Es ist durchaus ein Muster zu erkennen: Mit der LvA war ich schon in zwei Frankenstein-Aufführungen, einem Dracula-Musical („Tanz der Vampire“ habe ich schon vor 15 Jahren in Wien gesehen), „The Woman in Black“ und „Ghost Stories“. Grusel auf der großen Bühne hat einfach seinen Reiz.

Kein Wunder, dass wir uns die Gelegenheit nicht haben nehmen lassen, eine neue Interpretation von „Dr. Jekyll und Mister Hyde“ im Baden-Badener Theater anzuschauen, noch dazu bei der Uraufführung und in der eigenen Box direkt neben/über der Bühne.

Nun ist die Story nicht neu und wurde schon dutzendfach verfilmt (u.a. sehr schön von Jean Renoir als „Das Testament des Dr. Cordelier“). Es gab sie mit Geschlechtertausch, als Comedy und als Blaxploitation. Was ist diesmal anders?

Gar nicht so viel – und doch einiges. Inhaltlich bleibt das Theaterstück recht konservativ, hält sich an die grundlegende Geschichte und das viktorianische Setting. Hyde spiegelt den Traum aller beteiligten Figuren nach Freiheit und Ausbruch aus der klassengeprägten Enge. Ästhetisch und inszenatorisch setzt man allerdings ein paar interessante Schwerpunkte.

So gibt es z.B. keine wechselnden Sets. Die Bühne ist vielmehr eine visuelle Repräsentanz der viktorianischen Industrialisierung, mit einer Straße und einer großen stählernen Brücke, unter der sich alles abspielt. Müssen Räume oder Ebenen realisiert werden, schieben die Darsteller stellvertretende Requisiten (z.B. ein Bett) herein. Das erzeugt den Eindruck eines vielschichtigen Hintergrunds, der sich wandelnde Szenen bedienen kann.

Ähnlich die Erzählweise. Statt die Handlung strikt in drei Akten zu erzählen, durchlaufen die Darsteller in wechselnden Kombinationen einzelne Ausschnitte, die sich zu einem größeren Bild verdichten. Es gibt keinen wirklichen Hauptdarsteller, der Zuschauer ist beobachtet die Geschichte mehr, als dass er ihr folgt. Vor dem Stück wurde erklärt, dass dieser Kaleidoskop-Effekt beabsichtigt sei. Ich fand das in der Beschreibung ein wenig affektiert, in der Ausführung ist es aber erstaunlich effektiv.

Und dann ist da Jekyll/Hyde selbst. Im Gegensatz zu fast allen anderen Umsetzungen wird die Doppelrolle von zwei Schauspielern dargestellt, die sich abwechseln. Das klingt im ersten Augenblick wie ein Taschenspielertrick, ruft aber ganz neue Facetten der „Verwandlung“ auf – so kann der Hyde-Darsteller eine Dialogzeile von Jekyll mitten im Satz übernehmen und damit den Charakter austauschen.

All das addiert sich zu einem sehr kurzweiligen, breiten, gar nicht puderigen oder melodramatischen Stück mit vielen schönen, zitierbaren Zeilen, emotionsstark von einem exzellenten Ensemble dargebracht. Ich fühlte mich streckenweise an „The Limehouse Golem“ erinnert, einen Film, der ebenfalls einen klassischen viktorianischen Schauerstoff mit modernen Erzählmethoden aufpeppt.

Wer also den Stevenson-Stoff mal etwas anders aufgearbeitet auf der Bühne sehen will, ist mit Stephan Teuwissens Variante sicher nicht schlecht beraten.

P.S.: Es sei der Ehrlichkeit halber angemerkt, dass die LvA nicht ganz so beeindruckt war wie ich. Ihr hätte eine konventionellere Umsetzung vermutlich besser gefallen.



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Dietmar
Dietmar

Ich hätte eine konventionellere Umsetzung vermutlich besser gefallen.

„Ihr“

Das klingt interessant!

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