Bei den meisten Menschen fallen die Entscheidungen, was man am Liebsten mag, in der Kindheit: Lieblingsfarbe, Lieblingsbaum, Lieblingstier. Auch grundlegende Fragen werden beantwortet und damit der Charakter festgelegt. Für immer, dachte ich.

Tatsächlich fällt mir immer häufiger auf, dass sich mein Geschmack auch in elementaren Dingen durchaus geändert hat. So war ich als Kind und Jugendlicher ein Freund der Nacht. Ich konnte es kaum abwarten, bis es wieder früher dunkel wird und ich dann durch die Gegend stromern kann. Die Nacht war „meine“ Zeit. I am Batman.

Mittlerweile bevorzuge ich lange Sommerabende und bringe keine wirkliche Begeisterung für Herbst und Winter auf, wenn man bei Dunkelheit aus dem Bett krabbelt und bei Dunkelheit von der Arbeit kommt. Es macht den Tag kurz und uneffizient.

Noch mehr überrascht hat mich die Tatsache, dass sich meine Lieblingsfarbe geändert hat. Als Kind habe ich die Frage danach im Brustton der Überzeugung mit „blau!“ beantworten können. Bei meinem Bruder war es grün. Aber als die LvA mich kürzlich nach meiner Lieblingsfarbe fragte, kam ich ins Grübeln.

Es ist nicht mehr blau. Aber was dann?

Ich ging im Kopf verschiedene Farbtöne durch, versuchte einen zu finden, der mich emotional berührt, der etwas auslöst. Ich fand nichts. Etwas frustriert ging ich zum Kleiderschrank – vielleicht war meine Klamottenwahl ein Indikator für eine unbewußte Lieblingsfarbe?

Tatsächlich zeigte sich ein Trend. Ich habe zwar blaue Hemden und rosafarbene, ein braungrünes Sakko und gelbe Laufschuhe – aber die eindeutig dominante Farbe war genau genommen gar keine.

Ich trage grau. Und kurioserweise wurde mir dann klar – das mag ich auch.

Schwarz ist mir ebenso wie weiß zu simpel, zumal sich verschiedene Schwarztöne ebenso schwer kombinieren lassen wie verschiedene Weißtöne. Da machen schon verschiedene Stoffe den Eindruck kaputt. Grau hingegen ergänzt sich perfekt mit grau. Ein Anzug in anthrazit, dazu ein hellgraues Hemd und eine schwarze Krawatte? Passt.

Grau lässt auch einzelne Farbtupfer perfekt hervorstechen. Wenn man komplett Grau in Grau gekleidet ist, wirkt die einzelne blaue Krawatte oder das blaue Hemd umso besser. Grau ist ein Verstärker.

Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr verfestigte sich das Gefühl: Grau ist meine „Farbe“. Ich würde auch ein Auto in grau oder silber fahren, meine Wohnung in Grautönen einrichten. Ich fand ja auch Logan“ in schwarzweiß besser:

Nun ist mir auch klar, warum ich vor einigen Jahren ernsthaft darüber nachgedacht habe, mein Blog komplett in Grautönen zu gestalten.

Nachdem mir also meine Lieblingsfarbe wieder bewußt ist, macht es mich nachdenklich: Grau, ehrlich? Wer hat denn Grau als Lieblingsfarbe? Ist das nicht ein Indikator für eine schwere Depression? Sind die bösen Mächte der Anti-Kreativität und der Unterdrückung in Filmen und Romanen nicht immer „die Grauen“? Was ist mir der Lebensfreude der „echten“ Farben? Warum nicht blau wie der Himmel, gelb wie die Sonne, grün wie der Rasen, sondern grau wie Stein?

Ich weiß es nicht. Ist halt so.

Geht es euch ähnlich? Hat sich euer Geschmack in Sachen „Lieblings-XY“ mit den Jahren verändert? Ist der Geschmack als Reflexion des Charakters ebenso wie der Mensch selbst einem Wandel unterworfen? Oder wird der Dewi einfach alt?

P.S.: Gerade gekauft – in grau.



avatar
8 Comment threads
0 Thread replies
0 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
8 Comment authors
mmNuneDanielStefantokra Recent comment authors
  Subscribe  
neuste älteste
Benachrichtige mich zu:
Gerry
Gerry

Du hast es (wie so oft) auf den Punkt gebracht: Grau ist ein Verstärker. Ich habe auch am liebsten ein graues Fundament, um dann (nicht immer) Farbakzente zu setzen.

Und ist es nicht ein schöner Zufall, dass wortwörtlich Fundamente aus Beton grau sind? Grau gibt also Halt und Standfestigkeit. Nicht, dass ich Farben ansonsten irgenwelche größeren psychologischen Effekte zuschreiben würde….

Kai
Kai

Immer noch besser als (altersbedingt) Beige! 😛

Ich bleibe bei dem Motto: “ Die Fabb is‘ egal, abba Schwarz musses sein!“

Na gut, eher Anthrazit, die Gruftitage sind vorbei… Komplett schwarze Hosen mag ich nicht mehr so, da mein Hund so haart. Das sieht man jedes einzelne Haar auf der Hose. Anthrazit oder Dunkelgrau ist da viel besser. Grau lässt sich auch sehr gut mit anderen Farben ergänzen, zB dunkelblaues Polo zu schwarzgrauer Hose. Ach, Grau passt eigentlich zu allem.

Uli
Uli

Ich hatte lange Zeit zig T-Shirts in schwarz, bis mir irgendwann aufgegangen ist, dass das im Sommer eigentlich selten dämlich (weil warm) ist. Jetzt habe ich deutlich mehr an hellen Farben.

tokra
tokra
Stefan
Stefan

Die Toten Hosen – Die Farbe Grau

https://www.youtube.com/watch?v=pb9QFXD9h-E

Daniel
Daniel

Die letzten 4 Fragen können sicher jeweils mit „Ja“ beantwortet werden. Ist ja auch physiologisch, Zeiten ändern Dich. Geschmackswechsel sind sogar sehr zu begrüßen, denn sie deuten auf mentale Flexibilität hin. Erst, wenn man sich für nichts Neues mehr begeistert und am Gewohnten haften bleibt, darf man sich Gedanken machen. Auch Geschmack beim Essen ändert sich beim Menschen ungefähr alle 15 Jahre. Nicht komplett, aber punktuell. Fand ich früher Tomaten ekelhaft und konnte nicht genug Grünkohl bekommen, ist das heute umgekehrt. Meine Lieblingsfarbe als Kind war Grün, da mache ich mir heute wenig draus. Grau und Schwarz sind heute meins. Ob das so bleibt – mal sehen. Wenn man sich für Dinge begeistert, mit denen man früher nichts anfangen konnte, ist jedenfalls alles in bester Ordnung.

Nune
Nune

Puh… ich dachte schon, du meintest den Film. Grau geht meines Erachtens immer. Es ist meist unaufdringlich. Ich arbeite bei der Deutschen Bahn und die hat auch ein paar schöne Grautöne in ihrem Corporate Design.