F/B/I 2016. Regie: Julia Ducournau. Darsteller: Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Naït Oufella, Laurent Lucas

Offizielle Synopsis: Die junge Justine beginnt ihr Studium als angehende Veterinärmedizinerin. Doch gleich die erste Woche an der Uni wird zum Spießrutenlauf. Drogen und Tierblutduschen sind die Rituale, die das „Frischfleisch“ durchstehen muss. Angestachelt von ihrer großen Schwester bricht Justine ihren Kodex als Vegetarierin und entwickelt fortan eine unbändige Lust auf Blutiges.

Kritik: Justine entdeckt die Fleischeslust – es ist nicht schwer, die erzählerische Inspiration für diesen Film zu entdecken. Das Thema, ein unschuldiges junges Mädchen mit Exzessen und Bacchanalien zu korrumpieren, ist ja wahrlich nichts Neues. Selten wurde der Abstieg in den Hedonismus, die Anarchie und letztlich die Selbstfindung allerdings so düster und menschenfeindlich erzählt.

Bei allem, was „Raw“ richtig macht, kommt er nie über seinen Kardinalfehler hinweg: er spielt in einer grauen Welt, die wir nicht ertragen, und erzählt von Personen, die wir weder mögen noch verstehen. Er gibt uns nichts, in das wir uns einfinden oder mit dem wir uns identifizieren möchten, bleibt in seinem Universum immer nur theoretisch, vage, verstörend. Was passiert, mag uns schockieren, aber es (be)trifft uns nicht.

Einen ähnlichen visuellen und künstlerischen Ansatz haben Filme wie „High Rise“ und „The Lobster“ deutlich erfolgreicher versucht.

Hunderte von Tiermedizin-Studentin, die in einem von der Zivilisation entfernten Beton-Siedlung Macht- und Demütigungsrituale durchspielen, während sie sich Drogen- und Sexexzessen hingeben? Alles ohne steuernde Moral, ohne System, ohne Polizei oder Uni-Leitung? Das ist alles nur für den maximalen Schock konstruiert, aber nie wirklich.

So unnahbar wie das Szenario sind auch die Figuren: Justine ist stumm, introvertiert, fast schon autistisch. Wir erfahren nie, was sie antreibt oder ausmacht. Ihr erster Kontakt mit der Fleischeslust ist nur ein Trigger, der sie völlig aus der Bahn wirft – keine Erkenntnis, aus der der Film irgendeinen dramaturgischen Antrieb ziehen könnte. Ihre Schwester, ihr Zimmergenosse, ihre Eltern – alle nehmen hin, was passiert, sind Katalysatoren des Wahnsinns, statt den Wahnsinn dieser Welt in Frage zu stellen. „Raw“ bleibt über seine gesamte Lauf geschlossen, mauert gegen den Zuschauer und gegen die Vernunft.

Ich möchte jungen Regisseuren auch ins Stammbuch schreiben, dass die ungesunde Faszination mit „bodily fluids“ spätestens seit Chronenberg keinen Tabubruch mehr darstellt. Menstruation, Pinkelpausen, Kotzorgien und Eiterbeulen sind nur noch billiger Mummenschanz – vor allem, wenn sie so massiv und plakativ wie hier präsentiert werden. Was natürlich auch bedeutet: für Zartbesaitete ist „Raw“ eher harte Kost.

Das ist umso bedauerlicher, da der Film viele eindringliche Momente besitzt, Szenen intensiver Kälte und Isolation. Die Darsteller bringen sich voll ein und ich habe Garance Marillier ein ums andere Mal nicht beneidet für das, was sie unter dem Diktat des Drehbuchs mit sich machen lassen muss. Aber es reicht halt nicht, wenn die Beteiligten mich als Zuschauer nicht abholen, mich emotional nicht mitspielen lassen.

Das „überraschende“ Ende ist dann keine befriedigende Erklärung für das Geschehen, sondern nur eine Pointe im Stile der Twilight Zone, die bei einem Langfilm einfach nicht reicht, um die bis dahin entstandenen Fragezeichen aufzulösen.

Wie man einen Film derart am Zuschauer vorbei inszenieren kann, lässt sich vielleicht auch am Vorspann erklären. Ich habe an anderer Stelle öfter schon geschrieben, dass das FFF sich aus dem Fundus von Filmen bedient, die teilweise nur für Festivals gedreht scheinen und sich primär aus einem komplexen Geflecht an Fördergeldern und Steuertöpfen finanzieren, statt ihr Budget über die kommerzielle Auswertung zu suchen. „Raw“ ist geradezu ein Paradebeispiel dafür – unfassbare 16 separate Titelkarten listen vorab die Produktionsfirmen, Filmfonds und Steuerprogramme auf, die hier abgeschöpft wurden:

Angesichts dieser Massierung von „oben nach unten“-Finanzierung muss ich durchaus in Frage stellen dürfen, ob überhaupt jemand ein Interesse hatte, hier einen Film für ein breites Publikum zu drehen. In seiner subventionierten Blase ist „Raw“ weniger Kino als Kunst und auch erkennbar stolz, nicht profanes Entertainment liefern zu müssen. Vielleicht bin ich damit auch bloß die falsche Zielgruppe.

Fazit: Ein harter, intensiver, moderner und nihilistischer Neo-Kannibalenfilm, der an irgendeiner Stelle vergessen hat, dass er ein Publikum bedienen muss und sich deshalb fast ausschließlich um sich selbst dreht. Kompromisslos, aber frustrierend abgekapselt. Technisch sicher 7 von 10 Punkten, aber unter dem Strich doch nur unbefriedigende 5 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Einerseits starke Szenen, gut gespielt, andererseits zu weit von jeder Realität, um mich wirklich abzuholen.“

Next up: „Hounds of Love“



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Dr. Acula

Ah, die Sorte Film, die mir das FFF mittlerweile ziemlich verleidet – „festival porn“.

Peroy
Peroy

Scheiss‘ auf’s breite Publikum.

Stephan
Stephan

Justine ist stumm, introvertiert, fast schon autistisch.

Als Vater eines Asperger-Autisten reagiere ich auf die Verwendung von „autistisch“ in einem nicht-medizinischen Zusammenhang öfters mal ein wenig sensibel. Da ich aus meiner langen Zeit als Leser dieses Blogs weiß, dass Sie sich in der Regel genau überlegen, was Sie schreiben, interessiert mich, wie Sie für sich den Begriff „autistisch“ definieren bzw. ihn hier verwenden?

Viele Menschen scheinen damit extreme Verhaltensweisen wie in Rain Man zu verbinden, aber es gibt sehr unterschiedliche Erscheinungsformen von Autismus, die zum Teil sehr von diesem Klischee abweichen.

Ich habe ein wenig gegoogelt, um auf passende Texte oder Diskussionen zur Verwendung von „autistisch“ verlinken zu können, und bin auf eine spannende Diskussion in einem Asperger-Forum gestoßen. Dort wird, angeregt durch einen Kommentar im heute-journal, sehr interessant und vielseitig über das Pro und Contra diskutiert. Einige Aspies sehen das völlig entspannt, andere sehr kritisch. Ebenfalls sehr lesenswert ist im gleichen Forum einThread über die Darstellung von Autismus in Filmen, in dem im weiteren Verlauf auch die Rolle von Medien allgemein diskutiert wird.

Stephan
Stephan

„Zuerst einmal halte ich Asperger und Autismus nicht für deckungsgleich.“

Warum nicht?

„In dem Film geht es nicht um Autismus – und darum ist auch eine Diskussion über die Darstellung von Autismus im Film hinfällig.“

Autismus im Film wollte ich nicht diskutieren. Tut mir leid, falls das missverständlich war. Ich wollte nur wissen, wie Sie das Wort verstehen und verwenden. Das haben Sie erklärt.

Auf der Suche nach Beispielen zur Verwendung von „autistisch“ in den Medien bin ich auf die beiden Diskussionen gestoßen und habe sie ergänzend verlinkt, weil sie verschiedene Seiten des Themas gut beleuchten.

Christian Siegel

Ja, das sehe ich sehr ähnlich. Atmosphärisch und schauspielerisch wirklich nett, und mit ein paar echt starken Szenen, aber aufgrund der übertrieben wirkenden Darstellung der Verhältnisse an der Uni und der unnahbaren Figuren war ich nie wirklich ins Geschehen involviert. Und der Abschlusstwist war einfach nur dämlich und lächlich, und hat ihm in meinen Augen definitiv weit mehr geschadet als genützt.

Peroy
Peroy

Ehrlich gesagt… den Schluss-Gag halte ich für den besten Moment des ganzen Films. Das soll nicht viel heißen…