Dänemark 2017. Regie: Fenar Ahmad. Darsteller: Dar Salim, Stine Fischer Christensen, Ali Sivandi, Dulfi Al-Jabouri, Jacob Ulrik Lohmann, Roland Møller, B. Branco

Offizielle Synopsis: Zaid hat genug von seinem Bruder. Yasin hat sich einmal mehr mit dreckigen Geschäften Ärger eingehandelt und bettelt nun schon wieder um Geld. Zaid hingegen hat sich ein Leben als erfolgreicher Arzt aufgebaut, seine Frau ist schwanger – Yasin soll gefälligst verschwinden! Am nächsten Tag ist der Bruder tot. Desillusioniert und entsetzt wendet sich die Familie an die Polizei. Doch der Staat Dänemark interessiert sich wenig für den Mord an einem irakischen Möchtegern-Gangster, dem Abschaum der Gesellschaft. Zaid bleibt keine Wahl. Zu lange hat er die Augen vor der Schattenwelt, in die Yasin abgerutscht ist, verschlossen. Jetzt zieht er ohne Rücksicht auf Ehe und Karriere in den Rachefeldzug und dabei eine Schneise des Todes durch die Unterwelt von Kopenhagen.

Kritik: Ihr kennt das – glaubt dem letzten Satz der Inhaltsangabe kein Wort. Die Kacke, auf die hier laut Veranstalter gehauen wird, liegt nur rum und stinkt.

So langsam werde ich sauer und frustriert – und ich bin damit nicht alleine. Der Unmut der Zuschauer, dass das Fantasy Filmfest anscheinend den Verzicht auf Fantasy beschlossen hat, ist an vielen Stellen zu spüren. Man hat nicht viel Geld für Eintrittskarten hingelegt, um Jugenddramen, Migrationskrimis und Frauenschicksale anzuschauen. Manchmal kommt das Gefühl auf, die Veranstalter würden absichtlich und aggressiv gegen die völlig legitimen Erwartungen des Publikums programmieren.

Nun kann man in den ersten Minuten noch denken, dass „Darkland“ zumindest das Genre des Actionthrillers bedient, der durchaus seinen Platz auf dem FFF hat und in den letzten Jahren vor allem von den Franzosen würdig vertreten wurde. Kickass ist vielleicht nicht „phantastisch“ per se, aber für die Fans gewöhnlich ausreichend, sonst müsste man ja auch Asiaten wie „Shock Wave“ rausschmeißen. Und das wäre schade.

Aber „Darkland“, so gut gespielt und kompetent gefilmt er auch sein mag, ist kein Actionthriller. Es ist ein Migrantenkrimi über die Verflechtungen von Unterwelt und Mittelschicht in Dänemark, von den „guten“ und den „bösen“ Netzwerken, die man pflegt. Zaid steht dazwischen, ist als Chirurg angesehen, über seine Familie allerdings der irakischen Gegenkultur verpflichtet. Und so sieht er sich als Katalysator zwischen den Welten – eine katastrophale Fehleinschätzung, wie wir (und er) schnell feststellen werden. Weder Rache noch Gerechtigkeit sind erreichbare Ziele…

Wie gesagt: gut gefilmt, vor allem gut beobachtet von Leuten, die vermutlich selber mehr als oberflächliche Kontakte in die dänische Unterwelt haben. Der Look ist glatt, die Fights sind hart, wir bleiben – anders als z.b. bei „The Crucifixion“ – immer nah an den Figuren, die selber gefangen sind in Konflikten, die sie nicht lösen können. Hier gibt es keine Außenseiter, keine Beobachter.

Aber statt hoch oktaniger Action ist „Darkland“ eben doch mehr am Drama interessiert, am Absturz Saids in die Welt, in der er nichts gewinnen kann. Er macht alles falsch, weil er endlich alles richtig machen will. Und das System, das er zu zerstören trachtet, existiert vor allem deshalb, weil es von allen Beteiligten so gewollt wird – genau genommen ist Zaid egoistisch und will nur die eigenen Rachegelüste stillen. So wird es keine „Schneise des Todes“ geben, sondern ein paar pathetische Versuche, sich als Rächer zu gerieren, die oft schon im Ansatz scheitern. Und wenn der Bösewicht tatsächlich tot auf der Straße liegt, ist nichts gewonnen.

Das ist frustrierend, nicht kickass – und die moralische Botschaft ist zudem sehr nebulös. Ist Selbstjustiz nun gut und kathartisch? Oder eher doch verwerflich? Wäre die Alternative gewesen, den status quo hinzunehmen? Offensichtlich wissen die Filmemacher darauf auch keine Antwort.

Fazit: Ein harter, sehr edel produzierter und überzeugend gedrehter Migrantenkrimi, der für sich genommen funktioniert, aber wieder mal keiner Definition des Begriffes „Fantasy“ gerecht wird und deshalb bewußt mit 5 von 10 Punkten ins Mittelfeld zurück gestuft wird.

Fragt Philipp: „Milieustudie, die für mich vor allem durch den Vergleich damit, wie ein US-Film das darstellen würde, interessant wird.“



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MarcusDr. AculammTeleprompterJake Recent comment authors
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Mario
Mario

WTF? Weil er nicht „Fantasy“ ist, was beim FFF noch nie wörtlich genommen wurde, kriegt er Punktabzüge??? 😀 Schlechter Witz, oder?

Jake
Jake

Die Kacke, auf die hier laut Veranstalter gehauen wird, liegt nur rum und stinkt.

Ein Spruch zum Einrahmen und an die Wand hängen. 🙂

Teleprompter
Teleprompter

Ich kann zwar den Frust, wenn da in einem Film nur palavert oder allenfalls mal ein bisschen gevögelt wird und das dann auf einem „Fantasy“-Filmfest läuft, ansatzweise verstehen. Aber das zum Dauerposten und Wertungsmaßstab machen, kann ich auch nicht ganz nachvollziehen (zumal die Einzelkartenkäufer das ja immer noch für sich entscheiden können, ob sie das wollen oder nicht). Aus meiner schmalen persönlichen History des FFF kann ich mich an reichlich Zeug ohne jeden fantastischen Bezug erinnern, California etwa oder Irrversible. Wenn man „Fantasy“ wörtlich nähme, dürfte da ja ohnehin nur Game of Thrones in Dauerschleife laufen; dazu in etwas erweiterter Auslegung vielleicht noch Hui-Buh Horror Marke Wan und ein paar der omipräsenten Zombies. Das will in 50facher Ausfertigung will auch keiner sehen, abgesehen davon, dass es der Markt nicht hergibt.

Marcus
Marcus

Die Beobachtungen des Hausherrn bezüglich der Entwicklung des FFF kann ich nicht ganz teilen – aber das mag daran liegen, dass ich 4 komplette Tage plus noch ein paar Einzelfilme ausgelassen habe.

Und der Film hier? Milieustudie mit dem vermutlich unbegabtesten Vigilanten aller Zeiten. Echt, bei dem geht wirklich fast alles schief, und sogar seine mageren Erfolge verdankt er oft schierem Glück.

Ansonsten gilt – langweilt beim Gucken absolut nicht, hinterlässt aber auch keinen bleibenden Eindruck. 7/10.