Australien/Kolumbien 2017. Regie: Greg McLean. Darsteller: Daniel Radcliffe, Thomas Kretschmann, Alex Russell, Joel Jackson, Yasmin Kassim, Lily Sullivan

Offizielle Synopsis: Bolivien 1981. Der junge Weltenbummler Yossi trifft auf seinem Trip durch Südamerika die gleichgesinnten Abenteurer Kevin und Marcus. Aus Fremden werden Freunde und zusammen reisen die drei tief in das Herz des grünen Kontinents. Eine Schicksalsbegegnung führt die Gruppe schließlich auf eine Expedition in noch unentdeckte Teile des schier endlosen Regenwaldes – als die Dinge plötzlich eine dramatische Wendung nehmen. Die Strapazen der Wanderung setzen Marcus mehr zu als erwartet und die Floßfahrt auf dem vermeintlich ruhigen Fluss wird zum Höllenritt durch Strudel und Felsen. Für Yossis unbequem unter die Haut gehendem Survivaltrip durch die grüne Hölle ist das aber erst der Anfang.

Kritik: Es ist ein drolliger Zufall, dass „Jungle“ gleich nach „Mayhem“ lief. „Mayhem“ erinnert sehr stark an „Belko Experiment“ – und der war ja vom „Jungle“-Regisseur, dem Australier Greg McLean. Down Under hat McLean auch den „bolivianischen“ Dschungel für sein neuestes Werk gefunden.

Ich bin eigentlich kein großer Fan von Survival-Filmen, weil diese ganze „Mensch gegen Natur“-Nummer gewöhnlich sehr vorhersehbar ist. Und phantastische Elemente, die ich naiverweise bei einem Fantasy Filmfest erwarte, gibt es auch eher selten. Die Natur selbst wird zum mythischen Gegner erhoben, der Mensch ist klein, am Schluss aber dann doch gerne siegreich – vor allem, wenn er die Fesseln der Zivilisation abstreift und sein „wildes Ich“ findet. Das ist nicht meine Sorte Film.

Aber Western sind auch nicht meine Sorte Film und ich fand „True Grit“ geil. Ich mag keine Schlagerfilme und habe mich bei „Ich kauf mir lieber einen Tirolerhut“ köstlich amüsiert. Will sagen: es kann einem Film durchaus gelingen, mich durch seine schiere erzählerische Kraft zu gewinnen, Genre be damned.

Und das ist – ihr ahnt es – bei „Jungle“ der Fall. Da wir von Anfang an wissen, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, fühlen sich die Ereignisse echt an. Man denkt nie „na ja, der Drehbuchautor kann sich ja viel ausdenken“. Und die Leiden und Schicksalsschläge der vier, dann zwei Männer, und schließlich des übrig bleibenden Yossi, sind nie überzogen oder mit albernem Pathos aufgeblasen. Er ist ein Mann, der mehrere Kilometer in einem dichten Dschungel hinter sich bringen muss – ohne nennenswerten Proviant oder Ausrüstung, ohne Waffen, mit zerschundenen Füßen und sehr viel Angst. Es bleibt auf einem Level, das wir glauben können.

Bis auf minimale Patzer, die dem erkennbar überschaubaren Budget geschuldet sind, ist „Jungle“ zudem sehr intensiv inszeniert. Wir können die Stromschnellen in Yossis Gesicht peitschen spüren, wir fühlen seinen schlotternden, im Verlauf des Films immer weiter abmagernden Körper. Seine Robinsonade wird unsere, mit seiner Hoffnung schwindet unsere.

Es dürfte niemanden überraschen, wenn ich darauf hinweise, dass neben der sehr kompetenten Regie auch hier wieder der Hauptdarsteller ein fettes Pfund ist, mit dem ausreichend gewuchert wird. Daniel Redcliffe zeigt erneut eine beeindruckende Physis und die Bereitschaft, sich völlig dem Film unterzuordnen. Es ist eine Schande, dass kleine Filme von Genreregisseuren so selten im etablierten Hollywood als preiswürdig angesehen werden, denn für das, was Radcliffe hier (mit sich) macht, gebührt ihm gleich ein ganzer Regalmeter an Statuen.

Fazit: Packendes Survival-Drama eines Regisseurs, der Spannung kann – mit einem Hauptdarsteller, der wieder mal alles gibt. Das wird meinem Bruder gefallen. 9 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Erinnert in seiner Eindringlichkeit an Aguirre. Tolle Bilder, spannend gemacht.“

P.S.: Thomas Kretschmann sieht aus wie Christian Lindners taffer Bruder.

Next up: Figaro’s Wölfe



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