Hier in der Wohnung auf Ibiza geht gerade das Internet nicht – ich schreibe diese Zeilen über einen ad hoc-Hotspot meines iPhones. Generell habe ich auch nicht vor, einen Großteil meiner Urlaubszeit im Netz zu verbringen. Und darum habe ich ein paar gestandene Leser gebeten, mit Gastbeiträgen auszuhelfen. Den Anfang macht Daniel Spiegelberg, der sich mit der Darstellung verschiedener psychischer Störungen im Hollywood-Film auseinander setzt. Take it away, Daniel!

Psychiatrie in Hollywood-Filmen

Von Daniel Spiegelberg

Realistisch? Nö. Toll? Jau!

Der Hausherr befindet sich mit seiner Liebsten im sicherlich wohlverdienten Urlaub, und hat mich gebeten, einen Gastbeitrag zu verfassen, mit dem er in dieser Zeit sein Blog tapezieren kann. Gewünscht war ein Film-Review, gerne Vintage, kein aktueller Blockbuster. Ich hatte zu dem Zeitpunkt, als ich „Yes Sir!“ zurückschrieb, richtig gute Laune, und versprach nicht nur dieses. Sondern, dachte ich mir, ich gebe den ganz großen Rundumschlag namens „Psychiatrie in Hollywood-Filmen – realistisch? Oder eher nicht?“.

Etwas in der Art. „Super, leg los!“, war die Antwort. Und jetzt sitze ich hier, habe kein klares Konzept, Tonnen von Ideen, und fühle mich wie ein Siebtklässler im Naturkunde-Unterricht, dem gerade mitgeteilt wurde, dass es keine gute Note auf dem Zeugnis geben wird. Aber ich könne ja noch ein Referat halten, um Ergebnis-Korrektur zu erzielen. Ich sitze hier, hab hier vor mir, dieses weiße Blatt Papier.

Ich probier mal.

Ich darf noch einleitend hinzufügen, dass ich Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie bin. Also, ein bisschen was von der Materie verstehe.

Spoiler ahead (duh…)

Psychiatrisch Erkrankte in Filmen und Serien. Nehmt euch mal eine Minute, um darüber nachzudenken.

Fertig? Gut.

Die Namen

Hannibal Lecter, John Doe, The Joker, der Typ aus „Saw“ Mr. McMurphy, Jack (aus „The Shining“), Melvin Udall (ich weiß, dass das jetzt 3x Jack Nicholson war), der andere Joker (jetzt 4x Nicholson), Tyler Durden, Jeffrey Goines (das war jetzt 2x Brad Pitt, der übrigens auch John Doe getötet hat), Mr. Glass, Richard Gecko, Henry, Norman Bates, Paul & Peter, Patrick Bateman, Mickey & Mallory Knox, Teddy Daniels, Charlie Brown, Susanna Kaysen, Lisa Rowe, Aaron Stampler, Kevin Crumble, Vic Mackey, Tony Soprano, Omar Little.

Hab ich alle? Eher nicht.

Aber ich habe einige. Ihr habt euch gerade Gedanken darüber gemacht.

Soziopathen

Schauen wir uns die einmal im Einzelnen an. Da sind eine Menge Soziopathen drunter. Ich zitiere mal den ICD10, die deutsche Standard-Bibel für die Einordnung von Erkrankungen. Unter dem Buchstaben „F“ finden sich die psychiatrischen Erkrankungen. Und irgendwo unter den Persönlichkeitsstörungen, der Bereich F60.XX , muss der Soziopath, öhm, hmmm. Gibt’s nicht. Ist irgendwann der s. g. dissozialen Persönlichkeits-Störung subsummiert worden. Die wird wie folgt definiert:

„Eine Persönlichkeitsstörung, die durch eine Missachtung sozialer Verpflichtungen und herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere gekennzeichnet ist. Zwischen dem Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz. (…) Es besteht eine geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten, eine Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, (…).“

Damit könnten wir aus der Liste da oben Tony Soprano, Paul & Peter, P. Bateman, Mickey und Mallory Knox und Vic Mackey klassifizieren.

Nein. Tony und Vic sind liebende Familien-Väter mit mindestens behauptetem moralischem Überbau. Ehefrau, Kinder und Freunde sind ihnen das Höchste, und wer auf die Idee kommt, sich da unvorteilhaft einmischen zu wollen, endet in aller Regel mit einer Kugel zwischen den Augen (oder, im Fall von Vic („The Shield“, übrigens), IM Auge. Die Knoxes lassen wir mal außen vor. „Natural born killers“ habe ich ein einziges Mal im Leben gesehen, da habe ich noch bei meinen Eltern gewohnt. Nachdem ich den Film durch hatte, bin ich zu meiner Mutter gegangen, und habe sie dringend gebeten, mich mal fest in die Arme zu nehmen. Ich wollte spüren, dass die Welt nicht so verkommen und widerlich ist, wie Oliver Stone mir gerade ca. 100 Minuten weismachen wollte. Und das gelang.

Psychopathen

Paul & Peter, aus Hanekes „Funny Games“ können wir auch direkt abhaken. Das sind Menschen, nein, Lebewesen mit sicherlich dissozialer Persönlichkeits-Störung, aber was sie tun, wird nicht erklärt. Es steht nicht mal in einem rationalisierten Gesamt-Kontext, der erkennbar wäre. Sie terrorisieren und foltern eine Familie, bis alle Familien-Mitglieder tot sind. Sie gewinnen nichts, sie haben nur offensichtlich Spaß daran.

Wäre Haneke konsequent gewesen, hätte er sie hinterher, nachdem die letzte Verbliebene (Anna) in Voll-Fesselung aus dem Boot geschubst wurde, beim Wichsen gezeigt. Es sind reine Sadisten. Es gibt diese Menschen. Allerdings arbeiten die sich in aller Regel, zur Trieb-Befriedigung, an kleinen Tieren ab.

Ich weiß, das war jetzt ein schlimmes Stück Text. Es handelt sich um einen weiteren Film, den ich im Leben nicht noch mal gucken würde. Nicht für Geld und gute Worte, nicht für Kuchen. Und ich mag Kuchen.

Zwangsstörung

Verlassen wir die Düsternis, und kommen zu Melvin Udall. Wundervoll gespielt von Jack Nicholson, von dem hier später noch mal die Rede sein wird. Aus „As good as it gets“ oder „Besser geht’s nicht“. Ich habe diesen Film sicherlich 20 Mal gesehen, und immer, wenn ich zwei Stunden zu überbrücken habe, lege ich die Scheibe noch mal in den Player. Wer ihn noch nie gesehen hat, tut das bitte jetzt.

Fertig? Gut.

Toll, oder? Was stellt der dar? Ein völlig überblasenes Ego mit der Fähigkeit, belanglose Texte zu schreiben, die aber sehr gut ankommen. Und jeder hier denkt gerade an jemand ganz bestimmtes (und damit meine ich mich, Torsten, hol wieder Luft). Mr. Udall hat aber nicht nur die Eigenschaft, erheblich intellektuell zu sein und minderwertige Groschen-Romane zu verkaufen, er hat auch eine Zwangsstörung, die sich gewaschen hat. Ich darf noch mal die ICD10 bemühen:

„(…) Wiederkehrende Zwangsgedanken sind Ideen, Vorstellungen oder Impulse, die den Patienten immer wieder stereotyp beschäftigen. Sie sind fast immer quälend, der Patient versucht häufig erfolglos, Widerstand zu leisten (…). Der Patient erlebt sie oft als Vorbeugung gegen ein objektiv unwahrscheinliches Ereignis, das ihm Schaden bringen oder bei dem er selbst Unheil anrichten könnte. Im Allgemeinen wird dieses Verhalten als sinnlos und ineffektiv erlebt, es wird immer wieder versucht, dagegen anzugehen. Angst ist meist ständig vorhanden. (…)“

Passt, oder? Die Händewascherei mit drei Stück (originalverpackter) Seife pro Durchgang, das Türschluss-Ritual, der immer gleiche Tisch im Diner mit unbedingt der gleichen Kellnerin – Melvin interessiert sich initial einen Dreck für Carol, aber als sie, weil sie sich um ihren kranken Jungen kümmern muss, nicht auf der Arbeit erscheint, um ihm sein Frühstück zu servieren, fährt er sogar zu ihr nach Hause – und kommt mit der Realität mehr in Berührung, als im behagt. Und mehr, als ihr behagt.

Von den ganzen großartig pointierten Dialogen zwischen ihm, Greg Kinnear, Cuba Gooding Jr., und, eben, Carol mal ganz abgesehen. Und von dem kurzen Dialog zwischen ihm und seinem Psychiater, mal ganz abgesehen – es ist nicht nur ein großartiger Film, sondern auch eine wundervolle Darstellung einer sehr verbreiteten, dafür umso unbekannteren, Erkrankung.

The psychiatrist approves.

Schizophrenie

Kommen wir zum Joker. Und ich meine den von Heath Ledger. Was soll der sein? Ein hoch-intelligenter, paranoid-schizophrener, dissozial veranlagter Krimineller. Und den spielt Ledger derart atemberaubend, dass es einem die Schuhe auszieht. Als ich den Film gesehen habe, war ich hinterher begeistert. Und habe jedem erzählt „Was der da macht, Mann, wow! So was habe ich noch nicht gesehen!“

Und ich habe davon nichts zurückzunehmen. Heath Ledger hat mir in jeder Sekunde Bühnen-Präsenz das Gefühl gegeben, dass hier einer nicht nur verstanden hat, wie Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen ticken, nein, der hat sich das drauf geschafft, und verkörpert das mit jeder Faser seines physischen Seins. Man kann es spüren. Diese Zerrissenheit, diese Determination, dieser, ja, Spaß am eigenen Irresein.

Doof ist nur: Gibt’s nicht.

Ich kaufe es ihm ab, es ist gut, es ist wundervoll, es ist einzigartig. Selbst die (von manchen verpönte) Nummer mit dem Über-die-Lippen-lecken, und mag sie einem auch noch so over-the-top vorkommen, ist authentisch. Das kommt so vor.

Problem: Der Ledger-Joker ist auf paranoide Schizophrenie angelegt. Und Menschen, die unter dieser entsetzlichen Krankheit leiden, können allerhand nicht. Zum Beispiel, elaborierte Banküberfälle planen. Und die auch noch durchziehen. Never ever. Weil bei denen, in aller Regel, die formale Denkstruktur zusammenbricht. Menschen mit Schizophrenie sind im logischen Denken gehemmt. Sie können kaum noch geplante Handlungen begehen. Sie empfinden fast alles als Bedrohung. Weswegen sie meistens, nachdem sie Passanten vom Balkon aus, mit Blumentöpfen beschmissen haben, von Mitarbeitern des Ordnungsamts, ausgestattet mit einem Attest zur Unterbringung nach dem PsychKG vom Polizeiarzt, bei uns in der Zentralaufnahme vorgestellt werden.

Aber der Joker kann nicht nur diesen Banküberfall verwirklichen, sondern der versammelten Unterwelt ihr Schwarzgeld abpressen, den maskierten Rächer zur Angabe seines bürgerlichen Namens zwingen (was dann ja Harvey Dent freundlicherweise übernimmt, und das mit dem Leben seiner Geliebten und der Hälfte seines Gesichts bezahlt), und ganz allgemein eine Stadt von der Größe (und dem Design) von New York wochenlang in Atem halten.

Ist das ein großartiger Film? Aber hallo.

Does the psychiatrist approve? No.

Vom Nicholson-Joker will ich hier gar nicht erst anfangen. Der ist einfach nur gaga. Das lässt sich nach ICD10 so nicht beschreiben, es bleibt aber im Ergebnis ein schöner Film. Nicht trotz, sondern wegen. „Gentleman? Let’s broaden our minds. Florence?“

Erst recht keine Schizophrenie

Arbeiten wir noch ein paar Leute von der Liste da oben ab. Teddy Daniels ist der Haupt-Charakter in „Shutter Island“, noch so einer meiner Lieblingsfilme. Was machen die denn da …

Teddy ist (wer den noch nicht gesehen hat, sollte den kommenden Teil überspringen) Insasse einer Irrenanstalt (das hieß damals so), der aus seinem Wahn nicht herauskommt. Weswegen ihn der Anstalts-Direktor im Zuge einer neuen Herangehensweise an die Erkrankung (wieder: Schizophrenie) gewähren, und als Bundes-Marshall in einem völlig unklaren Todesfall auf der Insel (Shutter Island) ermitteln lässt. Erst kurz vor dem Schluss wird dem Zuschauer dargelegt, dass es keinen Kriminal-Fall gibt, die Pillen gegen seine Seekrankheit in Wahrheit Neuroleptika sind, und man das gerade zum x-ten Mal versucht hat, und dass es das jetzt gewesen ist. Am Schluss kommt Teddy weg. Und wird, wahrscheinlich, lobotomiert.

Schön und gut. Teddy befindet sich am Anfang des Films auf einem Boot, und nimmt Kurs auf Shutter Island. Zusammen mit seinem Kollegen (der sich, hinterher, als Mitarbeiter des Irrenhauses herausstellen wird). Teddy hat keine Ahnung, dass er das schon mal gemacht hat, oder dass er überhaupt schon mal auf der Insel gewesen ist.

Benefit of the doubt? Gern geschehen. Was meint der Psychiater dazu?

Bullshit.

Menschen mit Schizophrenie leiden unter allem Möglichen, aber nicht unter Amnesie. Sie können sich, selbst wenn die akute Episode vorbei ist, und sie völlig rekonvaleszent sind, an praktisch jedes Detail aus ihrer Psychose erinnern. Was sie getan haben, wer was gesagt hat, alles. Teddy steht zum mindestens 3. Mal auf einem Schiffs-Deck mit Kurs auf Shutter Island, und weiß von nichts? Dass er nicht nur schon mal da war, sondern da zwangsweise wohnt? Dass er das alles schon mehrfach durchgemacht hat?

Ich wiederhole mich. Das ist ein grandioser Film, der einen reinsaugt und nicht mehr loslässt, bis man, völlig fertig, das Ende gesehen hat.

Does the psychiatrist approve? No.

Psycho-Zeug

Von „One flew over the cuckoo’s nest“  soll hier auch nicht groß die Rede sein. Der spielt nur zufälligerweise in einer Psychiatrie, tatsächlich geht es (wie auch im Buch) um die Unterdrückung des Individuums in einem repressiven System. Nur so viel: Der Film hat für die Psychiatrie gewaltige Schäden angerichtet. Das Verfahren der Elektro-Konvulsions-Therapie (EKT) ist eines der schonendsten und effektivsten überhaupt. Es wird sogar für schwangere Frauen empfohlen, die unter einer Schizophrenie, Katatonie oder schweren Depression leiden. Weil es für das Ungeborene (und für die Mutter) deutlich bekömmlicher ist, als jede Art der Psychopharmakotherapie. In besagtem Film wird es zur Disziplinierung aufmüpfiger Sanatoriums- Insassen angewendet. Ohne Anästhesie. Das ist barbarisch und widerlich. Die EKT war danach für Jahrzehnte verfemt, und erholt sich jetzt langsam davon. Zum Glück. Dass die Lobotomie, also das Entfernen bedeutender Hirnteile, wie es Mr. McMurphy am Schluss des Films erfährt, sich als Therapie-Form in der Psychiatrie, nie wieder erholt hat, ist allerdings sehr zu begrüßen.

So, das war jetzt ein langer Text. Ich fange nicht mehr von „Girl, Interrupted“ an, denn für die Geschichte der Borderline-Störung bräuchte ich noch mal so viel Platz, und Herr Dewi beabsichtigt sicherlich, in einem überschaubaren Zeitraum wieder in sein Blog zurück zu kehren. Und dann weniger Platz für ausbreitungsfreudige Psychiater zur Verfügung zu stellen. Ich beschränke mich daher auslaufend auf wenige Bulletpoints. Deren Begründung ich auf Wunsch nachreichen kann:

  • Hannibal Lecter gibt es nicht.
  • Charlie Brown ist nicht depressiv. Der ist melancholisch.
  • John Doe gibt es auch nicht.
  • Henry Lee Lucas gibt es. Bzw. gab es. Leider.
  • Tyler Durden? Never ever.

„Multiple Persönlichkeits-Störung“ ist auch noch so ein Thema. Zumal ich vor zwei Tagen „Split“ gesehen habe.

Ich habe mehrere Leidenschaften. Psychiatrie und Filme gucken sind da beide ganz weit vorne. Und wenn sich beides auch noch fruchtbar ineinander fügt, ist das doppelter Gewinn. Unschärfe lässt sich aus dramaturgischen Gründen nicht immer vermeiden. „Realistisch oder eher nicht?“ Eher nicht. Aber mir soll das recht sein.



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