In den letzten drei, vier Jahren bin ich von einem großen Befürworter von Superhelden-Verfilmungen zu einem weitgehend schweigenden Kritiker geworden. Und heute will ich über die Gründe schreiben. Anlass ist dieser Teaser Trailer für eine NEUE Marvel X-Serie von Brian Singer:

Das sieht nicht schlecht aus, auch wenn der endgültige Trailer am 15.5. sicher eine bessere Einordnung zulässt. Trotzdem war meine Reaktion:

„fer fucks‘ seek, not anuther ‚un!!!“

Ich brauche eigentlich gar nicht zu argumentieren – es reichen die Zahlen. Hier die 2017 in die Kinos gekommenen/kommenden Superhelden-Blockbuster:

  • Logan
  • Lego: Batman Movie
  • Guardians of the Galaxy 2
  • Thor 3: Ragnarok
  • Justice League
  • Wonder Woman
  • Spider-Man: Homecoming
  • Bloodshot

Dabei zähle ich nicht mal die Quasi-Superhelden-Verfilmungen wie „Power Rangers“ oder „Transformers“.

Kommen wir zu den aktuellen TV-Serien:

  • Supergirl
  • Arrow
  • Legends of Tomorrow
  • The Flash
  • Defenders
  • Inhumans (Pilotfilm kommt AUCH ins Kino)
  • Gifted
  • Preacher
  • Iron Fist
  • Gotham
  • Agents of SHIELD
  • Black Lightning
  • Krypton
  • Powerless
  • Legion
  • Cloak & Dagger
  • Lucifer
  • The Punisher

Die ganzen Trickserien und direct to DVD-Trickfilme lasse ich mal außen vor.

Ich habe sicher welche vergessen. Man erinnere mich in den Kommentaren.

Superhelden-Filme sind von Box Office-Gift in den 80er und 90er Jahren zum Box Office-Gold mutiert (pun intended). Allein das Marvel Universum hat auf der großen Leinwand in zehn Jahren über 11 Milliarden Dollar eingespielt. Je nach Berechnung ist das mehr, als Star Wars in 40 geschafft hat.

Ich beschwere mich nicht über die Quantität als solche – seit wann ist eine breite Auswahl schlecht? Ich muss ja nicht alles gucken. Aus der Masse kann ich mir die ganz persönlichen Rosinen picken und das ist… na ja, super. Auch die Qualität steht außer Frage: nie waren Comic-Adaptionen aufwändiger, besser getrickst und näher an den Vorlagen als heute. Es wird unter anderen Vorzeichen produziert: im Gegensatz zu den 80ern ist es keine Tugend mehr, Franchises für den Mainstream zurecht zu dummen. Stattdessen regiert der Ehrgeiz, Look & Feel der Comics möglichst exakt zu treffen. Und das gelingt erstaunlich oft.

Ich liebe Superhelden-Filme und Serien. Es gibt viele. Sie sind toll. Was zur Hölle ist also mein Problem?

Ganz einfach: mich treibt die Frage um, ob der Boom Hinweis auf ein größeres, kollektives Unwohlseins ist. Ob wir in Welten flüchten, in denen alle Probleme von muskelbepackten Übermenschen gelöst werden können, während die tatsächlichen Probleme der Menschheit ungelöst bleiben. Kino und Fernsehen scheinen sich völlig von der Abbildung irgendeiner erkennbaren Realität gelöst zu haben – und das gilt ja nicht nur für Superhelden-Verfilmungen. Auch „Game of Thrones“, „Walking Dead“ und diverse andere Kultserien sind perfekter Eskapismus. Perfekt. Aber Eskapismus.

In den 60er, 70er und 80er Jahren war das Fernsehen noch bemüht, Spiegel der Gesellschaft zu sein. „Lou Grant“ zeigte die Welt des Tageszeitungs-Journlismus, „Die Waltons“ ein Familienbild aus schwerer Zeit, „Eine amerikanische Familie“ das Selbstverständnis des sich verändernden Suburbia. „Thirtysomething“ thematisierte die wandelnden Lebensentwürfe der 80er, „Hill Street Blues“ den oft frustrierenden Alltag im Revier.

Analog im Kino. „Kramer gegen Kramer“ war der große Aufreger 1979/80, weil das Problem von Scheidungsvätern aufgebracht wurde. „Christiane F.“ dokumentiert den Horror Heroin.

Oft waren das Einblicke in Welten, deren Teil wir nicht waren – von denen wir aber annehmen konnten, dass sie tatsächlich existierten. Irgendwo. Erwachsene Themen, erwachsene Filme.

Das ist vorbei: Filme und Serien kreieren neue, artifizielle Welten, in denen zwar Menschen vorkommen, die aber ansonsten keine wirklichen Schnittpunkte mit der Realität mehr aufweisen. Hier wird für Ideale und Ziele gekämpft, die so universell wie generisch sind, teilweise leer und verlogen klingen: Freiheit, Gerechtigkeit, Zusammenhalt. So wenig konkret, dass jeder das Thema füllen kann, wie es ihm passt.

Natürlich gab es immer die Zweiteilung Drama/Blockbuster. Zur Zeit von „Christiane F.“ und „Kramer gegen Kramer“ kamen auch „Flash Gordon“ und „Poltergeist“ ins Kino. Aber ich habe das Gefühl, dass die Balance weg ist, dass der Markt kippt. ALLES ist heute Blockbuster, ALLES ist kindliches Bombastkino, selbst im Fernsehen.

Dabei befruchten sich die Medien gegenseitig auf eine Weise, über die ich auch nicht glücklich bin: Das Fernsehen übernimmt vom Kino den Hang zum Spektakel, die Spezialeffekte und das „larger than life“-Prinzip. Das Kino schaut sich dafür vom Fernsehen die Serienkultur ab, etabliert Reihen und Figuren, an die wir uns gewöhnen und die wir immer wieder sehen wollen. Damit mauert sich das Kino ein, reduziert sich auf Gewohntes und vermeintlich Bewährtes. Tatsächliche Konfrontation mit neuen Ideen, neuen Konflikten, neuen Konzepten wird weder gesucht noch gewollt.

Und der Zuschauer? Passt sich an, wird zum begeisterten Teil des Systems.

Dazu passt die „binge watching“-Kultur. Statt Serien in den eigenen Lebensablauf einzupassen und brav einmal die Woche auf eine neue Folge zu warten, ordnen wir uns den Veröffentlichungen unter, verplanen Nächte und Wochenenden für die volle Dröhnung, die schnell die Gier auf Nachschub befeuert. Geil, ich kann so viel gucken, wie ich will! Geil? Wirklich? Hast du denn noch Eier im Kühlschrank und den letzten Strafzettel bezahlt? Wann hast du zuletzt mit deiner Mama telefoniert?

Ich will mich gar nicht als Schwarzseher outen, der in der neuen Superhelden-Kultur den vielbeschworenen Untergang des Abendlands aufziehen sieht. Aber angesichts von Brexit und Trump, von Erdogan und Kim Jong-un verstehe ich die Flucht in Märchenwelten – und kann sie doch nicht gut heißen.

Dabei sehe ich auch die präsentierten Welten ambivalent. Klar ist der starke Krieger, der Konflikte durch seinen mythisch überhöhten Anspruch an die Gerechtigkeit löst, ein klassisches Motiv aus Kindertagen, Aber es ist auch eine verkindlichte Weltsicht, in der Macht gegen Macht steht, in der jedes Mittel Recht ist und die Helden keine Legitimierung jenseits des „I am the chosen one“ brauchen oder suchen. Ist die rechtschaffene Wut eines Superman die Flucht vor dem Trump-Amerika – oder ist es die perfekte Repräsentierung dieses Zeitgeistes? Sehen sich Machthaber wie Trump und Erdogan nicht selbst als Superhelden, die mit ihrem schieren „will to power“ regieren und nach irdischen Maßstäben wie der Verfassung nicht beurteilt werden wollen?

Man wirft Comics gerne eine faschistoide Grundhaltung vor, und die Comics thematisieren das aktuell anhand von Captain America und Nightwing sehr explizit. Aber ist das wirklich eine Kritik am Zeitgeist – oder eine letztlich schädliche Anpassung an selbigen? Der Superman, mit dem ich aufgewachsen bin, hat seine Gegner nicht per Hitzeblick massakriert. Das war der hier:

Natürlich ist die Infantilisierung der Gesellschaft dabei ein wichtiger Faktor. Das Blockbuster-Kino scheint nur noch für 14jährige Jungs entwickelt zu werden und entwickelt dabei eine Sogwirkung, die alle anderen Zielgruppe mitreißt. Es MACHT aus anderen Zielgruppen geschmacklich und intellektuell 14jährige Jungs. Ich habe kein Problem damit, wenn man als 14jähriger Junge begeistert „Deadpool“-Comics liest und ein 14jähriges Mädchen die „Hunger Games“-Romane. Aber irgendwann wird man erwachsen, irgendwann muss man nach komplexeren Lösungen fragen, nach Antworten auf Fragen, die einen tatsächlich betreffen. DAS scheint „out“.

Wir leben in einer Welt, in der Pubertät keine Phase mehr ist, sondern ein Lebensentwurf. Das sehe ich bei Facebook täglich, wo erschreckend viele Menschen nach dem Motto leben: „Wenn ich bis 50 nicht erwachsen bin, muss ich auch nicht mehr“. Nein, MÜSSEN muss man nicht. Aber die Welt braucht Erwachsene, die sich vor Problemen nicht im Kinderzimmer verstecken, sondern sie angehen. Und vielleicht, nur vielleicht ist die Unterhaltungs-Megakultur nicht zufällig sehr gut darin, das zu verhindern…

Ich weiß, das ist alles sehr wirr. Ich schmeiße viele Aspekte durcheinander, denke Sachen nur an statt zu Ende. Aber das hatte sich so angestaut. Ich wollte das mal loswerden.

In short: Gut gemachte Superhelden-Verfilmungen sind eine tolle Sache. So wie Sahnetorten eine tolle Sache sind. Aber nur Sahnetorten ist scheiße und ungesund. Und den nächsten Satz denkt ihr euch selber.

Eure Meinung dazu?



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