USA 2017. Regie: Denis Villeneuve. Darsteller: Ryan Gosling, Harrison Ford, Jared Leto, Robin Wright, Ana de Armas, Sylvia Hoeks, Dave Bautista u.a.

Offizielle Synopsis: 30 Jahre nach den Ereignissen des ersten Films fördert ein neuer Blade Runner, der LAPD Polizeibeamte K, ein lange unter Verschluss gehaltenes Geheimnis zu Tage, welches das Potential hat, die noch vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen ins Chaos zu stürzen. Die Entdeckungen von K führen ihn auf die Suche nach Rick Deckard, einem seit 30 Jahren verschwundenen, ehemaligen LAPD Blade Runner.

Kritik: Ehrlich gesagt finde ich ein Sequel zu „Blade Runner“ ungefähr so notwendig wie weitere Sequel zu „Alien“ – und Interesse konnte dieses Projekt bei mir erst wecken, als klar wurde, dass Ridley Scott diesmal nicht auf dem Regiestuhl sitzen würden, sondern der durchaus stilbewusste Denis Villeneuve. Die Trailer (siehe unten) verkauften uns denn auch eine optisch spektakuläre Fortsetzung, die das Original zwar fortschreibt, aber in dessen Parametern bleibt.

Und so kann man sich irren.

Die Trailer von „Blade Runner 2049“ sind primär interessiert, ein jugendliches Sommerpublikum ins Kino zu ködern, in dem mit schnellen Schnitten und ineinander geschnittenen Explosionen ein Blockbuster im Stil des diesjährigen „Ghost in the Shell“ suggeriert wird. Großer Wow-Faktor, Ryan Gosling, Retro-Begeisterung dank Harrison Ford, viel Westworld-Atmosphäre mit nackten Roboterleibern.

Tatsächlich ist „Blade Runner 2049“ aber ein erstaunlich aus der Zeit gefallener, ambitionierter utopischer Film im besten Sinne, den an der Replikanten-Geschichte weniger die Schauwerte als die thematischen Implikationen interessieren. Es werden ähnliche Konzepte wie in „Alien: Covenant“ angesprochen, es geht um Identität, um das, was uns unterscheidbar macht, menschlich. Um die Frage, was Menschsein noch bedeutet, wenn das Maschinesein alles Menschliche perfektioniert hat. Im Gegensatz zu „Alien: Covenant“ macht „Blade Runner 2049“ das allerdings erheblich erfolgreicher, weil schon das Original in diese Richtung philosophierte und die Meta-Ebene in diesem Fall nicht gewaltsam aufgepfropft werden musste.

So, wie sich die Welt in den letzten 30 Jahren weiterentwickelt hat, hat sich auch der thematische Ansatz von „Blade Runner“ weiterentwickelt. Konzepte des Originals werden umgedreht, umgedeutet, zur körperlichen Replika des Menschen gesellt sich die emotionale in Form von AI-Hologrammen. All das ergänzt die Diskussion in und um „Blade Runner“ nicht nur, es kontrastiert sie sogar, stellt in Frage, was als gesichert galt. Leider kann ich um der Spoiler wegen nicht konkreter werden.

Kein verkleidetes Remake – eine echte Fortsetzung.

Die Mensch/Maschine-Problematik pinselt Villeneuve dabei in knapp drei Stunden auf die ganz große Leinwand, zeigt eine Zukunft, die nach „Blade Runner“ noch mal einen Absturz hingelegt hat. Permanenter Regen, dann wieder glühende Trockenheit, eine von den zerfallenden Resten der Menschheit erstickte Erde, in der nur noch der Untergang verwaltet wird, weil das System auch ohne Hoffnung weiter läuft. Das ist spektakulär und manchmal atemberaubend, wohl kaum ein Film in den letzten 20 Jahren hat so viele Panoramen für Bildschirmhintergründe und Poster geliefert wie dieser. In seiner zugleich opulenten wie allgegenwärtigen Trostlosigkeit erinnert er zeitweise an Andrei Tarkowski oder den überraschend gelungenen „Autómata“ (der mich wiederum an „Blade Runner“ erinnerte – alles ist ein Kreis).

Nicht nur inhaltlich, auch technisch ist „Blade Runner 2049“ entschlossen, das Rad der Science Fiction zurück zu drehen, das Genre der pubertären Oberflächlichkeit der YouTube-Generation zu entreißen. Es ist ein erwachsener Film, mit erwachsenen Darstellern, in dem Szenen nicht durchhetzt werden, der sich Zeit für Pausen und verzweifeltes Schweigen nimmt. Die gesamte Welt des Jahres 2049 ist in angekratzt, verstaubt, jenseits des Modernitätswahns unserer Zeit – und darum ist es auch mehr als konsequent, dass die Effekte unter Zuhilfenahme von Computern entstanden sind, dies aber an keiner Stelle wirklich offensichtlich ist. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt einen derart analog wirkenden Film gesehen. Die Landschaften, die fliegenden Wagen, die Explosionen – alles wirkt so vertraut handgemacht, dass man angesichts des in der Luft liegen Staubes manchmal husten möchte.

Die Darsteller schlagen sich erstaunlich gut, Ryan Gosling gibt einen überzeugend stoischen Blade Runner, Ana de Armas ist bezaubernd als Liebes-Hologramm, Harrison Ford jenseits aller Zweifel und Sylvia Hoeks kompetent als Asskickerin. Und bei Gott – ich glaube mittlerweile, Dave Bautista könnte noch zum Charakterdarsteller wachsen. Einziger Fehltritt ist in meinen Augen wieder mal Jared Leto, der seine vergleichsweise kleine Rolle mit seiner typisch affektierten Eitelkeit füllt, so dass man ihn nicht wegen seiner bösen Taten, sondern nur wegen seiner Schnöseligkeit verachtet. Ich werde mit dem Mann nicht warm – und hier schon gar nicht.

Und wo wir gerade bei den Defiziten sind. Es gibt genau EINE Szene, die sichtbar und damit irritierend auf CGI zurückgreift – ihr werdet wissen, was ich meine, wenn ihr es seht. Das hätte nicht sein müssen. Noch nicht und nicht schon wieder.

Natürlich hätte man den Film, wenn man seine einzelnen Szenen straffer und nach moderneren Anforderungen geschnitten hätte, locker um eine Stunde kürzen können, ohne ihn inhaltlich zu verknappen. Villeneuve lässt gerne in Echtzeit ablaufen, was man um der Dramaturgie sonst kürzer gefasst hätte. Aber eine kommerziellere Fassung von „Blade Runner 2049“ würde vermutlich viel von ihrem Pathos, ihrem gemächlichen Prunk verlieren. Dies ist kein Film, in den man wie ins kalte Wasser springt. Er ist eher wie Sonnencreme, die man langsam einziehen lassen muss.

So ist „Blade Runner 2049“ überlang, übervoll, überladen, oft überragend und in seiner pastoralen, elegischen Art zu entschlossen, sich nicht dem blanken Kommerz auszuliefern. Es ist ein Film, der in meinen Augen an dem Publikum, das er mit einem Mega-Budget von 185 Millionen Dollar anziehen muss, scheitern wird. Denn für die colaschlürfende Smartphone-Jugend bietet er einfach zu wenig Spektakel, zu wenig Eye Candy, zu wenig Erregung. Ich hoffe, dass ich mich irre – weil „Blade Runner 2049“ es verdient hätte, als erwachsene, meditative Science Fiction erfolgreich zu sein. Vielleicht wird es ihm gehen wie dem Vorgänger: beim Kinostart unter den Erwartungen geblieben, in den folgenden Jahren aber zum Kultfilm gewachsen. Es wäre passend.

Fazit: Große Konzept-Science-Fiction, die mit ihrer Verweigerung von Blockbuster-Remmidemmi und einer Fülle grandiosen Bildern und Themen punktet, manchmal aber unter ihrer ikonographischen Schwere ächzt und mehr beeindruckt als begeistert.

P.S.: Erste Vorstellung des Film im Baden-Badener Cineplex. 16.30 Uhr. 7 Leute.



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Markus
Markus

Bin gespannt. Das mit Dave Bautista sehe ich ähnlich – erstaunlich cleverer, talentierter Typ.

Peroy
Peroy

Ist er besser als das Original?

Sebastian
Sebastian

Okay – Stichwort offensichtliche CGI: wen haben sie von den Toten auferstehen lassen? Eldon Tyrell oder Rachel?

Dietmar
Dietmar

Tja, ich habe auch eine Frage. Eine peinliche: Habe Blade Runner nie gesehen. Immer verpasst, wollte ihn einmal leihen, da war aber keine Kopie mehr da und wenn der im Fernsehen lief, war ich unterwegs. Muss man ihn gesehen haben, um hier mitzukommen?

Wolfgang
Wolfgang

Läuft diesen Sonntag (7.10.) ab 20.15 Uhr bei uns (ARTE).

Dietmar
Dietmar

Na super: Das habe ich am Wochenende übersehen…

Thies
Thies

Der Film ist leider nicht in der Mediathek abrufbar. Die begleitende Doku zu Philip K. Dick dagegen schon. Sicherlich ein Ansehen wert, denn der Mann hat mit zahlreichen Kurzgeschichten und Romanen ein Werk hinterlassen, das nicht umsonst immer wieder von Hollywood als Vorlage herangezogen wird. Wie gut die Adaption jeweils ausfällt steht natürlich auf einem anderem Blatt, bzw. bei „Next“ auf einem anderen Planeten. 😉

heino
heino

Verdammt, ich wollte den eigentlich boykottieren. Der erste Teil ist in der Kinofassung eine gute Umsetzung des Buches (die anderen Schnittfassungen verdrehen die Aussage der Vorlage ins Gegenteil) und benötigt nun wirklich keine Fortsetzung. Aber jetzthast du mich neugierig gemacht, obwohl ich weder Ryan Gosling noch Jared Leto was abgewinnen kann…

Jake
Jake

Wie schaut’s denn mit Harrison Fords Screentime aus? Spielt er neben Gosling eine tragende Rolle in dem Film?

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Die Besucherzahl kann aber auch der Zeit geschuldet sein, wer kann denn schon um 16:30 Uhr ins Kino gehen 😉

Jake
Jake

Geh in drei Wochen mal in die Nachmittags-Vorstellung von „Fack ju Göhte 3“ (gleiche Altersfreigabe wie „Blade Runner 2049“), dann siehst Du, wie viele Leute da Zeit haben. 😉

Peroy
Peroy

Wenn man „Fack Ju Göhte 2“ als Maßstab nimmt, würde ich davon abraten…

invincible warrior
invincible warrior

So als Benchmark aus Singapur, letzte Woche Kingsmen 2 um 8:50 am Kinotag (4Euro die Karte, kaum Werbung), zweite Woche, nahezu ausverkauft.
Blade Runner 2049, 1 Woche, Kinotag 6:40, konnte noch locker gute, Karten in der Mitte bekommen, nur die besten Reihen waren ausverkauft.

Singapur ist dabei knallhart, die meisten Filme machen ihren Umsatz in der ersten Woche, alles unerfolgreiche wird in der Woche (erst recht Kinotag) unschaubar für arbeitende Bevölkerung. Man muss dabei auch erwähnen, dass für Singapur normale Startzeiten für die Abendvorstellungen 6:30-7 und 9 Uhr sind.

Tim
Tim

@torsten: Hast du Arrival gesehen, den Vorgängerfilm Villeneuves, und wenn, würdest du sagen, stilistisch („Handschrift des Regisseurs“) sind beide ähnlich? (Ich fand Arrival überbewertet und habe deswegen Bedenken bezüglich Blade Runner)

Peroy
Peroy

Ich fand „Arrival“ war der größte Haufen Scheisse, den ich in den letzten Jahren im Kino gesehen habe, aber ich finde „Prisoners“ und „Sicario“ grandios, von daher bin ich optimistisch…

Flossensauger
Flossensauger

Oh, kein 2D in meinen -sinnvoll- erreichbaren Kinos?

Na dann halt nicht. 3D funktioniert bei mir nicht.

Thies
Thies

Ich muss die Flut an Eindrücken erst einmal für mich sortieren. Rein gefühlsmäßig ein reicher, komplexer Film der die Themenwelt des Originals ausweitet und bis auf wenige Anspielungen nie in Gefahr läuft alleine von dessen Klassiker-Status zu zehren.

Aus Ridley Scotts lebendigen Tableaus ist hier eine komplett lebensfeindliche Umwelt geworden. Eine öffentliche Ordnung scheint nur noch als Illusion zu existieren und Menschen wie Replikanten versuchen mit künstlichen Mitteln ihre emotionalen Bedürfnisse zu befriedigen, da Beziehungen in dieser Umwelt noch seltener zu finden sind als Bäume. Aber wenigstens wird nicht ganz soviel gesoffen wie im Original – einen Supercut dazu lieferte kürzlich der „Honest Trailer“:

Zum Trailer: auch ich dachte schon während der Sichtung mehrmals, dass dieser einen völlig anderen Film verkauft hat, nicht nur durch den Schnitt sondern auch durch Dialoge die im Film gar nicht vorkamen, Ob sich das an der Kinokasse rächen wird bleibt abzuwarten, aber für einen Blockbuster erscheint er mir dann doch zu sperrig. Die im Netz zu lesenden Meinungen sind immerhin überwiegend positiv – vielleicht schaukelt er durch Mundpropaganda mit Ach und Krach über die Gewinnschwelle. Wenigstens dürfte er weitaus weniger Hass auf sich ziehen, wie von den Zuschauern die in Erwartung eines Star-besetzten Mistery-Thrillers in „mother!“ gelandet sind.

Zu Jared Leto: neben seiner Darstellung hat mich auch die Figur die er spielte am meisten gestört. Seine Dialoge waren bis über jedes verständliche Maß in verschachtelten Metaphern ertränkt, so dass mir bis zum Schluss unklar blieb, was eigentlich seine Motivation und sein Masterplan war.

P.S. Savoy, Hamburg, Abendvorstellung, beinahe ausverkauft. 3D vollkommen unnötig wenn nicht sogar störend.

Peroy
Peroy
Jake
Jake

Nur drei Dinge auf Erden sind und ganz sicher: Der Tod, die Steuer und Peroys „Half in the Bag“-Links.

Peroy
Peroy

Spreading the word…

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