Ich habe „Citizen Kane“ bestimmt seit 20 Jahren nicht mehr gesehen. Ich erinnere mich, dass ich den Film immer dergestalt beschrieben habe:

„Was ihn zum Meisterwerk macht, ist die Tatsache, dass er nicht SEINER Zeit voraus ist – sondern JEDER Zeit. Immer wieder.“

It’s terrific, indeed.

Gestern hatte ich das große Glück, den Film mit der LvA mal wieder anschauen zu können. Im Kino. Wo er hingehört. Und dabei sind mir diverse Sachen aufgefallen, die ich mit euch teilen wollte.

Zuerst einmal: Die Kopie war leider grausam abgelutscht, es hätte sicher mehr Spaß gemacht, die restaurierte Version von 2009 zu sehen. Aber gerade kleine Kinos müssen nehmen, was sie kriegen können.

Ähnliches gilt für die Synchro, die vermutlich noch aus den 50er Jahren stammt und so schlecht gealtert ist wie die Kopie selbst – kaum jemand versteht noch Begriffe wie „Nabob“ und erstaunlich oft wird mit amerikanischen Floskeln wie „Well then“ und „Allright“ gearbeitet. Puzzle wird hier „Pösell“ ausgesprochen.

Davon abgesehen ist „Citizen Kane“ immer noch ein unkaputtbares Meisterwerk, unverkennbar von einem Genie gestaltet. Ein breites Sittenbild des explodierenden Amerikas der Post-Bürgerkriegs-Ära, komprimiert in einer Person, die alles zugleich ist: reich, wild, korrupt, exzessiv, brillant, einsam, stur. Wie Amerika selbst.

Die Parallelen zu Trump sind offensichtlicher, als man zuerst meinen sollte: Den Reichtum geerbt, dann als Lebemann nur immer sich selbst inszeniert, die Gier nach politischer Macht, die totale Egozentrik, der völlige Mangel an Empathie. Prunksucht, Angeberei, Arroganz. Nur Charisma und Intelligenz von Charles Foster Kane gehen dem aktuellen Präsidenten völlig ab.

Interessant ist, dass „Citizen Kane“ so dicht erzählt ist, dass ich mich immer wieder an Szenen zu erinnern meinte, die gar nicht vorkommen. So war ich überzeugt, dass der gesichtslose Reporter an einer Stelle zum Geburtshaus von Kane reist und dort mit Menschen spricht, die seine Eltern kannten. Anscheinend nicht.

Umgehauen hat mich auch diese Szene/Einstellung, in der Kane mit seiner zweiten Frau im Prachtschloss Xanadu streitet:

Man schaue sich mal den Kamin an! Kane sieht davor wie eine kleine Puppe aus – da wird kein Holz nachgelegt, das sind komplette Baumstämme!

Abgesehen von einem beeindruckenden Auge für Details und einer Kameraarbeit, die immer noch Maßstäbe setzt, lebt „Citizen Kane“ primär von Welles selber, einem überlebensgroßen Darsteller in einer überlebensgroßen Rolle. Zu wenig Zeit wird seiner virilen Phase als junger Herausgeber gegönnt, dafür begeistert er als alter(nder) Mann, weil er nicht nur im Makeup, sondern auch in der Sprache und der Körperhaltung perfekt die Gebrechlichkeit der ehemaligen Stärke ausdrückt. Kane ist nicht nur alt – er ist weich, wo er einst hart war, man kann jederzeit ahnen, dass dieser teigige und behäbige Magnat einst vor Kraft strotzte. Junge Männer, die alte Männer spielen, sind im besten Fall immer problematisch – Welles‘ Darstellung muss neben der von Marlon Brando als Paten weiter als Maßstab gelten.

Die Tatsache, dass Welles aus Kostengründen viele Mitspieler seines Mercury-Repertoires untergebracht hat, ist Segen und Fluch zugleich. Man kann sich nur vorstellen, wie viel potenter die Rolle von Kanes zweiter Frau ausgefallen wäre, hätte er sie z.B. mit einer Marilyn Monroe besetzt – einer Frau, die durch schiere Sinnlichkeit selbst die rationalsten und mächtigsten Männer um den Verstand bringen konnte. Ja, ich weiß: 1941 war Marilyn noch Norma Jeane Baker und grade mal 15. Aber es geht um’s Prinzip.

Vor allem aber macht „Citizen Kane“ hungrig auf mehr. Die zwei Stunden Laufzeit vergehen wie im Flug und wir haben am Ende das Gefühl, nur einen „best of“-Zusammenschnitt gesehen zu haben. Das Leben des fiktionalen Charles Foster Kane sprengt selbst diesen üppigen Film. Was geschah zwischen dem Abschied von der Mutter und der Übernahme der ersten Zeitung in Kanes Jugendjahren? Wie war das Verhältnis zu seinem Sohn, den wir gerade zwei oder drei mal zu sehen bekommen und der kein Wort spricht? Wie entstand die Freundschaft zu Leland, die wir nur zerbrechen sehen? „Citizen Kane“ ist voll von Andeutungen und Auslassungen, die Platz für mehr breite Szenen, mehr kraftvolle Charaktere bieten.

Darum habe ich auch einen ketzerischen Gedanken: Es ist Zeit für ein „Citizen Kane“-Remake. Irgendein brillanter Regisseur, irgendein brillanter Autor, irgendein brillanter Darsteller. Für Netflix oder HBO. Vielleicht drei Teile: „The Rise of Charles Foster Kane“, „The Empire of Charles Foster Kane“ und „The Fall of Charles Foster Kane“. Sechs Stunden, mindestens, mit einem kinoüblichen Budget.

Als Hauptdarsteller? Mir fällt keiner ein. Welles hat Schuhe hinterlassen, die kaum jemand anderem passen dürften. Vielleicht DiCaprio. Bei meinem Glück wird es aber doch wieder Dane DeHaan.

Wie seht ihr das? Überfällig oder unnötig? Chance oder Scheiße?



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Markus
Markus

Mutige und gute Idee, die in mir trotzdem Erinnerungen an das „Psycho“-Remake wachruft… Die Mona Lisa wird auch nicht ab und zu überpinselt, weil die Klamotten altmodisch sind und man sowas heute detaillierter malen könnte. Einmal „nein“ (obwohl ich das Gedankenspiel spannend finde).

Daniel
Daniel

Gut. Ich gehe gleich ins Wohnzimmer und schließe diese hochnotpeinliche Bildungslücke. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Weswegen ich über Chancen und Gefahren eines Remakes (noch) nichts sagen kann. Eins kann ich aber mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen: Das Gekeife und Gebrülle der üblichen Verdächtigen wird schmerzhaft und dröhnend werden, sollte irgendwer auch nur andeuten, dass er derartiges plant.

heino
heino

Ich habe den Film nur einmal gesehen und das ist noch nicht so lange her. Wir sind da einer Meinung, auch wenn das für viele Gotteslästerung darstellt, ist CK für mich ein Kandidat, der mal ein zeitgemäßes Update vertragen könnte. Allerdings fällt mir weder ein Regisseur noch ein Hauptdarsteller ein, die dem Stoff gerecht werden und neben dem Original bestehen könnten. DiCaprio wäre wohl eine gute Wahl, vielleicht mit einem Fincher in Hochform, die der aber schon lange nicht mehr gezeigt hat.

Peroy
Peroy

„Citizen Kane“ ist genauso gut wie „Stirb Langsam 4.0“.

Dr. Acula
Dr. Acula

Allein der Neugier halber wäre ich durchaus für ein Remake – sowohl ein gelungenes wie auch ein vergeigtes Remake wären filmhistorisch als Vergleichsmarke höchst interessant. Nur „meh“ dürfte es halt nicht werden…

S-Man
S-Man

Ich erinnere mich nur, dass ich Citizen Kane totlangweilig fand. Ich überlege gerade, ob du vom gleichen Film schreibst, den ich gesehen habe… 2h im Flug vorbei? Eher nicht in meiner Erinnerung 🙂

Mencken
Mencken

Von mir ein klares „Nein“. Ist inhaltlich zu stark seiner Zeit verhaftet (ein Remake müsste da die Geschichte ziemlich stark verändern) und lebt zu einem großen Teil von seiner technischen Brillanz.

Warum kein Prequel?

Peroy
Peroy

Wo der Schlitten gebaut wird…?

invincible warrior
invincible warrior

https://en.wikipedia.org/wiki/Rosebud_(film)

Spannender als man denken wuerde. Koennte mir davon ein interessantes Remake vorstellen. 😀

Donalbain
Donalbain

Gegen ein Remake. Und zwar nicht, weil die Story nicht interessant genug für einen Mehrteiler wäre oder Meisterwerke nicht angefasst werden sollten, sondern weil der Film letztlich vor allem von vielen tollen Szenen, Schnitten, Perspektiven, Spiel mit dem Schwarzweiss und von den Schauspielern lebt. Es gibt vele Szenen, die wie abgeschlossene kleine Dramen oder Sketche funktionieren. Für mich sind diese ganzen Momenten das, was die Genialität dieses Films ausmacht. Wenn das alles wegfällt oder geändert wird, weil es anachronistisch wirken würde oder weil man es anders erzählen möchte, bleibt nur die Story. Und die ist zwar ganz gut, aber tatsächlich das einzig wirklich altmodische dieses Films.

Mencken
Mencken

Was ist eigentlich aus der „47 Meters down“ Kritik geworden?

Peroy
Peroy

Was ist eigentlich aus der „Ostzone“ Kritik geworden?

Squirrelius
Squirrelius

Remakes sind ja immer so eine Sache.
Einerseits sind sie natürlich eine Chance einem mittelmäßigen bis schlechten Film, der zwar eine gute Idee hat, in seiner Ausführung einfach nur gruselig ist eine neue Chance zu geben. Ich denke da an die OCEANS 11 Filme (ja, Teil 2 war schwach), das Original mit Sinatra und Kumpanen war, bis auf den Soundtrack, wirklich bescheiden (wobei man bedenken muss, das bei dem Film primär das Rat- Pack beim Performen gezeigt werden sollte und die Krimigeschichte nur als Rahmen diente). Auch ist es ja immer wieder schön, wenn man Filme, mit denen man aufgewachsen ist, in einem gelungenen neuen Gewand in unserer Zeit präsentiert bekommt (ich denke da an THE EVIL DEAD).
Andererseits ist da auch eine große Chance, das Ganze zu verhunzen. Und da gibt es genug Beispiele. Man denke nur an die Remakes von A NIGHTMARE ON ELM STREET oder THE FOG, mit furchtbar sind die noch schmeichelnd umschrieben.
Bei Genre- Filmen mit einer großen Fanbasis kommt dann immer noch die Frage hinzu, ob diese die Annehmen werden. Beim Reboot von GHOSTBUSTERS war das Geschrei ja groß (war das gerechtfertigt? Habe den Streifen nicht gesehen). Und bei CITIZEN CANE ist es ja so, das der von jedem Kritiker und Filmfreund vergöttert wird (habe zumindest noch niemanden erlebt der was negatives über den Film gesagt hat), weswegen die den wohl im Vorraus niedermachen werden und dann, nach dem Release, jeden Fehler herausheben und aufblasen werden.
So eine Trilogie über das Leben Kane’s finde ich reizvoll. Aber ein vernünftiges Remake von METROPOLIS würde mich mehr reizen.

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