Das vorab: Es geht mir bei diesem Artikel nicht um den Beitrag Luthers zur sittlichen, kulturellen oder theologischen Entwicklung unseres Landes. Das zu kommentieren bin ich nicht kompetent, das müssen andere übernehmen. Mag sein, dass die Schriften des Gelehrten die Gesellschaft als solche dauerhaft voran gebracht haben. Ich rede hier vom Mensch Martin Luther.

„Ich brauchte etwas Brot und Butter, da traf ich im Laden Martin Luther, was auch nicht weiter verwunderlich war, weil’s ja ein Reformhaus war.“
(Otto Waalkes, eigentlich Robert Gernhardt)

Allenthalben wird das Luther-Jahr gefeiert, dabei gibt es 2017 gar keine neuen Folgen. Der reformatorische Stinkstiefel wird relativ ungestresst in die Riege der großen Dichter und Denker eingeordnet, weil die von ihm angestoßene evangelische Kirche ja irgendwie als weniger scheiße gilt als die katholische: Kirchen kleiner, Kuttenträger mit Klampfen, Keks bleibt Keks. Die Sozialdemokratie unter den deutschen Religionen.

Nun bestreitet die evangelische Kirche, ja die gesamte theologische Lehre nicht, dass Luther ein ziemliches Arschloch war. Man braucht dabei nicht mal auf seinen Antisemitismus einzugehen – seine Einstellung zu Behinderten reicht schon. Wurscht ist es ihnen aber dennoch. Weil der abgrundtiefe Hass, der viele seiner Schriften genährt hat, am Ende ja doch zu etwas Positivem geführt hat. Zumindest nach Lesart der frömmelnden Schönredner.

Das wirft natürlich interessante Fragen auf: Muss man Mann und Werk wirklich so eilfertig trennen, wie es hier geschieht? Kann aus einem Schlechten etwas Gutes kommen? Ist die reformierte Kirche Luthers vergleichbar mit Hitlers Autobahnen? Wird man künftig jede Diskussion über „Mein Kampf“ auch beginnen mit der Einleitung „Klar steht da viel Müll drin, aber man muss auch sehen, dass…“? Weil Luther ja angeblich so differenziert gesehen werden „muss“?

Auffällig ist jedenfalls, dass man die Widerwärtigkeiten des verfressenen Reformers nicht mehr bestreitet, aber auch nicht wirklich thematisieren möchte. Alle Diskussionen und Beiträge zu dem Thema, die aus Kirchenkreisen kommen, wirken wie Feigenblätter, damit man sich nichts vorzuwerfen hat. Echte Aufarbeitung, eine Relativierung der historischen Persönlichkeit Luthers gar – Fehlanzeige.

Also müssen das wieder andere übernehmen. Dass dazu die Bruno Giordano-Stiftung gehört, wundert mich nicht. Der Kampf gegen kirchlichen Irrglauben ist schließlich deren Mission. Wohl wundern darf ich mich aber über einen fleißigen Mitstreiter, der unter anderem zu den Herausgebern einer ins Hochdeutsch übersetzten Neuausgabe von Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“ gehört.

Es ist Bernd P. Kammermeier, langjährigen Lesern meines Blogs bekannt als Mastermind, Autor und Regisseur des Science Fiction-Luftschlosses „Astro Saga“!

Er gehört auch zu den Verfassern dieser Broschüre der Stiftung, mit der man sich gut in das Thema einarbeiten kann (klick zum Download):

Es ist keine Häme angebracht. Zwar hätte es mich mehr gefreut, über einen Drehstart der „Astro Saga“ zu berichten, aber dass Kammermeier seine humanistische Bildung in den Dienst der guten Sache stellt, verdient meinen Respekt.

Die Weiten des Alls und die Wittenberger Thesen – together at last!

Nun kann man nicht von jedem eifrigen Studiosus den natürlichen Drang zur Bühne erwarten. So mancher ist nicht geboren, die Massen vom Podium aus zu begeistern – und das musste ich einsehen, als mir dieser Vortrag von Kammermeier zum Thema Luther unter die Augen kam:

Das ist faktenstark präsentiert, keine Frage. Eine „direkte Linie“ von Luther zu Hitler sehe ich persönlich nicht, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Wenn ich ein wenig Manöverkritik üben darf: Etwas weniger ablesen, etwas weniger stammeln, etwas mehr Humor, dafür weg mit den blöden Powerpoint-Präsentationen. Die Leute müssen einem zuhören wollen. Aber hier siegt die Message über das Medium.

Habt ihr eine Meinung zu Luther? Machtmensch oder Mistkerl, Reformer oder Rüpel?



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Teleprompter
Teleprompter

Luther seinen Antisemitismus in einer durch und durch antisemitischen Zeit vorzuwerfen, ist schon fragwürdig. George Washington hielt Sklaven, fast alle „großen“ Heerführer von Caesar bis Napoleon werden ihre Soldaten und die Gegner mit Methoden behandelt haben, die man heute als Kriegsverbrechen einstufen würde. Man kann sich wünschen, dass diese von uns als bedeutend eingeschätzten Persönlichkeiten auch in diesen für uns wichtigen Punkten „moderner“ gewesen wären, aber das ist naiv. So ungefähr, als wenn in einem Forum oder Blog in 300 Jahren voller Abscheu über Helmut Kohl oder Willy Brandt diskutiert würde, weil die Tiere gegessen, die Homo-Ehe abgelehnt (weiß ich bei Brandt natürlich nicht) oder nicht bereitwillig 100 Flüchtlinge in ihrem Haus aufgenommen haben.

Die Sache mit den Behinderten, so sie denn stimmt, wäre natürlich schon ein dicker Hund, weil er da offenbar sogar über das schon beschränkte Bild seiner Zeitgenossen hinausgegangen ist.

Teleprompter
Teleprompter

Wer waren diese Philosophen und Reformer denn ? Nenn einen Namen, und ich recherchiere mit einiger Sicherheit (ganz wenige Ausnahmen mögen die Regel bestätigen) dunkle Punkte in deren Vita, Ansichten, die wir heute strikt ablehnen würden; vielleicht (wahrscheinlich) haben sie die Todesstrafe auch für aus unserer Sicht lächerliche Delikte oder Homosexualität befürwortet, sind nach Feierabend in ihr Herrenhaus mit Leibeigenen und Sklaven gegangen oder haben ihre Ehefrau verprügelt.

Das entschuldigt nicht alles, aber schmälert in den meisten Fällen nicht deren Verdienste.

Abgesehen davon: Der Bogen zur NS-Zeit (ging schnell, btw) ist zu weit. Die Nazis haben alles, was sich mit Beginn der Aufklärung (also deutlich nach Luther) bis in diese Zeit an positiven Ideen entwickelt und zum Konsens und Gesetz geworden ist, pervertiert und mit Füßen getreten (so konnten die Allierten die Nazi-Größen nach Kriegsende dann eben auch zu Recht unter Berufung auf allgemeingültige Gesetze verurteilen). Ein Luther, der (hypothetisch) für seine Mitschuld am Holocaust vor dem gleichen Gericht gestanden hätte, wäre aus meiner Sicht klar freizusprechen gewesen.

Teleprompter
Teleprompter

Natürlich ist es das Merkmal großer Männer, „eben die mentalen Krankheiten ihrer Zeit transzendieren“. Aber alle auf einmal ? Wieso hat sich Luther nicht auch noch gleich gegen die massive Abholung der Wälder für den Flottenbau, die Folter, Tiermisshandlungen und die Unterdrückung sexueller Minderheiten ausgesprochen ? Wir dürfen einfach nicht unsere politisch korrekten bis manchmal überkorrekten Ansichten unserer Zeit den damaligen Menschen überstülpen.

Ich hatte erwähnt, dass das auch für mich Grenzen hat. Behinderte Kinder als Stück Fleisch zu bezeichnen, ist, wenn es so geäußert und bis zu seinem Tod (manchmal ändern Menschen auch ihre Ansichten) aufrechterhalten wurde, ist für einen Mann von Intelligenz und Weitblick auch dieser Zeit unwürdig.

Dass „Luther durch und durch antisemitsch“ war, hatte ich nicht gesagt, ich hatte die Zeiten so bezeichnet. Über die Geschichte und Ursachen des Antisemitismus mag ich mich an dieser Stelle nicht zu sehr vertiefen, da muss ich mich auch Deiner Einleitung anschließen, dass da andere kompetenter sind. Ich denke aber, es geht in die richtige Richtung, wenn ich sage, dass die katholische Kirche mit ihrer Lesart von der Hinrichtung Jesu durch die Juden einen massiven Grundstein für diese Geisteshaltung gelegt hat. So gesehen hat Luther durch die Reformation auch in diesem Punkt einen Richtungswechsel (zugegeben mit gewaltigen Rückschlägen behaftet) und die Abkehr von diesem Gedankengut eingeleitet.

Vielleicht unabsichtlich, aber auch das mindert seine Verdienste nicht.

Mencken
Mencken

Eine große Persönlichkeit ist Luther sicherlich in erster Linie aufgrund seiner historischen Bedeutung, die ja bei weitem nicht nur auf die Kirche beschränkt ist und war.

Wie er als Mensch war, finde ich hingegen ziemlich egal, zumal dies ohnehin nur schwierig zu rekonstruieren ist. Generell würde ich aber auch eher dem Teleprompter zustimmen,wobei der Vergleich mit dem Dritten Reich in meinen Augen ziemlich hinkt.

Teleprompter
Teleprompter

Niemand ist ja heutzutage gezwungen, sich Luther-Poster (also von Martin) an die Wand zu hängen oder einen Fanclub zu gründen. Dass man mögliche Charakterschwächen und fragwürdige Ansichten nicht unter den Tisch kehrt und darüber diskutiert, ist ja alles völlig legitim, wenn man den Zeitkontext nicht außer Augen lässt. Seine Verdienste schmälert es aber aus meiner Sicht nicht oder jedenfalls nicht mehr als die fast aller anderen historischen Persönlichkeiten, die – jedenfalls mal dicke bis in die frühe Neuzeit – selten persönliche Heilige mit lupenreinen p.c.-Ansichten zu „unseren“ Themen waren.

Luthers Wirkungsmacht in Sachen Antisemitismus dürfte anders als die in theologischen Fragen in einer ohnehin schon antisemitischen Zeit (da bleibe ich mal einfach dabei) beschränkt gewesen sein. Das würde ja bedeuten, dass er eine (vermutlich gar nicht existierende) größere Anzahl modern, aufgeklärt, judenfreundlich denkender Zeitgenossen mit seinen Ansichten in die anderen Richtung getrieben und damit Grundsteine für konkrete Verfolgungen gelegt haben könnte. Man nenne mir einen Historiker, der so etwas begründet darlegt, dann überdenke ich meinen Standpunkt vielleicht in Teilen.

Und da sehe ich dann (ich weiß, da muss man vorsichtig formulieren) auch den Unterschied zu den Behindertenäußerungen, mit denen er gemäß Wikipedia ja wohl in einem Fall vergeblich versucht haben soll, einen Machthaber zur Kindstötung zu überreden. Die indirekte Schilderung und die sehr vorsichtigen Formulierungen der Wikipedia zu diesem Fall lassen aber erkennen, dass da noch Recherchebedarf wäre und auch viel subjektive Einschätzungen des Wiki-Autors durchwehen.

Mencken
Mencken

@Torsten:

1. Habe ich gelesen, finde ich aber bei historischen Bewertungen nicht trennbar.

2. Wie das? Wenn es Tyrannen waren, rehabilitiert sie auch nicht, dass sie vielleicht menschlich ganz wunderbar waren. Hat doch auch nichts mit pauschaler Absolution (von was denn? Den für mich ja eh unwichtigen menschlichen Schwächen und negativen Seiten?) zu tun, wenn man beides trennt und ihren historischen Einfluss positiv bewertet.
Gibt es da ein Beispiel, wo dies zur Absolution führen würde? Kann da wirklich an niemanden denken.

3. Zunächst mal aufgrund der unterschiedlichen Zeiten. Mittelalter/frühe Neuzeit und 20. Jahrhundert lassen sich kaum sinnig vergleichen, in diesem Fall schon weil die Perspektive im Dritten Reich bereits eine viel internationalere war.
Luthers Antisemitismus wird auch nicht durch seine Zeit, sondern durch seine positiven Beiträge „wiedergutgemacht“. Vergleichbares auf der „Haben-Seite“ sehe ich beim Dritten Reich eher nicht. Die Zeit erklärt allein das Vorhandensein von Antisemitismus in beiden Fällen.
Hauptvorwurf gegen das Dritte Reich ist auch nicht der vorherrschende Antisemitismus (denn es anderswo in mindestens so starker Form auch gab), sondern die daraus gezogenen Konsequenzen. Auch hier sehe ich keinen Vergleich zu Luther.
Ein Vergleich zwischen einem Staat und einer Einzelperson scheint mir zudem immer nicht sonderlich sinnvoll zu sein, selbst wenn man allein auf Mechanismen und Argumentationsketten abstellt.

Vineyard
Vineyard

An Luthers Aussagen gibt es imo. nichts mit der Ausrede „Das war damals“ schönzureden, da „Enthumanisierung“ leider bis heute betrieben wird.

Siehe hier:

https://www.vox.com/science-and-health/2017/3/7/14456154/dehumanization-psychology-explained

Wir können nur froh sei, dass solche eine Rethorik heutzutage stärker aufgezeigt wird.

Dieter
Dieter

Luther hat gewisse Auswüchse in der katholischen Kirche zum Anlass genommen, grundlegende Veränderungen bezüglich der Kirche anzustossen. Insofern war er ein Vordenker.

Er hatte auch gegenüber den Frauen eine andere Sicht als damals in der Gesellschaft verbreitet. Insofern war er ein Vordenker und in seiner Beziehung zu Katharina von Bora sicher auch ein Vorleber.

Beim Thema Antisemitismus und Behinderten hat er sich verhalten wie weite Teile der Gesellschaft damals. Ja, sicher, er hätte auch darüber nachdenken und reflektieren können, aber ich gehe davon aus, dass es ihm eben nicht um einen „grundlegenden Humanismus“ ging, sondern um die Veränderung von kirchliche Regeln, die wir heute rückblickend vielleicht unter dem Schlagwort Humanismus subsummieren.

Mich stört es nicht, zu wissen, dass Luther nicht in allen Dingen perfekt oder gar ein Heiliger war. Dass er nicht alle Aspekte in der Gesellschaft auf dem Fundament eines „grundlegenden Humanismus“ betrachtet und verändert hat.

Aber mein Respekt gilt seinem Mut, die Kirche refomieren zu wollen, dazu konkrete Vorschläge gemacht zu haben und trotz grossem Druck eines Teils der Herrschenden dazu gestanden zu haben. Die Entwicklung hat damals eine Dynamik entwickelt, die Luther selbst nicht mehr beeinflussen konnte. Deswegen würde ich auch nicht alle Veränderungen, die sich nach seiner Initialzündung ergeben haben, ihm zuschreiben wollen. Er war aber eine Schlüsselfigur für einige gravierdenen gesellschaftlichen Veränderungen.

Luther ist also Reformer UND Arschloch – doch, was bringt uns diese Erkenntnis nun?

Mencken
Mencken

@Torsten:

1. Mir ging es da um die (Gesamt-)Bewertung und da halte ich die menschliche Seite tatsächlich für vernachlässigenswert.

2. Da würde ich aber widersprechen. Einstein war z.B. ein eher unangenehmer Mensch, trotzdem wird seine historische Bedeutung doch (zurecht) positiv gesehen. Selbst beim MLK Beispiel sehe ich nicht, dass der MLK-Feiertag deswegen abgeschafft werden müsste (bei einem derartigen Fehlverhalten bezweifele ich allerdings auch, dass er zu den positiven Dingen in der Lage gewesen wäre).
Außerdem ging es doch um „Absolution für Tyrannen“?

3. Ich finde, das trifft schon den Kern. Zu Zeiten des Dritten Reiches konnte (und musste) man es besser wissen, auch weil der eigene Horizont einfach zwangsläufig wesentlich größer war (und die Nazis wurden ja auch damals durchaus als Extremisten wahrgenommen). Zu Luthers Zeiten war dies nicht der Fall, selbst bei den gebildeten Leuten. Dadurch halte ich Antisemitismus zu Luthers Zeiten durchaus für entschuldbarer (bedeutet ja nicht, dass das so vollkommen ok war oder nicht kritisch erwähnt werden sollte).
Für den Humanismus kommt Luther auch zu früh, allenfalls könnte man ihn als einen der Wegbereiter sehen. Kann man natürlich trotzdem vermissen, ich halte es für etwas unfair, derartige Maßstäbe anzulegen.

Beim „Aufrechnen“ sehe ich durchaus den Punkt, würde aber behaupten wollen, dass durchaus ein Konsens besteht, dass man Dinge eben doch aufrechnen kann. Hätte Hitler mehr als Autobahnen zu bieten (oder weniger auf der negativen Seite), dann würde das garantiert auch bei ihm so gehandhabt werden. Sieht man ja (leider) selbst bei Leuten wie Mao, Stalin oder Chavez. Ist immer eine Frage der relativen Bedeutung und bei Luther ist der positive Beitrag eben so groß, dass die negativen Seiten vergleichsweise unbedeutend sind, wenn es um eine historische Einordnung der Person geht (was nicht bedeutet, dass diese harmlos sind oder unter den Tisch fallen können).

comicfreak
comicfreak

Das Ergebnis feiern, dem Auslöser Anerkennung dafür zollen und fertig. Jo, klingt vernünftig.

Martin Däniken
Martin Däniken

Luther war wie viele Reformatoren auf eine Mission…und wie wir alle wissen sind Missionare seien sie noch so intelligent mit einem eingeschränkten Blick“gesegnet! Ausserdem sind sie Menschen,haben aber ein bestimmtes Menschenbild siehe auch Ghandi mit seiner Kastenperspektive.
Die zwei Dinge ,die man selbst immer wieder überprüfen muss äh sollte,
wenns von der eignen! Ausrichtung geht ,sind:
Wie passte das Verhalten des Protagonisten in die jeweilige Zeit,wie sehr war er sich seiner Rolle bewusst …
(soweit man das nachvollziehen kann?)
Dann der wirklich wichtige Knackpunkt,
wer will,
zu welchen Zweck ein bestimmtes Bild verbreiten,
und zu welcher Zeit !

Sigur Ros
Sigur Ros

Wo, hier tobt ja mal wieder eine lebhafte Debatte – und das, obwohl Torstens Beitrag eigentlich so eindeutig ist, dass ich echt gedacht hätte, dass ihn jeder verstehen würde. Ich finde es auch gut, dass angesichts des grassierenden Luther-Heldenkults dieser mal etwas kritischer gesehen wird. Ansätze dafür gibt es ja genug, denn wer Antisemit ist und zudem auch über andere Randgruppen wie Behinderte, Bauern (https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther#Bauern) und Türken (https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Luther_und_die_Türken) seine Meinung hatte, der kann für mich kein Held sein. Dass hier einige Stamm-User, denen ich etwas mehr Stil und Weitblick zugetraut hätte, das jetzt mit Floskeln wie „er war halt ein Opfer/wie alle zu seiner Zeit“, „er war halt nicht perfekt“ oder „Wir sollten nicht politisch über-korrekt sein“ abtun, erschrickt mich ehrlich gesagt, zumal das vom Prinzip her fatal an die ständigen Versuche von NPD und AfD erinnert, den Nationalsozialismus zu verharmlosen und schönzureden. Natürlich tickten die Uhren vor ein paar hundert Jahren anders. Deshalb sind Antisemitismus und Abneigung gegen andere Minderheiten aus unserer heutigen, aufgeklärten Sicht trotzdem nicht zu verharmlosen und gehören in die kritische Betrachtung einer historischen Persönlichkeit mit rein. Basta.

Bernhard Torsch

Luther war nicht, wie hier einige meinen, so antisemitisch wie halt „alle“ zu seiner Zeit, sondern legte mit seinen „Schriften wider die Juden“ den theoretischen Grundstein des modernen Rassenantisemitismus, der dann zum Holocaust führen sollte. Luther war es, der als Erster den Juden unveränderliche „ethnische“ und vererbbare Eigenschaften andichtete. Warum ist das so bedeutsam und gefährlich? Weil damit Juden als „unrettbar“ böse gebrandmarkt wurden und ihnen auch ein Übertritt zum Christentum nicht mehr half.

Marcus
Marcus

Ich bin da Team Torsten:

Ist Luther eine bedeutsame historische Persönlichkeit mit großen Verdiensten? Ja.

Taugt er heute noch als großer Denker und moralisches Vorbild? Nein. Warum, steht oben alles schon.

Und deshalb kann man seine Verdienste würdigen oder feiern, aber nicht ihn als Person.

Mencken
Mencken

@Torsten: Nein, was „Luther war ein Arschloch“ angeht sind wir (und selbst die Kirche, schreibst Du eingangs ja selbst) durchaus einer Meinung. Ich halte das nur nicht für sonderlich wichtig.
Allerdings denke ich, dass auch jetzt schon vor allem das Ergebnis gefeiert wird und der jeweiligen Person nur Anerkennung für ihre Rolle bei der Herbeiführung gezollt wird.
Das Lutherjahr feiert ja auch 500 Jahre Reformation und nicht 500 Jahre Luther. Sobald es um Luther selbst geht, werden die negativen Aspekte meines Erachtens auch ausführlich behandelt, hat ja durchaus seinen Grund, warum selbst die Kirche diese Schattenseiten offen zugibt (eben weil diese allgemein bekannt sind, hier hat ja vermutlich z.B. auch niemand nicht schon gewusst, dass Luther Antisemit war).

heino
heino

„Weniger den Mann, mehr das Resultat feiern.“

Was ja grundsätzlich geschieht, weswegen wir keinen Martin-Luther-Tag, sondern den Reformationstag haben. Dass 2017 zum Luther-Jahr ausgerufen wurde, ist natürlich trotzdem diskussionswürdig.

Ich habe letztens im Radio ein Interview mit Margot Käßmann gehört, in dem sie sich analog zu Torstens Meinung geäußert hat. Ist also noch nicht aller Tage Abend.

Dieter
Dieter

@15 Torsten: „wie man eine derart menschenverachtende Denke als „er war halt nicht perfekt“ und „kein Heiliger“ verharmlosen kann.“

Wenn Du das so interpretierst, so kann ich Deiner Interpretation erstmal nicht widersprechen. Mein Gesagtes ist offensichtlich dann so bei Dir angekommen. Gesagt habe ich aber das, was Du in Deinem Vorwurf formuliert, nicht. Schade, dass es mir nicht gelungen ist, mich genau genug auszudrücken.

„sehr einfach: die Einsicht, dass man vielleicht mehr die Reformation und weniger den Reformator feiern sollte.“

Seltsam, ich meine mich erinnern zu können, dass wir dieses Jahr 500 Jahre Reformation feiern. Und der Tag, der dieses Jahr zusätzlich wieder als Feiertag in ALLEN Bundesländern bestimmt wurde, heisst Reformationstag. Und nicht Luther-Tag.

Die Bundesregierung schreibt dazu auch offiziell:

Der Thesenanschlag Martin Luthers im Jahr 1517 bildete den Auftakt zur Reformation, einem Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung. 500 Jahre danach wird das Reformationsjubiläum 2017 in ganz Deutschland gefeiert. Zusammen mit Kirchen, Ländern und Gemeinden beteiligt sich auch der Bund am Jubiläumsprogramm. Der berühmte Thesenanschlag gilt als Auftakt der Reformation. Ein Ereignis, das in seinen Auswirkungen auf Politik, Religion, Kultur und Gesellschaft von weltgeschichtlicher Bedeutung ist.

Oibert
Oibert

Auch der aktuelle Luther Fanclub ist nicht besonders gut auf die Wahrheit zu sprechen. Sah man besonders gut bei der Aktion von der von Torsten im Artikel schon erwähnten Bruno Giordano-Stiftung beim letzten Kirchentag:
https://hpd.de/artikel/luther-polizeilich-attestierter-volksverhetzer-14459
„Passend zum gestrigen Eröffnungsgottesdienst am Brandenburger Tor in Berlin erschienen sie nicht nur mit der bekannten Moses-Figur, sondern zusätzlich mit einer Luther-Statue: „Die nackte Wahrheit über Martin Luther“, der seinem Mantel öffnet, in dem vorn zu lesen ist:

„Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt.“
(Karl Jaspers 1962)

Auf der Rückseite des Mantels steht:

Sieben Maßnahmen gegen die Juden:

Verbrennen ihrer Synagogen
Zerstörung ihrer Häuser
Wegnahme ihrer religiösen Bücher
Lehrverbot für Rabbiner
Aufhebung derWegefreiheit
Zwangsenteignung
Zwangsarbeit

(zitiert aus: „Von den Juden und ihren Lügen“, Martin Luther 1543)“
Dafür gabs dann ne Anzeige wegen Volksverhetzung und Platzverweis für ganz Berlin

Dieter
Dieter

@25 heino:

Woher kommt die Bezeichnung Lutherjahr eigentlich? Denn auch die EKD spricht vom „Reformationsjubiläum“.

Dass im Supermarkt Weinflaschen mit dem Bildnis Luthers stehen und auf eifrige Kundschaft warten, ist zwar eine dem Kommerz geschuldete Ausschlachtung des Ereignisses. Aber generell nehme ich eher Feiern und Texte zur Reformation wahr, in denen der Anschlag der Thesen durch Luther zwar als Anfang gesehen wird, Luther aber nicht gleich gesetzt wird mit der Reformation.

Martin Däniken
Martin Däniken

Luther wusste genau wie die katholische Kirche funktioniert und hat damit gearbeitet,
Luther wusste genau wie seine Mitmenschen tickten und hat damit gearbeitet.
Es besteht aber eine gewisse Kunst darin,das miteinander zuverbinden.
(Wenn er es nicht wusste/konnte,hätte es nicht funktioniert!)
Jemand der die Massen bewegt und behauptet,er wisse nicht was er tue ode es sei eine glückliche Fügung des Schicksal und ein höheres Alter als seine Zeitgenossen erreicht,friedlich im Bett stirbt
-unglaubwürdig!
Sprich er wusste genau was er tut,nur im Nachinein wird dann ein göttliches Wirken eingebastelt:
Er war ja einer von uns!

Mencken
Mencken

@Dieter: Meines Wissens ist „Lutherjahr“ keine offizielle Bezeichnung. Wurde nur als „griffiges Kürzel“ aufgegriffen. Ansonsten decken sich unsere Eindrücke, selbst in unserer evangelischen Kita geht es explizit um die Reformation und Luther als Person wird durchaus sehr kritisch betrachtet.

@Oibert: Bei der Kirchentagsgeschichte scheint das Problem aber eher in einem übereifrigen Staatsschutz zu liegen. Keine Ahnung, ob der Teil des Luther-Fanklubs ist.

Lutz
Lutz

Ich muss gestehen, dass ich mich nicht eingelesen habe und auch nichts belegen, untertützen oder widerlegen kann, ich will einfach nur ein paar Sätze schreiben. In sofern kann man den Kommentar nehmen oder lassen, wie man mag.

Ich finde Luther in gewisser Weise faszinierend und das meine ich wertfrei. Für mich ist das, was aus der Reformation folgte in erster Linie eine gute Sache, daher erlaube ich mir tatsächlich, Luther für einen bedeutenden Mann zu halten ohne ein wirkliches Urteil über den Charakter zu bilden. Ich kann mir einfach kein wirkliches Bild über ihn machen. Das meine ich hier ganz wörtlich. Vielleicht bin ich dafür schon zu sehr moderner Mensch, aber die paar Gemälde reichen mir nicht aus, um Luther wirklich als plastische Person zu sehen. Luther ist für mich selbst als Mensch eher eine Idee als ein wirklicher Mensch und ich kann mit seiner Zwiespältigkeit leben.

Darum tue ich mich auch schwer, ihn als Arschloch zu bezeichnen. Natürlich teile ich viele seiner Ansichten nicht, aber ich kann nicht beurteilen, wie viel davon einfach Ansichten eines typischen Menschen seiner Zeit waren und wie viel er einfach selbst eines war. So gesehen wären vermutlich alle Menschen seiner Zeit für uns auf die eine oder andere Art und Weise Arschlöcher (wenn sie nicht gerade von Iny Lorentz oder Ken Follett mit wunderbaren modernen Ansichten ausgestattet wurden).

Ich beschäftige mich tatsächlich reichlich wenig damit, wie die evangelische Kirche selbst das Jubiläumsjahr angeht, aber von dem, was ich mitbekomme, habe ich den Eindruck, dass sie sich vorrangig deshalb nicht so sehr um Luther selbst kümmern, weil sie versuchen, bei diesem Jubiläum eher zu vereinigen als weiter zu spalten. Alle anderen Seiten, vor allem Spiegel und die anderen großen Medienmacher, beziehen sich dabei umso mehr auf die Person Luther als auf die Ideen der Reformation und ich habe den Eindruck, dass diese Zwiespältigkeit viel stärker betont wird als je zuvor. Die Arschlochisierung von Luther schreitet also voran und ich bin mir nicht sicher, ob das nicht genauso ein verzerrtes Bild von ihm entwirft wie die frühere Heiligenverehrung.

Ich glaube, dass Luther zwar einer der wichtigsten Männer war um die Renaissance voranzubringen, aber selbst noch so sehr ein Mensch des Mittelalters war, dass er selbst nicht richtig verstehen konnte, was er da auslöst. Das sieht man schon bei seiner Haltung zu den Bauernaufständen, die (meiner Meinung nach) eine logische Folge waren, bei denen er aber auf einmal wieder ganz schnell zurückruderte von seinen eigenen Ideen. Mit dieser Einschätzung von ihm kann ich ganz gut leben ohne mir weiter einen großen Kopf zu machen.

Ich habe mir auch den Talk mit Herrn Kammermeier jetzt nicht angehört (sozusagen tl;dl) und kann daher nicht beurteilen, wie er den Bogen von Luther zu Hitler schlägt. Ich möchte nur anmerken, dass auch Peter Watson in seinem, wie ich finde, großartigen „The German Genius“ diese Verbindung als eine seiner Grundthesen hat. Er startet nicht bei Luther und er bezieht sich nicht direkt auf ihn, aber seiner Ansicht nach sind die meisten Entwicklungen in Deutschland, positive wie negative zu einem guten Teil auf dem Pietismus, der aus dem lutherischen Protestantismus entspringt, beruhend. Das ist sehr verknappt, er führt das auf seinen über 1000 wesentlich besser aus und hat auch weitere Gründe. Aber ich muss sagen, wenn Kammermeier den Bogen auf ähnliche Weise schlägt, finde ich das gar nicht mal so sehr weit hergeholt.

frater mosses von lobdenberg

@Torsten: Dem habe ich kaum was hinzuzufügen. Die direkte Linie Luther—>Hitler sehe ich auch nicht, schon, weil der eine den christlichen Antisemitismus nicht erfunden hat und der andere als tiefgläubiger Katholik keinen notgeilen Mönch zum Vorwand brauchte.

Nebenbei, „die Sozialdemokratie unter den deutschen Religionen“ … sehr schön. 😉

Nur eines noch. @Lutz:

Für mich ist das, was aus der Reformation folgte in erster Linie eine gute Sache

Du findest Millionen Tote und millionenfaches Leid in jahrzehntelangen Kriegen (und was sonst so an Konflikten, Pogromen, Verfolgungen usw. aus dem Schisma folgte) quer durch Europa ernsthaft eine „gute Sache“?

invincible warrior
invincible warrior

Es sollte immer separat betrachtet werden, ob man Werk und Mensch trennen kann. Hitler hat in „Mein Kampf“ seine Thesen angebracht und auch Luther hat genug zweifelhaftes Material gesagt/niedergeschrieben. Allerdings kann man imo seine kirchlichen Errungenschaften gut trennen, da er hier im Grunde nur bereits existierende Werke neu interpretiert. So veroeffentlichte er eine ordentliche Uebersetzung der Bibel, die nicht Wort-fuer-Wort waren, sondern in ordentlichem Deutsch. Und dadurch hat er auch nebenbei Einfluss auf die deutsche Sprache genommen und geholfen zu vereinheitlichen. Zudem beeinflusste das dann auch Reformatoren in anderen Laendern, so vorzugehen. Auch seine anderen kirchlichen Werke wie seine Katechismen sind nur Neuinterpretationen ohne (oder zumindest wenig) persoenlichen Einfluss.
Daher kann ich gut zwischen Reformator und Arschloch trennen. Und wie auch schon von anderen gesagt, wir feiern 500 Jahre Reformation, Luther ist da natuerlich der Posterboy, aber das liegt hauptsaechlich daran, dass man besser mit einem Menschen geworben werden kann als mit dem klassichen EKD Zeichen. Und immerhin fing ja auch alles mit dem Anschlagen der 95 Thesen.

Ich hoffe aber, dass es trotz des „Lutherjahrs“ auch kritische Stimmen gibt, die die Person Luther betreffen. Aber das kommt ja auch langsam voran, so lief zB Anfang des Jahres auf ARD „Katharina Luther“, der Luther auch nicht grade als durchweg positiv darstellt. Es ist sicherlich wert Luther und seine geschichtliche Bedeutung allumgreifend zu betrachten.
Dazu gehoert halt auch der Antisemitismus, der eben stark verbreitet war damals, dazu gibt es zahlreiche Beweise. Am wichtigsten sehe ich da den sogenannten Berliner Hostienschaenderprozess von 1510, bei dem 39 Juden hingerichtet (zwei waren bereits konvertierte Katholiken!) und dann alle anderen Juden aus der Mark Brandenburg vertrieben wurden, was nicht weit weg von Luthers Schaffensgebiet ist. Mit Karl V. war zudem der Enkel von Ferdinand II von Aragon (Alhambra-Edikt) und Maximilian I. (Vermarktung der Judenvertreibung) an der Macht, der zwar nicht als besonderer Judenhasser in die Geschichte einging, allerdings die Entscheidungen seiner Grosseltern weiterfuehrte.
Abseits davon war die evangelische Kirche traurigerweise in der Nazizeit definitiv einer der Steigbuegelhalter, indem viele Pfarrer gegen Juden hetzten und die Machtuebernahme begruessten. Die katholische Kirche und Priester waren da viel zurueckhaltender (leider auch im Gegenreden).

die Bauernkriege: Das war ein brutaler Mob, den man grundsaetzlich nicht gutheissen sollte. Weiterhin hat Luther niemals den Feudalismus kritisiert, was damals eben normal war. Zudem gab es mit Muentzer einen echten radikalen Reformator, was Luther sicher auch veranlasste, das weiter zu verdammen.

andere Persoenlichkeiten mit Schattenseiten:
Vielleicht entsinnen sich hier einige daran, dass Nelson Mandela damals als Terrorist in Suedafrika festgesetzt wurde. Das war auch nicht nur ein Vorwand, so war Mandela Gruendungsmitglied von Umkhonto we Sizwe, dem militaerischen Zweig der ANC. Die haben sich dann auch besonders in den 80ern durch mehrere Bombenanschlaege vorgetan, die von Mandela abgesegnet wurden.
Mutter Teresa ist auch eine andere bekannte Persoenlichkeit, die doch hoch geehrt wird und heutzutage berichtigterweise kritisiert wird. So hatte sie nur katholische Inder (oder Konvertierte) behandelt und sie war so gottglaeubig, dass sie Heilung/Schmerzlinderung durch Beten befuerwortete, anstatt fuer ordentliche medizinische Versorgung zu sorgen.

Heino
Heino

Hier ist noch ein Artikel zu einem völlig anderen Thema, der aber zu diesem Thema passende Dinge über Voltaire zu sagen hat:

http://www.spiegel.de/spiegel/pankaj-mishra-wer-den-dschihad-verstehen-will-muss-auf-deutschland-schauen-a-1150792.html

Der_Hanseat
Der_Hanseat

Ich finde, dass das Posting von Bernhard Tosch (#22) hier leider etwas untergeht, da es der „lutterfreundlichen“ Argumentation in diesem Thread schlichtweg die Grundlage entzieht:

Nein, Luther war für seine Zeit nicht „durchschnittlich“ antisemitisch, sondern er war auch für damalige Verhältnisse besonders judenfeindlichen eingestellt und hat – wie von Bernhard Tosch schon richtig aufgezeigt – entscheidende Grundlagen für den Antisemitismus der in den folgenden Jahrhunderten gelegt.

Und jetzt können all die Menckens und Teleprompters ihre falschen Schlussfolgerungen zurücknehmen und das Gegenteil behaupten.

Howie Munson
Howie Munson

@Dieter&Menken: Also ich bezweifle dass „Lutherjahr“ als Bezeichnung eine Erfindung vom „Komerz“ ist…

https://www.luther2017.de/de/rechtliches/impressum/

zur ehrenrettung sei aber gesagt, das es r2017.org auch gibt:

https://r2017.org/impressum/

obarto
obarto

Ich stimme dem Hausherrn grundsätzlich in seiner Einschätzung zu Luthers Charakter zu.
Zur Erklärung, nicht zur Entschuldigung möchte ich darauf hinweisen, dass Luther in unglaublicher Selbstüberschätzung dachte, dass die Juden seiner Zeit wegen ihm in Scharen zum Christentum übertreten würden, und dann ziemlich angepisst war, als das nicht passierte. Konnte ja nicht an ihm liegen, musste also an denen liegen – wir kennen alle solche Leute.
Später in seinem Leben war Luther ständig krank, was sich zusätzlich nachteilig auf den ohnehin schon unangenehmen Charakter ausgewirkt hat. Wer jemanden kennt, der chronisch krank ist (oder es selbst ist), wird das leider oft genug bestätigen können. (Ich hab nur Bluthochdruck und bin viel zu oft ein Arschloch. Nicht deswegen, aber es senkt schon die Selbstkontrolle.)
Es ist möglich (oder ich interpretiere da zuviel herein), dass Luther sich aus theologischen Gründen zu extremeren Positionen verstieg, ohne die notwendigerweise wirklich zu vertreten. Luther meinte, dass zumindest er durch die Gnade Jesu Christi gerettet wäre und jedes Zurückschrecken vor der eigenen Sündhaftigkeit mit zumindest der Androhung einer noch größeren Sünde beantwortet werden sollte. Will sagen, möglicherweise hat er so erschrocken auf einige seiner Ideen reagiert, dass er mit einem „jetzt erst recht“ noch darüber hinaus gegangen ist. Noch mal: Das macht ihn nicht weniger zu einem Arschloch, vielleicht eher im Gegenteil. Und auch noch einmal: Das scheint nur meine Meinung zu sein, also nehmense das nicht zu ernst.
Ich weigere mich aber, Luther wegen dieser nicht abstreitbaren entsetzlichen Äußerungen vollständig zu verdammen. Aufstachelung zum Völkermord ist nicht das selbe wie Völkermord, zumal sich ja so gut wie niemand seiner Zeitgenossen hat aufstacheln lassen. Luther war politisch sicher ein AfD-Sympathisant und genauso ein Maulheld wie deren „Die Polizei soll auf Flüchtlinge schießen, aber ich habs nicht so gemeint“-Vertreter. Als ob etwa die Fürsten ausgerechnet auf seine Erlaubnis gewartet hätten, um den Bauernaufstand in Blut zu ertränken. Die wollten es bestimmt eigentlich bei einer freundlichen Ermahnung belassen, eja.
Worte sind strafbar, zu recht, aber Taten sind strafbarer. Wagners Antisemitismus hat vielleicht dazu geführt, dass bis heute Mendelssohn und Meyerbeer unterschätzt werden. Hitlers Antisemitismus hat Millionen Menschen das Leben gekostet. Luther und Wagner waren Arschlöcher, ja, aber keine Völkermörder. Natürlich müssen wir Menschen auch nach ihren Worten beurteilen, aber ihre Taten sind schwerwiegender.
Dass Luthers Antisemitismus nichts mit dem „modernen“ Antisemitsmus ab 1880 zu tun hat, sollte schon deshalb klar sein, weil der ein internationales Phänomen war: Katholische Franzosen und orthodoxe Rumänen brauchten nicht die eher obskuren Schriften eines deutschen Reformators, der vierhundert Jahre vor ihnen gelebt hat.
Kurz zur Wirkung, weil das hier doch etwas abgetan wird: Es gibt in Deutschland praktisch keine Katholiken mehr. Die größten Lächerlickeiten der katholischen Kirche werden in Deutschland entweder gar nicht praktiziert oder sind vollständig folkloristisch, Wallfahrten und Prozessionen sind wie Karneval oder Schützenfest, Reliquienverehrung findet nicht statt, die Authorität der Kirche besteht nur so lange, wie sie bereit ist, sie nicht auf die Probe zu stellen. Zu einem der vielen Kirchentage, bei denen mal wieder kein gemeinsames Abendmahl stattfand, sprach sich ein Katholik im Fernsehen dagegen aus mit den Worten: „In meiner Bibel steht: Das ist mein Blut, das ist mein Fleisch“ (Keks bleibt nicht Keks) – und mit diesen Worten setzte er seine Interpretation über die Lehrmeinung der katholischen Kirche und wurde selbst zum Protestanten, gerade weil er keiner sein wollte.
Zum Schluss: „Die Sozialdemokratie unter den deutschen Religionen“ ist ja sicher ironisch gemeint und triffts auch nur zum Teil. Immerhin hat die evangelische Kirche sich politisch nach dem Zweiten Weltkrieg neu ausgerichtet und ist unbestreitbar nach links gerückt. Die Arbeiterbewegung hat beide Kirchen dazu gezwungen, sozial aktiver zu sein, wodurch sie auch wieder interessanter für Sozialdemokraten geworden sind. Ja, ja, ich weiß, ist total uncool, Sozialdemokrat zu sein, wegen Kriegskrediten, Radikalenerlass, Agenda 2010 und so. Und die CDU ist ja auch total durchsozialdemokratisiert, was man ja schon daran bemerkt, dass sie haargenau das nicht will, was die Sozialdemokratie will: Einheitlicher Mindestlohn, Rückkehrrecht aus Teilzeit, Ehe für alle. Es gibt übrigens eine gewisse Tendenz in der evangelischen Kirche zu einer Rebourgeoisierung, ethisches Handeln ist doch anstrengender als bloß ethisches Predigen, und wenns in der Politik reicht, reichts in der Religion allemal. Der Personenkult um Luther könnte auch ein Zeichen für einen gewissen Bonapartismus im deutschen Bürgertum sein, aber das hier ist jetzt eh schon zu lang und ich war heute schon viel zu sozialdemokratisch.

Bernd Kammermeier
Bernd Kammermeier

Ich bin wieder da! 🙂

Ich konnte leider nicht alles hier lesen, dabei habe ich einiges Vernünftiges und einiges weniger Vernünftiges überflogen. Durchwachsen halt, wie die langläufige Meinung zur „Causa Luther“ so ist.

Ich habe mittlerweile über fünf Jahre mit drei Kollegen intensiv über Luther gearbeitet und zusammen haben wir ca. 1.000 Seiten seiner frühneuhochdeutschen Texte erstmals in heutiges Deutsch übersetzt. Die ganze Bandbreite seiner Denkweise eröffnet sich damit auch dem des Frühneuhochdeutschen Unkundigen.

Mit ein paar Zitaten aus dem Zusammenhang wird man Luthers Persönlichkeit nicht gerecht. Warum haben wir uns diese Arbeit gemacht? Weil wir alle zwangsweise seit fast zehn Jahren in einer „Lutherdekade“ und seit dem 31.10.2016 im „Luther-Jahr“ sind. Auch wenn das hier bezweifelt wurde, das sind die offiziellen Bezeichnungen durch die EKD (die auch Luthers Gesicht auf das offizielle Logo gedruckt hat). Ich verweise auch auf die Eröffnungsrede des damaligen EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Huber, der von „einem Jahrzehnt der Erinnerung an Martin Luther“ sprach.

D. h. Luther wird wie ein Pop-Star gefeiert, mit Pop-Oratorien, Luther-Musicals und dem ganzen Werbeschnickschnack. Ein Luther-Hype halt. Natürlich gab es vor ca. zwei bis drei Jahren eine mediale Kurskorrektur in Sachen Luther, nachdem die Kritik an dessen Person unüberhörbar wurde. Jetzt versucht man es als „Reformations-Jubiläum“ darzustellen. Zu spät!

Luther schrieb ab 1513 bis zu seinem Tod 1546 Flugschriften und Bücher, die teilweise sehr deutlich über das „katholische Mittel“ im Judenhass (begründet im NT) hinausgingen. Vor allem hat er rassistisch argumentiert, wie selbst die Jubelausgabe seiner Bibel (Revidiert 2017) im Begleittext auf S. 29 ausweist. Wir haben deswegen acht seiner Hetzschriften übersetzt und in einer dreibändigen Edition verlegt.

Luther teilt sich für mich in diesen Werken in vier grundlegende Ausdrucksformen:

1. Der Unflat. Dem kann ich noch am leichtesten verzeihen, auch wenn er da mit einer vulgären Fäkalsprache schreibt (z.B. „beschissene Heilige“ = Juden) , die schwer erträglich ist. Aber letztlich ist das „nur“ beleidigend. Selbst sein reformatorischer Kollege aus der Schweiz, Heinrich Bullinger, nannte diese Sprache „die eines Schweinehirten“.

2. Der Intolerante. Hier wird es schon unerträglicher, weil nichts mehr von „christlicher Nächstenliebe“ zu verspüren ist. Luther diskreditiert nicht nur Juden, auch Muslime, Papstanhänger, Frauen, Behinderte, „Hexen“ und überhaupt jeden, der anderer Meinung als er selbst war. Das geht gar nicht.

3. Der Hassprediger. Wenn Luther seine Ratschläge an die Obrigkeit richtet, zu der er beste Kontakte pflegte (deswegen hat er seine Reformbestrebungen überlebt), dann wird es gruselig. Wer fordert, dass Synagogen verbrannt, Juden kaserniert, enteignet und zur Zwangsarbeit geprügelt werden sollen, dass sie ihre Bücher, ihre Wegefreiheit und bei fortgesetzter Lehrtätigkeit ihr Leben verlieren sollen, der hat – im Vergleich zu den Nazis – nur die Gaskammern vergessen, wie auch der Philosoph Karl Jaspers 1958 richtig anmerkte. Und Luther bewirkte selbst einige Pogrome zu seinen Lebzeiten. So einen rassistischen Antisemiten im Land des Holocaust zu feiern ist ein absolutes No-Go! Kein angebliches Verdienst kann dies kompensieren.

4. Der Dummschwätzer. Da, wo es in seinen Büchern theologisch wird, scheint er – bis auf gelegentliche bissige Kommentare – weniger feindselig zu sein. Was sich hier jedoch offenbart, ist ein Mensch, der die Vernunft „als größte Hure des Teufels“ bezeichnete. Also machte er möglichst wenig Gebrauch davon. Wenn Luther über die Trinität schwafelt (in „Von den letzten Worten Davids“; in Band 3 enthalten), dann möchte ich diesen Text gerne bei Mainz-bleibt-Mainz aus der Bütt hören. Lächerlicher und selbstentlarvender kann man das Christentum nicht präsentieren.

Was aus unserer Sicht bleibt, ist ein Mensch, der von Hass und Selbstüberschätzung zerfressen war, der sich als Mittelpunkt der Welt wahrnahm, der als einziger (!) das Christentum und damit die einzig wahre Religion des einzigen Gottes richtig verstanden hat. Mehrfach schreibt er, dass ihn die Meinung anderer dazu nicht interessiert. Luther war sich selbst genug.

Noch ein Wort zur Zeit Luthers: Ja, die war antijudaistisch, weshalb ich gerne vom „christlich-judenfeindlichen Abendland“ spreche. Doch Luther ragte wie eine Leuchtturm mit politischen Machtansprüchen aus diesem Dunstkreis heraus. Wir haben deswegen auch Auszüge aus Gegenreden zu Luther übersetzt und in die Edition zur Ergänzung eingefügt. Er wurde von seinen Zeitgenossen durchaus kritisch gesehen, teilweise gab es Druckverbote für seine Machwerke (speziell „Von den Juden und ihren Lügen“).

Alles in allem kann ich verstehen, warum die EKD Luther etwas aus der Schusslinie ihrer steuerfinanzierten Werbe-Kampagne ziehen will. Doch das hätte man sich am Anfang überlegen müssen. Jetzt ist es einfach nur noch eine instinktlose unerträgliche Aktion auf dem Rücken der Öffentlichen Hand, in der ein Mensch gefeiert wird, der heute ganz gewiss wegen Volksverhetzung, Hasspredigten und Aufruf zu schwersten staatsgefährdenden Straftaten angeklagt würde…

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@Howie: War mir da auch nicht sicher, hatte bloß immer „Reformationsjahr“ gelesen.

Der Link scheint mir allerdings nur auf Wittenberg zu verweisen, die als „Lutherstadt“ natürlich auf Touristen hoffen, was dann doch wieder irgendwo kommerzielles Interesse wäre.
Ist letztendlich aber auch egal, gut möglich, dass ich falsch lag und laut Kammermeiers Aussage scheint das Jahr auch Kirchenlinie (gewesen) zu sein.

@Hanseat: Warum sollte ich was zurücknehmen (und welche falschen Schlußfolgerungen denn?)? Habe nie bestritten, dass Luther antisemitisch und Arschloch war.

Bernd Kammermeier
Bernd Kammermeier

„Es ist erfreulich, dass Sie immer noch nicht diskutieren, aber weiterhin prima schwadronieren können.“

Ich kann hier auch prima meine Schreibfinger stillhalten. So wichtig ist dieser Blog nicht.

Bernd Kammermeier
Bernd Kammermeier

„Allerdings – und da entschuldigen Sie bitte den Themenwechsel – würde mich DRINGEND Ihre Meinung zu „Moontrap 2“ interessieren.“

Keine Kinderstube (nach wie vor nicht), aber Infos wünschen? Da geht irgendwas nicht zusammen.

Schönes Restleben noch…

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Nur als kleiner Nachtrag: heute hatte ich mal wieder das Gemeindemagazin im Briefkasten und immerhin findet sich auch eine sehr positive Besprechung von „Luthers Juden“ von Thomas Kaufmann nebst klarer Aussage,es sei geboten, „Luther vom Sockel bloßer Verehrung herunterzuholen“.

Gibt also zumindest eine Auseinandersetzung mit dem Thema von Seiten der Kirche.

@Torsten: Denke schon, dass es dem Hanseat darum ging und nicht allein um den heutigen Umgang mit der Person Luther.

Jake
Jake

In der letzten Wochenendausgabe unseres Regionalblattes war ein Interview mit dem Dekan der evang.-luth. Gemeinde Passau anlässlich des nahenden Reformationstages abgedruckt. Zu den Schattenseiten Luthers sagt er folgendes:

Es gab Zeiten, in denen man Luther heroisiert hat als den standhaften Glaubenden oder Nationalhelden. Ich bin froh, dass das heute anders ist. Luther ist keiner, den wir auf den Sockel heben und unfehlbar nennen. Fürchterlich war z.B. sein Antisemitismus, der im Nationalsozialismus rezipiert worden ist. Luther hat auch zur Freiheit gerufen. Als die aufständischen Bauern diese Freiheit politisch umsetzen wollten, ist Luther zurückgewichen und hat dazu beigetragen, dass sie brutal bekämpft wurden. Luther hatte auch jähzornige, abgründige Seiten. Und je älter er wurde, desto derber, oft fäkalienlastiger wurde seine Sprache. Er ist jedenfalls nicht nur ein großer Held. Er ist ein Mensch, zu dem auch Schwächen gehören.

Was mich an dem Statement stört, ist die von Torsten angesprochene Relativierung: Am Anfang sagt er, dass man Luther früher heroisiert hat und das heute nicht mehr so sei. Am Ende bezeichnet er ihn jedoch trotzdem als großen Helden (mit Schwächen). Ich finde ja schon alleine die Bezeichnung „großer Held“ völlig unangebracht. Nicht nur für Luther, sondern ganz allgemein. Meine Meinung: Große Helden gibt’s im Comic oder im Film, aber nicht im realen Leben. Und bezogen auf Luther passt’s schon zweimal nicht, weil man – und das ist meine Antwort auf Torstens Frage, ob man Mann und Werk wirklich so eilfertig trennen kann – nicht gleichzeitig Arschloch und großer Held sein kann. Aber auch hier: Meine Meinung.