Vierter Tag, vierte Runde, viereckige Augen, vier fahr’n nach Lodz. Zu heiß draußen, zu stickig drinnen, Gefangene werden nicht gemacht, das cineastische „dumpster diving“ erreicht einen neuen Höhepunkt.

Den Einstieg macht ein klassisches C-Movie aus der Poverty Row, gedreht in sechs Tagen für gerade mal 12.000 Dollar von Veteran William Beaudine, der nicht ohne Grund den Spitznamen „one shot“ trug. Eine gewisse Berühmtheit hat „Bela Lugosi meets a Brooklyn Gorilla“ dadurch erlangt, dass Jerry Lewis alle rechtlichen und persönlichen Mittel einsetzte, den Film zu blockieren, weil er sich durch die Imitation von Sammy Petrillo geschädigt fühlte:

Ehrlich gesagt verstehe ich die Ablehnung nicht, die dem Film hier bei den Basterds entgegen schlägt. Klar ist das albernster Comedy-Ringelpietz, der verschiedene Mad Scientist- und Jungle Adventure-Standards mit Musiknummern und einer Romanze verrührt, ohne sich jemals um Plausibilität, Personen oder Plot zu scheren. Damit ist er allerdings GENAU das, was diese Sorte Film definiert und ausmacht. Hinzu kommt, dass „Brooklyn Gorilla“ in seiner Biosphäre durchaus zu den ordentlicheren Werken gehört, was Kamera, Sets und Inszenierung angeht. Das habe ich schon sehr oft viel schlechter gesehen. Man muss halt ein Herz für schrabbelige C-Filme haben.

Gelten lasse ich lediglich die Kritik an einem unserer Protagonisten: Während Duke Mitchell den Italo-Schmiercharme von Dean Martin recht punktgenau imitiert, ist Sammy Petrillo (während der Dreharbeiten gerade mal 17 Jahre alt) unsäglich. Ein permanent jaulendes und kreischende Mannkind, das nicht bloß nervig, sondern auch EXTREM unsympathisch ist. Die Figur funktioniert einfach nicht, auch wenn die Manierismen von Jerry Lewis gut getroffen sind.

Interessant ist außerdem Charlita, die sehr hübsche Darstellerin der Südsee-Prinzessin Nona – die ist nicht weniger talentiert und charmant als diverse erheblich erfolgreichere Kolleginnen. Da fragt man sich schon, warum sie es nie zu mehr als Gast- und Kleinauftritten in schmal budgetierten Produktionen gebracht hat.

In der Pause gebe ich drei Großpackungen heißer, scharfer und leckerer Pizzabrötchen für den ganzen Saal aus – der Mensch lebt nicht von Gummibärchen allein.

Krasser Wechsel, wie man ihn beim Basterds-Festival liebt: Vom Dschungeltrash zum deutschen Schlagerfilm. „Ich kauf‘ mir lieber eine Tirolerhut“ ist nicht der erste Streifen, der sich einen populären Hit zum Vorbild nimmt, um Kasse zu machen. Es gibt die übliche Mischung aus romantischen Ver(w)irrungen, Postkartenkitsch und geschäftsträchtig eingeschobenen Gastauftritten nebst Gesang. Es war die Zeit, da im deutschen Kino als verdammt lustig angesehen wurde, wenn jemand angezogen ins Wasser fällt.

Abgesehen von der geradezu krampfhaft kunterbunten Heilen Welt, die „Tirolerhut“ gegen jede aufkeimende Nachkriegsrealität verteidigt, überrascht vor allem der erstaunlich hohe Anteil an wirklich bezaubernden jungen Damen, die sich hier den anwesenden Herren an den Hals schmeißen:

Insgesamt also freundlich-harmlose Unterhaltung der nicht ZU krachledernen Art, die einen besonderen Touch dadurch bekommt, dass Regisseur Hans Bilian ein paar Jahre später komplett und lukrativ auf Hardcore-Pornos umsattelte.

Danach wieder die Langpause zur Primetime. Die Basterd-Veteranen zieht es ins O’Sheas zu Cider, Schorle und Radler. Wer sich schon immer mal gefragt hat, was das für Leute sein mögen, die ihre Wochenenden mit derartigem Kinoplunder herum bringen – das lässt sich nun fotografisch beantworten:

Filmisch gesehen geht die Reise dann vom idyllischen Kirchberg in Tirol ins verruchte London der gleichen Ära. Der Unterschied könnte größer nicht sein. „Glut der heißen Körper“ ist NICHT, was der Titel verspricht – zwar rubbelt sich in der Rahmengeschichte immer wieder ein rolliges Pärchen aneinander, aber generell geht es um Zeitkolorit, um die wechselnden moralischen Maßstäbe in der Großstadt, um den Preis der Urbanisierung und Mechanisierung nicht nur der Infrastruktur, sondern der Kultur und der Beziehungen. Ähnlich wie die großartige Doku „The London nobody knows“ bekommt man einen ungefilterten Blick auf das „echte“ London vor dem Boom, vor Margaret Thatcher, vor New Labour und der Hipness der britischen Metropole:

Das ist nicht nur selten „heiß“, das ist manchmal auch verstörend – es gibt eine Geburt zu sehen und die Massenschlachtung von Hühnern. Die sexy Rahmengeschichte wirkt geradezu entschuldigend eingeschoben, um das Dargebotene irgendwie aufzulockern. Eine Schau ist zudem die sehr schlonzige deutsche Synchro, die gleichzeitig herablassend und zynisch kommentiert, was sie offensichtlich nicht versteht.

Interessant, aber seltsam vage in Sachen Zielgruppe und Thema.

NACHTRAG: Ich habe gerade mal einen Blick in die englische Originalfassung des Film geworfen. Spannend. In der Tat fehlt hier das rammelnde Rahmenpärchen komplett, dafür gibt es zusätzliche „Episoden“ – die Off-Stimme ist aber genau so schnippisch wie in der deutschen Synchronisation.

Und damit haben wir es zum Rausschmeißer 2017 geschafft, diesmal „Super Stooges vs. The Wonder Women“. Der Titel ist genau genommen schon irreführend: Unsere Helden sind keine Deppen und die Antagonistinnen sind keine Wunderfrauen, sondern Amazonen. Der Plot ist mal wieder eine verkürzte Variante von „Sieben Samurai“ und marketingmäßig hängt sich die italienisch-türkische Produktion an die „3 Supermänner“-Filme, in denen Nick Jordan auch schon dabei war. Auf dem Regiestuhl sitzt mit Alfonso Brescia (Al Bradley) ein Veteran des billigen Rummelfilms, dessen Stümperarbeiten wohl niemals eine Retrospektive wert sein werden.

In Deutschland hatte der Film den bezaubernden Titel „Sie hauen alle in die Pfanne“.

Das Positive vorweg: Die neu restaurierte Fassung lässt erstmals erahnen, dass hier tatsächlich ein Budget zur Verfügung stand. Viele Frauen, viele Pferde, viele Kostüme, viele Explosionen. Das ist erheblich weniger ausgehungert, als die unscharfen und ausgeblichenen Versionen, die es in den letzten 40 Jahren zur Ansicht gab, ahnen ließen. Sicher eine der „teuersten“ Produktionen von Brescia, das steht mal fest.

Der Cast ist auch „game“, unsere drei Helden sind lupenreine Comicfiguren mit hohem Unterscheidungs- und Wiedererkennungswert. Besonders Jordan als alberne Variation von „Das Phantom aus dem Dschungel“ kann überzeugen.

Leider kann der Rest des Films mit dem Trio nichts anfangen und verschwendet unsere Zeit mit redundanten Prügeleien, eher mäßig lustigen Sprüchen und einer tausend Mal gesehenen Handlung, die sich nicht wirklich zur Komödie eignet. Das ist alles sehr halbgar und nicht von der Verve der frühen „3 Supermänner“-Filme getragen.

Nach Auszählung der Stimmkarten wird tatsächlich „Das Geheimnis der schwarzen Witwe“ zum Publikumshit des Festivals gewählt. Korrekt.

Und das war es dann auch schon wieder. Ich mache gegen 1 Uhr morgens noch fix den Fahrdienst und mich dann auf den Weg nach Baden-Baden. Gegen 3.30 Uhr falle ich neben der LvA ins heimische Bett, bald belagert von zwei schnurrenden Katzen.

Wie immer: schee war’s. Nächstes Jahr wieder.



Hinterlasse einen Kommentar

Benachrichtige mich zu:
avatar
Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
Thomas Hortian
Thomas Hortian

Also, „Sie hauen alle in die Pfanne“ aka „Supermänner gegen Amazonen“ ist alleine durch die zotige Synchro, in der Rainer Brandt & Co wirklich alles in die Waagschale werfen, dass sie noch an dämlichen Sprüchen auf Halde hatten, ein Lachgarant, der sich gewaschen hat. Dass der ganze Spaß sogar nach Geld aussieht, liegt wohl daran, dass die Shaw Brothers ihre Finger mit im Spiel hatten, die in den 70ern einige europäische Filme koproduzierten, um ihre Stars, in diesem Fall Hua Yueh und Karen Yeh, und deren Filme hier besser vermarkten zu können. Das alles, gepaart mit dem italienischen Humorverständnis des lustigen Abschlachtens, dieses mal das der Amazonen, gibt für mich, gerade in geselliger Runde, ein äußerst ergiebiges Trash-Vergnügen. Aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden…
Ach ja, in der OFDB ist „Sie hauen alle in die Pfanne“ als sechster Teil von neun (in der IMDB sind es sogar elf, inkl. „Bruce Lee gegen die Supermänner“) der losen Reihe der „Supermänner“ aufgeführt.

Martin Däniken
Martin Däniken

Also wenn ich mir die „Glorreichen 7“ in Worten Sieben so angucke,
frage ich würde ich von ihnen einen Gebrauchtwagen kaufen
und wenn ja von wem 😉 ?!
Superstooges mit Brandt-Syncro-gekauft!!
Damit sind höchste Qualitätsstandarts gewahrt…

Der große Dharma
Der große Dharma

Hmmm…also da die legendäre Synchro von „Supermänner gegen Amazonen“ mit keinem Wort erwähnt wird: wurde etwa die Originalversion vorgeführt??? 😉

Der große Dharma
Der große Dharma

Schade, denn gerade die Synchro ist ja quasi das Highlight bei dem Schinken. 😉
https://www.youtube.com/watch?v=h-b9eYzK_No

comicfreak
comicfreak

..der Gorilla war auch einer der Filme, in denen ich ca. 4x eingeschlafen bin, dazwischen 15 Stunden Jerry-Lewis-Wannabe sehen musste (der war erst 17???) und nach ner Stunde aus dem Kino kam..
Dem spontanen und vollzähligen Applaus nach zu urteilen, als Petrillo erschossen wurde, war ich da nicht alleine

wpDiscuz