Lesen bildet!

Dass Pop ein Business ist und dass Erfolge gekauft werden, ist eine Binsenweisheit. Dieser Artikel vom Deutschlandfunk handelt deshalb nicht nur vom Glamour, sondern von den vielen fleißigen Handwerkern, die alle hoffen, irgendwann für das nächste „Shake it off“ verantwortlich zu sein – oder wenigstens das nächste „Atemlos“.

Ich hatte ja schon über betrügerische Autoren geschrieben, die Werke anderer als ihre eigenen ausgeben. Auf der Webseite der irischen Zeitung Independent kann man nun aus erster Hand nachlesen, wie man sich als Bestseller-Autorin fühlt, deren Werke und Konzepte plötzlich unter anderem Namen auftauchen. Mehrfach. Von einer Diebin, die einfach wieder ab- und dann wieder auftaucht. Unfassbar.

Immer wenn man denkt, man habe als anerkannter Altnerd wirklich Plan auch von den obskuren Dingen, buddelt irgendwer sowas hier aus – den ersten Science Fiction-Film aus Deutschland. Von 1917. Besser könnte der Artikel wirklich nur sein, wenn er nicht vom Rodek wäre, der bekanntermaßen einen an der Waffel hat.

Wir sind uns einig: „Streetfighter: The Movie“ war ziemlicher Kappes. Der ist bestenfalls ein „guilty pleasure“. Aber WARUM der so völlig aus der Spur lief, wurde bisher nirgendwo so schön und detailreich aufgeschlüsselt wie in diesem Artikel von Polygon. Ich werde JCVD allerdings niemals verzeihen, dass er Kylie gepimpert hat.

Es wurde schon vielerorts geteilt, aber man es nicht oft genug preisen – dieser fiktive Dialog zum Thema Drehbuchentwicklung ist schmerzhart auf den Punkt. Die Location, die Figuren, das entgleisende Gespräch, die geheuchelte Anteilnahme und die nicht geheuchelte Inkompetenz – als hätte man Dutzende Termine aus meiner aktiven Drehbuchautorenzeit verdichtet. Genau so. Oder wie man auf webenglisch sagt: this.

Vor ein paar Jahren habe ich (vermutlich bei Sharper Image) so eine Art Diktiergerät gesehen, das es erlaubt, die aufgenommenen Gespräche in knapp doppelter Geschwindigkeit abzuspielen. Der Gedanke dahinter: laut einer Untersuchung (Harvard?) könne der Mensch doppelt so schnell hören, wie er sprechen kann. Diese These macht sich auch das „speed watching“ zu Nutze, das nun in Mode kommt: Man schaut die unüberschaubare Masse der neuen Serien einfach schneller, im Idealfall um den Faktor 1,6 bis 2,0 beschleunigt. Ich brauche das nicht zu probieren, um es ganz oldschool zu einer totalen Scheißidee zu erklären. Ich versuche nicht, Serien „zu schaffen“ oder „rumzubringen“, ich will sie „anschauen“, sie „genießen“.

Nichts ist frustrierender als ein Gespräch mit Leuten, die sich nicht an die Regeln für höfliche Gespräche halten. Die sind wie das Schach spielende Huhn. Florian Aigner hat eine schöne Geschichte zu erzählen, wie man sich im Kreise solcher Menschen fühlt. In der Öffentlichkeit. Und der Erwartung einer fruchtbaren Diskussion.

Die ganze Sendung, um die es geht, kann man hier anschauen.

Wer britische Comic Periodika sagt, meint meistens Viz der 2000AD. Darum ist es umso spannender, diese historische Aufarbeitung der krachigen Comicreihe „Action“ zu lesen. Die Plots lesen sich wie der Verleihkatalog von Roger Corman in den 70ern, das Heft erinnert ein wenig an die goldene „Zack“-Ära jener Tage.

Jeder, der einen Menschen in den Tod begleitet hat, kennt diese Momente – wenn der Vater, die Tante, der Freund abrutscht, versinkt, wenn der Geist sich vom Körper löst, manchmal noch strampelnd, verzweifelnd festklammernd. Dieser Text aus der Süddeutschen protokolliert das so schmerzhaft wie schön.

Letztes Mal hatte ich ja schon von dem Vanity Projekt „The Evil within“ erzählt. Es geht aber noch wilder: „Eldorado“ ist ein Film, in dem unter anderem Peter O’Toole, Daryl Hannah und Rik Mayall mitgespielt haben, der an schierer Wirrnis an Jodorowsky erinnert und der seinen Regisseur und Produzenten in den Knast brachte. Eine Geschichte, die man nicht erfinden könnte – weil niemand sie glauben würde.



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Martin Däniken
Martin Däniken

„Streetfighter“ habe ich damals im Kino gesehen und ich hätte mir für Raul Julia was besseres gewünscht,aber so sieht man einen Vollprofi bei seinem letzten Auftrit,seufzt „Achja“ und
sieht Kylie,seufzt Achja,
betrachtet JCVD seufzt „Oh my God“!

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Der „El Dorado“-Artikel funktioniert leider nur nach Anmeldung, das fiktive Drehbuchgespräch war aber äußerst launig (und erschreckend…)

Der „Pop-Fabrik“-Artikel zeigt ausgezeichnet, warum (heutige?) Pop-Musik so scheiße und gleichförmig klingt. Oder um es mit Peroys Worten zu sagen: Hört mehr Metal 😉

P.K:
P.K:

zum Thema: den ersten Science Fiction-Film aus Deutschland. Lies doch einfach mal Robert Harris *Vaterland*

P.K:
P.K:

Der Text aus der Süddeutschen ist mir zu hart, wenn auch gut!

heino
heino

Den Artikel vom Deutschlandfunk und das fiktive Drehbuchgespräch kannte ich schon, beides ist großartig. Wobei es nichts neues ist, dass Popmusik am Fließband von Profis geschrieben wird (man vergleiche dies mit der Geschichte der Tin Pan Alley und Motown. Ich empfehle auch das großartige Buch „New York City Rock“ von Mike Evans zu diesem Thema).

„Street Fighter“ habe ich nie gesehen, aber die Story im Artikel ist bestimmt weit besser, als es der Film je sein könnte.

Die Geschichte mit der Plagiatorin ist auf jeden Fall erschreckend, vor allem die Anti-Reaktion von Amazon spricht da Bände. Auch der Artikel über den ersten deutschen SF-Film ist toll, da hatte ich auch noch nie von gehört.

Das Erlebnis von Herrn Aigner ist auch sehr erschreckend, aber wohl für Schwurbler ebenso wie für Talkshows leider sehr typisch.

Den Rest muss ich noch lesen, das wird mir das Wochenende versüssen:-)

Dirk
Dirk

Bitte den Filmtitel von El Dorado zu Eldorado korrigieren, wie dieses Horrormachwerk laut dem Artikel auch heißt. Nicht, dass man es mit dem Meisterwerk von 1967 mit John Wayne verwechselt. Ich war da zuerst erschrocken, was da gemeint sein könnte.

heino
heino

Ich habe die Leselisten immer gemocht, da sind stets interessante Sachen dabei, die ich sonst nicht gefunden hätte

Trantor
Trantor

Abendliches vorbeischauen hier, über neuen Beitrag gefreut. Über den Link zum sz Artikel gestolpert. Weh tun die Zeilen, da mein Vater 2 Tage vor der Dame aus dem Artikel gestorben ist (leider 2017), aber sie sind wahrhaftig schmerzhaft schön. Danke dir vielmals fürs auftun dieses textes!

invincible warrior
invincible warrior

Zum Thema Speedwatching: Ich tue das manchmal, gerne bei Serien und schon lange bevor das irgendwo in Mode kam. Das ist ganz gut, wenn man etwas nochmal anschaut oder eine an sich gute Serie ne lahme Folge hat. Dabei achte ich aber auch immer drauf, dass die Geschwindigkeit nicht aus dem Ruder geraet, mit VLC kann man das ja in 0.1 Schritten beschleunigen, daher hat sich 1.3-1.5x bei mir eingebuergert. Das geht aber natuerlich auch eher nur bei langsameren Serien/Filmen und auch nur auf Deutsch, ansonsten kommt man da zu schnell raus.

Nikolai
Nikolai

Vor ein paar Monaten ist die Oma( stolze 99 Jahre alt) meiner Frau gestorben.
Es war das erste mal für mich, dass ich den Tod von jemandem direkt miterlebt habe.
Die Hilflosigkeit in dem Moment war für mich ganz schlimm. Mehr als „für meine Frau da sein“ konnte ich nicht tun, aber vielleicht war genau das auch alles was sie von mir erwartet hat.
Geistig war die Oma noch ziemlich fit und hat im Rummikub alle abgezogen. Nur etwas schwerhörig war sie.
Meine Frau war so glücklich, dass die Oma noch auf unsere Hochzeit im September kommen konnte. Im Dezember 2016 wurde sie dann 99 und dann ging es ganz schnell bergab.

Als sie dann zum letzten mal aus dem Krankenhaus zurück kam hat der Arzt auch direkt gesagt, dass sie zum Sterben nach Hause kommt.
Mit ihr zu reden war da bereits kaum noch möglich, zu unzusammenhängend waren ihre Sätze.
Was sie aber bis zum Schluss konnte war der Teil eines Gebetes:

Kranken Herzen sende Ruh,
müde Augen schließe zu,
lass den Mond am Himmel stehn,
und die stille Welt bestehn.

In solchen Momenten wünsche ich als Atheist mir, dass ich eben doch an die Gnade eines Gottes glauben könnte. Denn dann wäre jeder Abschied nicht für ewig.

Nachdem sie dann tot war kam der Bestatter und hat sie im Wohnzimmer aufgebahrt, damit jeder Abschied nehmen konnte.
Die Stimmung war seltsam. Natürlich war jeder traurig, aber es wurden alte Geschichten erzählt und man hat doch ab und an gelacht.
Erst als der Bestatter sie dann abgeholt hat, in dem Moment wurde erst richtig klar „Sie kommt nicht mehr zurück“.

Kurz vor ihrer Einäscherung hat meine Schwiegermama ihr noch rasch einen Joker von Rummikub in die Tasche gesteckt „Damit sie auch im Himmel jeden so richtig abziehen kann.“