China 2017. Regie: Liu Jian. Stimmen: Yang Siming, Cao Kou, Ma Xiaofeng, Zhu Changlong, Cao Kai, Zheng Yi

Offizielle Synopsis: Kleinganove Xiao Zhang entwendet seinem Boss eine Million Yuan. Jeder, der in dem südchinesischen Kaff Wind davon bekommt, egal ob arbeitslos oder Profikiller, ist bald auf der Jagd nach Xiao und seiner Tasche. Langsam und unwiderruflich zieht das Geld eine tief blutrote Spur hinter sich her.

Kritik: Es ist immer wieder eine Freude, wenn es auf dem FFF einen Zeichentrick- oder Stop Motion-Film zu sehen gibt. Einfach, weil das Medium und die Machart Abwechslung versprechen, einen anderen visuellen Reiz. Im Zeichentrick kann man Dinge realisieren, die im Realfilm nicht oder nur sehr teuer umzusetzen wären. Zeichentrick ist im besten Sinne des Wortes nur den kreativen Grenzen unterworfen, nicht den finanziellen oder strukturellen.

Darum ist es auch umso ärgerlicher, wenn ein Zeichentrickfilm sich gar keine Mühe gibt, mehr zu sein als abgezeichnete (oft sogar durchgepauste) Wirklichkeit, wenn die filmischen Erzähl- und Stilmittel völlig analog zum Realfilm arbeiten. Das hat mich schon letztes Jahr bei „Seoul Station“ geärgert, der mit Rotoskopie einen erschreckend hausbackenen Zombiefilm nachäffte, statt sich der Möglichkeiten eines Zeichentrick-Zombiefilms bewusst zu werden.

Dieses Jahr ist der chinesische „Have a nice day“ an der Reihe. Ein Ringelrein aus Personen, Plots und Pausenfüllern im sehr offensichtlichen Tarantino/Miike-Stil, lose verbunden durch eine Tasche voller Geld, die alle Beteiligten in ihren Besitz bringen wollen. Egal, aus welchem Grund und mit welchen Mitteln – hier ist jeder korrupt, jeder gefangen in seiner Korruption, und jeder Opfer der Korruption der anderen. Ein freudlose Melange aus Kleingaunern und Kriminellen aus dem Mittleren Management. Man tritt sich, schlägt sich, überfährt sich – und am Ende überlebt nur die Tasche selbst, denn als Symbol der menschlichen Gier ist sie unsterblich.

Als Realfilm wäre das vielleicht nicht wahnsinnig originell, aber zumindest kurzweilig und dank einiger schräger Figuren auch unterhaltsam, zumal man Gangsterfilme vor chinesischem Background nicht alle Tage zu sehen bekommt. Aber die Umsetzung als Zeichentrickfilm macht „Have a nice day“ weitgehend zu Qual, weil Zeichentrick – um die Empathie des Zuschauers zu aktivieren – von der Überhöhung, der Überspitzung lebt. Große Augen, große Bewegungen, große Gesten. Die sklavische Kopie einer realen Szenerie hingegen abstrahiert unseren Zugang zu Film, kastriert jede Emotion, die man für die einfach gestrichelten Figuren haben könnte. Eine Sammlung von ein paar Strichen auf der Leinwand Schmerz empfinden zu lassen und diesen auf den Zuschauer zu übertragen, ist sehr schwer – und misslingt hier auf breiter Front.

Wenn denn wenigstens die technische Seite überzeugen könnte. Leider nein. Die Szenerien, Gebäude und Fahrzeuge sind von Fotos abgezeichnet und öde statisch (bei Autofahrten wird auf Animation komplett verzichtet und der PKW einfach durchs Bild geschoben), die Figuren bewegen Lippen und Augen nur auf minimalstem Niveau. Mitunter sind Szenen nur eine Abfolge von Standbildern mit darüber gesprochenem Dialog.

So ist „Have a nice day“ primär langweilig, lakonisch und monoton, verweilt gerne mal minutenlang auf statischen Bildern, hält für Ruhe vor dem Sturm, was einfach nur Lethargie ist. So sehr ich dem Independent-Zeichentrick jenseits von Disney/Pixar die Stange halten möchte – ein bisschen mehr muss schon dabei rum kommen.

Fazit: Ein dröger Zeichentrick-Gangsterfilm, der zu wenig aus seinen Möglichkeiten macht und selbst angesichts der überschaubaren Laufzeit von 75 Minuten gedehnt wirkt. 3 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Eher eintönig, vor allem durch die Animation. Als Realfilm könnte der deutlich besser funktionieren.“

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