Originaltext November 2014:

Vom identitätsstiftenden Familienmagazin zum rotblauen Klon-Listing samt austauschbarer Blondine auf dem Cover: Mit der Vermehrung der TV-Sender ist eine Vermehrung der TV-Zeitschriften einher gegangen, die einen ruinösen Wettbewerb ausschließlich über den Preis betreibt. Dabei würde der Markt im Zeitalter des individualisierbaren Programmangebots ganz andere Ansätze brauchen.

Über die 80er Jahre hinaus definierten Schüler ihren TV-Konsum über die daheim verfügbare Fernsehzeitschrift: Es gab Hörzu- und Gong-Kids, Familien mit TV Hören & Sehen oder der sympathisch altmodisch betitelten Funkuhr. In anspruchsvoller interessierten Haushalten musste die kostenlose Beilage zur Wochenzeitung reichen, Vorreiter mit Videorekorder und Privatfernsehen griffen gerne zur hochmodernen TV Spielfilm. Ein gesunder Markt mit gesundem Wettbewerb.

Der Boom von Privatfernsehen und Pay-TV führte in den 90ern zu einer Homogenisierung der Listings, weil immer mehr Programme übersichtlich präsentiert werden mussten. Wo nur noch Platz für Startzeit, Sendungstitel und Laufzeit ist, fällt natürlich der individuelle Stil weg, zumal die Zeitschriften immer mehr dazu übergingen, die Listings nicht mehr von hauseigenen Redakteuren erstellen zu lassen, sondern von externen Dienstleistern. Der Versuch, einen Überblick über das Programm von fast 80 Sendern zu geben, scheitert zwangsläufig, die Listings erinnern an Excel-Tabellen, die Informationen an einen Code-Wust aus Zahlen und Abkürzungen.

Vom Mischwald zur Monokultur

Wer 2014 einen gut sortierten Kiosk aufsucht, hat die Wahl zwischen Dutzenden gleichartiger Titel, die nur noch über den Preis um Kunden kämpfen. Versuche, Nischentitel wie „TV 4 Men“ oder „TV Total“ zu etablieren, scheiterten. Aus dem Mischwald ist eine Monokultur geworden. Das sieht auch Philipp Welte, Vorstandsmitglied von Hubert Burda Media, in einem Interview mit dem Handelsblatt so: „Mit Schrottprodukten für 49 Cent frustrieren wir den Konsumenten und verstopfen die Angebotsflächen in den Märkten.“

Dabei ist der Bedarf nach kompetenter Programminformation durchaus groß. Mittlerweile können deutsche TV-Haushalte im Durchschnitt 79 Sender empfangen und auch der Konsum ist – allen Unkenrufen zum Trotz – nicht gesunken: Mit 221 Minuten pro Zuschauer und Tag hat er eine neue Höchstmarke erreicht.

Frustriert verzichten viele Zuschauer gleich auf die Zeitschrift und lassen sich von den Elektronischen Programmführern (EPGs) ihrer TV-Geräte mehr schlecht als recht durch das aktuelle Programm lotsen.

Neue Anbieter jenseits der Sender

In den letzten Jahren ist ein weiteres Problem hinzu gekommen: Immer mehr, was als TV konsumiert wird, kommt nicht über klassische Sender. Man sich Serien und Spielfilme ebenso von Amazon Prime streamen wie von Netflix oder Watchever. Die Mediatheken der Sender lösen das traditionelle Programmschema weiter auf, erlauben „Fernsehen à la carte“. Bei einem nicht durch Sendezeiten vorsortierten Sortiment versagen die Programmzeitschriften zwangsläufig.

Ein spannender Lösungsansatz sind neue Meta-Suchmaschinen wie wheretowatch und die deutschsprachige Version werstreamt.es. Hier gibt der Zuschauer ein, was er sehen will, und bekommt eine verständliche Auflistung der Angebote, über die er darauf Zugriff bekommt – inklusive möglicher Kosten. Einfacher geht’s nicht.

Die Crux dabei ist natürlich: Man kann nur finden, was man sucht. Das Fernsehen als breites Angebot, auf das man sich einlässt, um mit der Zeit seine Lieblinge zu finden, wird obsolet. Ein völlig individualisiertes Programm zementiert die Sehgewohnheiten. Das Ende des unterhaltsamen Zappings ist die Folge.

Fernsehzeitschriften – umdenken oder untergehen?

In genau diese Nische könnte eine neue Generation von TV-Zeitschriften für Zuschauer stoßen, die nicht permanent den Computer konsultieren wollen, um ihre Lieblingssendungen zu finden, aber auch die verwirrenden Datenwüsten aktueller Programmlistings ablehnen. Für sie würden sich Printprodukte anbieten, die nach Trüffelsucher-Prinzip Highlights heraus picken, neue Angebote der Streaming-Portale präsentieren, Pay-TV im Auge behalten, sich aber ansonsten auf die Sender konzentrieren, die immer noch den Großteil des Konsums abdecken: ARD, ZDF, die großen Privaten, Dritte Programme. Es wäre wieder Platz für ausführliche Berichte, kritische Kommentare, recherchierten Hintergrund.

Und weil die Interessen der Zuschauer verschieden sind, könnten diese Gourmet-Programmführer sich eigene Zielgruppen suchen, von Spielfilmen über Serien bis Dokumentationen oder Shows. Jedem seine Nische.

Das dürfte sogar Herrn Welte gefallen.

NACHTRAG 2017: Das Streaming-Angebot Watchever gibt es nicht mehr, der Markt der TV-Zeitschriften siecht weiter ohne erkennbare Innovationen vor sich hin. Diverse Sonderhefte und Einzelaufgaben der großen Verlage haben versucht, den modernen Serienfan von „Walking Dead“ bis „Sherlock“ zu ködern, aber es wurde gar nicht erst versucht, mit einem Listing eine Alternative zu den etablierten Programmies zu schaffen. Vielleicht macht „SPIEGEL Fernsehen“ es ja besser.



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Rudi RatlosSigur Rosinvincible warriorNummer NeunHeino Recent comment authors
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Heino
Heino

Der Markt bietet in der Tat ein trauriges Bild. Das fängt schon damit an, dass die immer gleichen Gesichter auf den Titelblättern (natürlich alle extrem durch Photoshop bearbeitet) die Unterscheidung schwer machen und damit den immer gleichen Inhalt all dieser Blätter vorweg nehmen. Trotzdem bevorzuge ich die TV-Zeitung immer noch, die Internet-Angebote sind meist zu unübersichtlich und von der Bedienbarkeit her sehr unpraktisch. Allerdings sollte man die Finger von den 4 Wochen-Zeitschriften lassen, da diese zu viele Fehler im Programm aufweisen.

Nummer Neun

Ich bin ja nach wie vor ein Fan der TV Zeitschriften. Habe durch sie schon so einiges entdeckt. Das kann das lustlose EPG nicht ersetzen und Suchmaschinen führen nur zu more of the same. In diesem Sinne finde ich auch die Netflix-Oberfläche sehr schlecht, die sich ja auch an der Seh-Historie orientiert – ich aber nie das Gefühl habe, Zugriff auf den gesamten Stock zu haben.

invincible warrior
invincible warrior

Ich bevorzuge ja den TV Movie Clickfinder, der sich stark an das Design der Zeitung orientiert, wird aber leider auch nicht weiterentwickelt und siecht vor sich hin. Allerdings kann man mit SQL Kenntnissen sehr gute Filter fuer den eigenen TV Geschmack machen und so programmiere ich mir damit mein TV Programm fuer den Online-TV Rekorder. Die Kombination funktioniert ganz gut, jedoch merkt man an jeder Ecke das Alter der Software. Vor allem die dahinter steckende Access Datenbank schraenkt besonders das Vorhalten von Altdaten ein.
Es gibt ja noch als Alternative der TV Browser, aber der hat noch mehr den Charme einer Freeware.

Sigur Ros
Sigur Ros

Ja, schon erstaunlich, dass trotz des starken Wandels in der TV-Landschaft in den letzten 10 Jahren (Digitalfernsehen, Online-Streaming) die TV-Magazin-Branche immer noch so konservativ und innovationsarm agiert und sich seit den 90ern in Aufmachung und Inhalt nicht groß weiterentwickelt hat. Noch immer dasselbe Layout, noch immer dieselben Titelbilder, die zu 99% aus bis zur Unkenntlichkeit photoshopierten lächelnden Sternchen bestehen… echt schlimm, aber da der Markt nach wie vor voll davon ist, scheint es sich ja zu rechnen. Mein Favorit ist immer noch die TV Spielfilm, die bietet die besten Kritiken, dazu noch Filmstart-Kritiken, Hintergrund-Infos zum aktuellen Geschehen in Fernseh- und Filmbranche und natürlich die Kalkofe-Kolumne.

Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
Rudi Ratlos
Rudi Ratlos

Und das war es auch schon wieder mit „Spiegel Fernsehen“: https://www.dwdl.de/nachrichten/62164/spiegel_fernsehen_besteht_den_markttest_nicht/