Es ist schon kurios, dass ich am Basterds-Festival kritisiere, was ich am Fantasy Filmfest vermisse – die Zeiten zwischen den Filmen. Die sind hier nämlich zu üppig. Gerne mal eine dreiviertel Stunde, mangels Abkömmlichkeit des Saals am Vorabend sogar fast drei Stunden. Das ist Leerlauf, der sich nicht immer mit Snacks und Smalltalk rumbringen lässt. Aus dem Grund sitze ich jetzt auch nach dem halben Tag schon wieder im Hotelzimmer und nutze die Gelegenheit, die ersten Reviews zu schreiben, damit ich morgen vormittag ausreichend Zeit für ein Training im nahegelegenen Park habe.

„Mystery in Bermuda“ ist trotz des Titels KEIN apokalyptischer New Age-Streifen aus der Däniken-Ecke, sondern ein mexikanischer Wrestler-Film mit den drei größten Luchadores überhaupt: Santo, Mil Mascaras und Blue Demon. Genauer gesagt ist es sogar der letzte Film des Trios, das nach mehr als 20 Jahren einsehen musste, dass die Zeit für Luchador-Filme vorbei war.

Man merkt „Mystery in Bermuda“ denn auch die letzten rasselnden Atemzüge des Genres an. Das Budget klein, die Story Nonsens, die Helden eindeutig zu alt für so einen Kappes. Auch wenn das Produktionsdatum 1979 ausweist, sieht der Film nach einem Produkt der späten 60er, maximal frühen 70er aus. Der manische Wahnsinn und die wilden Ideen, sie sind einem dünnen Plot um die Intrigen angesichts eines bevorstehenden Abkommens zwischen Mexiko und dem Iran (!) geopfert worden.

Nur ein letztes Mal traut sich der Irrwitz aus seinem Loch, wenn in einem Subplot plötzlich eine utopische Unterwasser-Zivilisation thematisiert wird (preiswert gedreht im Garten einer Apartment-Anlage). Das hat aber leider nix mit nix zu tun und kann daher den Rest der fußlahmen Angelegenheit auch nicht befruchten.

Es empfiehlt sich sicher, für künftige Ausflüge ins Genre auf potentere, ältere Werke zurück zu greifen. Oder was mit Brad Harris zu zeigen.

Und dann kam „Weltkatastrophe 1999?“, den ich ebenfalls in der apokalyptischen New Age-Ecke verorten wollte, ein Nachzieher der in den USA beliebten Katastrophenfilme der 70er, mit Nostradamus als Aufhänger.

Falsch. Ganz falsch.

„Weltkatastrophe 1999?“ ist ein bizarres Biest, eine nihilistische Nabelschau, Disaster Porn und mahnendes Melodram. Deutlich erwachsener und zynischer als der japanische Spektakelfilm seiner Zeit geilt er sich förmlich an Bildern totaler Zerstörung und Verwüstung auf, zeigt alle denkbaren Formen menschlichen Leids durch Naturkatastrophen und Umweltverschmutzung, bis am Ende im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr übrig bleibt.

Die Menschen (oder besser die Figuren) sind dabei nur Dekoration, sie haben keinen Einfluss auf die Handlung (besser die Ereignisse), können nur zuschauen, wie um sie herum das Ende der Welt anbricht. Das nehmen sie denn auch mit einer beunruhigend stoischen Ergebenheit hin. Wo andere Filme verzweifelte Versuche zeigen würden, das Ende noch abzuwenden, begnügt sich „Weltkatastrophe 1999?“ damit, einfach immer eine Schippe nachzulegen.

Kein Film, der gute Laune macht – aber ein interessanter Spiegel der depressiven Grundhaltung der späten 70er, nach der wir dem Ende der Zivilisation sowieso nichts mehr entgegen stellen konnten und die Vernichtung nur Formsache war: darf’s atomar, biologisch oder chemisch sein?

Kurzum: Für diesen Downer braucht man Kontext, den muss man aus dem Zeitgeist heraus rezipieren. Bei Zuschauern unter 20 dürfte heftiges Kopfkratzen einsetzen.

Danach war Premium-Burger im „Auguste“ angesagt – durchaus sehr lecker, vor allem die luftigen Auguste Chips, aber auch arg teuer, wenn nicht gar überteuert.

Eine längere Pause später. HOLY SHIT! Helmut Kohl ist tot. Und der Nürnberger Hauptbahnhof wird gesperrt, überall Rettungswagen und Feuerwehr.

21.15 Uhr: Auftritt Christian Kessler. Es ist wie immer – und das im besten Sinne. Der Filmjournalist erzählt launig von seiner Liebe zum Kino, in diesem Fall zu Filmen, die in seinen Augen ungerecht in Vergessenheit geraten sind: „The Incident“, „Inserts“, „The Girl Hunters“, „Little Murders“. Viele großartige Ausschnitte bringen schnell zwei Stunden rum, danach wird noch ein wenig geplaudert und signiert.

Ich muss mich vor Publikum von ihm schelten lassen, dass ich ihn in der Ankündigung der Veranstaltung „Schundschreiber“ genannt habe. Glücklicherweise nimmt er es mir nicht übel und ihm kann man auch nichts übel nehmen – was kann ich dafür, dass ich ein Fan alberner Alliterationen bin?!

Dass ich euch das Buch dringlich ans Herz lege, dürfte nicht verwundern – hier die Beschreibung des Verlages:

Es gibt Filme, die ein ungnädiges Geschick dazu verdammt hat, gleich nach dem Stapellauf in einen tiefen Dornröschenschlaf zu fallen, und kein Prinz zum Wachküssen weit und breit. Wie kann das sein? Liegt es daran, daß die Macher an ihrer Zielgruppe vorbeikalkulierten? Oder besaßen sie womöglich gar keine Zielgruppe? Die Gründe für die Reise in das cineastische Nirvana sind ebenso vielfältig wie unberechenbar. Mal lag es an der schlechten Verleihwerbung, mal an Stars, die in Ungnade gefallen waren. Manche Regisseure waren auch von einem Weltbild beseelt, an dem nur der Keßler und Teufels Großmutter Gefallen fanden, sonst niemand. Der Lohn für ihre Bemühungen war schnöde Obskurität. Die neuen Medien haben viele dieser Filme wieder zugänglich gemacht, mit Fanfaren und Schmedderetäng, und dabei wurde auch so mancher Schatz geborgen. Und doch lauern im ewigen Dunkel noch viele unbesungene Klassiker, die das Wiederentdecken lohnen. Auf seiner neuesten Expedition nimmt sich Filmarchäologe Christian Keßler einiger dieser filmischen Dornröschen an und läßt sie in neuem Glanze erstrahlen. Was einst zu Unrecht verschmäht wurde und jenseits von Hollywood landete, kommt jetzt auf die Showbühne, um endlich den wohlverdienten Ruhm einzuheimsen. Spot an!

Ich greife zwar ein wenig vor, aber die Präsentation hat mich auf die Idee für ein eigenes Buch mit Filmkritiken gebracht. Ich muss das aber noch konzeptionell durchdenken.

Rausschmeißer des Tages war dann der hier:

Ein unfassbar billiger Krempel, gedreht auf drei Sets ohne Hintergründen (die Darsteller agieren fast ausschließlich vor schwarzem Nichts), angefüllt mit unsäglichem Technobabble auf Kinderniveau, ohne wirkliches Drama, bei dem die mageren „Highlights“ stoisch auf Bildschirmen beobachtet statt erlebt werden. Ein Film, der nie mehr sein sollte als Füllmaterial für billige TV-Syndication-Pakete und der vermutlich selbst auf den obskursten Kanälen nur um 3 Uhr früh oder am Sonntag um 8 Uhr ausgestrahlt wurde (um anspruchslose Knirpse ruhig zu stellen).

Den durchzuhalten war eine schwere Geduldsprobe und gar nicht unterhaltsam – wer das nicht glaubt, den fordere ich heraus, die Experience bei YouTube zu wiederholen:

Und so endete Tag 2 nach zwei erfreulich unerwartet schlechten Filmen und einer erfreulich erwartet schönen Präsentation von Chris Kessler doch noch mit einem Rohrkrepierer. Schade.

Aber wie lautet das Credo jedes gestählten Festivalbesuchers?

„Morgen wird’s besser. Oder schlechter. Beides wär gut.“



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