USA 2017. Regie: Andrés Muschietti. Darsteller: Bill Skarsgård, Finn Wolfhard, Jaeden Lieberher, Owen Teague, Javier Botet, Sophia Lillis, Megan Charpentier

Offizielle Synopsis: In der Stadt Derry in Maine verschwinden immer wieder Kinder. Eine Gruppe von Kids wird mit ihren schlimmsten Ängsten konfrontiert, als sie dem bösen Clown Pennywise gegenüber stehen, der seit Jahrhunderten eine Spur von Mord und Gewalt hinter sich herzieht.

Kritik: Ich lehne mich mal aus dem Fenster und bezeichne „IT“ als den am meisten erwarteten Horrorfilm des Jahres. Die Gründe dafür sind bezaubernd menschlicher Natur: „ES“ war eines der prägenden Bücher der  80er, ein moderner Horror-Klassiker, den 80 Prozent der Teenager damals im Schrank stehen hatten – und bestimmt 40 Prozent haben ihn auch tatsächlich gelesen.

Das Buch profitiert ebenso von nostalgisch verklärter Erinnerung wie die Miniserie von 1990, die bis auf ein vergeigtes Ende eine erstaunlich liebevolle Adaption des Romans darstellt – mit „John-Boy Walton“ in einer der Hauptrollen und Tim Curry als gänsehautigem Gruselclown.

„ES“, Buch wie Miniserie, ist Comfort Food, ist eine wohlige Erinnerung an Zeiten, als alles besser war: das Kino, die Freizeit, der Horror.

So ist auch zu erklären, dass Presse und Fandom sich angesichts der Neuverfilmung in Rage geredet haben, dass es auf einmal furchtbar wichtig wurde, ob und wie bestimmte Teile des Buches diesmal umgesetzt würden, wie das Makeup von Pennywise gestaltet wird – und wie man ein Buch von 1500 Seiten in 135 Minuten presst. Eine Mischung aus vorsichtiger Hoffnung und präventiver Depression war überall im Netz zu spüren, vermischt mit dem üblichen „Das KANN ja nix werden“-Gesabbel.

Zugleich profitiert „IT“ vom aktuellen „coming of age“-Trend, der sicher auch mit der nachlassenden Masse an Young Adult-Verfilmungen zusammen hängt und in dessen Rahmen sich viele Filmemacher bemühen, Kinder und Jugendliche wieder als authentische Protagonisten zu rehabilitieren. Das kennen wir aus Serien wie „Stranger things“, das wird auf dem Festival auch noch in einigen Filmen wie „Veronica“ und „Super dark times“ zu sehen sein. Meinen „stamp of approval“ hat dieser Ansatz.

Und darum freue ich mich auch, zuerst einmal Entwarnung tröten zu dürfen: „IT“ ist ein dynamischer, tonal perfekt balancierter, gut getakteter und mit echter Empathie umgesetzter Mainstream-Horrorfilm, der die Trigger eines großen Publikums bedient, ohne echte Geeks zu unterfordern. Auch durch seine zeitliche Verortung (größtenteils spielt er 1989) erinnert er an die Hoch-Zeit von Stephen King, als der Meister noch ein Markenzeichen und keine Marketingnutte war. In seinem Verzicht auf massiven CGI-Einsatz und hektischen Schnitt ist er sympathisch retro, ohne jemals altmodisch zu wirken.

Wie sehr Muschiettis Film kein Budenzauber sein will, sieht man an seinen Stärken, denn die liegen komplett bei den Darstellern. Der Kinder-Cast ist makellos, sowohl beim „Losers Club“ wie auch bei den Teenager-Bullys. Hervorheben muss ich allerdings zwei Performances, die in diesem hochwertigen Ensemble noch herausragen: Natürlich Bill Skarsgård als Pennywise, sabbernd, grinsend, mit irritierendem Schielauge und hasigen Schneidezähnen. Deutlich präsenter und weniger als hintergründige Bedrohung dargestellt als von Tim Curry in der Miniserie, verliert er keinen Deut an Wirkung: wer bisher keine Angst vor Clowns hatte, wird sie hier bekommen.

Und dann ist da noch Sophia Lillis als Beverly Marsh in einer wahrlich „starmaking performance“. Ich habe das selten in meinen 30 Jahren als Kritiker gesehen, vielleicht bei Gary Sinise in „The Stand“, bei Rachael Leigh Cook in „The 18th Angel“, bei Grace Chloe Moretz in „Kickass“. Man sieht Lillis und weiß: Das ist ein Ausnahmetalent.

Dazu wummert ein wuchtiger Score und Regisseur Muschietti weiß genau, wie knapp und präzise er die Schock- und Actionmomente halten muss.

Ich erwähnte es ja schon: Vorab war viel diskutiert worden, wie „IT“ die Länge des Roman adäquat umsetzen würden. Es gab durchaus ein Murren, als bekannt wurde, dass Muschietti sich auf die erste Hälfte des Romans konzentrieren wollte, den ersten Kampf der Kids mit Pennywise. Die zweite Hälfte, in der Miniserie als Parallelhandlung erzählt, ist für ein Sequel aufgespart. Und ich kann mich nicht beschweren: es ist die richtige Entscheidung. „IT“ ist nicht überladen, nicht überhastet, und hat durchaus ein befriedigendes Ende, dem man die Abblende „Chapter One“ nicht übel nimmt. Er funktioniert „standalone“, macht aber massive Lust auf den nächsten Teil.

Als jemand, der mit dem aktuellen Trend zum Hardcore-Horror und zu unsympathischen Protagonisten nichts anzufangen weiß, kann ich das, wofür „IT“ steht, nicht genug loben. „IT“ wirkt weit über den Horrorfilm hinaus als Jugenddrama, als Parabel auf das Bekämpfen kindlicher Ängste, als Beweis, dass der Horrorfilm ein großes Publikum nicht spalten muss, sondern zusammen bringen kann.

Fazit: Ein meisterhaft inszenierter und sehr sympathisch besetzter Oldschool-Horrorfilm, der deutlich macht, wie gut King war, wenn er wirklich gut war. Sowohl die Miniserie von 1990 als auch diese aufpolierte Kinovariante können prima koexistieren – man muss sich nicht für eine entscheiden. Fortsetzung angekündigt und erwünscht. 9 von 10 Punkten. 

Fragt Philipp: „Ich brauchte einen Moment, um damit klarzukommen, dass das hier eines der „Originale“ ist (wenn auch eben als Remake), von dem die anderen gerne kopieren. Als das bei mir klick gemacht hatte, konnte ich den Film richtig genießen.“

So kann’s übrigens gehen: ich wurde nach dem Film von einem Kamerateam interviewt und habe (glaube ich) ziemlich „quotable“ meine Meinung ins Mikro gequatscht. Weil man in einer solchen Situation allerdings nichts googeln kann, habe ich mich (wie ich gerade feststellen musste) ziemlich blamiert, weil ich Toby Jones als genialen „Pennywise“ gelobt habe – der wird aber von Bill Skarsgård gespielt. Keine Ahnung, wieso meine Synapsen da so fehlgeschossen haben.

Next up: „Rendel“



avatar
11 Comment threads
2 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
10 Comment authors
PeroyheinoThiesNummer Neunmm Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich zu:
comicfreak
comicfreak

*phew*
DANKE!
Junior et moi freuen uns schon auf den Film. Jetzt erst recht 😀

Jake
Jake

Wohoo! Bei keinem anderen Film habe ich dieses Jahr mehr gehofft, dass er gut wird. Klasse Review, Erwartungshaltung jetzt over 9000.

koldir
koldir

Ich halte meine Vorfreude im Zaum. Es gab zu viele schlechte King-Verfilmungen. Zuletzt „The Mist“. Langweilig, schlechte Effekte und eine unsymphatische Darstelleriege, bei der man sich permanent wünscht, geht in den Nebel und hauscht euer leben aus.

„ES“ ist in meinen Augen eines der Besten Bücher von King. Dicht gefolgt von „Brennen muss Salem“.

Ich habe das Teil damals förmlich gefressen. Die erste Version, anno dunnemals bei Heyne erschienen. Als „Jumbo-Paperback“ mit 860 Seiten Umfang. Selten gab es so ein abartiges Format. Diese Riesenteile waren alles andere als lesefreundlich, Und nach dem Lesen sahen die Dinger aus, wie durch die Gülle gezogen.

Es war trotzdem Liebe auf dem ersten Blick. Und dem zweiten. Und dem dritten. Bis zur 1200 Seiten – Variante (ich glaube, die kam dann schon bei Lübbe raus) habe ich „ES“ mehrmals gelesen und mich nicht ein Mal gelangweilt. Das haben nur ganz wenige Bücher geschafft.

Ja, bezogen auf „ES“ bin ich trotz meines biblischen Alters nach wie vor Fanboy und blicke der Verfilmung, trotz der wohlwollenden Kritik, vorerst noch skeptisch entgegen.

Dietmar

Das ist eine gute Nachricht!

Thies
Thies

Ich war ebenfalls sehr angetan und hatte bei einigen Szenen richtig feuchte Augen bekommen. Trotz der Zweiteilung musste die Handlung natürlich stark eingedampft werden, aber trotz aller Abänderungen und Verkürzungen wurde der Stil von Stephen King selten so gut getroffen wie hier. Von mir aus könnte die Fortsetzung bereits nächste Woche starten, aber da werden wir wohl noch 2-3 Jahre warten müssen.

Stuckimann
Stuckimann

In 30 Jahren gerade vier Mal das „a star is born“ Gefühl gehabt? Naja, vielleicht kannst Du Dich eher für Drehbücher begeistern. Deshalb will ich mal nicht so sein und Dir Gänsehautgeizkragen mit ein wenig erinnerter Begeisterung aushelfen: Jennifer Connelly in „Labyrinth“, Natalie Portman in „Leon – Der – Profi“, Elijah Wood UND Josh Hartnett in „The Faculty“, aber auch Bryce Dallas Howard in „The Village“. Kirsten Dunst habe ich in „Interview with the Vampire“ spontan gehasst – ich glaube, das zählt auch.

Peroy
Peroy
Thies
Thies

Ich kann die Argumente von Jay und Mike zum Für und Wider der Neuverfilmung nachvollziehen, würde den Film aber trotzdem ohne Einschränkung empfehlen. Komplette Zustimmung erhalten sie von mir, was die TV-Verfilmung angeht: es ist eine fast alle wichtigen Punkte abdeckende Zusammenfassung, die trotzdem den Horror des Romans um Meilen verfehlt.

Nummer Neun

Ich muss ja zugeben, dass mir die erste Hälfe etwas zu episodenhaft war, als man die Albträume der Kids schön der Reihe nach präsentiert bekam. Die waren aber dafür natürlich sehr gut inszeniert. Insgesamt kam der Film für mich mehr über die Gruselschiene als über das Erwachsenwerden – was etwas schade ist, aber vielleicht hat er da auch nur mich nicht richtig gekriegt.

heino
heino

Wir haben hier leider keine Karten mehr bekommen, der Film war nach 5 Minuten ausverkauft. Da muss dann die normale Kinoauswertung reichen

heino
heino

Dank kurzfristig anberaumter Zweitausstrahlung konnte ich den Film gestern noch sehen und ja, der ist gut geworden. Muschietti geht hier den richtigen Weg und gibt den jungen Darstellern genug Raum, ihre Rollen mit Leben zu füllen, ohne die Story unnötig auszuwalzen. Pennywise ist auch viel gruseliger als in der TV-Verfilmung gelungen und trotz des ziemlich geringen Budgets sehn weder die Effekte billig aus noch leistet sich der Film bei der Ausstattung Schlamperei. Bonuspunkte gibt es für den Soundtrack, der mal ungewöhnliche Lieder für die Bebilderung der 80er findet, die aber trotzdem hervorragend passen.

Fazit:guter Einstieg in das Festival mit einem gelungenen Eröffnungsfilm.

Peroy
Peroy

„shIT“