Polen 2016. Regie: Bartosz M. Kowalski. Darsteller: Michalina Świstuń, Nicolas Przygoda, Przemysław Baliński, Patryk Świderski, Paweł Brandys, Anita Jancia-Prokopowicz, Paweł Karolak, Małgorzata Olczyk

Offizielle Synopsis: In langen Einstellungen steuert der Film auf die Katastrophe zu, während er drei polnischen Kids durch den letzten Schultag des Jahres folgt. Ein ganz normaler Tag zunächst. Ein dickes Mädchen will einem Jungen ihre Gefühle für ihn gestehen. Der Junge und sein bester Freund haben ihre ganz eigene Art, darauf zu reagieren. Man hasst sie schon jetzt. Aber das ist nur der Auftakt für die eine Szene, die sich danach wie zufällig und doch zwingend ergibt…

Kritik: Ich habe ja schon häufiger darüber geschrieben, dass die Auswahl der Festivalfilme nicht immer nachvollziehbar ist. Über die letzten 30 Jahre hat es einen merklichen Schwenk weg von klar definierten Genres wie Horror, SF und Fantasy hin zu Psychodramen, Gangsterfilmen und generell obskurer Avantgarde gegeben. Kunst und Kultur, anfangs noch ein begrüßter Bonus, hat das Festival mittlerweile so klar im Griff, dass man sich als echter Geek alter Schule mitunter fehl am Platz fühlt. Ist es so schlimm, dass ich statt Dramen über missbrauchte Hausfrauen lieber was mit Vampiren sehen möchte – in space? Dass mir eierköpfige Aliens lieber sind als schwertschwingende Asiaten? Dass ich Utopien als Schauplatz jeder belgischen Betonsiedlung vorziehe?

Ich hatte immer gedacht, das wäre eine natürliche, quasi unverzichtbare Entwicklung. So ist halt der Markt, so ist das Angebot. Es werden nicht mehr jedes Jahr Hellraiser- und Children of the Corn-Sequels produziert, also nimmt das FFF, was es bekommen kann.

Seit gestern weiß ich, dass ich mich damit geirrt habe. Das Programm ist ganz klar Ausdruck des Geschmacks und der Einstellung der Veranstalter, die aus einem breiten Angebot das auswählen, was sie für repräsentativ halten. Und seit „Playground“ bin ich überzeugt, dass sie dabei in den letzten Jahren das Interesse ihres Publikums komplett aus den Augen verloren haben.

Why so serious? Weil Veranstalter Reiner Stefan, den ich sehr schätze, vorab auf die Bühne trat und den in seinen Augen stärksten Film des Festivals ankündigte. Seine Begeisterung für „Playground“ war spürbar – und seine Enttäuschung, dass der Film in Polen durchgefallen war, ebenso.

Anderthalb Stunden später habe ich mich gefragt, on Reiner Stefan noch Herr seiner Sinne ist.

„Playground“ ist streng genommen kein Film. Er stellt in elend langen Kapiteln drei polnische Halbwüchsige vor (von denen nur zwei handlungsrelevant sind), zeigt ihre bereits in jungen Jahren angeknacksten Psychen, die Lieb- und Leblosigkeit des polnischen Vorstadtalltags. Das ist gut beobachtet und realistisch, aber nicht sonderlich erschütternd. Mein eigenes Leben in Monheim Anfang der 70er war nicht nennenswert erfreulicher. Eine Stunde lang kreisen die Figuren umeinander, die Mädchen schreiben Briefe, die Jungs rauchen. Dann nehmen die beiden Jungs ein Kleinkind aus der Shopping Mall mit zu einer Bahnstrecke, treten das Kind, erschlagen es mit Steinen, zerschmettern seinen Schädel mit Beton, werfen die Leiche neben die Gleise.

All das wird nicht erzählt, es wird nur beobachtet. Keine Geschichte, nur ein Ereignis. Keine Antworten, nur Apathie. Zwei Jungs, die ein Kleinkind bestialisch ermorden. Vielleicht, weil sie sonst gerade nichts zu tun hatten. Vielleicht… ja, wieso eigentlich? Nichts an „Playground“ leistet das, was ein Film leisten muss. Die unsäglich langsam erzählte Einführung der Figuren ist völlig wertlos, weil sie keinen Einblick gibt, uns nicht vorbereitet. Die schockierenden letzten zehn Minuten würden ohne das „davor“ genau so funktionieren – oder eben nicht, weil das Finale abgesehen vom Schockwert keinerlei Katharsis, keine Auflösung, keinen Höhepunkt darstellt.

„Playground“ erzählt nichts. Er ist nur. Und er ist eklig und unnötig. Wer meint, so etwas sei transgressiv oder tabubrechend oder mutig, der sollte sich besser von mir fernhalten.

Fazit: Eine freudlose, bis zum Finale völlig leere Visualisierung des James Bulger-Mordes ohne jeden Erkenntnisgewinn. Wer gerne auf Beton starrt und Frösche aufblasen lustig findet, der mag sich so etwas anschauen – für jeden normal getakteten FFF-Besucher ist es eine Qual, die ich erstmals mit immer noch zu großzügigen 0 von 10 Punkten prämiere.

Fragt Philipp: „Willkommene Gelegenheit, meine Polnisch-Kenntnisse praktisch zu erproben. Unsäglich dröge und verweigert sich dem, was ein Vollfilm bieten muss.“

Next up: Blade of the Immortal



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Max Goldt hatte einmal in einem seiner Texte einen Satz einer Theaterkritik Wort für Wort seziert:

In schonungslos verknappter Sprache bringt er die alltägliche Gewalt auf die Bühne und liefert so eine radikale Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation.

Ich kann mir einen auf ähnlich hohle Weise betroffen klingenden Satz zu diesem Film vorstellen: „In gewollt kunstlosen Bildern wird ein unbehaglicher Blick auf die heranwachsende verlorene Generation geworfen“ oder so ähnlich. In einer positiven Kritik zu „Playground“ stand dass hier „Erkenntnisgewinne nicht auf dem Stundenplan stehen“. Zumindest dem Teil konnte ich zustimmen.

Björn

Absolut seltsam dass der Film in der Festivalsektion vertreten ist. Und dann auch noch der Favorit vom Veranstalter!? Der muss einen ordentlichen Dachschaden oder einen außergewöhnlich schmerzfreien Geschäftssinn haben. Fand den Film nicht total furchtbar – nur völlig überflüssig und belanglos. Kein „Bübchen“ und auch kein „Benny’s Video“.

Marcus
Marcus

Ein quälender, freudloser Blick in den Abgrund, bei dem man gar nicht schreiben will, dass er elegant gefilmt und großartig gespielt ist (obwohl das stimmt). Weil der Film so gut umgesetzt sein kann, wie er will, und das, was er erreichen will, perfekt erreichen kann – man will ihn trotzdem nie, nie, nie mehr wieder ansehen.

Oder wie mein Mitstreiter beim Abspann zu mir sagte: „Fühlen wir uns jetzt scheiße, oder fühlen wir uns jetzt scheiße?“

Torstens 0/10 sind unangemessen. Was eine angemessenere Punktzahl ist? Gute Frage.

Ohne Wertung.

MissCharlesDexterWard

Du sprichst mir aus der Seele, ich habe auch den Eindruck, dass sich das Fantasy Filmfest-Team mehr und mehr inhaltlich vom Namen und Kern des Filmfestes entfernt.
Dieses Jahr hatte ich irgendwann die Nase voll von ihren Coming of Age Dramen und künstlerisch ambitionierten Filmen und habe auf den ein oder anderen sicherlich guten Film schon aus Trotz verzichtet, weil ich dafür nicht auf dieses Filmfest gehe.
Was allerdings den Geschmack Rainer Stefans angeht, war der schon immer schlecht, aber gut, wenigstens hatte man da noch Genrefilme.
Bei diesem Streifen bin ich wirklich ratlos, eigentlich war er für mich auch nur ein Lückenfüller. Gut ist aber anders.