Originaltext April 2013:

Praktisch zeitgleich startet in diesen Tagen in mehreren Ländern eine neue Actionserie, die altbekannte Motive des Westerns in eine ferne Zukunft überträgt. Aus Indianern werden Aliens, aus Pferden Motorräder, und die Stadt St. Louis wird zum futuristischen Fort Alamo. Spannend ist „Defiance“ aber hauptsächlich deshalb, weil die Produzenten parallel zur Serie eine riesige Online-Welt geschaffen haben. TV-Episoden und Game sollen sich gegenseitig befruchten. Ob die Rechnung aufgeht, ist noch völlig offen.

Es ist ein mutiges Konzept, das steht außer Frage. Bisher schuf der Erfolg in einem Medium den Bedarf im anderen. Spiele basierten auf etablierten TV- und Kinolizenzen (Star Trek online) oder Filme auf etablierten Game-Lizenzen (Wing Commander). Mit „Defiance“ hoffen die Produzenten, das Henne & Ei-Problem zu lösen: Gamer sollen vor den Fernsehschirm gelockt und TV-Zuschauer zum Kauf des Spiels bewegt werden.

Zwei Welten – ein Universum

Und so spielen das Spiel und die Serie denn auch im gleichen Universum, präsentieren die gleichen Aliens, die gleiche Technologie. Während sich die TV-Helden im verschütteten St. Louis verschanzt haben, ballert sich der Gamer 2000 Meilen entfernt durch das zerstörte San Francisco. Trotz der räumlichen Distanz versprechen die Macher Rückkopplungen, Ereignisse in der Serie sollen in der virtuellen Welt spürbar sein und umgekehrt.

Schaut man „Defiance“ als Serie und als Spiel parallel, sieht es momentan allerdings eher so aus, als würden die Zugeständnisse an die jeweiligen Medien sich gegenseitig ausbremsen. In der 90minütigen TV-Pilotepisode geht es primär um Schießereien, Verfolgungsjagden und Horden von Alien-Kanonenfutter, weil komplexe Handlungsstränge und dichte Dialoge schlecht in eine Gamewelt passen. Dafür muss der Zuschauer sich gleich sieben Alien-Rassen und zwei Mutanten-Sorten einprägen, die auch in der Online-Version auf ihn warten. Das Spiel hingegen, technisch sowieso nicht ganz auf der Höhe der Zeit, wird nie so wild und extravagant, wie es das Thema eigentlich erlaubt – weil es sich damit zu weit von der Wirklichkeit der Serie, mit der es untrennbar verbunden ist, entfernen würde.

Probleme mit Reichweiten und Preisen

„Defiance“ überwindet auch die unterschiedliche Erwartungshaltung zwischen TV-Konsument und Gamer nicht: der Zuschauer will zuschauen, der Spieler will spielen. Passiver Konsum und interaktive Teilnahme sind seit jeher schwer unter einen Hut zu bringen.

Hinzu kommt, dass „Defiance“ z.B. in den USA mit Syfy bei einem recht großen Kabelsender läuft, der 98 Millionen Haushalte erreicht. Der deutsche Ableger kommt als Pay-TV hingegen nur auf eine Reichweite von 5 Millionen Haushalten und feiert einen Marktanteil von mehr als 0,5 Prozent schon als Rekord.

Nun kann Syfy sich keine Reichweiten zaubern, aber es überrascht, dass man nicht wenigstens für das Spiel die „free to play“-Route gewählt hat, um schnell einen kritische Masse an Usern zu erreichen. „Star Wars Old Republic“ und „Battlestar Galactica online“ haben es vorgemacht: kostenlose Spiele als niedrige Einstiegshürde, der Profit wird dann mit Bonus-Content im Spiel generiert. Bei „Defiance“ geht das nicht – wer nach der Pilotepisode neugierig geworden ist, muss mindestens 49 Euro für das Game ausgeben, für die „Xbox Ultimate Edition“ sogar satte 179.

Eine ganze Menge Kohle für bisher sehr wenig Kult.

NACHTRAG 2017: Die Serie wurde nach drei Staffeln mit nur 38 Folgen eingestellt – die Free TV-Premiere in Deutschland war bei Tele 5 ein derartiges Debakel, dass man sie nach vier Folgen (vorerst) abbrach. Das zugehörige Spiel gibt es immer noch, es wurde allerdings in der zweiten Jahreshälfte 2014 auf „free to play“ umgestellt.



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