Originaltext Oktober 2013:

Nirgendwo wird der Mensch so sehr drangsaliert, kontrolliert und reguliert wie beim Versuch, ein Flugzeug zu besteigen. Behörden wie Firmen beteuern das legitime Interesse der Gefahrenvermeidung. Doch exakte Zahlen und Studien gibt es kaum – und es besteht die Aussicht, dass zumindest die unsinnigsten Beschränkungen demnächst schrittweise aufgehoben werden können.

Fertig zum Einsteigen: Spießrutenlauf schon am Gate

Die Sicherheitsschleuse, die in München noch wegen des Hosenknopfes geklingelt und zur Abtastung geladen hat, bleibt beim Rückflug von Hamburg aus still. Der Kontrolleur murmelt auf Nachfrage: „Ist halt überall anders eingestellt“. Die Dose Kartoffelsuppe aus dem Feinkostgeschäft? Darf nicht mitfliegen. Ebenso den Flug gefährden könnten das Taschenmesser und das gute alte Benzinfeuerzeug Zippo. Weg damit.

Sind die Plätze eingenommen, beginnt der hektische Schlussspurt: In praktisch jeder Sitzreihe versuchen Geschäftsleute, schnell noch ein paar Mails abzuschicken oder Dateien zu laden, bevor die Stewardess gnadenlos verkündet: „Bitte schalten Sie zum Start alle elektronischen Geräte aus“. Die Regeln sind strikt – und gelten auch für Filmstars.

Wie absurd und inkonsequent die Regeln umgesetzt werden, erfuhr kürzlich der Journalist und Fotograf Jason Davis, als die Flugbegleiterin ihn bat, seine Kamera abzuschalten – eine mechanische Leica von 1938.

Aber muss das wirklich sein? Wie sollte z.B. eine Digitalkamera die Elektronik eines Airbus A321 (Kaufpreis knapp 100 Millionen Euro) stören? Und wenn Sie es täte – wie sicher wäre so ein Flieger überhaupt? Und wieso stört der eBook-Reader das Flugzeug potentiell nur bei Start und Landung, nicht aber auf Reiseflughöhe?

Nichts Genaues weiß man nicht

Airlines, Flughafenbetreiber und Behörden sind im Namen der Sicherheit eine unheilige Allianz eingegangen, die kaum aufzubrechen ist. Immer wieder wird die Notwendigkeit der elektronischen Funkstille beschworen – zu Wort kommt dabei meist Dave Carson, ein Boeing-Ingenieur, der als Co-Vorsitzender eines US-Komitees zur Flugsicherheit gebetsmühlenartig z.B. beteuert, auch Geräte ohne Funksignale könnten „unbeabsichtigte Signale“ aussehen, wenn „Schaltkreise gewechselt würden“. Überprüfen kann das niemand, die britische Luftfahrtschutzbehörde CAA stellte lediglich fest, dass bei einigen vagen „Problemen während des Fluges“ auch die Aktivität einiger Mobiltelefone festgestellt worden sei. Kein Beweis, nicht mal ein Wirkmechanismus.

Die Gegner dieser „im Zweifelsfall verbieten“-Politik bekommen nun allerdings Aufwind. Eine Gruppe von Beratern der amerikanischen Behörde für Flugsicherheit FAA hat einen Bericht verfasst, demzufolge die Behauptung, auch isolierte Geräte wie eBook-Reader und MP3-Player könnten den Flieger gefährden, nicht aufrecht erhalten werden kann. Mehr noch: Nach dem Start sei auch die Verwendung von Geräten, die WLAN-Signale aussenden, nicht mehr ernsthaft als Gefährdung einzustufen. Die Empfehlung: Nur bei Smartphones und Notebooks müsse künftig zum Start die Datenverbindung gekappt werden. Abgeschaltet werden müssen die Geräte nicht. Der Bericht empfiehlt außerdem, die Elektronik nicht per se als Risiko einzustufen, sondern erst einmal zu untersuchen, wie es zu einer Gefährdung überhaupt kommen könne.

Gute Nachrichten für Passagiere? Drei Haken hat der Bericht. Erstens gibt er nur Empfehlungen ab, denen die FAA nicht folgen muss. Zweitens: Was die FAA beschließt, gilt noch lange nicht für Lufthansa & Co. Und drittens: Die Airlines wollen künftig kräftig Geld mit Internet-Verbindungen über WLAN während des Fluges verdienen. Ein grünes Licht der Ingenieure spielt ihnen dabei in die Hände.

Ob die Einsicht der Vernunft oder dem Geschäftsinteresse geschuldet ist, darf dem Passagier aber letztlich egal sein. Er kann vielleicht bald demonstrativ den Kopfhörer seines iPod aufsetzen und auf dem eBook-Reader Stephen King lesen, während die Flugbegleiterin auf die Notausgänge verweist.

NACHTRAG 2017: Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, aber immerhin: Zum Start muss die Elektronik nicht mehr ausgeschaltet werden, immer mehr Flieger bieten Inflight-Telefonie und Internet über den Wolken an. Ich selbst spiele weiter auf dem Tablet „Card Crawl“, während die Stewardess den Weg zu den Notausgängen beschreibt.



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hacklschorsch
hacklschorsch

Wenn du dich so unnötig drangsaliert fühlst: Flieg doch einfach weniger.

Deinem Blog nach zu Urteilen ist dein Beitrag zum Klimawandel eh schon weit überdurchschnittlich, weil’s ja ohne hippe Kurz- und Kürzstflugreisen im Leben sonst gar zu langweilig würde.

Ich könnte dir deinen Impact anhand der hier beifallheischend geteilten Reisen mal vorrechnen, bin mir aber sicher, dass du auch so verstehen könntest, was ich meine.

JC.I.
JC.I.

Ist die Verlinkung hinter „Schaltkreise gewechselt würden“ wirklich korrekt, denn zu Elektrogeräten + Flugzeugsicherheit passt das angebotene Video nicht wirklich?

Lordrawdon
Lordrawdon

Das ganze ist „security theater“ ohne Sinn und Verstand.

So untersagen die Flüssigkeitsregeln es, Einzelbehälter mit einem Volumen über 100 ml mitzuführen, in denen Flüssigkeiten (auch Reste) enthalten sind, angeblich wegen möglicher Sprengwirkung bei größerem Volumen.

Leere Flaschen darf man aber in beliebiger Größe mitführen, und man könnte solche auch in jedem duty free kaufen. Auch kontrolliert niemand, was in DutyFree-Shops angeliefert wird.

Einfach mal „security theater“ googeln, da gibt es jemand, der das in den USA schon herrlich entlarvt hat. Er ist sogar schon mit mehreren Liter angeblichen Kontaktlinsenpflegemittels geflogen („Medikament“, und besonders genial fand ich es, als er 2 Behälter mitnahm, und dem TSA-Guard einfach sagte „I have two eyes“. )

Fake
Fake

Mein Liebling: Jmd nimmt gefrorene Mineralwasserflaschen mit – ist ja keine Flüssigkeit … 😉

comicfreak
comicfreak

..Göttergatte hatte beim letzten Flug eine Megadose Rasiergel dabei, weil „da ist nur noch ein Rest drin“ und musste die (wie ich gesagt hatte) in den Mülleimer werfen.
War dann meine Schuld.. *Augenroll*

comicfreak
comicfreak

@ Wortvogel
..das ist schade 🙁

PabloD
PabloD

Ich habe mal extra mein Handgepäck aufgegeben, weil das Entsorgen der für die am Zielort befindlichen Person bestimmten selbstgekochten Marmelade natürlich nicht in Frage kam 🙂

Highlight dieses Jahr war allerdings meine erste Festsetzung durch das Sicherheitspersonal aufgrund eines Sprengstoffverdachts (vor dem Zubringerflug eines anschließenden 10-Stunden-Flugs; wäre also sehr ärgerlich und vermutlich teuer geworden). Die Lösung war schlussendlich, dass sich in meinen frisch gewaschenen Klamotten wohl noch chemische Rückstände des Waschpulvers befanden, die ansonsten auch in Sprengmitteln zur Anwendung kommen. Das betraf insbesondere meine im Handgepäck verstaute Sweatjacke. O-Ton: „Öffnen Sie gaaaaanz langsam den Reißverschluss und treten Sie zurück, aber wehe Sie holen da jetzt was raus!“
Ich durfte dann zum Glück doch mitfliegen und natürlich haben alle anderen Scanner auf den anderen Airports nicht mehr angeschlagen…

invincible warrior
invincible warrior

Meine Frau schaut mich trotzdem noch immer grimmig an, wenn ich die Geraete nicht beim Start ausstelle. Total aberglaeubisch… und will mir nicht glauben, dass die null Auswirkungen haben auf den Flug. Ich brauch ja nur meinen Podcasts um nicht in dem Kaefig kirre zu werden.

Das mit dem Sicherheitstheater ist auch irrsinnig. Als ich letztens mit meinen Eltern flog, haben die meinen Vater aufgehalten, weil der seine so arg gefaehrlichen Duschgels frei im Handgepaeck hatten, musste dann in ein Sicherheitsbuero gehen, wo das sicherheitsgerecht verpackt wurde. Laecherlich.
Laut Swiss darf man uebrigens auch einen Nassrasierer mitnehmen, was ich auch herrlich laecherlich finde. Aber die Airlines sind eh wieder uebergegangen Metallbesteck auszugeben.
Was mich ankotzt ist ja noch die immer latente Gefahr, dass man keine Akkus/Laptops mehr im Handgepaeck fuehren darf. Was da die Sicherheit erhoehen soll, waere mir aber schleierhaft. Immerhin sollte ne ordentlich getweakte Akkubombe im Gepaeckraum mehr Schaden verursachen. Paranoia ahoi!