USA 2016. Regie: Simon Rumley. Darsteller: Amanda Fuller, Ethan Embry, Eric Balfour, Alex Essoe, Devin Bonnée, Alexandria DeBerry, Jemma Evans

Offizielle Synopsis: Dressed to kill in Texas. Als April die Untreue ihres Gatten Eric aufdeckt, mit dem sie in Austin ein Leben rund um den eigenen Vintageladen aufgebaut hat, reagiert sie wie viele von der Liebe Zerfleischte – eine neue Haut muss her. Die Bekanntschaft mit Randall, einem reichen Playboy mit extrem kaputtem Sexdrive, treibt April bald immer tiefer in obskure Obsessionen und ihr Suchtspiel mit Aussehen und Identität nimmt lebensgefährliche Züge an. Wer ist außerdem diese andere unheimliche Schönheit, die es nach ihrer Entlassung aus der Heilanstalt sehr eilig hat, in Austin eine Rechnung zu begleichen?

Kritik: Es wird mittlerweile zur Gewohnheit – wir streichen den letzten Satz der Inhaltsangabe, der Genrenähe suggerieren möchte, aber nichts mit dem Geschehen auf der Leinwand zu tun hat. Seufz…

„Fashionista“ hatte bei mir einen schweren Start, weil es wieder mal ein Intro des Regisseurs gab – und Simon Rumley wie ein blasierter Arsch wirkt, der genau weiß, dass sein Film a) beim FFF nichts zu suchen hat („It’s not exactly horror, though it has some horrific scenes in it“) und b) von den meisten Zuschauern eh nicht verstanden wird („open your mind, let it wash over you“). Jeder Regisseur, der mir empfiehlt, nach dem Filmende erstmal ein paar Tage über das Gesehene nachzudenken und es mit Freunden zu besprechen, kommt bei mir in die Ablage K wie Quatschkopf.

Tatsächlich bedient „Fashionista“ erstmal sehr ungute Hipsterklischees mit seiner pink/lila-Fehlfärbung der übersättigten, niedrig aufgelösten Bilder und den typischen „low level artist“-Charakteren mit ihren Tattoos und den französischen Plakaten von „Lili Marleen“, „Der Nachtportier“ und „Hard boiled“ in ihren Wohnungen. Das sind Leute und Scenes, die mich nicht scheren.

Aber so sehr ich mich dagegen wehrte: „Fashionista“ ist eine gerade erzählte, gut gebaute und vor allem emotional sehr vielschichtige Erkenntnisreise einer Frau, die sich im „Gebrauchten“ (Mode wie Ehemann) prima eingerichtet hat, mit dem Bruch der Beziehung zum „Neuen“ (Mode wie Geliebter) umschwenkt und dabei feststellt, dass ihre Außenwirkung eigentlich immer fremdbestimmt war. Ungünstigerweise kompensiert sie das erstmal durch totalen Kontrollverlust, exzessive Shopping-Touren und einen Nervenzusammenbruch. Ehemann oder Geliebter? Die Antwort, an der sie gesunden kann, liegt woanders.

Whoa, dröges Beziehungsdrama, vom Dewi empfohlen? Mitnichten. „Fashionista“ ist sehr bunt erzählt, sehr straff, trotz der Laufzeit von 110 Minuten. Immer wieder gibt es Fast Forwards und Flashbacks, die uns in Bruchstücken auf das vorbereiten, was kommen wird. In der Beziehung zu Randall entwickelt sich „Fashionista“ dann sogar noch mal für 20 Minuten zu einem Thriller, der letztlich Aprils totalen Ausstieg aus dem bisherigen Leben vorbereitet. Für mich hat das schnell einen hypnotischen Sog entwickelt, auch wenn ich durchaus verstehen kann, damit in einer Minderheit zu sein. Manchmal klickt ein Film so, dass man es schwer erklären kann.

Und was ist nun mit der von der Inhaltsangabe angedeuteten „unheimlichen Schönheit“? Zugegeben, bis fünf Minuten vor Schluss hielt ich die für einen irrelevanten Subplot, eine Nebelkerze, die den Film unnötig streckt. Hat man die Figur aber erst einmal erkannt und verstanden, ist sie das perfekte abschließende Puzzleteil eines sehr anspruchsvollen und tatsächlich diskussionswürdigen Films, dessen Thriller-Elemente und die farbig-fiebrige Atmosphäre ihn durchaus FFF-tauglich machen.

Fazit: Eine großartige, vielschichtige, kunstvoll erzählte Geschichte über weibliche Abhängigkeiten, Außenwirkungen und die Verformungen, die Liebe und Leid in der Seele hinterlassen. Sicher kein Mainstream-Entertainment, aber allemal 9 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Ging leider an mir vorbei, weil ich an der Hauptfigur nicht andocken konnte. Aber das ist wohl diesmal nicht die Schuld des Films.“

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MarcusJakeDr. Acula Recent comment authors
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Dr. Acula

Ich glaube, das Festival nagt langsam an deinem Urteilsvermögen 🙂

Jake
Jake

Interessante Erzählweise (hinsichtlich der von Torsten erwähnten Fast Forwards und Flashbacks), allerdings hat mich der Plot überhaupt nicht abgeholt. Als Randall gegen Ende sein wahres Gesicht offenbart, kommt noch etwas Drive in die Sache, aber ansonsten – not my cup of tea. Hatte zudem wie Philipp meine Probleme damit, Zugang zur handlungstragenden Figur zu finden.

Marcus
Marcus

Nicht uninteressanter, aber letztlich zu fahrig und mit einigen Längen erzählter, visuell unansehnlicher Vertreter dessen, was der Hausherr normalerweise „Festivalfilm“ nennt. Mit viel gutem Willen: 6/10.

Und die besagte „unheimliche Schönheit“ ist Laufzeitverschwendung, die auf eine selten blöde Schusspointe mit der Subtilität eines Vorschlaghammers vor die Kauleiste hinausläuft. Man kommt nicht drauf, weil man nie erwartet hätte, dass die Macher echt so lame sind, das so zu bringen…