Spanien 2016. Regie: Roberto San Sebastián. Darsteller: Javier Bódalo, Miriam Martín, Víctor Amilibia, Ignatius Farray, Rocío Suárez, Javi Alaiza, Javi Cañón

Offizielle Synopsis: Männer tun alles für ein bisschen Geschlechtsverkehr. Auch Möchtegernaufreißer Nico taumelt hormongesteuert von einem Korb zum nächsten. Denn der Schlacks mit Überbiss und Rüschenhemd hat ein klares Ziel: Dieses Silvester soll seine Jungfernschaft geopfert werden! Als ihn schließlich die deutlich ältere Medea abschleppt, ahnt er noch nicht – in dieser Nacht wird noch weit mehr geopfert werden. Das Zuhause der Angebeteten ist mit Kakerlaken übersät, die Küche ist versiffter als jede Studenten-WG, im Badezimmer steht ein Kelch voll Blut. Medea hat für alles eine Erklärung. Auch für ihre Statue der nepalesischen Männerhasser-Göttin Naoshi. Schon ist Nico raus aus der Unterbuchse und mitten drin in einem wahren Bad aus Körperflüssigkeiten.

Kritik: Es gibt immer mal wieder transgressive Filme auf dem FFF zu sehen, die mit Bildern schockieren, die wir so noch nie gesehen haben, bei denen der Ekel kein Selbstzweck im Splatterarsenal ist, sondern ein Werkzeug zur Aufrüttelung des Zuschauers, zum Bruch der Lethargie, die neue Erfahrungen verhindert. Als Drama kann das schwer mitnehmen – siehe „Ex-Drummer“, „Enter the Void“ oder „We are the Flesh“. Als Komödie wie bei „Antibirth“ ist die Wirkung natürlich eine andere, weil der Humor bei der Katharsis hilft. 2017 ist das bizarre, von Kakerlaken, Dreck und Körperflüssigkeiten durchzogene Kammerspiel „Night of the Virgin“ der Film, an dem man seine eigenen Schmerzgrenzen in Sachen Widerlichkeit testen kann.

Es gibt haufenweise Szenen in Roberto San Sebastiáns Film, die ich nicht mal beschreiben möchte, geschweige denn bebildern. Halten wir es mal vage: es wird Masturbation mit ungeeigneten Gegenständen und ungewaschenen Kleidungsstücken getrieben, ein iPhone finde sich in unangemessenen Körperöffnungen wieder, und Menstruationsblut ist kein Ketchup. Belassen wir es dabei.

Das alles wäre zuerst einmal nur widerlich – da „Night of the Virgin“ aber bezaubernd humorvoll erzählt ist und wir wirkliche Sympathie für unsere beiden schrägen Hauptfiguren entwickeln, addieren sich die gezeigten Schockmomente zu einer absurden Farce über den Drang nach und den Missbrauch der Sexualität. Nico und Medea wollen dasselbe – aus gänzlich verschiedenen Gründen. Und so sehr sich Nicos Fluchttrieb auch meldet, so viel stärker ist doch sein Paarungstrieb. The things we do for love…

Wie mittlerweile beim spanischen Film nicht selten, ist „Night of the Virgin“ auch noch bildschön gefilmt, die verwahrloste Wohnung von Medea erinnert an Jeunet/Caro-Filme, als wäre sie in eine alte Kanalisation gebaut worden. Eine lebens- und vor allem lustfeindliche Umgebung, die wunderbar das erotisierte Treiben konterkariert.

Im Gegenzug zu anderen top bewerteten Filmen des Festivals wie „This is your death“ (in den USA übrigens unter dem Titel „The Show“ erhältlich) und „Colossal“ kommt „Night of the Virgin“ mit der sehr expliziten Warnung, dass hier nicht alle Zuschauer auf ihre Kosten kommen werden. Dies ist KEIN Grusler für das Mainstream-Publikum, sondern eine Delikatesse für die Freunde des Abseitigen. Und ich freue mich, dass er mich daran erinnert hat, dass ich dazu gehöre.

Am Eingang bekam übrigens jeder Zuschauer eine Kotztüte gereicht – hübsche Idee und angesichts des Film nicht mal unangebracht.

Fazit: Eine okkulte Sex-Farce, vollgepackt mit Splatter und unerhörten Ekeligkeiten, die wahrlich nicht jedem bekommen dürfte – beinharte FFF-Veteranen preisen angesichts der kruden Geschehnisse den Namen Roberto San Sebastián. 9 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Man kann Filme mit haufenweise Körperflüssigkeiten auch sehenswert machen (Hallo „Kuso“). Indem man nämlich eine passende Geschichte erzählt.“

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Den konnte ich letzte Woche auf einem anderen Festival genießen. Neben der Kotztüte wurde jeder Zuschauer noch mit einem Kondom und einer Gesichtsmaske des Hauptdarstellers beglückt. Regisseur und Produzent (sympathische Dudes) waren ebenfalls anwesend und gaben nach der Vorstellung noch die ein oder andere Anekdote zur Entstehung des Film zum Besten bzw. beantworteten Fragen der Zuschauer. Das nenne ich value for money.

Zum Film selbst: Das, was der Wortvogel oben geschrieben hat! 9/10

P.S.: Die Anfangsszene mit dem Moderatoren-Duo wurde von ein paar spanischen Gästen mit Lachern quittiert, was im Anschluss des Films hinterfragt wurde. Der Regisseur erklärte uns, dass es sich hierbei um echte Fernseh-Moderatoren handelt, die auch in ihrem richtigen Job jedes Jahr den Jahreswechsel zusammen moderieren. Im Film spielen sie darauf recht selbstironisch an (vieles davon ist improvisiert), was man natürlich nur versteht, wenn man die Moderatoren bzw. die Sendung kennt.