Kanada/USA/Spanien 2016. Regie: Nacho Vigalondo. Darsteller: Anne Hathaway, Jason Sudeikis, Dan Stevens, Tim Blake Nelson, Austin Stowell

Offizielle Synopsis: Seoul wird eines Nachts von einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes erschüttert. Ein gigantisches Monster taucht aus dem Nichts auf, verwüstet die Stadt und verschwindet wieder im Dunkeln. Die Angriffe wiederholen sich in den folgenden Tagen. Die Menschheit steht wie gelähmt vor der Frage nach dem Ursprung der rätselhaften Attacken. Am anderen Ende der Welt, in einer amerikanischen Kleinstadt, muss sich Partygirl Gloria hingegen eher mit der Frage beschäftigen, ob sie den Rest ihres Lebens in schäbigen Bars verbringen will oder endlich die Kurve ins Erwachsenenleben kriegt. Die Entscheidung wird ihr abgenommen, als sie entsetzt erkennen muss, dass es eine Verbindung zwischen ihr und den Vorfällen in Seoul gibt: Das Ungeheuer reagiert auf Glorias Bewegungen!

Kritik: Der Spanier Nacho Vigalondo war mir mit „Timecrimes“ als Talent aufgefallen, mit „Open Windows“ hat er sich dann als eigenwillige Stimme des modernen Genrekinos empfohlen. „Colossal“ ist der Beweis, dass er auch mit größeren Mitteln und größerem Anspruch umgehen kann – und dass man eine launige, effektgeladene Grundidee bis in ihre letzten Untiefen ausloten und ihr damit erstaunlich viel dramatischen Impact verleihen kann.

Abgesehen davon, dass man auf so eine irre Idee erst mal kommen muss, wären die meisten Autoren und Regisseure vermutlich völlig damit zufrieden gewesen, aus ihr ein simples romantisch-komisches Rührstück zu machen, an dessen Ende die Erkenntnis steht, das Gloria erwachsen werden und im wahrsten Sinne des Wortes nicht immer alles kaputt machen muss.

Aber „Colossal“ will tiefer gehen, schwärzer sein, seine Charaktere entlarven und ihnen damit gleichzeitig die Chance zum Neuanfang geben. Keine der gezeigten Konstellationen ist einfach, keine Freundschaft unverbrüchlich, kein Motiv edel. Die Monster in Seoul sind die Monster, die wir in uns tragen, mit denen wir auf anderen herum treten, ohne uns umzuschauen. Aber selbst ohne die Monster tragen wir Masken, um uns zu tarnen und wie das zu scheinen, was man von uns erwartet. Und weil das nicht geht, tritt jeder in „Colossal“ eine Flucht in das Vergessen an: mit Alkohol, Kokain, Arbeit oder schlichter Erkenntnisverweigerung .

Ja, „Colossal“ ist witzig und einfallsreich als High Concept-Comedy, die Godzilla-Klischees zu einem Beziehungsproblem umdefiniert und trotz des „kleinen“ Themas auch bei der großen Zerstörung erstaunlich kompetent mit größeren Filmen mithalten kann.

Vor allem ist „Colossal“ aber ein Film über Alkoholismus und die Abhängigkeiten, Lügen und Ruinen, die er schafft. Ich komme aus einer Familie mit einigen Alkoholproblemen, vielleicht hat mich „Colossal“ deshalb so direkt und in die Magengrube getroffen. Vielleicht braucht man auch die Erfahrungen im eigenen Umfeld, um nachvollziehen zu können, wie perfekt der Film die Mechanismen dieser Sucht nachzeichnet. Glorias Rückkehr in die Heimatstadt ist eine Flucht vor der Verantwortung, die Freundschaft zu Oscar ist die Bequemlichkeit, die ein Süchtiger bei einem anderen Süchtigen findet. Und Oscars zunehmend eskalierendes Verhalten ist die kindische Tyrannei des tragischen Trinkers, der die Flasche längst allem übergeordnet hat.

Die Monster – sie sind der physische Ausdruck des Kampfes, den Gloria austragen muss, und an dem sie immer wieder scheitert. Ich kann die vielen Details, mit denen „Colossal“ die Versuche von Rehabilitation, den Rückfall, die Niederlagen und die Arbeit gegen die Sucht visualisiert, an dieser Stelle gar nicht angemessen würdigen. So sehr der Film unterhält und teilweise auch begeistert, so sehr ist er auch eine genau beobachtete Fallstudie mit großer Beispielhaftigkeit.

Während Anne Hathaway nur erwartbar gut ist, ist es Jason Sudeikis, den dieser Film endgültig zum A-Star machen sollte. Sein Oscar, ein nach außen hin so netter Kumpeltyp, ist so perfekt gebrochen, so bedürftig und vereinnahmend, so berechnend und eiskalt, dass ich fast geneigt bin, AA zu sagen. Nicht Alcoholics Anonymous, sondern Academy Award.

„This is your death“ und „Colossal“ beweisen, dass ein guter Film BEIDES kann: großes, straffes Entertainment bieten, satte Schauwerte, ohne dabei auf eine Botschaft oder Zwischentöne zu verzichten. Die Gewinner dieses Festivaljahres kommen nicht von den großen Festivals – es sind marktorientierte Produktionen der Amerikaner. Und das bestätigt ja nur wieder meine These, dass man sich beim FFF eigentlich nicht ständig zwischen Kunst und Kommerz entscheiden müssen sollte.

Fazit: Für „normale“ Zuschauer vermutlich nur eine schwarze Monster-Comedy mit einer total abgefahrenen Grundidee – für Leute mit einem Alkoholismus-Background eine schmerzhaft perfekte Parabel auf die Tragik der Trunksucht. Darum 10 von 10 Punkten.

Fragt Philipp: „Macht aus einer ausgezeichneten Idee einen ausgezeichneten Film.“

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Dirk-MartinMarcusPeroyheinolapismont Recent comment authors
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Tom
Tom

Der Unterschied zwischen Trailer und Film ist schon ziemlich kolossal: Der Trailer scheint für eine irre Komödie zu werben, während der Film hauptsächlich ernst und sogar teilweise tragisch ist. Ich kann mir vorstellen, dass viele Zuschauer enttäuscht wurden. Dies ist kein Date-Movie.

Peroy
Peroy

Wenn man „Timecrimes“ und „Open Windows“ für himmelschreiende Scheisse hält, wie steht man dann dazu?

Nummer Neun

Ich habe mich vorher schon geärgert, dass ich Colossal zeitlich nicht hinbekommen sollte. Nach dem – wie so oft hier – sehr fundierten Review ärgert es mich noch mehr.

DMJ

DAS klingt nun aber wirklich mal interessant!

Andreas Bertler

Hi Torsten,
Grüße von einem alten Weggefährten 😉
lg
Andy

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Der müsste bei dem Cast doch eigentlich auch einen regulären Start erhalten, oder?! Läuft in FFM nämlich leider morgen schon um 18 Uhr, was mit der Arbeit kollidiert :/

S-Man
S-Man

Danke für die zusätzliche Interpretationsebene. Das macht den Film noch wertvoller.

lapismont

Hab ihn gestern gesehen und Deiner Besprechung kann ich kaum etwas hinzufügen. Die Verknüpfung von Monsterkomödie und Alkoholmissbrauch ist großartig.
Für mich hat hier alles gestimmt. Schade, dass der Film nicht regulär ins Kino kommt.

heino
heino

Ganz toller Film mit großartigen Darstellern (für mich zeigt die letzte Szene, wie gut Anne Hathaway wirklich ist. Wie sie mit einem Blick die Sehnsucht des Trinkers nach dem nächsten Schluck und die Erkenntnis, dass das ein für allemal vorbei ist, zum Ausdruck bringt, ist wirklich sagenhaft). Sudeikis, der ja bisher nur der Komödienhansl war, sollte durch diesen Film wirklich zum Star aufsteigen. Leider wird das bei einem Einspiel von mageren $ 3 mio wohl nichts werden.

Peroy
Peroy

„die Sehnsucht des Trinkers nach dem nächsten Schluck“

Ist das sowas wie die Angst des Torwarts vorm Elfmeter?

Marcus
Marcus

Genau. Kleines, aber Großes Kino. 9/10.

Dirk-Martin
Dirk-Martin

Gerade gesehen, großartiger Film.
Wir wollten eigentlich eine nette Komödie sehen, aber der Film hat uns einfach mitgezogen. Und danach hab ich gedacht, der lief doch auf dem FFF, was hat der Wortvogel denn dazu gesagt?
Ich kann deiner Kritik nur zustimmen. Der Film macht es sich mit seinen Charakteren nicht einfach und danke dafür!