondern Willenskraft.

Ich nehme mir vor, den 3 Kilometer Rekord auch noch zu brechen. Nächstes Mal. Das wird allerdings eine ECHTE Herausforderung, denn der aktuelle Stand sind 18:10 von Mitte Juli. Bis heute mein schnellster Lauf und mein einziger über 10 km/h…



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mmStefanJakeDietmar Recent comment authors
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Dietmar

Das „Festhängen“ bei dem Gewicht würde ich normal finden: 1. sind die Fortschritte am Anfang immer die größten, 2. passt es eigentlich doch gut zu Deiner Körpergröße. Nit weniger würdest Du wahrscheinlich eher dürr statt schlank wirken.

Jake
Jake

aber ich sehe in dem Argument „Am Ende kommt es nur auf die Kalorienbilanz an!“ einen Logikfehler: durch den Sport verbrenne ich viel mehr und meine Kalorienbilanz sollte durch die Läufe ja deutlich besser aussehen. Ich esse nicht mehr als vorher, also wäre das fast zwangsläufige Ergebnis trotz aller Umschichtungen die Gewichtsabnahme.

Lies Dir mal diesen Beitrag durch, da wird genau darauf Bezug genommen. Die drei dort am Ende verlinkten PDFs sind übrigens auch sehr interessant. Die sind mir vor zwei Jahren untergekommen, als ich mich mal etwas intensiver mit dem Thema Fettstoffwechsel beschäftigt hatte.

Stefan

Das klingt doch sehr positiv. Hast Du mal drüber nachgedacht, partiell deine schnellen 6 km durch Intervalle zu ersetzen? Das wäre sowas wie 4×1 km in 6:10-6:15 mit ca. 4 min lockerer Laufpause zwischendrin.