Israel/Palästina 2016. Regie: Yaniv Berman. Darsteller: Lior Rochman, Mishel Pruzansky, Amit Hechter, Ido Kestler, Ofer Hayun, Maor Schweitzer, Nimrod Hochenberg u.a.

Offizielle Synopsis: Auch wenn die Scharmützel auf einem ganz anderen Nebenschauplatz stattfinden, der Horror des Krieges trieft aus dieser Geschichte wie Blut aus einer tiefen Wunde. Vier verschwiegenen Kindern dient eine von Stacheldraht umzäunte, verlassene Militärbasis als geheimer Rückzugsort. Hier verbringen sie ihre Tage, stellen Bärenfallen auf und jagen mit Pfeil und Bogen Tiere. Die werden an ein mysteriöses Wesen in einer Fallgrube als Opfergabe verfüttert, unter dem Mantra der Gruppe „Eat them and not us!“. Doch plötzlich sind Eindringlinge im Camp. Zwei Deserteure, die sich vorm Zivildienst an der Front drücken wollen, verstecken sich am falschen Ort, dem Herrschaftsgebiet der Kinder. Es beginnt ein Kampf, in dem nichts gewonnen, aber viel verloren wird: kindliche Unschuld, Moral und ganze Leben.

Kritik: Und wieder einmal betreibt das FFF verdammenswerten Etikettenschwindel, um die Zuschauer in die Irre (also den Kinosaal) zu führen. Man beachte diesen Satz in der obigen Inhaltsangabe:

„Die werden an ein mysteriöses Wesen in einer Fallgrube als Opfergabe verfüttert, unter dem Mantra der Gruppe „Eat them and not us!“.“

Das ist technisch korrekt wiedergegeben – aber im Film ist in jeder Sekunde deutlich, dass es kein Monster gibt und auch die Kids nicht wirklich daran glauben. Sie haben einfach nur ein schwarzes Loch im Boden zu einer Monsterhöhle erklärt. Und damit endet schon jeder noch so an den Haaren herbei geredete Anlass, „The land of the little people“ als tauglich für ein Fantasy Filmfest zu rechtfertigen.

Bermans Film ist ein Jugenddrama, das mich teilweise an „Die Vorstadtkrokodile“ erinnert hat – angesichts meines Alters natürlich an die Originalversion von 1977. Eine Clique gelangweilter Kinder einer noch von Wildnis umgebenen Vorstadt entdeckt böse Buben und sieht sich gezwungen, im Konflikt mit diesen Strategien zu entwickeln und auch ein Stück weit erwachsen zu werden.

Im Fall von „The land of the little people“ spielt das natürlich vor dem Hintergrund des ewig andauernden Israel/Palästina-Konflikts und thematisiert den ständigen Kriegszustand, in dem die Kinder um ihre Väter fürchten und auch im Privatleben der militärische Habitus allgegenwärtig ist.

Das klingt als Idee vielleicht nicht ideal für ein Fantasy Filmfest, aber zumindest interessant. Leider ist „The land of the little people“ so spannend geschrieben und inszeniert wie ein lauwarmer Schluck Wasser. Weder wird zwischen den Kindern und den desertierten Soldaten jemals ein echter Konflikt gebaut, noch haben die Charaktere irgendwelche Ziele, die zu einem solchen führen könnten: die Soldaten wollen nur weg, die Kinder ihren Spielplatz zurück. Das widerspricht sich nicht und darum müht sich Berman auch sichtlich, immer wieder kleine Auseinandersetzungen zu konstruieren, die aber komplett folgenlos bleiben. Die Eskalation zum Ende hin, Dreh- und Angelpunkt des ganzen Films, wirkt daher psychologisch unglaubwürdig und behauptet.

Ich verstehe, dass „Land of the little people“ eine Parabel ist, in der sogar die „little people“ doppeldeutig zu verstehen sind. Das alte Militärgelände ist das besetzte Land der Palästinenser, die Deserteure stehen stellvertretend für die israelische Besatzung, die Kinder sind die arabischen Bewohner, die aggressiven älteren Jugendlichen Bewegungen wie die Hamas. Aber wenn man solche Analogien baut, muss man sie auch mit Leben füllen, muss das Symbolische etwas über das Konkrete aussagen, es kritisieren, relativieren, verdeutlichen. Das passiert hier nicht.

Letztlich ist „Land of the little people“ ein Film über Kids, die sich völlig unnötig mit zwei Deserteuren anlegen und deren Konflikt ebenso unnötig und unglaubwürdig eskaliert.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: So etwas hat GAR NICHTS auf dem Fantasy Filmfest verloren. Man sollte sein Geld zurück verlangen dürfen.

Fazit: Ein dröges Jugenddrama aus Israel, dem der zentrale Konflikt fehlt und das auch als Parabel auf den ewig währenden Krieg mit den Palästinensern mehr theoretisch als emotional überzeugt. Als Kuriosität schafft das gerade noch 3 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Vorstadtkinder gegen junge Erwachsene in einer eher langweiligen Fassung.“

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Neben der Tatsache, dass der Film einfach ein bisschen langweilig ist, ist mein Problem, dass er sich doch sehr eigenartig positioniert.
Es wird die Militanz der Gesellschaft thematisiert, aber nicht wirklich deren Belagerungszustand.
Die Eskalation der Gewalt zwischen den Kindern und den Deserteuren erfolgt sichtlich auch gerade aufgrund von deren Desertation.

flippah
flippah

Nachtrag:
deutlich sehenswertere Filme aus Israel, die sich kritisch mit der Lage auseinandersetzen sind z.B. Die Syrische Braut, Waltz with Bashir, oder Lebanon.

DMJ

Schade. Grundsätzlich klang es irgendwie nicht ganz uninteressant… aber das nützt natürlich nichts, wenn es dann doch solchermaßen umgesetzt wird.