Neuer Tag, neuer Gastbeitrag, diesmal von Marcus Heine, einem der Wortvogel-Veteranen. Heute kommen die Fans von italienischen Giallo-Filmen auf ihre Kosten. Auch so ein Genre, das ich ja eher selten bediene.

Von Marcus Heine

Italien 1970. Regie: Mario Bava. Darsteller: Ira von Fürstenberg, William Berger, Edwige Fenech, Howard Ross, Ely Galleani u.a.

Inhalt: Vier reiche Pärchen treffen sich auf einer einsamen Insel für ein entspanntes Wochenende, das wohl so entspannt nicht werden wird. Denn einer der Gäste, der Wissenschaftler Dr. Farrell, hat eine Formel für ein neuartiges Kunstharz erfunden. Und die anderen wollen ihm diese abschwatzen. Als plötzlich ein Hausdiener tot am Strand gefunden wird und, weil man gerade kein Boot hat und das Funkgerät spinnt, erstmal im Kühlraum aufgehängt zwischengelagert wird, überschlagen sich die Ereignisse. Eins ist klar – der Platz im Kühlraum wird noch knapp werden…

Kritik: Mario Bava – muss man ihn noch vorstellen? Der oft sogenannte „Master of the Macabre“ hat das italienische Genrekino geprägt wie nur wenige andere und wird bis heute von so unterschiedlichen Leuten wie Tim Burton, Joe Dante, Martin Scorsese, Dario Argento und John Carpenter (und dem unvermeidlichen Quentin Tarantino) verehrt. Und dabei war er eigentlich immer ein Low budget-Filmemacher, der kommerzielle Genrefilme unter oft abenteuerlichen Bedingungen runtergekurbelt hat. Man könnte fast sagen, er habe sein Talent vergeudet – wenn es nicht so viele bis heute als Klassiker verehrte Filme geben würde, die er trotz alledem machen konnte: mit THE GIRL WHO KNEW TOO MUCH und BLUTIGE SEIDE erfand er quasi den Giallo; mit IM BLUTRAUSCH DES SATANS inspirierte er den US-Slasherfilm (der zweite FREITAG DER 13. baut diverse Kills aus Bavas Film mehr oder weniger 1:1 nach); DANGER: DIABOLIK war Pop-Art, Comicverfilmung lange bevor Comicverfilmungen ein Thema waren (und Vorlage für ein Beastie Boys-Video); PLANET DER VAMPIRE nahm ALIEN um fast 2 Jahrzehnte vorweg; und besser als DIE STUNDE WENN DRACULA KOMMT und DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA wurde italienischer Gothic Horror nicht.

Um all diese legendären Klassiker geht es hier und heute nicht.

Stattdessen stelle ich euch einen Film von Bava vor, der so obskur ist, dass ich nicht mal sicher sagen kann, ob er in Deutschland je offiziell im Kino gelaufen ist. Bava-Biograph Tim Lucas deutet das an, aber die Imdb weiß davon nichts. (Full disclosure: was wissenswerte Hintergrundinfos angeht, benutze ich Lucas‘ Audiokommentar auf der Bluray von Arrow Video hier schamlos als Cheat Sheet. Was der Mann nicht weiß, ist es auch nicht wert gewusst zu werden, und allzu viele ergiebige Texte zu diesem Film gibt es im Internet nicht. Untermauert nur die These des Hausherrn, dass man sich Nerd Credibility eben doch nicht nur ergoogeln kann.)

FIVE DOLLS FOR AN AUGUST MOON (oder für die Italophilen „Cinque bambole per la luna d’agosto“) also – ein Film, dessen Entstehungsgeschichte ziemlich repräsentativ war für die windigen Umstände, unter denen Bava arbeiten musste. Das Drehbuch war ein ziemlich plumpes, ziemlich offensichtliches Rip-off von Agatha Christie „Zehn kleine Negerlein“ und eigentlich als Star-Vehikel für die damals aufstrebende Edwige Fenech (Star diverser Gialli und Eurosex-Klamotten und der Grund, warum alle eventuell mitlesenden Italo-Fans gerade so einen verträumten Blick draufbekommen) gedacht, aber der (unbekannte) Regisseur musste abspringen, sodass man Bava fragte. Der machte klar, dass er das Skript für Mist hielt, sagte aber zu, unter der Bedingung, dass er vorab bezahlt und zehn Tage zur Bearbeitung des Drehbuchs bekommen würde.

Eine dieser Bedingungen wurde tatsächlich erfüllt. Welche? Kleiner Tipp: Bava erzählt, er habe den Vertrag am Samstag unterschrieben und am Montag drauf mit dem Dreh begonnen. Die komplette Besetzung, mit unter anderem Euro-Regulars wie William Berger und Ira von Fürstenberg, hat er dann auch zur selben Zeit zum ersten Mal treffen können. Dazu bekam er ein hübsches Villa-Set in einem Studio, seinen geliebten und in diversen Filmen verwendeten Strandabschnitt und eine Glasplatte, mit der eines seiner berühmten Matte Paintings schaffen und damit die Außenansicht der nicht existierenden Villa ins Bild tricksen konnte. Hey, immer noch besser als PLANET DER VAMPIRE, für den er den unwirklichen Alienplaneten  in seinen eigenen Worten mit „ein paar bunten Scheinwerfern, einer Trockeneis-Nebelmaschine und zwei Gummifelsen – ja, zwei, also einen und noch einen“ erschaffen musste (nimm das, Ridley Scott!)…

Hier zu Anschauungszwecken das Matte painting – man beachte ganz rechts die kaum sichtbare (und vor dem HD-Transfer vermutlich gänzlich unsichtbare) Reflektion der Darstellerin, bevor sie ins Bild kommt – man beachte die orangefarbenen „Schlieren“ ganz rechts:

Das klingt, als wären alle notwendigen Zutaten für einen Reinfall da, den ein desinteressierter Regisseur mal eben so herunterkurbelt, um seine Gage einzustecken und abzuhauen. Aber wer das erwartet, kennt Mario Bava nicht. Er hielt es so wie eigentlich immer: wenn eh keiner hinguckt, kann er sich ja wenigstens ein bisschen auf der künstlerischen Ebene amüsieren.

Das Drehbuch mit all seinen Giallo-Klischees um böse reiche Menschen (Siehe Screenshot oben – die können sich ZWEI Flaschen J&B leisten. Auf einmal! Da träumen die Habe- und Taugenichtse, die Thomas Milian immer spielt, nur von.), die sich gegenseitig abmurksen, war für einen wirklich packenden Thriller nicht zu gebrauchen, und das scheint Bava inspiriert zu haben, aus FIVE DOLLS… etwas zu machen, was man fast schon als Genreparodie betrachten kann. „Parodie“ mag ein zu starkes Wort sein, aber der Film ist schon, gerade für sein Entstehungsjahr, ungewöhnlich „tongue in cheek“ inszeniert:

  • Der Titel des Films, von den Produzenten schon vor Erstellung des Drehbuchs festgelegt, weil er cool klingt, wird nicht mal ansatzweise gerechtfertigt – es sei denn, es zählt, dass wie im Film fünf Frauen und fünf Männer haben, die Dreharbeiten im August begannen und der Film gerne mal vor allem für Außenszenen die Szenerie in Blautöne taucht („blue moon“ nennt man es offenbar, wenn es alle zwei oder drei Jahre einmal zwei Vollmonde in einem Monat gibt; daher auch die englische Redewendung „once in a blue moon“).
  • Der genretypische funky-exaltierte Score (hier von Jazzmusiker Piero Umiliani, der unter anderem das Muppet-„Mah Na Mah Na“-Lied komponiert hat – letzteres ursprünglich übrigens 1968 für einen Mondo-Film namens „Schweden – Hölle oder Paradies“!) übertönt hier minutenlang ganze Szenen vollkommen; und wann immer wieder eine Leiche in den Kühlschrank wandert, schaukelt sie am Haken zu einer eigentlich völlig deplazierten rummelplatzartigen Musik. Und in einer Szene dudelt die Filmmusik über das Bild einer schlafenden Edwige Fenech, bis sie zu einem Radio greift, nach einem Knopf fingert und damit den Soundtrack, den man bisher nicht als diegetisch identifizieren konnte, einfach ausschaltet.

  • Die Mordszenen, in Gialli sonst gerne mal opernhaft ausgewalzt, passieren fast alle off-screen. Es gibt einen Fall, wo wir erst erfahren, dass jemand tot ist, weil wir ihn bereits fertig verpackt im Kühlraum sehen. Und einen Fall, in dem man scheinbar den Killer eindeutig sieht. Und einen, bei dem man beim besten Willen nicht kapiert, wann genau der Mord an dieser Person, die gerade noch dahin gegangen ist, eigentlich stattgefunden hat. Und einen, wo jemand nicht nur ohne Blut, sondern auch ohne Mündungsfeuer und Pulverdampf erschossen wird.
  • In einer Sexszene schneidet Bava per Jump cut mittendrin weg (als würde er denken „Va bene, genug davon…“). Und in der nächsten Einstellung stellt die Frau den ebenfalls abgewürgten Soundtrack mit einem Knopfdruck auf den Radioknopf wieder ein.
  • Der Film beginnt mit einer wunderbar überdrehten und vulgären Partyszene (Edwige Fenech tanzt sich den Wolf) und endet mit einem zwar amüsanten, aber wirklich himmelschreiend unlogischen Schlusstwist.

Kurz, Bava war nicht so glücklich mit dem, was er hier drehen musste – vor Filmstudenten nannte er FIVE DOLLS… einmal seinen schlechtesten Film. Und auch wenn er Profi genug war, trotzdem gute Arbeit abliefern zu wollen, so lässt er doch deutlich erkennen, dass er die ganze Angelegenheit nicht ganz so ernst nehmen mag. Aber das macht den besonderen Charme des Films aus, und hindert Bava natürlich nicht daran, seine übliche wundervoll ausgeklügelte Kameraarbeit und Lichtsetzung einzubringen, sodass das von Fans so ersehnte „Bava-Flair“ sich durchaus einstellt.

Fazit: Für Giallo- oder Bava-Einsteiger wohl eher nicht zu empfehlen, für Fans des Meisters und/oder des Genres aber unverzichtbar.



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comicfreak
comicfreak

..ich seh da auf dem Screenshot nichts 🙁
Musst du mir mal genauer zeigen

Thomas Hortian
Thomas Hortian

„die können sich ZWEI Flaschen J&B leisten“ – Ich mutmaße einfach mal, dass Bava selbst keinen J & B mochte und seine Flasche mit ins Bild gestellt hat. Jetzt bin ich glatt versucht zu schauen, ob in „Bay of Blood“ auch zwei Flaschen rumstehen.
Ansonsten zählt „Five Dolls…“ nicht zu Bavas Glanztaten (und ist auch aus den von Dir genannten Gründen ganz eindeutig Trash) und tut sich teilweise auch etwas schwer, die nicht ganz 80 Minuten anständig runterzunudeln. Sehe ich qualitativ auf einer Höhe mit „Baron Blood“.

Gerry
Gerry

Vielen Dank für diesen lehrreichen aber „flott“ (entschuldigt dieses Wort) zu lesenden Text. Ich als Jungspund wusste um die Existenz Bavas und des Genres schlicht und beschämend gar nicht und jetzt habe richtig Bock mich in dieses Genre zu stürzen und mir ein paar Werke anzugucken. Und es zeigt mir wieder mal, dass ich gar nix weiß.

Daniel Spiegelberg
Daniel Spiegelberg

Toller Text, und auf den Film hab ich jetzt richtig Lust. Wird nachgeholt.

Mencken
Mencken

Vielleicht nicht Bavas schlechtester, aber auf jeden Fall sein langweiligster Film. Würde lieber mit einem anderen Film anfangen.

Und Baron Blood ist locker drei Klassen besser, obwohl ebenfalls eher ein schwaches Werk.

Stuckimann
Stuckimann

Ich mag italienischen Horror nur, wenn Jennifer Connelly die Hauptrolle spielt.

Marcus
Marcus

Danke für die Blumen allerseits.

@Gerry: meine Vorredner haben nicht ganz Unrecht. Italienisches Kino ist lohnenswert und Bava ein guter Anfang – aber „Five Dolls…“ ist, wenn auch zumindest für mich nicht langweilig, in der Tat eher eine kuriose Fußnote in seinem Werk als ein repräsentativer Vertreter. Der Einsteiger ist mit den von mir im Artikel genannten Klassikern besser bedient.

Marcus
Marcus

@comicfreak: orangefarbene Schlieren, vertikal, ganz rechts am Bildrand. Am besten zu sehen auf dem schmalen Streifen mit dem dunkleren Sand.

@Thomas Hortian: ich bin kein Whisky-Trinker, aber ich hab mir sagen lassen, *niemand* mag J&B… 🙂

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