Australien 2016. Regie: Ben Young. Darsteller: Emma Booth, Stephen Curry, Ashleigh Cummings, Susie Porter, Damian de Montemas, Harrison Gilbertson

Offizielle Synopsis: „Bei uns passieren keine schlimmen Dinge. Wir sind nicht in New York“, versichert der Polizeibeamte den panischen Eltern. Ihre Tochter Vicki hat sich nachts aus dem Haus geschlichen und wurde seither nicht mehr gesehen. Doch die Schülerin ist keine Ausreißerin, die gelangweilt und hungrig wieder auftaucht. Vicki hängt gekettet, geknebelt und misshandelt fest im Hinterzimmer des Ehepaars Evelyn und John White.

Kritik: Und wieder ein Film, in dem eine junge Frau gekidnappt und hinter Vorstadt-Fassaden auf das übelste traktiert wird. Erwähnte ich schon, dass ich „torture porn“ abstoßend finde? Mehrfach, sicherlich. Zu viele billige Horrorfilme weiden sich an der Gewalt, die sie angeblich anprangern. Nicht die Empathie des Zuschauers zum Opfer, sondern seine Sucht nach Exzesse wird bedient. Je schmerzhafter, desto besser. Das ist nicht gesund – und gutes Entertainment schon gar nicht.

Es gibt aber durchaus Filme, die das Genre brechen, die mit seinen Parametern spielen und die sich bemühen, das Täter/Opfer-Schema intakt zu belassen. Da ist „The disappearance of Alice Creed“, der die Machtverhältnisse innerhalb der Protagonisten immer wieder verschiebt; da ist „Bound to Vengeance“, der sich mehr um das „danach“ kümmert; und bei den letzten Nights hatten wir ja „Berlin Syndrome“, der die Entführung als gescheiterte Beziehung fast ohne Gewalt und Zynismus thematisiert.

Auch „Hounds of Love“ ist nicht an oberflächlicher Gewalt interessiert, nicht an Schock-Schauwerten. Hier geht es um häusliche Gewalt, gescheiterte Ehen, das brüchige Konzept Männlichkeit, um emotionale Hörigkeit. An keiner Stelle sind die Vergewaltigungen oder der Sex verbunden mit dem Bedürfnis nach Nähe oder gar Romantik, es geht ausschließlich um die Ausübung von Macht, das Abreagieren der eigenen Wut, das Setzen von Grenzen. Selbst Vicki nutzt die erotische Anziehungskraft, um ihren Freund ihre Hausarbeiten schreiben zu lassen. Ihr Vater, zu verständnisvoll und harmlos, hat die Frau verloren, die „mehr will vom Leben“. Evelyn White hingegen hat ihre Kinder verloren und klammert sich an den kranken, kaputten John, dessen eigene Unzulänglichkeiten nur in sexueller Gewalt kompensiert werden können. Hier gibt es keine funktionierenden Lebensentwürfe, keine Gewinner, nur Verlierer.

Und so wird Vicki, die sich in einem gescheiterten Familienkonzept wähnt und ausbrechen möchte, in eine „funktionierende“ Paarbeziehung gezogen, die keinerlei Moral mehr kennt, kein Mitleid und keine Empathie. Evelyn hat für John alles hinter sich gelassen – und erst als sie erkennt, dass Vicki eine verlorene Tochter ist und damit an ihre eigenen Kinder erinnert, ergibt sich die Möglichkeit zur Katharsis durch Ausbruch und Vernichtung.

Ihr merkt schon: „Hounds of Love“ ist kein Popcorn, kein leichter Stoff für einen spaßigen Abend. Er ist hässlich wie die träge und heiße australische Vorstadt, gnadenlos und kaputt. In seiner Verweigerung klassischer filmischer Erzählmuster erinnert er am ehesten an „Karla“ oder „An American Crime“, die nicht zufälligerweise beide auf wahren Begebenheiten basierten.

All das ist Lob wie Warnung – hier wird nicht nur mit Wasser gekocht. Wer zum Festival kommt, weil er „gerne Gruselfilme schaut“, dem dürfte der Mangel an visueller Härte bei gleichzeitiger implizierter Brutalität schnell die gute Laune verderben. Manche Sequenzen sind erschütternd, andere nagelbeißend spannend, ohne dabei billig die Suspense zu füttern. Das Ende mag versöhnlich sein – trotzdem will man hinterher duschen und sich einreden, dass es so etwas nicht wirklich gibt.

Fazit: Ein teilweise schwer erträglicher und im Unterhaltungswert beschränkter, aber für Freunde harter Psychodramen durchaus lohnenswerter Thriller, der das Thema sexueller Missbrauch nutzt, um die Mechanismen der Gewalt zwischen den Geschlechtern auszuleuchten. 8 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Besonders die Gleichgültigkeit der Nachbarschaft und die potentielle Alltäglichkeit des Geschehens sind überzeugend dargestellt.“

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Marcuscomicfreak Recent comment authors
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..omg, alleine die Beschreibung ist der blanke Horror..
Sowas ertrage ich nur als Buch

Marcus
Marcus

Schwer verdaulicher, aber sehr gut gespielter und gefilmter Blick in den Abgrund. Besonders verstörend, wenn man „Vicki“ Ashleigh Cummings vor allem als süß-verhuschtes Hausmädchen Dot in der australischen Serie „Miss Fisher’s Murder Mysteries“ kennt… 8/10.