Es war kein leichter, aber ein erstaunlich störungsfreier Einstieg in das Festival. Ich hatte um 18.30 Uhr nämlich den letzten Termin auf dem Trainingsplatz, musste danach binnen 10 Minuten unter die Dusche, was trinken und Klamotten in eine Reisetasche schmeißen, um rechtzeitig auf der Autobahn Richtung Nürnberg zu sein. Rastatt und Karlsruhe sind ja immer sehr neuralgische Punkte, was das Verkehrs-, Unfall- und Baustellenaufkommen angeht, aber vermutlich wegen des Feiertags hatte ich Glück: freie Fahrt für diesen freien Bürger. Per Bluetooth Hörspiele und Popklassiker ins Soundsystem des Wagens pumpen, am atemberaubenden Sonnenuntergang und Heilbronn vorbei – läuft bei mir.

Ich kam so früh in Nürnberg an, dass ich sogar noch entspannt im Hotel einchecken konnte, bevor ich mich auf den Weg ins Kino machte. Dort angekommen stellte ich fest, dass man das Komm Kino saniert hat – man kann im Saal atmen, die Sitze kleben nicht mehr, es besteht ausreichend Raum für Beine UND eine Tüte Chips. Ist DAS noch Kino?!

Wie es aussah, hatte „Der Tanz des Drachen“ später begonnen, ich bekam also fast den halben Film noch mit und konnte von Reihe zwei aus „rifftraxen“. Damit war ich nicht allein: Angesichts des schönen Wetters und der vielen Konkurrenzveranstaltungen fand sich fast ausschließlich der harte Kern der Basterds ein – und der ist bekanntermaßen nicht auf den Mund gefallen.

Erwartungsgemäß war „Der Tanz des Drachen“ wunderbare Unterhaltung für die ganze Familie mit einer angemessen depperten Synchro. Alles neonbunt, Vanity sehr sexy, dazu Blaxploitation-Legende Ron van Clief als Kampfchoreograph. Hätte ich den Film seinerzeit zwei Jahre früher gesehen, ich bin sicher, das gebellte „kingmäßig!“ wäre in meinen regulären Sprachschatz gewandert.

Trotzdem fällt auf, dass gerade die Kampfszenen des Films nicht besonders gut choreographiert, inszeniert oder geschnitten sind. Drei, vier Jahre später – mitten im großen Martial Arts-Boom -, hätte man das ganz anders umsetzen können. Dann wäre „The Last Dragon“ ein ECHTER Kultfilm geworden.

Obskurer Querverweis voraus: Hauptdarsteller Taimak hätte eigentlich alles gehabt, was zu einer seriösen B-Actionkarriere gehört. Stattdessen habe ich ihn nur noch einmal gesehen: 1986 als Loverboy von Janet Jackson im Video zu „Let’s wait a while“. Das ist auch deswegen kurios, weil in „Der Tanz des Drachen“ die poppige Nummer „Rhythm of the Night“ gespielt wird – Sänger James DeBarge war während der Dreharbeiten kurzzeitig der Ehemann von Janet Jackson gewesen. Mind. Blown.

Nach dem Ende des Films knöpfte ich mir den Doc mal vor und monierte das schräge, aber letztlich doch recht harmlose Programm. Ich stellte coram publico die entscheidende Frage, dabei demonstrativ das Programmheft wedelnd: „Gibt es auf diesem Festival auch nur EINEN Film, für den wir uns hinterher schämen werden?!“

Was uns eigentlich zeitnah zu „Mysterien der Pornographie“ bringt, dem der Meister aber noch ein paar aus dem Netz zusammen geklaute Trailer voranstellte, die unter dem Motto „Vier Pixel für ein Halleluja“ laufen konnten.

Man ahnt, dass „Mysterien der Pornographie“ (es werden dieser Tage ja auch noch die „Mysterien von Bermuda“ aufgeklärt) ein Film der Vor-Internet-Ära sein muss. Dass es zum Thema Pornographie noch Mysterien gibt, glaubt seit Google kein Mensch mehr.

Und so ist es dann auch: Hier behauptet ein Fake-Professor, dem Inhalt von Anzeigen in Sex-Magazinen nachgehen zu müssen (science!), in dem er mit versteckter Schwarzweiß-Kamera Swinger-Partys, Prostituierte, Masseusen und Nackmodels besucht (und pimpert). Das ist in seiner unangenehmen Schmuddeligkeit bei gleichzeitig verklemmtem Spießertum peinlich prüde – die „authentischen Personen“ mühen sich, bei jedem Kuss die Zunge drin und die Hose an zu behalten:

In jeder Klimbim-Folge war mehr Sex und die Menge an zur Schau getragener Körperbehaarung ist teilweise schmerzgrenzig. Inszenatorisch dominiert schrabbeliges 16mm-niveau, mit der Heckenschere geschnitten, gekürzt, von verkratztem Zelluloid lieblos abgerollt. Da wird der Kinosaal zum Hinterzimmer, man kann auf einmal kalten Zigarettenrauch riechen und das Quetschquietschen von Handcreme-Spendern hören.

Bei einer weiteren dreiminütigen Aufnahme einer schwabbelnden Hüfte (oder war es ein Ellbogen?) erinnerte ich das Publikum: „Ihr lacht jetzt – aber wir haben dafür Geld bezahlt“. Und nach dem Ende sinnierte ich: „Man stelle sich vor: jemand hat diesen – nennen wir es mal Film – gesehen und gedacht: prima, den kauf ich, den synchronisiere ich, davon lasse ich Kopien ziehen und in deutsche Bahnhofskinos verschicken.“

Der Deutsche und seine sexuelle Aufklärung in der Vor-Steeger-Ära – fürwahr, ein freudloses Treiben ohne echten Erregungswert.

Und so schlurfte ich gegen halb zwei dann in Richtung Hotel, um in einen dankenswert traumlosen Schlaf zu verfallen.



1 “ B-Film Basterds 2017 Broviews (1) ”

  1. 1
    Martin Däniken

    So was von GrossKopfgesteuert an sowas Kleinköpfiges wie deutsche Ponografie gehen…Ist sicher ein ernstes nur kulturwissenschaftlich in seiner ganzen den erdball-und manchen Eyeballrotieren lassenden Bedeutung erfassbar 😉



Antworten

XHTML: Du kannst diese Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>